Feedback in der Kultur der Digitalität

Die Heinrich Heine Realschule in Hagen hat mich für einen Input angefragt zum Thema Feedback in einer Kultur der Digitalität. Leider passte es zeitlich nicht. Über die Anfrage habe ich inhaltlich aber noch weiter nachgedacht. Dabei fiel mir auf, dass ‘Feedback in der Kultur der Digitalität’ ein wirklich großartiges Thema ist, um über ganz viele Aspekte einer zeitgemäßen Bildung zu reflektieren. Ein paar erste Gedanken dazu teile ich in diesem Blogbeitrag.

Was ist Feedback? Was ist Kultur der Digitalität?

Feedback lässt sich knapp als Rückmeldung zu einer Äußerung oder einer Aktivität definieren. Im Kontext von Bildung bezieht sich Feedback in diesem Sinne meist auf eine Rückmeldung zum Lernen (oder auch zum Lehren).

Mit Kultur der Digitalität ist gemeint, dass Digitalisierung ein Prozess ist, der unser aller gesellschaftlicher Leben in praktisch allen Bereichen prägt – und damit nicht nur originär digitale/ technische Entwicklungen betrifft. Für die Schule (oder auch für andere Bildungseinrichtungen) ergibt sich daraus die Schlussfolgerung, dass sich Lehren und Lernen in einer Kultur der Digitalität grundlegend ändern muss – und Digitalisierung an der Schule deshalb nicht bedeuten kann, die Bildung des Buchdruckzeitalters mit Tablets und interaktiven Whiteboards fortzusetzen. Als grundlegend für Bildung in einer Kultur der Digitalität gelten die Schlüsselkompetenzen Kollaboration, Kommunikation, Kreativität und Kritisches Denken, die oft als ‘4K’ abgekürzt werden.

Zum Verständnis der Kultur der Digitalität finde ich das ‘Denkmodell des Büffelns’ versus das ‘Denkmodell des Rauskriegens’ von Lisa Rosa sehr hilfreich, das wir – leicht angepasst – im Frühling hier bei den Edunauten verwendet haben

Welche Aspekte umfasst Feedback in einer Kultur der Digitalität?

Wenn sich Lehren und Lernen in der Kultur der Digitalität grundlegend verändert, verändert sich damit auch die Art und Weise von Feedback:

  • Feedback als Lernbegleitung: Während Feedback in einem vorherrschend-traditionellen Bildungskontext häufig als Rückmeldung im Sinne einer Korrektur bzw. Bewertung und damit als Abschluss eines Lernprozesses verstanden wird, verschiebt sich der Fokus in einer Kultur der Digitalität auf Lernbegleitung. Mithilfe des Feedbacks können Lernende in ihrem Lernprozess unterstützt werden. Zum Beispiel, indem sie eine Rückmeldung dazu bekommen, was schon gut klappte oder woran sie noch weiter üben könnten. Nötig ist Feedback somit vor allen während des Lernprozesses.
  • Feedback als alternative Leistungsbewertung: Da beim Lehren im Kontext einer zeitgemäßen Pädagogik mit den oben erwähnten ‘4K’ nicht mehr vorrangig Lerninhalte-Vermittlung im Fokus steht, ist Feedback im Sinne von Leistungsbewertung auch nicht mehr in Form von ‘Lerninhalte-Abfragen’ durchzuführen. Stattdessen wird eine alternative Leistungsbewertung erforderlich, die Kompetenzentwicklung der Lernenden in den Blick nimmt und in jedem Fall personalisiert gestaltet werden muss. Das Feedback der lehrenden Person kann z.B. in einem Lernentwicklungsgespräch erfolgen, in dem die lernende Person berichtet: Was wollte ich erreichen? Wie hat es geklappt? Was hat mich behindert/ was hat gefehlt? Worauf bin ich stolz?
  • Feedback als Selbstlernkompetenz: Streng genommen ist ‘sich selbst Feedback geben’, wahrscheinlich nicht mehr vom Begriff Feedback umfasst. Ich möchte es hier trotzdem aufnehmen, weil ich es für einen wesentlichen Bestandteil von zeitgemäßer Bildung halte: Lernende können hier ermächtigt werden, ihren Lernprozess selbst einzuschätzen und zu überlegen, wie sie ihn besser gestalten können. Technisch kann Selbstlernen mit Tools wie H5P unterstützt werden, mit dem Lernende in Selbstlernphasen ein automatisiertes und direktes Feedback zu ihrer Eingabe erhalten.
  • Feedback als Teil von Peer-Lernen: Noch grundlegender verändert sich Feedback, wenn es gar nicht mehr von einer lehrenden Person an eine lernende Person gerichtet wird, sondern wenn die lehrende Person ihre Aufgabe auch so versteht, Lernprozesse zu gestalten, in denen sich Lernende gegenseitig Feedback geben können. Auf diese Weise kann unter gleichberechtigten Lernenden voneinander und miteinander gelernt werden.
  • Feedback im Kontext von Projektlernen und Lernen mit ‘Selbstwirksamkeit: Wenn Lernen im Kontext einer zeitgemäßen Pädagogik authentische Herausforderungen aufgreift, kommt noch eine weitere – aus meiner Sicht wahrscheinlich die wichtigste – Ebene von Feedback hinzu: Lernende erfahren und erleben in solchen Lernsituationen sehr direkt, ob ihre Handlung Wirkung zeigt oder auf Zustimmung stößt. Zum Beispiel, wenn sie mit einer Schülerfirma einen Auftrag annehmen, eine Gesprächsrunde im Altenheim vor Ort organisieren, ein Reparaturcafé planen oder in einem Blog zu einer für sie relevanten Frage Stellung beziehen.

