Filterblasen-Hopping

Über Pfingsten war ich in Moers beim Festival für improvisierte Musik. Ich war dort in einer völlig anderen Blase, als in meiner üblichen Bildungs-Bubble. Der ‚Beweis‘ dafür lässt sich über Twitter leicht erbringen: Gerade mal nur über zwei Accounts gibt es zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Blogbeitrags eine Verbindung zwischen dem Moers-Festival und mir. Ich bin dort dann auch eher zufällig und nicht mit einem lernenden Anspruch hingefahren. Umso cooler finde ich jetzt im Rückblick, dass ich dabei etwas für mich entdeckt habe, was ich zukünftig noch öfter und dann ganz bewusst wiederholen möchte: Ich nenne es Filterblasen-Hopping!

Was ist eine Filterblase?

Die Idee einer Filterblase (oder englisch einer ‚filter bubble‘) ist nichts Neues. Wie so oft bietet die Wikipedia einen guten Überblick zur Herkunft und Rezeption des Begriffs. Ich erkläre mir den Begriff so, dass Menschen wahrscheinlich immer schon ganz bewusst mit Menschen interagiert haben, die ähnliche Interessen hatten und Aktivitäten verfolgten, wie sie selbst. Durch eine zunehmend durch Algorithmen geprägte Suche und die Vernetzung über soziale Plattformen im Internet, erhält diese Entwicklung eine immer größere Dynamik: Ich interagiere zum Beispiel mit anderen Bildungsmenschen und suche nach pädagogischen Themen. Dadurch werden mir die Aktivitäten von weiteren Bildungsmenschen und weitere pädagogische Themen angezeigt. Diese schaue ich mir wiederum an und erhalte nochmals weitere Vorschläge in eine ähnliche Richtung ….

Was ist Filterblasen-Hopping?

Unter Filterblasen-Hopping verstehe ich den Versuch, ausgehend von und aufbauend auf der eigenen Filterblase, sich für einige Zeit in eine ganz andere Filterblase zu begeben. Im besten Fall ist das eine Filterblase, die tatsächlich als Filterblase existiert. Das bedeutet: Menschen sind in dieser Filterblase verbunden, es gibt eigene Hashtags und thematische Schwerpunkte. Zweitens ist es toll, wenn man zur anderen Blase erst einmal nur wenig Verbindungen sieht, aber man die Blase trotzdem grundsätzlich als interessant/ positiv einordnet. Das war bei mir mit dem Moers-Festival der Fall, weil ‚Improvisation‘ bei mir sehr positiv besetzt ist. Außerdem hatte ich gesehen, dass dort viel mit digitalen, künstlerischen Ansätzen experimentiert wird, was für mich spannend klang.

Warum ist Filterblasen-Hopping eine gute Idee?

Wer für kurze Zeit in eine andere Filterblase eintaucht, kann davon aus meiner Sicht sehr pofitieren.

  • Man ist für einige Zeit aus der eigenen Blase (mindestens ein bißchen) draußen und bekommt den Kopf frei.
  • Man blickt ‚von außen‘ auf die eigene Blase und stellt plötzlich fest, was dort eventuell fehlt oder besser laufen könnte.
  • Man kann eine neue Blase erkunden – und von da Anregungen und Inspirationen mitnehmen – und freut sich dann aufs ‚Zurückkommen‘ und darauf, diese in der eigenen Filterblase zu teilen.

Auf diese Weise lässt sich die Begrenzheit, die Filterblasen mit sich bringen, zumindest etwas abmildern – und ihre positiven Seiten verstärken.

Ist Filterblasen-Hopping online möglich?

In einer noch weniger digital-geprägten Vergangenheit habe ich ähnliche Erfahrungen wie beim Filterblasen-Hopping vor allem bei längeren Auslandsaufenthalten gemacht. Beim Filterblasen-Hopping finde ich es ebenfalls schön, sich die fremde Filterblase auch direkt vor Ort anzusehen, um ‚richtig‘ eintauchen zu können. Da eine Filterblase aber – wie ich oben definiert habe – vor allem durch algorithmische Verstärkung im Netz funktioniert, kann man auch bzw. ergänzend sehr viel dadurch mitnehmen, dass man den Online-Raum der anderen Filterblase erkundet – z.B. über das Lesen der dort relevanten Hashtags.

