Ich kann nicht mehr!

Das zweite Jahr Corona-Pandemie, große Unsicherheiten und Sorgen angesichts der Prognosen zur Omikron-Virusvariante und weiterhin keine grundlegenden Änderungen in Kitas, Schulen, Hochschulen und Erwachsenenbildung… All das bleibt nicht ohne Folgen. Mich eingeschlossen sind viele Pädagog*innen jetzt vor Weihnachten im besten Fall sehr ferienbedürftig, häufig aber grundlegend erschöpft und ausgebrannt.

In diesem Blogbeitrag schreibe ich darüber, wie ich im letzten Jahr für mich versucht habe, einen Umgang mit dieser Situation zu finden. Meine Perspektive ist dabei die einer freiberuflich arbeitenden Pädagogin, die nicht institutionell eingebunden ist. Ich teile meine entwickelten Überlegungen und Handlungsstrategien, weil sie vielleicht auch für andere hilfreich sein können. Außerdem finde ich, dass es viel mehr Menschen braucht, die vorleben, dass ‘nicht immer alles schaffen’ auch sehr in Ordnung ist.

1. Offen kommunizieren

Mein erster richtiger Erschöpfungszustand in diesem Jahr war noch vor der Sommerpause. Damals habe ich darüber noch wenig reflektiert, aber merkte, dass ich mir zu viel vorgenommen hatte. Ganz konkret musste ich – neben vielen anderen Aufgaben – eine Konzeption für eine Lernplattform schreiben und diese konfigurieren. Das schob ich immer weiter vor mir her bis ich eines Tages von der auftraggebenden Kollegin eine Mail bekam, in der sie sehr direkt fragte: “Nele, für uns ist es wichtig, dass wir planen können. Wenn das gerade bei Dir zeitlich nicht geht, können wir verschieben oder auch den Auftrag ändern – wichtig ist uns vor allem, dass wir uns darauf einstellen können.” Diese Mail war für mich ein erstes ‘Aha-Erlebnis’, weil mir klar wurde, dass Verschieben und Ändern nicht per se etwas Schlimmes ist, sondern passieren darf. Schlimm (oder zumindest sehr viel blöder für alle Beteiligten) wird es allerdings dann, wenn man aus Angst davor, einzugestehen, dass man etwas nicht hinbekommt, lieber erst einmal gar nichts tut. Meine erste und wahrscheinlich wichtigste Handlungsstrategie lautet deshalb: Offen kommunizieren, wenn etwas doch nicht (bzw. nicht so schnell) geht – je früher desto besser.

Dieses offen Kommunizieren ist bei mir auch oft der erste Schritt, um wieder selbst die Hoheit über Projekte zu haben und nicht gelähmt und handlungsunfähig wie ein Kaninchen vor der Schlange zu sitzen. Denn indem ich offen kommuniziere, dass ich etwas nicht so wie geplant schaffe, kann ich zugleich kommunizieren, wie ich es denn alternativ schaffen könnte. Und damit ist der schlimmste Druck dann meistens weg – und die eigentliche Arbeit viel besser bewältigbar.

2. Verhalten von anderen einordnen

Meine Arbeit fand ich im letzten Jahr auch deshalb schwieriger, weil die Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, sich verändert haben: Während ich früher meist sehr schnell Antworten auf Rückfragen bekam, Mails sehr freundlich geschrieben waren und in Videokonferenzen meist viel Raum war für ein bisschen Smalltalk und Lachen, gibt es jetzt oft keine bzw. sehr späte Reaktionen oder andere Menschen sind kurz angebunden bzw genervt. Für mich war es ein weiteres ‘Aha-Erlebnis’, als ich mir dazu irgendwann klar machte: ‘Dieses Verhalten hat sehr wahrscheinlich gar nichts mit mir oder meiner Arbeit zu tun, sondern die sind alle einfach ganz genauso kaputt, wie ich es oft bin.’

Diese Art der Einordnung des Verhaltens von anderen klingt wahrscheinlich wenig spektakulär, aber mir hilft sie sehr. Denn ich beziehe eine unfreundliche bzw. kurz angebundene Mail dann nicht mehr sofort auf mich und denke, dass ich irgend etwas falsch gemacht habe, sondern ordne es in den größeren Kontext ein. Wenn ich mit Menschen enger zusammenarbeite, dann versuche ich solche Warnsignale auch aufzugreifen und zurückzufragen: ‘Sollen wir unser Vorhaben verschieben? Brauchst Du mehr Zeit? Kann ich irgend etwas anderes für Dich tun?’

3. Nein sagen lernen

Nein zu sagen bei Anfragen fand ich schon vor der Corona-Pandemie schwierig. In der aktuellen Situation finde ich es sogar noch schwieriger. Erstens liegt das daran, dass ich sehr den Eindruck haben, dass Hilfe und Unterstützung bei der Gestaltung von Bildung an so vielen Stellen ganz dringend gebraucht wird. Und zweitens finden so viele spannende Projekte statt, an denen ich so gerne teilhaben und mitmachen würde. Deshalb bin ich hier immer noch am Lernen, wie ich trotz alledem Nein sagen kann, wenn eben einfach keine Kapazitäten mehr da sind.

Zum einen hilft mir dabei, dass ich mir sage: Lieber gar keine Beteiligung, als eine für alle Beteiligten (inklusive mir) unzufriedenstellende Beteiligung. (Auf Twitter habe ich irgendwann einmal eine simple Grafik gesehen, die in der aktuellen Situation eigentlich immer passt – und bei der Entscheidungsfindung hilft. Ich habe sie hier nachgebastelt.)

