Digitale Resilienz-Pädagogik

Seit ich Anfang dieses Jahres unter twitternden Pädagog:innen nachgefragt habe, was sie als pädagogische Schlüsselkompetenz 2022 wichtig finden, mag ich den dort sehr häufig genannten Begriff der Resilienz. Ich verstehe darunter die Fähigkeit, trotz eventuell widriger Umstände für sich und andere gute Lösungen auf Herausforderungen entwickeln zu können. In diesem Sinne habe ich schon über resiliente Schulen gebloggt. Jetzt dann also auch über die resiliente Nutzung digitaler Medien.

Was ist mit resilienter Nutzung digitaler Medien gemeint?

Der Anstoß zu diesem Blogbeitrag gab ein Workshop bei einem Online-Fachtag beim Berlin-Brandenburger Fortbildungsinstitut Lisum. Dort haben wir zum Einstieg gesammelt, ob und wenn ja welche Probleme bei der Internetnutzung Jugendlicher in den Schulen beobachtet werden. Genannt wurde hier eine ganze Menge: Übermüdung/ Schlafmangel durch zu langen Medienkonsum, ungefiltertes Übernehmen von Informationen, Cybermobbing, Sorge um die digitale Selbstdarstellung … Diese Schwierigkeiten können leicht abgetan werden. Beispielsweise mit Verweis auf das 18. Jahrhundert, wo unter dem Schlagwort der Lesesucht vor übermäßigem bzw. falschem Lesen gewarnt wurde, weil das verdummen würde … Findet heutzutage etwas ganz ähnliches in Bezug auf die jetzt ’neuen Medien‘ bzw. das Internet statt?

Aus meiner Sicht muss man sich einen wichtigen Unterschied bewusst machen: Das Internet funktioniert anders! Zwar wurden ganz bestimmt auch Bücher im 18. Jahrhundert mit einem Verkaufsinteresse gedruckt und vertrieben. Der Verdienst war dann aber mit dem Kauf erreicht. Im Internet ist das Ziel – mindestens der dort dominierenden großen Plattformen – dass Menschen sich möglichst lange auf einer bestimmten Plattform aufhalten und sie möglichst regelmäßig nutzen. Denn dann steigt der Gewinn. Deshalb gibt es eine Vielzahl von eingebauten Mechanismen, die uns Befriedigung verschaffen sollen: die Bestätigung durch Likes in sozialen Netzwerken, der Kick durch Gewinnen in Online-Spielen oder vermeintliche Sicherheit durch sehr einfache Welterklärung. Vieles davon findet unbewusst statt und ist oft auch nicht direkt ersichtlich. Es führt aber dazu, dass Menschen tendenziell dazu verleitet werden, das Internet in einer Form zu nutzen, die ihnen nicht unbedingt gut tut. Und genau das macht die Nutzung digitaler Medien so schwierig.

Ist die beste Antwort auf diese Schwierigkeit aber dann eine Bewahr- und Abwehrpädagogik? Also: Digitale Mediennutzung möglichst stark reglementieren und begrenzen – und in der Schule am besten gleich verbieten. Das wäre aus meiner Sicht der falsche Weg. Denn digitale Mediennutzung muss ja nicht automatisch ein Problem sein. Viemehr ist natürlich auch eine selbstbestimmte Mediennutzung möglich und für viele gängige Praxis. Außerdem gibt es sehr viele Menschen, Organisationen und auch Unternehmen, die sich für ein offenes und ‚gutes‘ Internet einsetzen. Und auch das Internet in seiner jetzigen Form bietet riesige Potentiale für Informationen, für Kommunikation, für Spielen, für Kreativität, für Austausch und für Vernetzung.

Anstatt digitale Mediennutzung zu verbieten, sollte deshalb resiliente Mediennutzung unterstützt werden. Das bedeutet: Verstehen, dass und welche Probleme bei der Nutzung digitaler Medien auftreten können – und nach pädagogischen Möglichkeiten suchen, um trotzdem allen eine gewinnbringende Nutzung zu ermöglichen. In einer erweiterten Perspektive meint es außerdem: Lernende dabei unterstützen, dass sie mit dazu beitragen können, das Internet für uns alle zu einem besseren Ort zu machen. All das nenne ich digitale Resilienz-Pädagogik 🙂

Ich finde dieses Thema übrigens auch deshalb spannend, weil es längst nicht nur eine Lernherausforderung für Jugendliche ist, sondern ganz genau so auch Erwachsene betrifft. Pädagog*innen werden hier somit zu ‚lernenden Lehrenden‘.