Wie funktioniert Filterblasen-Hopping genau?

Zu einem guten Filterblasen-Hopping git es ganz sicher kein Patentrezept. Ich versuche es trotzdem mal mit einer Schritt-für-Schritt Anleitung:

1. Filterblase finden

Eine ganz andere Filterblase innerhalb der eigenen Filterblase zu finden, ist eher unwahrscheinlich. Gute Möglichkeiten bieten dagegen Familie, Kolleg*innen oder Bekannte, die man aus ganz anderen Kontexten kennt – oder auch, wenn man insgesamt mit offenen Augen durch die Welt geht. Das klappt übrigens auch in der Online-Welt. Ich kann dazu sehr das Fediverse empfehlen, wo meine Timeline chronologisch erstellt wird – und wo ich immer wieder auf ganz andere Perspektiven stoße.

2. Neugierig besuchen und zuhören

Der zweite, wichtige Schritt ist für mich Offenheit. Das bedeutet, dass man sich in dieser anderen Blase sehr gerne erst einmal nur als Kundschafter*in, nicht Botschafter*in fühlen darf. Es gilt zuzuhören und neugierig zu sein und zu beobachten. Ich empfand diese Rolle für mich als sehr spannend und entspannend zugleich 🙂

3. Zweckfrei erleben

Ich denke, dass Filterblasen-Hopping nur suboptimal funktioniert, wenn man es mit einer von Anfang an festgelegten Agenda betreibt (‚Ich will mir Filterblase xy ansehen, um neue Ideen zu bekommen.‘) Stattdessen sollte man eine gewisse Zweckfreiheit zulassen – und einfach mal auf sich zukommen lassen, was passiert.

4. Mit vielen Ideen zurückkommen

Viele Ideen am Ende klingt ein bisschen wie ein Widerspruch zur eben beschriebenen Zweckfreiheit. Tatsächlich sehe ich aber das eine als Bedingung für das andere. Denn man muss sich treiben lassen können und offen sein, damit Ideen und Inspirationen einen finden.

In meinem Fall kamen mir Ideen, die sich auf das Festival in Moers zurückführen lassen, zum Beispiel auch erst dann, als ich schon längst wieder Zuhause war. Wichtig war dafür, dass ich mir erlaubt habe, einfach mal nur so und ohne Zweck zu beobachten.

5. Eigene Filterblase erweitern/ bereichern

Der letzte Schritt ist dann das ‚Zurück-Teilen‘ in die eigene Filterblase. Aus Moers nehme ich z.B. spannende Ansätze für hybride Kunst mit, die in vielen Bereichen auf den Bildungskontext übertragbar ist (Blogbeitrag folgt). Außerdem habe ich ausgehend von der dort erlebten Kunst der Improvisation noch einmal einen ganz neuen Blick auf das pädagogische Thema der positiven Fehlerkultur bekommen, was ich ebenfalls ‚zurückbringen‘ kann.

Filterblasen-Hopping als pädagogische Herausforderung

Ich habe das Filterblasen-Hopping hier für mich als lernende Person beschrieben. Ganz genau finde ich das Thema aber auch aus einer lehrenden Perspektive spannend: Wie können wir Lernende dabei unterstützen, ein Bewusstsein für die eigene Filterblase zu entwickeln? Wie können wir dabei begleiten, dass die positiven Aspekte der Filterblase vorangebracht und die negativen minimiert werden? Lässt sich Filterblasen-Hopping als pädagogisches Projekt umsetzen?

Was meinst Du?

Das war mein kleiner Erfahrungsbericht vom Filterblasen-Hopping. Gehst Du ähnlich oder ganz anders vor? Welche Erfahrungen kannst Du teilen? Welche Ideen hast Du aus lehrender Perspektive? Mitdiskutieren kannst Du z.B. hier auf Twitter oder hier im Fediverse.

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