Das SAMR-Modell remixed: Reflexionshilfe zur Erstellung von Open Educational Resources (OER)

Veröffentlicht am 18.2.2020

Das SAMR-Modell gehört zu den wohl am häufigsten zitierten ‘Modellen’, wenn es um Bildung und Digitalisierung geht. Ganz kurz zusammengefasst stellt es eine Reflexionshilfe zum Technologieeinsatz im Bildungskontext dar: Technologie - so die These - kann einfach als Ersatz wirken, d.h. das bisherige Lernen ohne Änderung ‘digitalisieren’. Das wäre zum Beispiel der Fall, wenn ein bisher analoges Buch durch Technologieeinsatz zu einem eBook wird oder ein analoges zu einem digitalen Arbeitsblatt. Erst auf den weiteren ‘Stufen’ des Modells (deren Anfangsbuchstaben zur Bezeichnung SAMR führen), wird Lernen und Lehren stärker verändert und auf der obersten Stufe dann grundlegend umgestaltet. Anstelle mit dem vormals analogen Buch würden Lernende dann nicht mit einem eBook lernen (= Stufe der Ersetzung, Substitution), sondern zum Beispiel kollaborativ ein eigenes mediales Produkt zu dem behandelten inhaltlichen Thema erstellen (= Stufe der Neubelegung, Redefinition).

SAMR-Modell: Kritik und Remix

An dem SAMR-Modell gibt es viel und sicher oft auch berechtigte Kritik. Insbesondere verleitet die Darstellung als Stufenmodell zu dem Trugschluss, man müsse Stufe für Stufe nacheinander erklimmen. Auch kann die Perspektive des Technologieeinsatzes zu einer wenig hilfreichen ‘Wo liegt der Mehrwert des Digitalen?'- Diskussion führen. Ungeachtet dieser Kritik kann das SAMR-Modell aber auch als Reflexionshilfe genutzt werden, wenn Bildung im Kontext der Digitalisierung neu gedacht werden soll.

Dieser Ansatzpunkt ist für mich die Grundlage für meinen Remix. Während das SAMR-Modell die Frage stellt, wie Technologieeinsatz auf Lehren und Lernen wirkt, stelle ich als Remix die Frage, wie die Art und Weise der OER-Erstellung auf die Möglichkeit der Verwendung der Materialien zum Lehren und Lernen wirkt. Meine Ausgangsthese ist dabei, dass OER mehr sein können als ‘Bildungsmaterialien mit einer offenen Lizenz’, d.h. Materialien die rechtlich offen sind. Vielmehr können sie Lehren und Lernen in Richtung einer offenen Bildungspraxis grundlegend umgestalten. Dafür sind für mich insbesondere drei Dimensionen relevant: das Format, das Soziale und die Didaktik. Genau wie beim SAMR-Modell kann OER-Erstellung in allen drei Dimensionen als ‘Ersetzung’ oder als ‘Neubelegung’ gestaltet werden (und natürlich mit vielen Zwischenstufen). Je nachdem wie die OER-Erstellung erfolgt, entstehen als Ergebnisse OER, die Lernen und Lehren weitgehend so wie bisher belassen (= Ersetzung) - oder eben grundlegend umgestalten (= Neubelegung).

OER-Erstellung als ‘Ersetzung’

OER-Erstellung als ‘Ersetzung’ bedeutet: OER werden ganz genau so wie proprietäre Bildungsmaterialien erstellt - nur dass dann eben am Ende noch eine offene Lizenz dazu geschrieben wird. OER nach diesem Muster sind technisch zum Beispiel Word-Dateien, auf denen in der Fußzeile eine CC-Lizenz integriert wird. Erstellt werden sie häufig von einer lehrenden Person allein. Und didaktisch ist das Material grundsätzlich für den Einsatz im klassischen Frontal-Unterricht ausgelegt, z.B. als Arbeitsblatt zum Ausfüllen für Lernende.

