Digitale Vernetzung ist politisch!

Der Twitter-Kauf von Elon Musk war für viele (inklusive mich) ein Anstoß zur Auseinandersetzung damit, wie und wo sie sich mit anderen Menschen im Internet vernetzen. Viele haben das Fediverse bzw. Mastodon als Alternative entdeckt. Andere sind noch am Überlegen und warten ab. Wieder andere wollen (erst einmal) bei Twitter bleiben oder auch auf andere proprietäre Plattformen ausweichen. Egal wie: Es gibt jede Menge Diskussionen, ganz viel Erkunden und einiges an Bewegung. Das finde ich wunderbar!

In dieser Situation möchte ich gerne einen Denkanstoß in die Debatte geben, der mich in diesem Zusammenhang beschäftigt. Kurz gefasst lautet er: Die Art und Weise der digitalen Vernetzung ist nicht nur eine Frage nach individuellen Vorlieben, liebgewonnenen Routinen oder gesuchten Funktionen, sondern möglicher Teil des Wirkens für eine lebenswerte Welt. Zugegebenermaßen klingt das ziemlich pathetisch. Der Einwand liegt nahe, dass unsere Gesellschaft nicht daran zugrunde gehen oder gerettet werden wird, ob ich nun twittere oder tröte. Denn schließlich hat die Menschheit gerade ganz andere und viel größere Probleme. Ich finde allerdings: Genau deshalb ist die Art und Weise der digitalen Vernetzung politisch. Warum?

  1. Wir leben (zumindest in Westeuropa) in einer Gesellschaft, die sehr digital geprägt und vernetzt ist. Wir nutzen das Internet und speziell die sozialen Netzwerke zur Informationsbeschaffung, zur Kommunikation mit anderen, wir bekommen dort Unterstützung, bilden uns Meinungen, lernen Neues kennen und lassen uns unterhalten und/ oder unterhalten andere. Das Internet prägt unser Zusammenleben somit grundlegend und lässt sich nicht von unserer ‚analogen‘ Gesellschaft trennen. In dieser Situation gilt: Eine gesunde Gesellschaft braucht ein gesundes Internet. Ein Internet, das Perspektiven einengt, Hass und Hetze strukturell ermöglicht und befördert und filterblasenübergreifende Kommunikation verhindert bzw. erschwert, führt nicht nur zu einem kranken Internet, sondern auch zu einer kranken Gesellschaft. (Anders herum gilt das natürlich ganz genauso)
  2. Gerade weil wir vor riesigen Herausforderungen wie beispielsweise und insbesondere dem Klimawandel stehen, ist funktionierender Austausch, gelingende Kommunikation und Perspektivenvielfalt unerlässlich, um gemeinsam Lösungen zu erarbeiten. Ohne Kollaboration, was Vernetzung voraussetzt, werden wir nicht vorankommen. Anders ausgedrückt: Wir brauchen ein gutes Internet, um uns konstruktiv zu streiten, zu verbünden und um Herausforderungen gemeinsam bewältigen zu können.
  3. Eng mit dem oben Geschriebenen verbunden ist die Frage nach Demokratie: Wenn das Internet so entscheidend für unsere Gesellschaft ist, dann müssen wir alle selbstbestimmt darin agieren und es selbstbestimmt gemeinsam mit anderen gestalten können. Ohne Daten, Software und Infrastruktur in den Händen von uns allen statt nur von wenigen, wird uns das nicht gelingen.

Diese drei Punkte sind das große Ganze. Was bedeuten sie aber für mich als Einzelperson?

Ich habe für mich die folgenden Schlussfolgerungen gezogen:

