Spielerisches Lernen

Veröffentlicht am 7.5.2019

Auf der #relearn (dem Bereich der re:publica, in dem es ums Lehren und Lernen geht) gibt es das Angebot eines Open Space: Teilnehmende an der re:publica konnten dort im Vorfeld bzw. vor Ort ihr Angebot eintragen. Alle, die an dem eingetragenen Thema Interesse haben, kommen dazu. Nach meiner Beobachtung funktioniert das bislang wunderbar. Genutzt wird der Bereich unter anderem für thematische Treffen (z.B. zu Medienpädagogik, zum Twitterlehrerzimmer …), aber auch für selbstorganisierte Workshops. Die Runden sind natürlich gerade im Vergleich zu den Promi-Bühnen der re:publica sehr klein. Gerade deshalb aber ermöglichen sie einen intensiven Austausch und voneinander/ miteinander lernen.

Mal eben schnell ein Spiel für die Bildung entwickeln …

Ich habe im Open Space heute den von Guido angebotetenen Slot ‘Mal eben schnell ein Spiel für die Bildung entwickeln’ besucht. Und weil ich dort in nicht mal einer Stunde ziemlich viel für mich Neues gelernt habe, möchte ich es hier verbloggen: Zum einen als Merkzettel für mich; zum anderen zum Weiternutzen für andere, die vielleicht auch nach einer ersten Orientierung im Bereich des spielerischen Lernen suchen.

Hilfreich fand ich zunächst die Einordnung, was spielerisches Lernen sein sollte - und was nicht. Zu oft besteht gerade bei den aktuell sehr populären ‘Gamification’-Ansätzen, die Tendenz, einen bestimmten Stoff/ ein Thema in ein Spiel ‘zu verpacken’, um ihn leichter ‘vermittelbar’ zu machen. Pädagogisch sinnvoll ist spielerisches Lernen aber vor allem dann, wenn es tatsächlich ums Lernen durch Spielen geht.

In vier Schritten zur Spielidee …

Ziel des Hands-on-Workshops war es, eine einfache Möglichkeit auszuprobieren, wie man für Bildungszwecke eigene Spiele entwickeln kann. Nötig für die erste Spiel-Idee sind vier Schritte. Man führt sie am besten nicht allein durch, sondern in einer kleineren Gruppe - z.B. in dem sich alle reihum beteiligen.

  1. Thema wählen: Zu welchem Thema möchte ich ein Spiel erfinden?
  2. Existierendes Spiel suchen: Welches bestehende Spiel (Brettspiel, Kindergeburtstags-Spiel, Online-Spiel …) ‘passt’ zu dem man mir gewählten Thema bzw. bietet sich für einen Remix an?
  3. Spiel-Prinzip analysieren: Welches ist das zentrale Spielprinzip, auf dem das existierende Spiel aufbaut?
  4. Regeln brechen/ modifizieren: Wie kann ich das Spielprinzip ändern/ adaptieren, um es für mein Thema passend zu machen?

Diese vier Schritte funktionieren aus mehreren Gründen:

Mein Beispiel: OER und die Kultur des Teilens

Ich habe als Thema freie Bildungsmaterialien (OER) gewählt. Da es mir vor allem darum ging im Rahmen des Spiels eine ‘Kultur des Teilens’ bewusst zu machen, suchten wir im zweiten Schritt nach kooperativen Spielen, bei denen die Spieler/innen gemeinsam vor einer Herausforderung stehen bzw. die Mitspieler/innen brauchen, um im Spiel erfolgreich zu sein. Passend schien uns hierfür das Gruppenspiel ‘Wer bin ich?’. (Jeder Mispieler bekommt einen Zettel einer berühmten Persönlichkeit auf die Stirn geklebt und muss durch Nachfragen, die die anderen nur mit Ja oder Nein beantworten dürfen, herausfinden, wer er ist.)

Abgewandelt auf OER (= Schritt 4: Regelbruch / Regel-Modifikation) könnte das Spiel zu ‘Was kann ich?’ werden. Hier würden Mitspieler eine ‘OER-Kompetenz’ erraten müssen, die ihnen auf der Stirn klebt. In Gruppen, die sich gegenseitig kennen, könnte dieses Spiel zugleich ein Bewusstmachen/ Aufzeigen der Fähigkeiten der jeweils mitspielenden Personen und damit eine Form von wertschätzenden Feedback sein. Dann wären die Zettel nicht vom Spielleiter vorgegeben, sondern würden in der Gruppe entwickelt.

Weitere Beispiele aus unserer Runde

In der Runde heute haben wir neben ‘meinem Spiel’ noch eine Spielidee zur Thematisierung von Künstliche Intelligenz entwickelt. Basis-Spiel war hier das Kartenspiel UNO. Der Regel-Bruch könnte sein, dass man mit dem Legen einer Karte eine neue ‘Regel’ für diese Karte definieren kann. Wenn sich alle an den dann immer komplexer werdenden ‘Algorithmuss’ halten, wird das vermutlich zum Spiel-Kollaps führen. Man erlebt anschaulich, dass eine alleinige Auslagerung von gesellschaftlichen Aktivitäten an Algorithmen keine gute Idee ist.

Eine weitere Spielidee griff den Klimaschutz als Thema auf. Hier ging man von ‘Mord im Dunkeln’ (auch bekannt als: Tod in Venedig oder Werwolf) als Basis-Spiel aus. Der Remix kann durch Festlegung anderer Rollen erfolgen oder auch durch die Einführung eines Jokers, der weiß, wer, welche Rolle hat.

Außerdem gab es eine Spielidee zur Entwicklungszusammenarbeit. Basis-Spiel war hier Monopoly. Ziel des Regelbruchs sollte es sein, das Monopoly-Prinzip des ‘Wer hat, dem wird gegeben’ auszuhandeln. Denkbar wären hierzu zum einen veränderte Ereigniskarten. Zum anderen könnte Monopoly auch mit den jetzigen Regeln, aber einem veränderten Spielziel gespielt werden: eine möglichst gerechte Verteilung zu erreichen und niemanden bankrott gehen zu lassen.

Wie es weiter gehen könnte …

Mit der Entwicklung der oben skizzierten ersten Spiel-Idee ist das Spiel natürlich noch nicht einsatzbereit. Der nächste Schritt wäre dann die genauer Festlegung der gewünschten neuen Regeln und dann vor allem das Spielen und Ausprobieren.

Hilfreich können dazu Blanko-Spielmaterialien sein, die einen häufig auf noch weitere Ideen bringen. Entwickelte Spiel-Ideen lassen sich grundsätzlich sowohl als analoge als auch als digitale Variante weiter gestalten.

Umsetzung in Bildungsprozessen

Aus meiner Sicht können diese vier Schritte zur Spiele-Erfindung im Bildungsbereich sehr gut genutzt werden, um Spiele für unterschiedliche Themen zu entwickeln. Denkbar wäre es z.B. an der Schule, sich mit Kolleginnen und Kollegen zusammen zu setzen, die das gleiche Fach unterrichten - und gemeinsam ein Spiel als Unterrichtsmaterial zu überlegen.

Alternativ/ zusätzlich könnte man auch mit Lernenden selbst Spiele erfinden und dann auch gemeinsam spielen - z.B. zum Abschluss einer thematischen Lerneinheit.

Viel Spaß beim Ausprobieren!

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