Was gehört dazu?

Eine digitale Resilienz-Pädagogik umfasst für mich vier Bestandteile: Reflexion, Routinen, Lernen und Gestaltung.

1. Reflexion

Reflexion meint, dass Lernende sich zunächst klar darüber werden, wie sie digitale Medien nutzen. Das ist wichtig, weil nur so die oft unbewussten Handlungen erkannt und damit bearbeitbar werden.

Zur Reflexion eignen sich unter anderem diese beiden Methoden:

  • Zwischenraum-Notizen: Lernende machen über einen bestimmten Zeitraum ‚Zwischenraum-Notizen‘ zu ihrer digitalen Mediennutzung. Das bedeutet: Immer, wenn sie etwas vorhaben/ anfangen wollen, schreiben sie kurz die Uhrzeit auf und was sie planen. Sobald sie damit fertig sind und/ oder es zu einer Änderung kommt, halten sie die nächste Notiz fest. In dieser schreiben sie sowohl einen reflektierenden Rückblick auf (‚Was habe ich gemacht und warum?‘) als auch das, was dann jetzt als nächstes ansteht. Die aufgezeichneten Zwischenraum-Notizen können dann gemeinsam ausgewertet werden. Als ich selbst über einige Zeit Zwischenraum-Notizen geschrieben habe, ist mir aufgefallen, wie oft ich – meist unbewusst und ungeplant – schnell mal eine Pause auf Twitter oder in meinem Mailprogramm mache – und dort dann doch viel mehr Zeit verbringe, als ich eigentlich dachte. Ohne Zwischenraum-Notizen wäre mir das nicht so klar bewusst geworden.
  • Dreier-Beratung (angelehnt an die Troika Consulting Methode der Liberating Structures). Lernende finden sich in Dreier-Gruppen zusammen: Die erste Person nimmt ihr Smartphone aus der Tasche und macht möglichst das, was sie normalerweise und ohne Beobachtung auch machen würde. Die zweite Person beobachtet und fragt nach: Was machst Du da genau? Warum rufst Du jetzt Youtube auf? Was siehst Du da? Was machst Du dann jetzt als nächstes? … Die dritte Person dokumentiert die Beobachtung. Diese kann dann später gemeinsam ausgewertet werden. Auch bei dieser Methode kann es gut gelingen, dass unbewusste Handlungen, bewusst und damit bearbeitbar werden.

Bei diesen Methoden sollte man unbedingt beachten, dass es um Reflexion und nicht um Bewertung geht. Das kann für uns als Pädagog*innen deshalb schwierig sein, weil uns unsere eigenen Mediennutzungsgewohnheiten prägen (Du hörst Musik beim Vokabellernen? Das kann nicht gut gehen, weil ich bin davon immer abgelenkt.). Zum anderen gibt es eine gesamtgesellschaftliche Debatte, die zwar insgesamt vielstimmig ist, aber – zumindest in meiner Einschätzung – eine Tendenz zur Bewahrpädagogik hat. Ein begrenzter bzw. vorsichtiger Medienkonsum wird somit oft als der ‚richtige‘ Weg eingeschätzt – anstatt zu überlegen, was für die jeweilige Person richtig oder stimmig ist – und dazu erst einmal offen zu reflektieren, wie und weshalb sie digitale Medien nutzt.

2. Routinen

Digitale Mediennutzung ist sehr oft von Gewohnheiten geprägt. Wenn ich morgens z.B. zuerst meine Mails checke, aber das eigentlich in der Form gar nicht machen will, sondern lieber zuerst etwas Positives in den Blick nehmen möchte, dann muss ich gezielt an einer veränderten Routine arbeiten und mir diese auch beibringen. Sonst nehme ich doch wieder mein Smartphone in die Hand und checke meine Mails … Und auch wenn ich oben geschrieben habe, dass es eigentlich nicht den einen richtigen Weg bei der Mediennutzung gibt, so gibt es doch hilfreiche Routinen, die ich übergreifend empfehle und die die Mediennutzung grundsätzlich resilienter machen.

