Die #OERcamp Abendveranstaltung: Routenplanerbuch als Panel-Diskussion

Am Abend des #OERcamp in Hamburg luden die Autoren des Buchs Routenplaner Digitale Bildung zu einem Panel ins betahaus ein. Es ging um zeitgemäße Bildung bzw. um Einsichten und Forderungen für/ gegen digitale Bildung. Auf dem Podium waren Jöran, Phillippe, Dejan, Axel und Lisa. Per Livestream zugeschaltet war Martin. In diesem Blogbeitrag werfe ich aus drei Perspektiven einen Rückblick auf die Veranstaltung: 1. Wie war das Format gestaltet? 2. Wie war der Ablauf? und 3. Was war mir selbst inhaltlich wichtig?

Veranstaltungsformat: eine offene und beteiligungsorientierte Paneldiskussion

Ein Panel, auf dem 5 Menschen über 2 Stunden miteinander diskutieren, klingt für alle, die beteiligungsorientierte Lernformate wie Barcamps gewohnt sind, auf den ersten Blick vielleicht nur wenig spannend. Man erwartet: eine Vorstellungsrunde, dann mehrere Runden auf dem Panel zu oft eher unpassend gestellten Fragen und anschließend ‘Fragen aus dem Publikum’ Doch mit sehr wenigen Kniffen gelang es, dieses an sich sehr passive Veranstaltungsformat offen, partizipativ und spannend zu gestalten.

Die aus meiner Sicht wichtigsten Elemente halte ich hier fest. Zum Nachmachen empfohlen!

  • Das Panel wurde moderiert von einer Person, die gleichzeitig Mitdiskutant war. Das sorgte sofort für einen sympathischen, selbstorganisierten Charakter.
  • Das Publikum wurde von Anfang an einbezogen – zunächst mit der Aufforderung Fragen via Mentimeter zu stellen.
  • Für externe Personen gab es einen Livestream.
  • Der Hashtag zur Veranstaltung (#routenplanerbuch) wurde prominent genannt – und dann auch rege genutzt.
  • Mehrere Plätze auf dem Podium blieben frei – die im Laufe der Veranstaltung sehr viel und auch sehr unterschiedlich im Sinne einer Fishbowl-Diskussion besetzt wurden.
  • Der Ablauf der Veranstaltung war challenge-artig angelegt: 6 Thesen in 2 Minuten – via Mentimeter stimmten dann alle ab, welche Thesen diskutiert werden sollten.

Veranstaltungsablauf

Die 6 Thesen der Panel-Teilnehmer hat Adriane perfekt vertwittert

Im Rahmen der Abstimmung entschieden wir uns zunächst zur These ‘Revolution oder Evolution’ zu diskutieren. Die zweite These war die Forderung ‘Microsoft 365 muss an die Schule’

Die vollständige Livestream-Aufzeichnung gibt es hier zum nachträglichen Ansehen.

Und mehr Infos zum Routenplanerbuch, auf dessen Beiträge sich die Thesen der Panel-Diskutanten bezogen, gibt es auf der Website zum Buch

Inhaltlicher Denkanstoß: Digitalisierung selber machen!

Ich habe mich an der Diskussion im Rahmen der zweiten These beteiligt. Mir ging es um ein Plädoyer gegen die Abhängigkeit von großen Monopolen im Kontext der Digitalisierung in der Bildung. Ich versuche, meine These hier kurz zusammenzufassen:

Ich bin im Bildungskontext aktiv, weil die Frage nach der Gestaltung der Bildung immer auch die Frage danach ist, wie wir leben wollen. Aktuell diskutieren wir an Schulen viel über die Frage, wie wir Bildung im Kontext der Digitalisierung gestalten wollen. Damit diskutieren wir – wenn auch oft wahrscheinlich weniger bewusst – mit die Frage, wie wir in einer digitalisierten Gesellschaft leben wollen. Mein Ziel ist eine demokratisch und in gesellschaftlicher Verantwortung gestaltete Digitalisierung. Momentan rennen wir gesellschaftlich aber leider eher in die entgegen gesetzte Richtung – und die Schulen rennen meist hinterher (oder warten ab).

