Wie ich versuche, mit Fehlern klarzukommen und Fehler produktiv zu nutzen

In meiner pädagogischen Filterblase besteht große Einigkeit darüber, dass wir in der Bildung und auch gesamtgesellschaftlich eine positive Fehlerkultur anstreben sollten. Das bedeutet: Fehler nicht vorrangig als Problem wahrnehmen, sondern als Lernmöglichkeit! Ich teile dieses Ziel sehr. Zugleich stelle ich fest, dass das Ziel auf mich oft recht abstrakt wirkt. Deshalb habe ich mich gefragt, wie ich erst einmal für mich selbst versuchen kann, möglichst ‚fehlerkompetent‘ zu lernen, zu lehren und zu arbeiten. Mir sind dabei 7 Aspekte für Fehlerkompetenz eingefallen:

1. Fehler zugeben

Zu Fehlerkompetenz gehört für mich als erstes, dass ich mir selbst Fehler eingestehen und diese auch gegenüber anderen zugeben kann. Je nachdem, um welche Art von Fehler es sich handelt, kann das in Form einer Feststellung oder auch in Form einer Entschuldigung geschehen. Wichtig ist aber in jedem Fall festhalten zu können: ‚Das hat nicht so geklappt, wie ich es eigentlich wollte.‘ Und dann wo zutreffend die Ergänzung: ‚Das tut mir leid, Entschuldigung.‘ Oder auch: ‚Hier habe ich mich offensichtlich geirrt.‘

2. Fehler verhindern

Es ist gut, viele Fehler zu machen. Es ist aber ziemlich dumm, immer wieder den gleichen Fehler zu machen! Auch und gerade in einer positiven Fehlerkultur sollte man deshalb zwischen produktiven Fehlern und ‚dummen‘ Fehlern unterscheiden. Produktive Fehler sind Fehler, aus denen ich selbst und vielleicht auch andere etwas lernen können. Dumme Fehler sind Fehler, die aus Unachtsamkeit, Unkonzentriertheit, Nachlässigkeit … passieren, die niemandem etwas bringen und die einfach besser nicht passiert wären. Zu Fehlerkompetenz gehört für mich deshalb, dass ich solche ‚dummen‘ Fehler möglichst zu verhindern versuche. Dazu muss ich Ursachenforschung betreiben: Warum hatte ich den Termin falsch im Kalender eingetragen? Warum schreibe ich dieses Wort immer wieder falsch? Warum waren in meinem letzten Newsletter so viele Rechtschreibfehler? Warum habe ich vergessen, eine Anfrage zu beantworten? …

Die Antworten hierauf können sehr unterschiedlich ausfallen. Als Freiberuflerin werde ich die ‚Schuld‘ erst einmal überwiegend bei mir suchen müssen: Ich habe mir meinen Kalender zu sehr vollgestopft, ich schlafe zu wenig, ich sollte mir endlich einmal Zeit nehmen, zu Thema xy etwas ganz in Ruhe zu lesen, ich wollte zu viel auf einmal erledigen … Wenn ich mich in einer Arbeitssituation mit anderen und in bestimmten nicht von mir festgelegten Rahmenbedingungen befinde, können noch viele andere Punkte dazu kommen: Ich habe zu wenig Pause, die Arbeitsanforderungen sind zu hoch, die Belastung ist zu groß … Fehlerkompetentes Verhalten bedeutet in beiden Fällen, dass ich versuche meine Routinen oder eben auch die Rahmenbedingungen, in denen ich mich bewege, so umzugestalten, dass solche ‚dummen‘ Fehler in Zukunft möglichst wenig vorkommen.

3. Fehler vergeben

An das Ziel der Fehlervermeidung schließt direkt das Ziel der Fehlervergebung an. Denn ich kann noch so gut versuchen, dumme Fehler zu vermeiden. Sie werden mir trotzdem immer mal wieder passieren. Dann habe ich zwei Möglichkeiten: Ich kann mich ganz fürchterlich darüber ärgern und mir damit meinen ganzen Tag kaputt machen – und vor lauter Ärger wahrscheinlich direkt den nächsten Fehler machen. Oder ich kann mich ärgern, aber mir den Fehler dann auch schnell selbst ‚vergeben‘ bzw. feststellen, dass er zwar blöd ist, aber ganz bestimmt auch kein Weltuntergang.

Jede Person, die sich schon einmal fürchterlich über einen Fehler aufgeregt hat, wird bestätigen können, dass sich so etwas leichter schreibt, als es getan ist. Mir hilft es ein bisschen, dass ich mir selbst sage, dass der Fehler von meiner ganzen Ärgerei trotzdem nicht wieder weggeht, sondern jetzt eben passiert ist …

Genau so, wie ich mir selbst eigene Fehler vergeben sollte, so gehört es zu einem fehlerkompetenten Verhalten auch, dass ich Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, ihre Fehler verzeihen kann. Denn genau so wie mir selbst immer wieder mal dumme Fehler passieren, so ist das auch bei anderen – und auch hier hilft es niemanden, wenn ich mich dann sehr z.B. über einen ausgefallenen Termin ärgere.