OER-Erstellung als ‘Neubelegung’

OER-Erstellung als ‘Neubelegung’ bedeutet: OER werden sehr anders erstellt erstellt, als traditionelle Bildungsmaterialien - und der Unterschied liegt dabei längst nicht nur in der offenen Lizenz. In Hinblick auf die Dimension des Sozialen erfolgt die Erstellung aufbauend auf anderen Materialien und kollaborativ. Beim Format wird das Material als remixbare Webanwendung gestaltet und verbreitet. Und didaktisch geht man bei der Erstellung vorrangig vom Lernen (nicht vom Lehren) aus.

Ersetzung versus Neubelegung im Überblick

Die beiden Pole der Ersetzung versus Neubelegung bei der OER-Erstellung lassen sich in 5 Gegenüberstellungen zusammenfassen:

  1. Ich erstelle das Material allein - Ich erstelle das Material kollaborativ.
  2. Ich fange bei Null an - Ich baue auf bestehenden (offenen) Materialien auf.
  3. Ich teile mein Material versteckt - Ich teile mein Material offen.
  4. Ich gestalte mein Material geschlossen - Ich gestalte mein Material remixbar.
  5. Ich erstelle ein Material zum Lehren - Ich erstelle ein Material zum Lernen.

Die beiden Pole stellen jeweils die erste und letzte Stufe des ursprünglichen SAMR-Modell dar. Auf der einen Seite erstellt man OER somit als Materialien für traditionelle Bildung. Die OER sind gekennzeichnet durch ihre offene Lizenz. Auf der anderen Seite erstellt man OER als Materialien für das Lernen unter den Bedingungen der Digitalität. Sie sind gekennzeichnet durch die Ermöglichung einer offenen Bildungspraxis. Ebenso wie beim SAMR-Modell sind natürlich auch bei diesem Remix mehrere Zwischenstufen denkbar.

Dieser Überblick kann zur Reflexion hilfreich sein. Er beantwortet allerdings noch nicht die Frage, wie OER-Erstellung kollaborativ, remixbar, offen und mit Blick auf das Lernen gelingen kann. Eine mögliche Antwort auf diese Frage lautet: Mit der Nutzung von offenen Webtools!

Offene Webtools bei der OER-Erstellung befördern Neubelegung statt Ersetzung

Offene Webtools sind browserbasierte Anwendungen, die in der Regel ohne Zugangshürden wie Registrierung oder individuelle Bezahlung genutzt werden können. Wer sie nutzt, behält die Souveränität über erstellte Inhalte und kann diese leicht exportieren oder über einen anderen Weg (z.B. einen direkt erstellten Link) teilen. Durch ihre Offenheit in der Nutzung ist es normalerweise leicht möglich, dass andere an einem erstellten Inhalt weiterarbeiten und ihn remixen.

Diese technischen Möglichkeiten von offenen Web-Tools führen natürlich nicht automatisch zu Neubelegung statt Ersetzung bei der OER-Erstellung. Meine These ist aber, dass diese Richtung dabei sehr unterstützt und befördert wird. Denn Personen, die OER erstellen, werden durch die Nutzung dieser Tools in Richtung offene und kollaborative Praxis ‘gestubst’. Praktisch kann das so aussehen, dass ein erstellter Inhalt für alle online steht, ohne dass ich noch irgend etwas dazu tun muss. Oder dass andere Menschen ohne weitere Vorbereitungen direkt an meinem Material mitarbeiten können. Genauer lässt sich das an drei aus meiner Sicht sehr empfehlenswerten offenen Webtools zur OER-Erstellung verdeutlichen.