  1. Ich möchte weiterhin ein digital-geprägtes Leben führen: Es ist mir wichtig, mich im Internet mit anderen zu vernetzen, mich auszutauschen, von anderen zu lernen, meine Inhalte zu teilen, Unterstützung zu bekommen, berufliche Zusammenarbeit zu gestalten und mich zu amüsieren. Aber: Ich möchte diese Internetnutzung bewusst so gestalten, dass ich – im bescheidenen Rahmen meiner individuellen Möglichkeiten – zu einem demokratischen Internet beitrage, indem ich unter anderem das Fediverse stärke: Durch eine Vorbildfunktion bei der Nutzung des Fediverse, durch inhaltliche Beiträge im Fediverse, die für andere Nutzen haben können oder durch Erklären und Unterstützen, damit andere auch einen Einstieg finden können.
  2. Ich möchte in meiner beruflichen Tätigkeit als Pädagogin einen größeren Schwerpunkt auf demokratische Netzgestaltung legen. Während ich schon früher viel zu Open Source gearbeitet und geworben habe, ist glaube ich noch viel zu tun, die Funktionsweise des Fediverse und die darin liegenden Möglichkeiten für eine mündige Mediennutzung pädagogisch aufzubereiten. Auch für Open Educational Resources (OER) liegen im Fediverse glaube ich noch viele Potentiale, die es zu erschließen gilt. Vor allem aber liegt für mich das Ziel von Bildung insbesondere darin, alle dazu zu ermächtigen für sich und andere ein gutes Leben zu gestalten. Dazu gehört in absehbarer Zukunft auch die Ermächtigung, den digitalen Raum gut und demokratisch gestalten zu können. Da sehe ich noch eine riesige Lücke.
  3. In Bezug auf eine für mich auch beruflich benötigte ‚Reichweite‘ möchte ich das Experiment wagen und mehr, wenn nicht sogar ausschließlich meine eigenen ‚Kanäle‘ nutzen. Allen voran meine Website und meinen Newsletter. Bei der Nutzung der sozialen Netzwerke steht für mich dann Austausch, eigenes Lernen, Kennenlernen neuer Perspektiven und gegenseitige Unterstützung im Vordergrund. Mein Hauptaccount im Fediverse wird mein Mastodon-Profil auf der Instanz von Digitalcourage bleiben, das ich schon seit dem Frühjahr nutze. Ansonsten bin ich mit meinem (kaum genutzten) Instagram-Account bereits zu Pixelfeld umgezogen. Mit einem Youtube-Account bin ich auf der Suche nach einer Peertube-Instanz. Wie ich mit Linkedin und vor allem mit Twitter umgehen werde, habe ich noch nicht endgültig entschieden, aber bin dort aktuell nicht aktiv. Mindestens in den nächsten Wochen werde ich meine dortigen Profile nun zur ‚Werbung‘ für das Fediverse nutzen.

Das Schöne an diesen Schlussfolgerungen ist: Ich habe nicht das Gefühl, auf etwas verzichten zu müssen, sondern ich beginne etwas Neues und potentiell sehr Spannendes. Das verdanke ich allen voran all den Menschen, die die Idee zum Fediverse schon viel früher hatten, als ich dazu kam, mir systematischer und grundlegender über die Art und Weise meiner digitalen Vernetzung Gedanken zu machen zu machen – und all denjenigen die das Fediverse in den letzten Jahren kontinuierlich immer weiter aufgebaut haben.

An alle, die diesen Beitrag lesen und früher mit mir auf Twitter vernetzt waren, ist mein Rat: Wenn Du nicht mehr länger bei Twitter bleiben willst, dann suche nicht nur nach einem ‚Twitter-Ersatz‘, sondern lasse Dich mit dem Fediverse auf eine andere, demokratische und dezentrale Idee der Netzgestaltung ein, die wir alle gemeinsam weiter gestalten und entwickeln können. Ich denke, dass es sich lohnt: nicht nur für uns selbst, sondern auch für eine lebenswerte Welt!

(Einen möglichen Einwand nehme ich vorweg: Ja, natürlich war Twitter auch schon vor Elon Musk ein proprietäres und nicht-demokratisches Netzwerk und es wäre sicher sinnvoll gewesen, schon viel früher den Weg ins Fediverse zu gehen. Aber es ist ja nie zu spät, um zu lernen.)

PS. Wenn Du im Fediverse einen Account hast, dann kannst Du diesen Beitrag von dort kommentieren. Auch das ist eine der sehr großartigen Sachen des Fediverse 🙂

Und wenn Du jetzt nach diesem Beitrag erst einmal ganz viele Fragen hast, was denn überhaupt dieses Fediverse ist oder wie Du mitmachen kannst, dann findest Du hier eine Kurzanleitung von mir und hier eine ausführliche Darstellung von Digitalcourage.


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