Feedback beim Online Lernen

Die oben genannten Aspekte gelten für zeitgemäße Pädagogik insgesamt – unabhängig davon ob sie analog, hybrid oder online stattfindet. Wenn man aber gezielt das Online-Lernen in den Blick nimmt, eröffnet das Nachdenken über Feedback noch einen weiteren spannenden Aspekt: Feedback ist Teil von Kommunikation – und wie diese gestaltet wird, ist im Online Kontext noch deutlich weniger selbstverständlich bzw. sozial eingeübt wie in Präsenz-Situationen. Im Online Lernen ist bei Feedback deshalb eine doppeldeutige Situation beobachtbar:

  • Auf der einen Seite ist Feedback im Online Lernen schwieriger bzw. stößt an Grenzen: Wenn jemand z.B. etwas in einer Videokonferenz sagt, sind die Rückmeldungen dazu meist viel weniger offensichtlich (bzw. bei ausgeschalteter Kamera gar nicht sichtbar), als wenn jemand etwas in einer Gruppe in Präsenz sagt. Oder wenn jemand etwas online liest, sieht die ‘sendende Person’, seine Reaktion nicht. Wenn sie direkt mit ihm spricht dagegen schon.
  • Auf der anderen Seite kann Feedback im Online Lernen sehr bewusst/ explizit, vielfältig und personalisiert gestaltet werden und somit neue Perspektiven und Potentiale eröffnen: Da man mein ‘freundliches Lächeln’ als Reaktion auf etwas Gelesenes beim Lernen auf Distanz nicht sieht, schreibe ich meine Emotion auf und teile sie so explizit mit. Statt als lehrende Person einer ganzen Lerngruppe etwas mitzuteilen, gebe ich unterschiedliches und personalisiertes Feedback an einzelne Lernende. Statt nur etwas zu sagen oder aufzuschreiben, kann ich ohne großen Aufwand Feedback als Audio oder auch als kurzes Video geben.

Im Distanzlernen wird / wurde diese Ambivalenz offensichtlich und für viele erlebbar. Meine These ist hier, dass bei klassisch (d.h. im Sinne des Buchdruckzeitalters) gestalteter Pädagogik oft die Grenzen deutlich wurden, während sich bei zeitgemäßen Lernformaten auch und gerade die Potentiale zeigten. Das kann aus meiner Sicht einen guten Ausgangspunkt darstellen, um auf dieser Grundlage darüber zu reflektieren, wie wir Lehren und Lernen und damit auch Feedback in einer Kultur der Digitalität gestalten wollen.

Zum Abschluss: ein paar Tools 🙂

Im Blogbeitrag sollte deutlich geworden sein, dass zeitgemäßes Feedback nicht primär eine Frage von Tools ist. Weil Tools aber auch einfach Spaß machen können, teile ich hier abschließend ein paar offene Webtools für Feedback:

  • Ich habe oben H5P erwähnt. Ich mag diese Open Source Software sehr gerne, um Materialien zu gestalten, die selbstorganisiertes Lernen stärken. Alles, was Du dazu wissen musst, um es gut verwenden zu können, findest Du in diesem offenen online-Kurs von Oliver.
  • Audio-Feedback ist eine wunderbare Form von Feedback. Es lässt sich mit H5P gestalten oder auch mit Online Tools wie z.B. Vocaroo.
  • Ebenfalls hilfreich für Feedback kann es sein, einfach schnell ein Video von sich selbst aufzuzeichnen. Ich habe darüber im WirLernenOnline Bildungslearnings2020 Adventskalender gesprochen.
  • Immer schön – auch als Reaktion auf Social Media oder Messenger – sind ‘2 Sekunden-Reaktions-Gifs’.
  • Wenn man synchron etwas vorträgt, mag ich Mentimeter sehr gerne (das ist allerdings kein offenes Webtool). Neu experimentiert habe ich hier mit der Kommentierungsmöglichkeit auf Folien. Das bedeutet, dass Zuhörer_innen kurz eine Reaktion eintippen können, die dann bei allen kurz aufploppt. Sehr gut geeignet für mehr Interaktion und direktes Feedback!
  • Wer Tools für Feedback im Sinne von Evaluation sucht, kann die Zielscheibe von Oncoo verwenden oder mit BitteFeedback einfach und registrierungsfrei Fragebögen erstellen und teilen.
  • Und – ganz wichtig – mit Memes kann man oft viel mehr und besser kommunizieren als mit vielen Worten – und auf ImgFlip gibt es zahlreiche Vorlagen.

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