Das bedeutet natürlich gar nicht, dass alles völlig egal ist und schlampiges Verhalten einfach hingenommen werden muss. Meine Einschätzung ist aber, dass uns allen etwas mehr Nachsichtigkeit oft gut tun würde. Das kommt vielleicht auch daher, weil ich es viel mit Menschen zu tun habe, die einen sehr hohen Perfektionsanspruch an sich selbst haben.

4. Fehler erkennen

Fehler lassen sich oft auch dadurch verhindern, indem ich sie noch rechtzeitig erkenne. Zu Fehlerkompetenz gehört für mich deshalb auch eine gewisse ‚Fehlerwachsamkeit‘. Diese hilft, dass ich einen Fehler erkenne, bevor er schon irgendwo Schaden angerichtet hat. Dazu gibt es ganz gute Routinen:

  • Einen Text laut lesen, bevor ich ihn versende oder veröffentliche.
  • In meinem Mailprogramm einstellen, dass ich gefragt werde, ob ich eine Mail wirklich versenden will, bevor sie rausgeht.
  • Auch wenn es um sehr spannende Projekte geht, besser erst noch einmal kurz um den Block gehen und dann noch einmal mit etwas Abstand auf meine Planung blicken – bevor ich sie mit anderen teile – oder dazu schreiben, dass das nur erste Ideen sind, die gerne verworfen werden können.
  • Im Vorfeld eines Projekts überlegen, was alles möglicherweise schief gehen könnte – und darauf aufbauend überlegen, wie ich das Projekt anpassen könnte.
  • ‚Kritische Freund*innen‘ suchen, bei denen ich mich darauf verlassen kann, dass sie mir sagen, wenn irgend etwas Blödsinn ist.

5. Fehler wagen

Bis jetzt war viel von ‚dummen Fehlern‘ die Rede, die es möglichst zu verhindern gilt. Aber es gibt natürlich ganz genau so auch die produktiven Fehler. Sie entstehen dann, wenn etwas neu versucht, erkundet oder ausprobiert wird. In diesen Fällen kann man sehr oft scheitern, d.h. einen Fehler machen. Aber das ist dann ein Fehler, aus dem man selbst und vielleicht auch andere lernen können.

Zu Fehlerkompetenz gehört für mich deshalb auch, immer wieder Neues – und damit Fehler – zu wagen. Auch dabei helfen mir Routinen:

  • Mir für jeden Workshop vornehmen mindestens ein bislang noch nicht verwendetes Tool oder eine neue Methode auszuprobieren.
  • Mit unterschiedlichen Veranstaltungsformaten zu experimentieren.
  • Auf ein möglichst perspektivenvielfältiges persönliches Lernnetzwerk hinzuarbeiten, so dass ich oft mit anderen Perspektiven konfrontiert bin.
  • Neue Dinge nicht ’so, wie wir es immer gemacht haben‘ planen, sondern mit Kreativitätsmethoden. Das bedeutet: in einem ersten Schritt möglichst offen denken.
  • Ein Ideentagebuch führen – und immer mal wieder überlegen, ob ich die eine oder andere Idee nicht doch ausprobieren will.

6. Fehler ermöglichen

Wenn ich selbst Fehler wagen möchte, dann gehört zu Fehlerkompetenz auch, dass ich anderen ebenfalls Fehler ermögliche. Für mich bedeutet das zum Beispiel, ganz gezielt bei solchen Veranstaltungen zuzusagen, bei denen Menschen etwas neu und anders ausprobieren – und mir vielleicht sogar schon bei der Anfrage schreiben, dass das vielleicht auch schief gehen kann …

Und im Rahmen von Lehrveranstaltungen bedeutet es für mich, dass ich nicht in erster Linie ‚fertige‘ Antworten und Lösungen präsentiere, sondern dazu einlade, dass wir uns gemeinsam auf die Suche machen.

7. Fehler teilen

Der letzte, aber unbedingt wichtige Schritt bei Fehlerkompetenz ist es dann, gemachte Fehler auszuwerten und die Learnings zu teilen. Dazu gibt es lustige Formate, wie EDU-FUN (= eine ‚Fuck Up Night‘, bei der sich Menschen erzählen, was bei ihnen in der Bildung schief ging). Aber auch im Kleinen klappt das, indem man sich im beteiligten Team Zeit nimmt für eine gemeinsame Auswertung eines Projekts, indem man darüber bloggt oder indem man Erkenntnisse in sozialen Netzwerken teilt.

Und Du?

Welche Aspekte gehören für Dich zu Fehlerkompetenz dazu? Mitdiskutieren kannst Du unter diesem Tweet oder unter diesem Tröt.

Nele hinter einer zebrochenen Glasscheibe
Das zersplitterte Glas im Beitragsbild ist zum Glück nicht Ergebnis eines echten Fehlers, sondern nur eine Webcam-Spielerei 🙂


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