Bildungsexpedition: Erwachsenenbildung im Ausprobiermodus

Eine der besten Sachen, die ich während der coronabedingten fast ausschließlichen Online-Phasen gelernt habe, ist Mut zu Kontrollverlust als Pädagogin und damit die Chance zur Konzeption sehr interaktiver und lernenden-zentrierter Bildungsangebote. Das funktioniert bei den aktuell wieder häufiger stattfindenen Veranstaltungen vor Ort ganz genauso. Eigentlich als ‚Vorträge‘ angefragte Veranstaltungen werden so zu motivierenden und begeisternden Lernerlebnissen.

Über grundsätzlich mögliche Formate solcher ‚interaktiver Vorträge‘ habe ich hier bereits einiges geschrieben. In diesem Blogbeitrag möchte ich von der heutigen Veranstaltung in Hannover bei der Agentur für Erwachsenen- und Weiterbildung Niedersachsen berichten. Mir hat die Konzeption und die Duchführung sehr viel Freude gemacht und die Beteiligten fanden es ebenfalls super – ich kann es also zum Nachmachen sehr empfehlen!

Rahmen und Auftrag: Ein Vortrag, der irgendwie anders ist!

Die Veranstaltung fand im Rahmen des Programmauftakts der Agentur statt. Zielgruppe waren pädagogisch tätige Menschen, aber auch Menschen aus Verwaltung oder Leitung. Es nahmen rund 50 Personen vor Ort teil. Außerdem war auch eine Online-Teilnahme möglich. Der zeitliche Rahmen war ca. 1 Stunde. Inhaltlich einigten wir uns auf das Thema ‚Wohin steuert die Bildung nach Corona?‘. Den Veranstalter*innen war es wichtig, dass die Beteiligten für sie wertvolle Impulse bekommen – und dass die Veranstaltung etwas besonderes ist. Dementsprechend waren sie sehr aufgeschlossen für ein experimentelles Format.

Idee: Wir gehen auf Bildungsexpedition!

Das festgelegte Thema war sehr breit – als klassischer Vortrag hätte ich wahrscheinlich in einigen Thesen davon berichtet, wie Lernen asynchroner, personalisierter, flexibler … werden kann und sollte. Am wichtigsten war mir aber die Erkenntnis, dass es (noch) keine fertigen Antworten darauf gibt, wie wir Erwachsenenbildung aktuell gestalten wollen und dass es sich deshalb sehr lohnt, den Experimentiermodus der Lockdown-Zeiten fortzuführen. Damit kann dann auch neu auf Vor Ort Veranstaltungen geblickt werden, ebenso wie auf hybride Konzepte.

Vor diesem Hintergrund kam ich zum Titel: Erwachsenenbildung im Ausprobiermodus. Bei solch einem Titel ist es fast zwangsläufig, dass die Impulse nicht als klassischer Vortrag weitergegeben werden, sondern die Veranstaltung auch selbst eine ‚Ausprobier-Veranstaltung‘ ist. So entstand die Idee, mit den Teilnehmenden eine ‚Bildungsexpedition‘ zu veranstalten, bei denen an mehreren Stationen gespielt, entwickelt und ausprobiert wird.

Stationen: Gemeinsam entwickeln und erkunden!

Bereits beim Ankommen erfuhren die Teilnehmenden, dass es auf Bildungsexpedition geht. Sie bekamen ein Traubenzucker zur Stärkung die Aufgabe, sich mit ihren ‚Mitreisenden‘ vertraut zu machen und ein ‚Erinnerungsalbum‘ zum Falten. Hier waren alle Stationen aufgeführt. So wussten sie, welche Themen sie erwarten. Eine Anleitung zum Falten des Erinnerungsalbums war im Raum eingeblendet – die gemeinsame Bastelei sorgte direkt für die ersten Gespräche.

Ich startete dann klassisch als Vortrag mit einer Präsentation. Hier stellte ich mich als Reiseleiterin vor – und gab drei wichtige ‚Regeln‘ weiter.

