Tools und Ideen zum kollaborativen Schreiben

Veröffentlicht am 5.10.2019

Schon lange gehören Etherpads (oder ähnliche kollaborative Online-Schreibumgebungen) für mich zum meist genutzten Tool für Lernprozesse. Sie sind unwahrscheinlich vielfältig einsetzbar, lassen mit Kollaboration genau die Kompetenz entwickeln, die für zeitgemäße Bildung zentral ist und sind technisch absolut unkompliziert und mit einem Klick eingerichtet. In diesem Blogbeitrag stelle ich mehrere Methoden vor, die auf kollaborativem Schreiben mit digitaler Unterstützung beruhen. Sie sind gedacht zum Einsatz in unterschiedlichen Bildungskontexten und können je nach Bedarf abgewandelt werden.

Was ist kollaboratives Schreiben?

Mit kollaborativem Schreiben ist gemeint, dass mehrere Personen gemeinsam an einem Text schreiben. Das besondere daran ist die Synchronität: alle Beteiligten sehen direkt, welche Änderungen an dem Text vorgenommen werden und können selbst Änderungen vornehmen. Technisch funktioniert das, indem eine Online-Schreibumgebung über eine bestimmte URL (= die Adresse einer Website) erreichbar ist. Jede Person, die über die URL verfügt, kann die Schreibumgebung öffnen und mitschreiben.

Welche Tools sind empfehlenswert?

Die wahrscheinlich am häufigsten verwendete Open Source Software zum kollaborativen Schreiben ist Etherpad bzw. Etherpad Lite. Aufgrund des Namens der Software werden auch die eingerichteten Online-Schreibumgebungen oft als Etherpad (oder einfach als ‘Pad’) bezeichnet. Man kann sich die Software selbst installieren oder auch auf viele bereits installierte Angebote von anderen zurückgreifen. Zum Beispiel das Zumpad, Yourpart oder UnserPad.

Um ein Etherpad einzurichten, kann ich entweder einen Wunschnamen eingeben - oder einen Zufallsnamen generieren lassen (das ist sicherer, wenn ich nicht möchte, dass Menschen, mit denen ich mein Pad eigentlich gar nicht teilen möchte, zufällig den gleichen Namen eingeben und dann auf mein Pad stoßen). Schon öffnet sich mein Pad - und ich kann die URL mit allen teilen, mit denen ich kollaborativ schreiben möchte.

Die Basis-Version eines Etherpads verfügt über eine Schreibumgebung mit sehr einfacher Formatierungsunterstützung (Überschriften, Aufzählungszeichen), einen integrierten Chat und eine Farbmarkierung für Autor/innen (Wenn ich im Etherpad mitschreibe, kann ich meinen Namen in die Liste der Autor/innen eintragen und mir eine Farbe aussuchen - alles, was ich schreibe, wird dann mit meiner ausgewählten Farbe hinterlegt).

In den meisten Fällen reicht diese Basis-Version eines Etherpads zum kollaborativen Schreiben gut aus. Wer mehr Möglichkeiten sucht, dem empfehle ich die folgenden Anbieter und alternativen Softwarelösungen:

Auch bei diesen drei Alternativen zum Basis-Etherpad funktioniert die Einrichtung wie beschrieben: neues Pad einrichten, URL kopieren und teilen. Schon kann mit kollaborativem Schreiben begonnen werden.

Kollaborativ Schreiben lässt sich darüber hinaus mit GoogleDocs oder - in der selbst installierten Variante - mit Collabora Online z.B. im Rahmen einer Nextcloud.

Welche methodischen Ideen gibt es?