Ich kann sehr gut verstehen, dass die Frage nach der gesellschaftlichen Gestaltung der Digitalisierung aus einer pädagogischen Perspektive nicht als erstes in den Blick genommen wird. Hier ist die Ausgangsfrage natürlich: Wie können wir unter den Bedingungen der Digitalisierung lehren und lernen?

Was uns als Pädagog/innen erleichtern kann, unseren Blick dennoch zu weiten, ist, dass in der Open Source Community / im IndieWeb viele Menschen genau so arbeiten (und auch lernen), wie sich das innovative Menschen im Bildungskontext wünschen. Und es gibt Tools, Infrastruktur und Techniken, mit denen das möglich ist: oft (noch) nicht so intuitiv, wie die Angebote, die große Monopole machen können, oft nicht so dauerhaft angelegt und sicher fast immer versteckt bzw. deutlich weniger bekannt. Das sollte aus meiner Sicht aber kein Hindernisgrund sein. Alle Beteiligten können unwahrscheinlich viel dambei lernen, wenn dezentral und ‘von unten’ eine technische Infrastruktur aufgebaut wird. Wie das genau aussehen kann hat Chaos macht Schule in ihren Thesen zur Digitalisierung in der Bildung wunderbar beschrieben. Wichtig ist daran, dass natürlich pädagogische Akteure nicht plötzlich zu Technikern werden sollen, sondern dazu Unterstützung/ externe Kooperation brauchen.

Wer diesen Weg geht, für den kann es chaotischer und anstrengender, als die Nutzung eines Monopolangebots. Auf längere Sicht gewinnen wir damit aber aus meiner Sicht die Möglichkeit zur Hoheit über und Gestaltung der Digitalisierung, was die Voraussetzung für digitale Souveränität ist, was wiederum zu dem aus meiner Sicht wichtigstem Bildungsziel der gesellschaftlichen Handlungsfähigkeit im Kontext der Digitalisierung unbedingt dazu gehört.

Um nicht missverstanden zu werden:

  • Es gibt aus meiner Sicht überhaupt keinen Widerspruch dazu, dass kollaboratives, cloudbasiertes Arbeiten für zeitgemäße Bildung zentral ist.
  • Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie ermüdend für viele Lehrer/innen, die Diskussionen im Kollegium sind, wenn innovative Lernkonzepte ausgebremst werden mit dem leider oft auch vorgeschobenen Argument des Datenschutzes. Und – genau wie Martin – finde ich, dass Widersprüche, die sich im Kontext der Digitalisierung ergeben, unbedingt in die Schulen gehören, weil nur dann alle Beteiligten daraus lernen können. Mein Plädoyer wäre deshalb immer auch erst einmal für ‘vieles Ausprobieren’ (Wenn die zentrale Infrastruktur aber erst einmal mit einem Monopol-Anbieter festgezurrt ist, wird dieses Ausprobieren eher versperrt, als ermöglicht)
  • Ich weiß, dass die Rahmenbedingungen für Schulentwicklung was Zeit, Raum, Geld und Offenheit betrifft sehr, sehr verbesserungswürdig sind. Es ist vollkommen klar, dass Lehrerinnen und Lehrer mehr Unterstützung benötigen, wenn der oben skizzierte Ansatz in der Fläche realistisch sein soll.

Vor allem finde ich: Lisa hatte die These zur Diskussion vorgeschlagen, dass wir uns im Kontext von drohendem Faschismus und Klimakollaps unbedingt damit beschäftigen müssen, wie wir eine neue Literacy lernen und lehren können, die die Kompetenz zum Komplexitätsdenken umfasst. Sehr gerne hätte ich (auch) über diese These diskutiert – für zeitgemäße Bildung halte ich sie für entscheidender, als die Frage nach der richtigen Cloud 🙂


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