  1. Alle Inhalte sind zum Nachlesen und Vertiefen online. (Das ist sehr wichtig, damit die Menschen sich auf das etwas chaotische Lernen einlassen – und nicht immer gleich Angst haben, etwas zu verpassen)
  2. Wir lernen umso mehr, je mehr wir uns beteiligen. (Das erklärt sich von selbst. Denn wer nicht in den Austausch geht, wird bei diesem Format nur sehr wenig mitnehmen können).
  3. Wenn die Hupe ertönt, stoppen wir und sind leise. (So etwas braucht es unbedingt, da die einzelnen Stationen immer zeitlich begrenzt sind – und man sonst nicht weiter moderieren kann und niemand mehr weiß, was gerade die Aktivität ist).

Danach stoppte ich den Beamer, verteilte allen eine ‚Expeditionstüte‘, in der die Materialien für die einzelnen Stationen waren – und wir starteten unsere Expedition.

Station 1: Bekanntes zurücklassen

Bei Bildung im Wandel wird es immer so sein, dass bekannte/ vertraute Sachen zurückgelassen werden / dass etwas nicht mehr ’so wie früher‘ funktioniert. Einige solcher Dinge, die wohl zurückgelassen werden, standen auf Karteikarten der Teilnehmenden in den Expeditionstüten (z.B. nur synchrone Lernangebote, unflexible Programmplanung, Lernangebote ganz ohne Digitales, Lernangebote, die Diversität nicht in den Blick nehmen, negative Fehlerkultur …). Andere fanden in der Expeditionstüte nur eine noch unbeschriftete Karteikarte. Die erste Aufgabe war es nun, sich in Gesprächsrunden zu treffen, die ausgefüllten Karteikarten als erste Anregung zu nehmen und dann die noch leeren Karteikarten auszufüllen. Alle Karteikarten wurden dann zum Abschluss der Station an einer Pinnwand gesammelt.

Station 2: Leitbild entwickeln

Gerade wer viel erkundet und ausprobiert, braucht einen klaren Kompass, d.h. ein Leitbild an dem man sich orientieren kann. In der Kürze der Zeit war es nicht möglich, ein gemeinsames Leitbild mit allen Beteiligten zu entwickeln, aber mindestens sollten alle Anregungen für solch ein Leitbild erhalten. Dazu nutzten wir die Zuhörer*in/Redner*in Methode: Hierzu fanden die Teilnehmende per Zufall entweder eine Redner*in oder Zuhörer*in-Karte in ihrer Expeditionstüte. Alle bewegten sich durch den Raum, Redner*innen hielten dabei ihre Karte hoch. Auf ein Signal hin, sammelten sich die Zuhörer*innen um sie und hörten ihnen 2 Min zur Frage zu, was für sie zu einem Leitbild guter Bildung dazu gehört. Danach Kartentausch und neue Gruppenbildung. Insgesamt machten wir drei Runden. Herausfordernd war es hierbei sowohl, als Zuhörer*in wirklich nur zuzuhören – als auch als Redner*in tatsächlich 2 Min einfach so zu sprechen.

Zum Abschluss der Station hielten alle Beteiligten auf einer leeren Karte aus ihrer Expeditionstüte fest, was für sie unbedingt zu einem Leitbild guter Bildung dazu gehört. Die Karten wurden gefaltet und gemischt – und jede Person durfte sich eine Karte mitnehmen. Genutzt werden kann sie bei einer zukünftigen Konzeption eines Lernangebots. Die Teilnehmenden können dann die Karte zur Hand nehmen und sich überlegen, ob sie etwas, was auf dieser Karte steht, noch bei ihrer Konzeption berücksichtigen wollen.

Station 3: Gemeinsam erkunden

Nach den Überlegungen zum Leitbild folgte die Station ‚Gemeinsam erkunden‘. Hier gruppierten sich die Teilnehmenden zunächst in Gruppen von 3-5 Personen und entnahmen ihren Expeditionstüten dann einen dort befindlichen Zufallsgegenstand. Hierbei handelte es sich beispielsweise um einen Legostein, eine Batterie, einen Kronkorken, einen Stift, einen Zahnstocher, eine Sonnencreme, ein Brillenputztuch …

Bei dieser Station gab es zwei Runden:

  • In der ersten Runde ging es darum, sich für jeden Gegenstand in der Gruppe zu überlegen, wofür er im Kontext guter Bildung stehen könnte. Ein Kugelschreiber könnte z.B. dafür stehen, dass sich Teilnehmende bei Veranstaltungen eigene Notizen machen, oder dass ein Lernangebot aus mehreren Teilen bestehen sollte (so wie man auch einen Kugelschreiber auseinander bauen kann). Oder dass zu einem Lernangebot Musik gehört (weil man auch mit einem Kugelschreiber klackern kann). Diese Beispiele zeigen, wie breit die Teilnehmenden denken konnten.
  • In der zweiten Runde versuchten die Teilnehmenden dann, sich zu überlegen, was sie gemeinsam konzipieren könnten, wenn sie dazu alle Zufallsgegenstände in ihrer Gruppe nutzen würden.

