Pädagogische Unruhe

In ihrem Anfang der 80er Jahre erschienenen Roman ‚Die letzten Kinder von Schewenborn‘ schreibt die Autorin Gudrun Pausewang über die Zeit nach einer fiktiven Atomkatastrophe mit entsetzlichen Zerstörungen: Viele Menschen sterben sofort oder an den Nachwirkungen, Säuglinge kommen tot zur Welt oder überleben nur wenige Wochen, es gibt keine staatliche Ordnung mehr und anfangs kann nichts angebaut und geerntet werden. Der Ich-Erzähler Roland – am Anfang des Buches noch ein Kind – ist neben seinem Vater der einzige Überlebende seiner Familie. Am Ende des Buches beginnt er, dann fast erwachsen, am Ort Schewenborn, an dem der überwiegende Teil der Handlung spielt, an einer Schule zu unterrichten. Mit der Gewissheit, dass er die letzten Kinder in dieser Schule vor sich sitzen hat, endet das Buch mit diesen Sätzen von ihm:

„Es gibt so viel Wichtigeres als Lesen, Schreiben und Rechnen, was ich ihnen unbedingt beibringen will: Sie sollen ein Leben ohne Plündern, Stehlen, Töten haben wollen. Sie sollen einander wieder achten lernen und helfen, wo Hilfe nötig ist. Sie sollen miteinander sprechen lernen und sollen für ihre Schwierigkeiten gemeinsam Lösungen finden, ohne gleich aufeinander einzuschlagen. Sie sollen sich füreinander verantwortlich fühlen. Sie sollen einander liebhaben. Ihre Welt soll eine friedliche Welt werden – auch wenn sie nur von kurzer Dauer sein wird. Denn diese Kinder sind die letzten Kinder von Schewenborn.“

Auszug aus: Die letzten Kinder von Schewenborn, Gudrun Pausewang, erschienen 1983

Ich habe das Buch als Jugendliche gelesen. In diesem Sommer ist es mir wieder in die Hände gefallen und hat mich sehr beschäftigt. Insbesondere der Abschluss des Buches bringt mich dazu, über meine Rolle als Pädagogin zu reflektieren. Warum?

Natürlich hat Gudrun Pausewang das Buch aus einer anderen Perspektive und in einer anderen Zeit als der heutigen geschrieben. Und die fiktiven Entwicklungen über die sie schreibt, hoffe ich, dass niemand sie je erleben muss. Angesichts der immer deutlicher spürbaren Auswirkungen des Klimawandels, einer konflikthaften außenpolitischen Situation bei uns in Europa und den Erfahrungen der Pandemie empfinde ich das Buch aber dennoch als bedrückend aktuelle Warnung – und das hat auch Folgen auf meine Tätigkeit als Pädagogin.

Bislang reichte es mir aus, dass ich als Pädagogin in einem der wichtigsten, gesellschaftlichen Bereiche aktiv bin. Denn die Frage, wie Bildung heute gestaltet wird, hat sehr viel mit der Frage zu tun, in welcher Gesellschaft wir zukünftig leben wollen. Ganz direkt kann ich als Pädagogin also dazu beitragen, dass Menschen ermächtigt werden, selbst und neu zu denken und Bestehendes zu hinterfragen. Und genau das braucht es, wenn wir eine bessere Zukunft gestalten wollen. Soweit so gut. Aber reicht das immer noch, wenn unsere Erde vor unseren Augen kaputt geht und wir uns irreversiblen Kipppunkten nähern? Darüber habe ich lange nachgedacht. Meine noch nicht abschließende Antwort lautet: Ich finde, dass ich als Pädagogin auch in dieser Situation wirkungsvoll agieren kann – aber es braucht dazu ein zum Teil verändertes pädagogisches Bewusstsein. Dieses ähnelt ein bisschen dem Blick des Ich-Erzählers Roland auf die ‚letzten Kinder von Schewenborn‘. Für mich sind dabei drei Aspekte entscheidend:

1. Lasst uns im Hier und Jetzt ein gutes Leben gestalten.

Bildung und vor allem Schule hat immer einen vorbereitenden Charakter: Es geht um das Lernen für einen späteren Beruf, für die Herausforderungen als zukünftige Staatsbürger*innen oder für die Gestaltung des Lebens in Zukunft. Mindestens ebenso wichtig, wie die Vorbereitung auf die Zukunft sollte aber doch das Leben im Hier und Jetzt sein. Wenn ich also abwägen muss zwischen ‚Vorbereitung auf die Zukunft‘ und ‚gutes Leben im Hier und Jetzt‘ dann finde ich, dass ich mit sehr gutem pädagogischem Gewissen dem letzteres den Vorzug vor dem ersten geben kann. Denn genau das führt erst dazu, dass die Vorbereitung auf die Zukunft überhaupt möglich ist.

Gutes Leben im Hier und Jetzt bedeutet natürlich nicht, es noch einmal so richtig krachen zu lassen, solange es noch geht. Stattdessen sollten Kinder und Jugendliche Zeit bekommen, um sich auseinanderzusetzen mit sich selbst und ihrer Rolle in der Welt. Es bedeutet, dass sie ihren Raum gestalten können, dass sie Zeit haben, sich mit Mitschüler*innen auszutauschen und zu spielen. Vor allem aber sollen sie die Möglichkeit haben, über die Natur und unsere Erde zu staunen – und damit Achtung vor dem Leben zu entwickeln.

