Agiles Lernen im Kollegium

Im zurückliegenden Jahr habe ich gemeinsam mit Niels Winkelmann an einem – wie ich finde – sehr spannenden Auftrag des Niedersächsischen Landesinstituts für schulische Qualitätsentwicklung (NLQ) gearbeitet. Nun ist das entstandene Lernangebot veröffentlicht – und ich freue mich über Feedback zur Weiterentwicklung und Anpassung.

Das bedeutet für Dich: Du kannst das Lernangebot schon jetzt mit Deinem Kollegium nutzen. Vor allem aber kannst Du Dir das Konzept anschauen und testen, ob das für Dich und deine Schule passen könnte. Wenn noch nicht, dann kannst Du uns weitergeben, was es dazu aus Deiner Sicht noch bräuchte bzw. was anders gestaltet werden müsste.

Worum geht es?

Das Lernangebot trägt den Titel: Schule selbst entwickeln und effizienter gestalten. Dieser Titel trifft gut, was mit dem Lernangebot intendiert ist:

Die Institution Schule wird sehr häufig durch externe Rahmenbedingungen (fehlende personelle Kapazitäten, schlechte Infrastruktur, unpassende Vorgaben …) ausgebremst. Zugleich steht sich Schule aber an manchen Stellen auch selbst im Weg und es könnte durchaus Möglichkeiten geben, um trotz der alles andere als guten Rahmenbedingungen zu einer effizienteren Gestaltung des Lehrens und Lernens zu gelangen. In diesem Sinne greift das Lernangebot zentrale Themen auf, die in diesem Zusammenhang entscheidend sein können: Kompetenzentwicklung durch Peer-to-Peer Lernen, Unterrichtsentwicklung, Kommunikation und Informationsmanagement sowie Schulentwicklung durch Leitbildarbeit. Anstatt Lehrkräfte aber Schritt für Schritt durch einen klassischen Kurs zu diesen Themen zu führen, werden sie dazu eingeladen, sich gemeinsam mit ihrem Kollegium eigenständig auf den Weg zu machen. Wer die genannten Themen für die eigene Schule weniger relevant findet, kann auch ein ganz anderes Thema zur Bearbeitung definieren.

Das Lernangebot ist also in wesentlichen Punkten anders als ein klassischer Kurs:

  • Die Zielgruppe ist das ganze Kollegium – nicht nur einzelne Lehrkräfte.
  • Es gibt keine externe Betreuung oder zeitliche Festlegungen.
  • Die inhaltliche und strukturelle Ausgestaltung liegt maßgeblich in der Hand der jeweiligen Schule.

Wer bis hierher gelesen hat, stellt sich jetzt vielleicht die Frage:

Wozu braucht es denn dann ein ‚Lernangebot‘, wenn die einzelnen Schulen einfach alles selbst machen sollen?

Die Antwort darauf lautet: Die Schulen werden nicht allein gelassen. Stattdessen bietet das Lernangebot einen Rahmen für den erwünschten und selbst gestalteten Lern- und Entwicklungsprozess des Kollegiums. Es beantwortet die Frage: Wie genau können wir vorgehen, wenn wir unsere Schule selbst entwickeln und effizienter gestalten wollen – sowohl zu den genannten Themen als auch darüber hinaus? Dazu wird ein am agilen Lernen orientiertes Vorgehen vorgeschlagen und im Kollegium verankert.

Was ist agiles Lernen und Arbeiten?

Die Grundidee von agilem Lernen und Arbeiten ist, dass ein Prozess kleinschrittig gestaltet ist, um immer wieder Raum für Reflexion und Anpassung zu bieten. Jeder Schritt in der Entwicklung ist in einem so genannten Sprint zusammengefasst. Zwischen den Sprints wird das vorläufige Ergebnis einer Person vorgestellt, die nicht direkt am Sprint beteiligt war. Mit den dort besprochenen Anpassungen geht es dann in den nächsten Sprint.

Praktisch sieht ein Lern- und Arbeitsprozess auf Grundlage agiler Prinzipien also folgendermaßen aus:

  • Eine verantwortliche Person erteilt einen ‚Auftrag‘ an eine Arbeitsgruppe.
  • Die Arbeitsgruppe beginnt damit, diesen Auftrag in einem Sprint zu bearbeiten.
  • Sie stellt ihr erstes Zwischenergebnis der verantwortlichen Person vor.
  • Die verantwortliche Person gibt Feedback.
  • Mit diesem Feedback arbeitet die Gruppe weiter im nächsten Sprint.

Dieser Prozess wird immer wieder wiederholt und der Auftrag so immer weiter bearbeitet – bis am Ende ein für alle zufriedenstellendes Ergebnis erreicht wird.

Übrigens: Einige Lehrkräfte nutzen dieses Prinzip für die Gestaltung ihres Unterrichts. Mit dem Buch ‚Scrum in die Schule‚ gibt es dazu umfassende Ideen und Materialien. Unser Lernangebot funktioniert mit ähnlichen Grundprinzipien – aber richtet sich an das Kollegium.

Wie ist das Lernangebot gestaltet?