Zum anderen hilft es mir beim Nein sagen, wenn ich nicht einfach nur absage, sondern auf andere fähige Menschen oder Materialien verweisen kann. Anstatt also nur zu schreiben: ‘Nein, leider habe ich aktuell keine Kapazitäten für den H5P-Workshop’, kann ich ergänzen ‘… aber Person NN aus meinem Netzwerk hätte vielleicht Zeit. Und wenn das auch nicht klappt gibt es hier einen tollen offenen Online-Einstiegskurs – und hier habe ich dazu gebloggt, wie man damit selbst ein Peer to Peer Lernangebot gestalten kann.’

(Zum Glück ist die Auftragslage aktuell eher zu viel als zu wenig und so war ich noch nie in der Situation, dass ich bei Anfragen zuerst überlegen muss: Muss ich das aus finanziellen Gründen annehmen? Vielmehr bin ich in der privilegierten Situation, dass mein Beruf zugleich das ist, wofür ich mich einsetzen will – und die Frage ist dann eben: ‘Wie viel Zeit habe ich?‘)

4. Sich helfen lassen

Ganz genau so wie Nein sagen schwer fällt, so fällt es auch oft schwer, sich helfen zu lassen. Dabei wäre doch gerade in Krisenzeiten so viel gewonnen, wenn wir alle als Pädagog*innen viel mehr zusammen arbeiten würden. Während ich diesen Blogartikel schreibe, sehe ich z.B. diesen Tweet von Oliver in meiner Timeline, in dem er ganz direkt fragt, ob irgendwer ein Edu-Breakout für ihn hätte, dass er sich ‘klauen’ und anpassen kann. Ich finde das toll – und ich wünschte, wir alle (mich eingeschlossen) hätten zu so etwas häufiger den Mut.

Was mir dabei hilft, ist meine Verankerung in der OER-Community, d.h. der Bewegung für offenen Bildungsmaterialien (OER = Open Educational Resources). Dadurch weiß ich mindestens, dass ich das Rad nicht immer neu erfinden muss, weil es ganz viele tolle Materialien gibt, die nur darauf warten remixt zu werden.

5. Für Schönes ‘überwinden’

Wenn alles zu viel ist, dann fehlt oft auch Zeit und Kraft für die Dinge, auf die man sich eigentlich gefreut hatte und an denen man sich gerne beteiligen will. Schnell setzt sich dann ein fataler Teufelskreis in Gang, bei dem man gerade das wegstreicht, was einem neue Motivation, Kraft und Bestärkung gegeben hätte _ um Zeit für viele andere Dinge zu haben, die man dann aber ohne diese Motivation, Kraft und Bestärkung gar nicht schafft.

Ich versuche mir deshalb gerade in sehr anstrengenden Zeiten eine alternative Art der Priorisierung anzugewöhnen: Nicht mehr länger: Was ist am drängendsten? Sondern: Was ist wichtig, weil sonst auch alles andere nicht mehr geht?. Und zu dem was dann nicht mehr reicht, gilt das unter 1. Geschriebene: Es ist wichtig, offen und möglichst frühzeitig zu kommunizieren, dass es langsamer geht.

6. An der eigenen Unzulänglichkeit nicht verzweifeln

Ich habe im letzten Jahr vor allem damit gehadert, dass mein Selbstbild zum Teil ins Wanken geriet. Mein Weg ging von ‘Ich schaffe das schon alles ‚ hin zu dem Eingeständnis ‘Nein, ich schaffe das nicht immer alles’. Nun arbeite ich daran, dass ich dazu noch sagen kann: ‘… und das ist trotzdem in Ordnung so!’

Letzteres empfinde ich als ziemlich schwierig, weil ich es wirklich blöd finde, z.B. einen Termin zu verpassen oder eine Mail durchrutschen zu lassen – und das ist es ganz objektiv betrachtet ja auch. Ich versuche mir dann aber klar zu machen, dass es niemandem hilft, wenn ich jetzt deswegen auch noch ein super schlechtes Gewissen habe und mir Vorwürfe mache. Hilfreich kann es aber für mich und alle anderen Beteiligten sein, wenn ich den Patzer als Anstoß nehme, um mir selbst zu überlegen, wie es dazu kommen konnte und was ich ändern muss, dass es zukünftig wieder besser läuft. Und sehr oft werden die Antworten die Handlungsstrategien sein, die ich unter 1-5 skizziert habe.

7. Krise als kollektiver Lernprozess

In den Online-Welten, in denen ich mich bewege, begegne ich zurzeit gefühlt überwiegend zwei Extremen: Zum einen Menschen, die sehr erschöpft sind – und davon berichten. Zum anderen Menschen, die scheinbar alles ganz perfekt hinbekommen – und ebenfalls davon berichten. Was mir ein bisschen fehlt, ist Kommunikation darüber, wie man vom einen zum anderen kommt, d.h. Erfahrungsberichte, was man tun kann, gegen lähmende Erschöpfung und Ausgebranntsein. Besonders großartig fände ich es, wenn wir alle die derzeitigen Schwierigkeiten nicht nur als Anstoß zu mehr individueller Achtsamkeit verstehen, sondern vielmehr als kollektive Lernherausforderung, die dringenden Änderungsbedarf sichtbar macht. Die grundlegende Frage wäre dann nicht: ‘Wie kann ich besser funktionieren?’, sondern: ‘Was ist das für ein Bildungssystem, in dem wir alle immer funktionieren müssen – und wie könnte es anders sein?’

Vielleicht kann dieser Blogbeitrag ja ein kleines bisschen zu solch einer Diskussion beitragen. Auch unabhängig von diesem ‘großen Rahmen’ freue ich mich, auch von Deinen Erfahrungen und Einschätzungen zu lesen. Mitdiskutieren kannst Du z.B. direkt unter diesem Tweet.


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