Insgesamt war es das Ziel dieser Station, dass die Teilnehmenden erkennen, wie einfach und schnell man in einer Gruppe Ideen entwickeln kann – und wieviel Freude man dabei haben kann.

Station 4: Widerstände überwinden

Wer vieles neu entwickelt und Ideen spinnt, wird auf Widerstände stoßen. An der vierten Station übten wir in einem Rollenspiel, typische Widerstände zu überwinden. Dazu spannten wir quer durch den Raum ein Absperrband. Alle Teilnehmenden standen auf der einen Seite. Ich suchte sechs Freiwillige, die ein Schild mit einem typischen Einwand erhielten. Es gab diese sechs Einwände:

  • Das haben wir aber noch nie so gemacht!
  • Das wird bestimmt schiefgehen!
  • Das ist viel zu aufwändig!
  • Davon haben wir viel zu wenig Ahnung!
  • Wir müssen nicht jede Mode mitmachen!
  • Das passt nicht zu uns und ist nicht authentisch!

Die Frewilligen stellten sich nun mit ihrem jeweiligen Einwand vor das Absperrband und erhielten die Aufgabe, für ihren Einwand zu argumentieren. Die anderen Teilnehmenden konnten sich einen Einwand aussuchen – und versuchen, dagegen zu argumentieren. Nach ca. 5 Minuten stoppten wir die Rollenspiele und die Freilligen durften einschätzen, wie erfolgreich die Argumente gegen ihre Einwände waren.

Das Ziel dieser Station war es, in einem spielerischen Setting den Umgang mit typischen Widerständen zu lernen und Argumente zu sammeln.

Station 5: Ideen und Erfahrungen teilen

Für die letzte Station begaben wir uns wieder ins Plenum. Anstatt selbst ein Fazit zu ziehen, gab es ein offenes Mikro. Wer wollte durfte sein wichtigstes Learning von der Veranstaltung mit den anderen teilen.

Ich hatte zusätzlich eine Website eingerichtet, auf der alle ihr Fazit als Sprachnachricht teilen konnten. Das hätte ich dann später zusammengeschnitten. Vor Ort hatten wir dazu aber nicht mehr genug Zeit – und ich vermute, dass es als ‚Aufgabe für später‘ nicht funktionieren wird. Sonst werde ich das hier noch ergänzen.

Hybridität: Mehr als kleinster gemeinsamer Nenner

Ich habe oben geschrieben, dass auch Menschen online teilnahmen- Für diese Personengruppe hatten wir uns überlegt, dass sie zum Einstieg und zum Abschluss mit dabei waren, d.h. hier wurde die Veranstaltung Live gestreamt. Bei der Erkundung der Stationen 1-4 erhielten die Online-Zugeschalteten ein vorab von mir aufgezeichnetes Video, in dem ich die Konzeption der Bildungsexpedition erläuterte. Während die Teilnehmenden vor Ort also praktisch auf Expedition gingen, konnten die Online-Zugeschalteten einen Blick hinter die Kulissen der Konzeption werfen. Praktisch daran ist, dass diese Aufzeichnung nun auch anderen Interessierten zur Verfügung steht. Du kannst sie Dir hier anschauen.

Fazit: Weiternutzen!

Diese Bildungsexpedition ist nur eine von zahlreichen Möglichkeiten wie Vor Ort Veranstaltungen anders, weil interaktiver und austauschorientierter, gestaltet werden können. Nutze die Ideen gerne, um auch selbst eine Veranstaltung ‚mit Kontrollverlust‘ zu konzipieren. Ich finde, dass es sich sehr lohnt – und freue mich, wenn Du von Deinen Erfahrungen berichtest.

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