Grundlegend – und zugleich beim erstmaligen Erkunden wahrscheinlich ungewohnt – ist bei unserem Lernangebot, dass es unterschiedliche Zugänge bietet. Direkt auf der Startseite muss ausgewählt werden, welchen Zugang man nutzen will:

  • Für Menschen aus der Schulleitung oder einer Schulentwicklungsgruppe (= die verantwortlichen Personen, die den ‚Auftrag‘ erteilen und Feedback geben), steht ein ‚Meta-Kurs‚ zur Verfügung. Kurz und prägnant können sie sich hier einen Überblick verschaffen, wie das Lernangebot funktioniert – und wie sie es auf den Weg bringen können. (Ganz praktisch bedeutet das, ein erstes Thema zur Bearbeitung auszuwählen, dann eine ‚Sprintgruppe‘ zu finden und dieser den ‚Auftrag‘ zur Bearbeitung des ersten Sprints zu erteilen.)
  • Die einzelnen Sprintgruppen finden die Materialien zu dem Sprint, zu dem sie sich gemeldet haben, über die jeweils ausgewählten Themen. Wer ganz offen ein Thema wählen will, findet die dazu benötigten Sprints im Freestyle-Bereich.
  • Unter Glossar gibt es inhaltlichen Input in Form von schnellen Überblicksvideos und kommentierten Linklisten. Darauf wird in den einzelnen Sprints verwiesen – aber die Listen können natürlich auch unabhängig von einem Sprint genutzt werden.

Wie sieht das Lernen mit diesem Lernangebot ganz praktisch aus?

Nehmen wir an, dass es an einer Schule bisher noch wenig bis keine Peer-to-Peer Fortbildungsaktivitäten gibt oder vielleicht nur erste Experimente mit Mikrofortbildungen, die aber nie so richtig klappen. Eine Person aus dem Kollegium (vielleicht Du?) liest diesen Blogbeitrag und weist ihre Schulleitung auf die Möglichkeit des Lernangebots beim NLQ hin. Sie argumentiert, dass es doch einen Versuch wert sei, einfach mal auszuprobieren, ob man bei der Herausforderung des Peer-to-Peer Lernens mithilfe dieses Lernangebots weiterkommen könne.

Die Schulleitung ist grundsätzlich aufgeschlossen, informiert sich im Meta-Kurs darüber, wie das ganze funktioniert – und stellt das Vorhaben dann dem Kollegium vor. Sie erklärt, dass es um einen Versuch geht, in insgesamt vier zweiwöchigen Sprints, für die sich jeweils Freiwillige melden können, die Herausforderung des Peer-to-Peer Lernens Schritt für Schritt anzugehen und eine für das Kollegium passende Lösung zu entwickeln.

Es findet sich eine Handvoll Freiwilliger aus dem Kollegium, die sich auf einen ersten Sprint einlassen. Da der Sprint nur zwei Wochen lang dauert und man rund 4-5 Stunden Arbeitsaufwand insgesamt hat, gehen sie eine nicht eine zu große Verpflichtung ein. Außerdem hat die Schulleitung angekündigt, im Gegenzug bei anderen Herausforderungen zu entlasten.

Die Sprintgruppe erhält den offiziellen Auftrag aus der Schulleitung. Darin wird der Gruppe geschrieben, wo im Lernangebot sie ihren Sprint finden (= unter Themen, Peer-to-Peer Lernen, Sprint 1) und bis wann sie Zeit haben. Sie sehen, dass der erste Sprint aus vier einfach erklärten Schritten besteht: Ein synchrones Treffen zum Auftakt, dann eine asynchrone Selbstlernphase, dann ein etwas längeres synchrones Treffen und dann eine asynchrone Fertigstellung.

Der Auftrag im ersten Sprint ist eine grobe Konzeptentwicklung. Die Frage lautet: Wie wollen wir Peer-to-Peer Lernen an unserer Schule konzipieren? Wie die Gruppe in den einzelnen Schritten vorgehen soll, ist im Lernangebot beschrieben. Um das Konzept zu entwickeln, holen sich die Beteiligten eigenständig in der asynchronen Selbstlernphase den Input, den sie brauchen. Sie können dazu auch das verlinkte Glossar nutzen. Ihre Ergebnisse geben sie am Ende des Sprints an die Schulleitung zurück – und können dann entscheiden, ob sie auch im zweiten Sprint dabei bleiben – oder neue Freiwillige gesucht werden müssen.

Wenn die nächste Sprintgruppe gebildet ist, folgt der zweite Sprint zur Implementierung. Wieder wird so vorgegangen, wie beim ersten Sprint. Und so geht es weiter bis nach insgesamt vier Sprints ein Konzept entwickelt, die Implementierung überlegt, die Umsetzung gestaltet und die Umsetzung reflektiert und angepasst wurde.

Alle an den Sprints beteiligten Personen überlegen nun gemeinsam mit der Schulleitung, was sie aus den Sprints zu diesem Thema als Learnings festhalten wollen. Auf dieser Grundlage kann dann ein nächstes Thema ausgewählt – und wiederum in vier Sprints bearbeitet werden.

Kann das funktionieren?

Das Lernangebot ist für mich (und ich denke auch für die anderen Beteiligten) ein Experiment. Es ist der erste ‚Kurs‘, den ich gestalte, bei dem ich das Lernen ganz in die Hand eines Kollegiums lege, das dieses Lernangebot dann gemeinsam nutzen und für sich selbst sehr flexibel und eigenständig gestalten kann.

Ich bin mir bewusst, dass das Lernangebot genau deshalb auch ziemlich herausfordernd ist. Zugleich hat es aber auch sehr großes Potential und kann große Wirkung entfalten. Denn wenn es so funktioniert, wie wir das konzipiert haben, dann ermöglicht das Lernangebot an Schulen die Verankerung von Strukturen und ‚Lern-Routinen‘ für eine kontinuierliche Schulentwicklung als lernende Organisation. Damit lässt sich dann potentiell jede neue Herausforderung aufgreifen und bearbeiten!

Was meinst Du?

Ich bin sehr neugierig, auf Dein Feedback und Deine Überlegungen zur Weiterentwicklung dies Lernangebots. Wie Du mich erreichen kannst, steht hier.

Das Lernangebot findest Du im Online-Angebot des NLQ. Es ist keine Registrierung/ Anmeldung erforderlich, um auf die Inhalte zugreifen zu können.

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