Wie geht so etwas ganz konkret? Mit demokratischer Beteiligung an der Schule, mit Freiraum zum selbst gestalten, mit viel Zeit für Gruppenbildung und Austausch sowie immer wieder mit Draußen sein und erkunden.

Meine Tochter hat dazu kürzlich gesagt:

2. Lasst uns Lernende Wirkungsmacht erleben.

Kaum etwas ist schlimmer als das Gefühl von Ohnmacht angesichts sich verschlechternder Rahmenbedingungen. Wenn Kinder und Jugendliche das Gefühl haben, dass ihre Zukunft gegen die Wand gefahren wird – und sie tatenlos zusehen sollen, fehlt für erfolgreiches Lernen jede Grundlage. Wozu sollte man denn dann auch lernen?

Pädagogik kann allerdings viel dazu beitragen, Kinder und Jugendliche zu ermutigen und zu bestärken, Sie kann anstoßen, selbst aktiv zu werden, etwas zu tun und für etwas einzustehen. In diesem Fall können Kinder und Jugendliche Wirkungsmacht erleben. Sie sind nicht mehr länger ohnmächtig.

Um Wirkungsmacht erleben zu lassen, braucht es erst einmal und grundlegend eine bestärkende Haltung von pädagogischer Seite: Ja, ich traue Dir das zu. Ja, ich finde das ist eine interessante Idee von Dir. Lass uns gemeinsam daran weiter überlegen. Ja, das kannst Du versuchen. Ich helfe Dir, wenn Du Hilfe brauchst … Wenn Kinder und Jugendliche stattdessen an vorgegebenen und standardisierten Normen und Erwartungen gemessen werden und mit Noten schwarz auf weiß dokumentiert bekommen, wie sehr sie passen oder eben viel zu oft auch wie sehr sie nicht passen, kommt es zur gegenteiligen Wirkung. Sie trauen sich immer weniger zu, denken nicht selbst und neu, gehen nicht davon aus, dass ihr Handeln oder auch erst einmal nur ihre Meinung einen Unterschied macht.

Eine Schule, in der Kinder und Jugendliche Wirkungsmacht erfahren, ist deshalb eine Schule in der Lernen personalisiert und ausgehend von den Kindern und Jugendlichen passiert. Es ist eine Schule, die ohne Noten funktioniert und in der Freiraum ist für eigene Projekte.

Eine Möglichkeit um so etwas (auch innerhalb der normalen Rahmenbedingungen einer Schule) umzusetzen, sind Projekte wie der Freiday von Schule in Aufbruch: ein Tag der Woche wird hier dafür reserviert, dass Kinder und Jugendliche an selbstgewählten Herausforderungen denken, arbeiten und aktiv werden können.

3. Lasst uns Menschlichkeit als grundlegende ‚Schlüsselkompetenz‘ entwickeln.

Der dritte Aspekt der veränderten pädagogischen Schwerpunktsetzung lässt sich fast eins zu eins aus der oben zitierten Textstelle aus Gudrun Pausewangs Roman abschreiben: Gerade weil unsere Gesellschaft immer krisenhafter wird, braucht es umso mehr Menschlichkeit. Das bedeutet: Menschen müssen fähig sein und es richtig finden, sich gegenseitig zuzuhören, sich zu helfen, sich füreinander verantwortlich zu fühlen und sich ‚liebzuhaben‘. Um das zu lernen braucht es Kompetenzen wie Empathie, die Fähigkeit zum Perspektivwechsel und das praktische Erleben von Solidarität. Es wird dann gelingen, wenn Schulen Lernorte sind, an denen sich alle wohfühlen und für die alle gemeinsam Verantwortung übernehmen.

An dieser Stelle schließt sich der Kreis zum ersten Punkt: Denn Menschlichkeit kann dann entstehen, wenn im Hier und Jetzt an einem guten Leben für alle gearbeitet wird.

Es ist völlig klar, dass solche Ideen vor dem Hintergrund eines pädagogischen Alltags mit Mathe, Deutsch, Geschichte … im 45-Minuten-Takt recht abstrakt und fern erscheinen. Allerdings ist es in den letzten Jahren an vielen Stellen bereits gelungen, ‚Schlüsselkompetenzen‘ wie Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken als Lernziele zu verankern. Ich würde mir wünschen, dass wir uns ähnliches für das noch viel grundlegendere (und nicht unbedingt ‚verwertbare‘) Leitbild der Menschlichkeit vornehmen.

Und Du?

Ich habe diesen Blogbeitrag hauptsächlich deshalb geschrieben, weil ich gerne erfahren möchte, wie es anderen Pädagog*innen angesichts der zunehmenden Krisenhaftigkeit unserer Gesellschaft geht. Es interessiert mich, was Du von meinen – noch sehr vagen und schnell aufgeschriebenen – Überlegungen hältst und was Du Dir für Deine pädagogischen Aktivitäten vornimmst. Mitdiskutieren kannst Du im Fediverse oder auf Twitter.

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