Nie wieder ist jetzt! Stichpunkte zur Verteidigung der Demokratie in der Bildung

Am zurückliegenden Wochenende waren sehr viele Menschen für die Verteidigung der Demokratie auf der Straße. Hier in Halle (Saale), wo ich lebe, war es mit gut 16.000 Menschen die wahrscheinlich größte Demonstration seit der Wende. In Großstädten wie Hamburg oder München kamen so viele Menschen, dass die Demonstrationen wegen Überfüllung beendet werden mussten. All das stimmt sehr hoffnungsvoll. Ein demokratischer und antifaschistischer Aufbruch scheint nach einer langen Phase von passivem Unmut und Lethargie endlich möglich. In diesem Kontext spielt auch die Bildung eine wichtige Rolle. Sie kann zwar bestehende oder sich entwickelnde antidemokratische Strukturen nicht einfach schnell mal ‚wegbilden‘. Aber sie kann viel dazu beitragen, Lernende zu Demokratie zu ermächtigen. Die Frage, wie wir Bildung gestalten wollen, hat in diesem Sinne viel mit der Frage zu tun, in welcher Gesellschaft wir leben wollen.

Im folgenden notiere ich drei Überlegungen, die ich zur Verteidigung der Demokratie in der Bildung wichtig finde:

1. Die Verteidigung der Demokratie ist in der Bildung nicht verboten, sondern geboten!

Vor allem im schulischen Kontext sind viele Akteur*innen unsicher darüber, was im Kontext von Demonstrationen wie ‚Nie wieder ist jetzt!‘ oder anderen politischen Initiativen erlaubt ist und was nicht. Der in diesem Zusammenhang oft zitierte ‚Beutelsbacher Konsens‘ wird häufig als ‚Neutralitätsgebot‘ missverstanden. Im Kern sagt er dagegen aus, dass plurale, demokratische Positionen in ihrer Vielfalt vorgestellt werden sollen und dass Lehrkräfte Schüler*innen nicht überwältigen, sondern dabei unterstützen sollen, sich ihre eigene Meinung zu bilden. Diese Darstellung zeigt, dass mit dem Beutelsbacher Konsens in keinem Fall ein Schweigen zu politischen Themen gefordert wird. Wenn es um die Verteidigung der Demokratie geht, stellt sich die Sache noch einmal anders dar. Denn dann geht es ja nicht um eine Diskussion über vielfältige, demokratische Positionen. Stattdessen geht es um Aufklärung über und Widerstand gegen antidemokratische Positionen. Das ist nicht nur nicht verboten, sondern sogar geboten.

2. Demokratie ist ein Lerninhalt

Demokratie in der Bildung bedeutet zum einen, dass inhaltlich über Demokratie gelernt wird: Was bedeutet Demokratie? Wie funktioniert Demokratie? Was ist meine Rolle in der Demokratie? Insbesondere vor dem Hintergrund des Wiedererstarken des Faschismus gehört dazu auch das Lernen aus der Geschichte und die Erinnerung an den Holocaust. Lerngegenstände zu Demokratie sind auch vielfältige ‚-ismen‘, die zu Demokratie im Widerspruch stehen etwa Rassismus, Sexismus oder Klassismus. Diese Lerninhalte können und sollten immer auch vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen reflektiert und diskutiert werden. Wer in diesem Sinne z.B. die aktuellen Demonstrationen im Unterricht aufgreifen und in Lernangeboten reflektieren will, findet in dieser Taskcard von Joscha vielfältige Materialien.

3. Demokratie betrifft vor allem auch die Gestaltung des Lehrens und Lernens

Neben der Einordnung von Demokratie als Lerninhalt gehört zu Demokratie in der Bildung vor allem auch eine demokratische Gestaltung der Bildung selbst. Für mich ist das der wichtigste, weil oft vernachlässigte Punkt. Dazu gehören zum Beispiel diese Aspekte:

  • Keine Beschämung: Ein demokratischer Bildungsansatz erfordert einen respektvollen Umgang mit Lernenden. Wer selbst bloßgestellt, lächerlich gemacht oder in den eigenen Interessen und Bedürfnissen nicht ernst genommen wird, lernt nicht, die Würde jedes Menschen zu achten. Im Kontext der Schule liefert hier die Kritik am Adultismus zahlreiche Ansatzpunkte, um sich über Beschämungsmuster bewusst zu werden. Neben einer individuellen Reflexion gilt es auch auf struktureller Ebene gegen Beschämungen vorzugehen.
  • Kein Hass: Demokratie bedeutet Anerkennen und Respekt von Vielfalt. Das steht im Widerspruch zu Hass, zu Diskriminierung und zu Vorurteilen. Dies zu reflektieren, zu besprechen und Lösungen für einen guten Umgang miteinander zu entwickeln, in denen sich alle wohlfühlen können, gehört zu den Grundaufgaben von jeder Bildungsinstitution. Wichtig ist es, vielfältige Perspektiven kennen zu lernen und sich empathisch in die Position von anderen hineinversetzen zu können. Ein guter Aufschlag dazu ist die Rede von Dejan auf der Demonstration in Freiburg.
  • Ermöglichung von Selbstwirksamkeit: Demokratie bedeutet, dass man nicht ohnmächtig ist, sondern dass das eigene Handeln einen Unterschied macht. Die Erfahrung darüber beginnt im Kleinen. Für Kinder und Jugendliche ist die Schule der Ort, an dem sie sich am meisten aufhalten. Selbstwirksamkeit kann hier dann erfahren werden, wenn die Bildungseinrichtungen selbst demokratisch gestaltet ist.
  • Ermächtigung zu Solidarität und Veränderung: Demokratische Bildung erzieht nicht zu Ellenbogen, sondern zu Solidarität. Es bedeutet, dass das Ziel von Bildung nicht nur die Ermächtigung zur Gestaltung eines guten Lebens für sich selbst, sondern auch eines guten Lebens für andere ist. Auch hier kann in der Schule erfahren werden, dass und wie man sich mit anderen zusammenschließen, gemeinsame Interessen entwickeln und dafür eintreten kann.
  • Lernen für Komplexität: Antidemokratische Personen setzen auf Vereinfachung und Schwarz-Weiß-Denken. Komplexität wird negiert und es werden stattdessen vermeintlich einfache ‚Lösungen‘ angeboten. In einer zunehmend komplexen Welt, braucht es deshalb eine Bildung, die genau diese Komplexität aufgreift und den Umgang damit erlernen lässt. Nötig sind dafür authentische Lernsituationen ausgehend von den Fragen der Lernenden.

Bei all diesen Aspekten muss das Rad nicht neu erfunden werden. Sehr viele Menschen, Organisationen und Initiativen arbeiten schon lange zu diesen Themen. Auch an vielen Schulen ist Demokratie nicht nur Leitbild, sondern tägliche Praxis. Vielleicht hilft die gegenwärtige Aufbruchsstimmung, um diesen Ansätzen zu mehr Durchschlagskraft zu verhelfen. Ein erster Schritt kann sein, sich selbst zu fragen, inwieweit man als Pädagog*in demokratische Bildung im Sinne der oben dargestellten Aspekte bereits umsetzt oder was man dazu ändern kann. Außerdem kann in der eigenen Bildungsinstitution gemeinsam mit Lernenden und Kolleg*innen die Gestaltung von demokratischer Bildung besprochen und spätestens jetzt Aktivitäten dazu ergriffen werden.


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