Beispiel 1: H5P

H5P ist eine Open Source Software zur Erstellung von interaktiven Online-Bildungsmaterialien. Für diesen Blogbeitrag ist an H5P insbesondere entscheidend, dass erstellte Materialien sehr leicht geteilt werden können (z.B. über den jeweils angezeigten Embed Code) und auch einfach remixt werden können. Standardmäßig kann ich jeden H5P-Inhalt herunterladen - und dann neu in einem H5P-Editor hochladen und weiter bearbeiten. (Einen Einstieg zu H5P bekommst Du auf dieser Website)

Beispiel 2: CodiMD

CodiMD ist eine Open Source Software, mit der sich kollaborative Online-Arbeitsumgebung einrichten lassen, die auf Markdown basieren. Markdown ist eine Formatierungssprache - ähnlich wie HTML, aber viel intuitiver zu erlernen. Wer mit CodiMD arbeiten möchte, kann sich (z.B. über die offene Installation der Open Knowledge Foundation) eine neue Notiz anlegen - und den Link zu dieser dann mit anderen teilen, die direkt in dem Dokument mitarbeiten können. Die Markdown-Basierung ermöglicht es, sehr vielfältig Inhalte einzubinden. Zum Beispiel können auch H5P-Inhalte in die Arbeitsumgebung integriert werden.

Beispiel 3: Glitch

Glitch ist eine offene und webbasierte Remix-Plattform. Auf der Plattform finden sich viele Web-Anwendungen, die direkt genutzt werden können. Zugleich - und das ist für unseren Kontext entscheidend - können alle Anwendungen auch remixt und dann weiter bearbeitet werden. Mögliche Anwendungen sind Websites, mit denen Inhalte veröffentlicht werden, Tools (z.B. ein Timer, ein Zufallsgenerator o.ä.) oder Spiele. (Ich habe die Plattform in diesem Blogbeitrag genauer vorgestellt.)

Mögliche ‘Ergebnisse’ bei OER-Erstellung als Neubelegung

Wer bei der OER-Erstellung kollaborativ und offen vorgeht, vom Lernen ausgeht und auf Materialien/ Ideen von anderen aufbaut, erstellt sehr wahrscheinlich OER die mehr als eine rechtliche Offenheit aufweisen, sondern zugleich auch eine offene Bildungspraxis unterstützen. Wie das genau aussehen kann, ist vielfältig. Es folgen einige Ideen:

Und sonst?

Damit es tatsächlich zu Neubelegung statt Ersetzung bei der OER-Erstellung kommt, brauchen erstellende Personen nicht nur entsprechende Tools (die es gibt, wie oben exemplarisch gezeigt!), sondern vor allem Raum und Zeit zum Ausprobieren, zu Austausch und zum Lernen. Ich schreibe diesen Blogbeitrag in Vorbereitung der inzwischen dritten #OERcamp Werkstatt, die am Wochenende in Hamburg stattfindet. Das Format der Werkstatt sieht vor, dass Menschen ein Wochenende lang gemeinsam an Materialien arbeiten und diese als OER veröffentlichen. Sie erhalten dabei Unterstützung von ‘Coaches’ in Form von Mikro-Inputs oder offenen Sprechstunden. Die Erfahrungen der ersten beiden Werkstätten zeigen, dass dieses Format wunderbar gut funktioniert - und genau das ist, was es braucht, damit OER-Erstellung als Neudefinition funktioniert.

Präsentation und Weiterdenken

Ich werde die dargestellten Überlegungen in diesem Blogbeitrag am Samstag auf der #OERcamp Werkstatt im Rahmen eines ‘OERklärt Inputs’ vorstellen. Falls Du direkt bei diesem oder vielen anderen spannenden Inputs dabei sein willst: Noch gibt es für die Werkstatt wenige freie Plätze und Du kannst Dich anmelden. Ich freue mich außerdem auf Weiterdenken bei Barcamp vor der Werkstatt (am Donnerstag und Freitag). Auch zu dieser Veranstaltung kannst Du Dich noch anmelden.

Die geplante Präsentation gibt es hier als pdf und hier zum Remixen und Weiternutzen. Sie ist freigegeben unter CC0 1.0

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