Kollaboratives Schreiben kann zur Auseinandersetzung und zum Lernen unterschiedlicher Inhalte genutzt werden. Hilfreich ist es gerade zu Beginn, etwas Struktur und Anleitung zu bieten, um das oft zunächst etwas ungewohnte kollaborative Schreiben zu erlernen. Insbesondere können Lernende dann Schritt für Schritt von einem eher separaten Zusammentragen und anschließendem Zusammensetzen von Texten zu einem gemeinsamen Schreibprozess gelangen. Ich habe gute Erfahrungen mit den folgenden Methoden gemacht:

Zeitleisten und Glossare

Gerade für Neu-Einsteiger/innen ins kollaborative Schreiben ist die gemeinsame Erstellung von Zeitleisten und Glossaren eine gute Möglichkeit, um zu erlernen, mit mehreren gemeinsam in einem Pad zu schreiben. Denn es ist relativ klar, welche Inhalte wohin geschrieben werden. Entweder indem man eine zeitliche Strukturierung vornimmt und dann z.B. wesentliche Ereignisse einer Epoche zusmmenträgt oder indem man Begriffe alphabetisch einträgt und beschreibt.

Mögliche Aufgaben in diesem Sinne wäre eine alphabetisch sortierte Auflistung aller Charaktere in einem Roman mit einer kurzen Beschreibung oder eine Zusammenstellung der wesentlichen Ereignisse im Vorfeld des Mauerfalls.

Gruppenpuzzle

Die Idee des Gruppenpuzzles ist, dass Lernende unterschiedliche Informationen erhalten und sich mit diesen auseinandersetzen. Anschließend beantworten alle gemeinsam Fragen in einem eingerichteten Pad dazu. Hier wird jede Person etwas anderes beitragen können - je nachdem mit welchen Informationen sie sich vorab auseinander gesetzt hat.

In der einfachsten Version eines Gruppenpuzzles beziehen sich die Fragen jeweils auf andere Informationen. Die Herausforderung für Lernende liegt dann überwiegend darin zu erkennen, bei welcher Frage ihre erhaltenen Informationen bei der Beantwortung helfen können. Spannender wird es, wenn im Rahmen einer Antwort mehrere Informationen zusammengefügt werden müssen, damit eine umfassende und gute Antwort entsteht.

Ein praktisches Beispiel wäre die Verteilung von mehreren Artikeln zum Thema ‘Wählen schon ab 16’ an Lernende, in denen jeweils unterschiedliche Argumente Pro und Contra aus unterschiedlichen Sichtweisen aufgeführt werden. Die Fragen im Pad würden dann lauten: Welche Argumente für das Wählen schon ab 16 Jahren habt ihr kennen gelernt? Welche Argumente dagegen?

Peer-to-Peer Klassenarbeit

Diese Methode basiert auf Gruppenarbeit, die mit der Einrichtung von Pads auch digital unterstützt wird. Im ersten Schritt überlegt sich jede Kleingruppe (ca. 5 Personen) Fragen zu einem bestimmten Thema und schreibt sie in ein Pad. Anschließend wird der Link zum Pad mit einer anderen Gruppe geteilt. Jede Person beantwortet in Einzelarbeit - aber virtuell kollaborativ - die Fragen im erstellten Pad einer anderen Gruppe. Abschließend kommen die ursprünglichen Gruppen zusammen, schauen sich die erhaltenen Antworten zu ihren Fragen an und formulieren ein Feedback.

Fragen-Kiosk

Das Fragen-Kiosk lässt sich gut als Flipped-Methode oder zum Einstieg und Abschluss einer Unterrichtseinheit anwenden. Lernende werden hier zunächst dazu eingeladen, offene Fragen, die sich ihnen zu einem bestimmten Thema/ einem bestimmten Vorhaben stellen, in einem Pad zu notieren. Nach einer gemeinsamen Behandlung des Themas wird im Rahmen eines kollaborativen Schreibprozesses versucht, auf alle Fragen eine Antwort zu finden. Alternativ können die beiden Schritte auch zusammengezogen zum Abschluss einer Einheit verwendet werden: Dann wird zunächst gesammelt, was noch unklar ist - und anschließend helfen alle bei der Beantwortung. Das, was offen bleibt, wird gemeinsam besprochen und erneut erklärt.

Kollaborativer Mitschrieb

Der kollaborative Mitschrieb ist die wahrscheinlichst einfachste und wirkungsvollste Form einer Pad-Nutzung. Anstatt dass bei einem Workshop, einem Vortrag oder in einer Unterrichtsstunde jede Person für sich mitschreibt, wird ein Pad für einen kollaborativen Mitschrieb zur Verfügung gestellt. Sehr gut funktioniert das, wenn die Inhalte der genutzten Präsentation im Pad stehen. So weiß jede Person, an welcher Stelle man sich gerade befindet und wo man etwas zusätzlich markieren kann. Wunderbar funktioniert das mithilfe des Präsentationsmodus von HackMD: im Bearbeitungsmodus findet der kollaborative Mitschrieb statt, im Präsentationsmodus werden die Inhalte als Folien gezeigt. Zum Abschluss kann man eine zunächst noch leere Folie ‘Ergänzungen’ oder ‘Offene Fragen’ anschließen - und diese dann nahtlos in der Präsentation anschließen.

Wenn ich bei Fortbildungen einen kollaborativen Mitschrieb nutze, dann habe ich gute Erfahrungen gemacht, schon zur Begrüßung einen QR-Code mit dem Link zum Pad zu Verteilen und das mit einer Mini-Aufgabe, die im Pad beantwortet werden soll, zu verknüpfen. Zum Beispiel: Ergänze Deinen Namen oder schreibe einen Satz zum heutigen Thema. Gerade wenn man mit HackMD arbeitet, das durch die Markdown-Formatierung manchmal etwas ungewohnt sein kann, bietet man so jeder Person die Möglichkeit, sich in ihrem Tempo zu orientieren bzw. kann technische Fragen schon vorab klären.

Rollenspiele

Diese Methode habe ich bereits in einem früheren Blogbeitrag beschrieben. Die Grundidee ist, die Farbmarkierungen im Etherpad als Rollenzuteilung zu nutzen, in die die Lernenden jeweils schlüpfen sollen.

Schneeball-Geschichten

In der analogen Form sind Schneeballgeschichten eine Methode, bei der Lernende jeweils einige Sätze auf ein Blatt Papier schreiben, diesen dann zusammenknüllen (als Schneeball), einer anderen Person zuwerfen - und diese schreibt daran weiter. In der digitalen Form kann mit Schneeballgeschichten sehr gut die bei vielen vorhandene Hürde angegangen werden, in geschriebenen Texten von anderen weiter zu schreiben und deren Text zu ändern (statt einfach nur parallel etwas dazu zu schreiben). Am eifachsten umsetzbar sind digitale Schneebalgeschichten, wenn man für alle Beteiligten ein leeres Pad einrichtet und dazu einen QR-Code (oder einen Kurzlink) auf einem kleinen Zettel ausdruckt. Zu Beginn erhält jede Person einen Zettel, öffnet das darin verlinkte, noch leere Pad und begint mit dem Schreiben. Nach einer festgelegten Zeit wird der QR-Code an eine andere Person weiter gegeben und diese öffnet das Pad und schreibt weiter.

Die Vorgaben, welche Aufgaben im Pad jeweils zu bearbeiten sind, kann je nach Alter der Lernenden und gewünschtem Thema angepasst werden. Um kollaboratives Schreiben zu trainieren ist es empfehlenswert nicht nur Aufgaben im Sinne von ‘Schreibe weiter’ aufzunehmen, sondern auch ‘korrigiere mögliche Fehler’ oder ‘Versuche den Text verständlicher zu gestalten’ oder ‘Versuche mithilfe von Adjektiven mehr Spannung einzubauen’ etc. Außerdem kann auch mit Bildern gearbeitet werden.

Zum kreativen Schreiben wären zum Beispiel diese Schritte möglich (nach jedem Schritt werden die QR-Codes getauscht)

Viel Spaß beim Ausprobieren!

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