Hier sind meine drei Best-Of Routinen:

  • Stopp sagen: Immer wenn eine Nachricht oder ein Beitrag aufploppt, halte ich zunächst inne und frage mich ganz kurz: Möchte ich mich jetzt tatsächlich damit beschäftigen? Ist das relevant für mich? Wenn die Antwort hierauf nicht ein sehr überzeugtes ‚Ja‘ ist, dann sollte ich ‚Stopp sagen‘, d.h. mein digitales Gerät wieder weglegen, statt weiterzulesen – oder eben da weiterlesen, wo ich gerade war.
  • Bewusste Planung: Immer wenn ich mein Smartphone (oder ein anderes digitales Gerät in die Hand nehme), kann ich mir kurz überlegen: Was habe ich jetzt damit vor? Wenn ich es dann wieder weglege, überlege ich mir, ob ich auch tatsächlich das gemacht habe, was ich wollte und inwieweit das in Ordung für mich war. (Ich kann dabei zum Schluss kommen, dass ich etwas ganz anderes gemacht habe, was aber trotzdem gut war. Ich kann aber auch zum Schluss kommen, dass ich mich in etwas verfangen habe, was ich eigentlich nicht wollte. Weil ich aber immer die bewusste Smartphone-Planung im Hinterkopf habe, passiert mir letzteres seltener)
  • Kontextualisierung: Immer wenn ich Informationen aufnehme, frage ich mich zunächst, was das Netz zu dieser Information sagt – bevor ich mir selbst eine Meinung dazu bilde. Wenn also beispielsweise auf Twitter berichtet wird, dass die Impfung gegen Corona doch nicht schützt, dann schaue ich mir nicht die ganzen Tweets dazu an und überlege, ob vielleicht doch etwas dran sein könnte, sondern ich nutze eine Suchmaschine, um erst einmal zu schauen, was insgesamt im Netz darüber berichtet wird. Meist ist der Anlass irgend eine neue Studie, die ich dann entweder direkt finden kann – oder viele andere haben sich schon die Mühe gemacht und die wichtigsten Punkte der Studie zusammengefasst.

Solche und viele weitere Routinen lassen sich gut im schulischen Alltag verankern. Insbesondere die Smartphone-Planung ist eine sehr einfache Grundlage für resilienzfördernde Smartphonenutzungs-Regeln: Schüler*innen dürfen jederzeit auf ihr Smartphone zugreifen. Bedingung ist aber, dass zuvor kurz notiert wird, was sie damit vorhaben und danach, was sie tatsächlich gemacht haben. Diese Mini-Protokolle sind hautpsächlich für die Lernenden selbst gedacht, lassen sich aber auch in Lernentwicklungsgesprächen gemeinsam reflektieren.

Auch die Kontextualisierung kann immer dann verwendet werden, wenn es um Informationsrecherche oder auch um das Erkennen von Fehldarstellungen im Netz geht. Ein tolles und sehr einfaches Mittel ist dazu übrigens der ‚Wikipedia-Trick‘: Man gibt dazu die Information (den Urheber, die Organisation …) in eine Suchmschine ein und ergänzt den Begriff ‚Wikipedia‘. Auf diese Weise findet man, was in der Wikipedia dazu steht. Auch das muss nicht wahr sein. Jede einzelne Information dazu kann ich aber anhand der bereitgestellten Links überprüfen. Mit dieser Kontextualisierung kann ich die Information dann für mich einordnen.

3. Lernen

Reflexion und Routinen können dann besonders gut hin zu resilienter Mediennutzung führen, wenn parallel dazu Verständnis über die Funktionsweise des Internets gewonnen wird. Dazu muss zum Glück das Rad nicht neu erfunden werden, sondern Pädagog*innen können auf gute offene Online-Angebote für Jugendliche zurückgreifen. Diese sind übrigens auch wunderbar dazu geeignet, um selbst zu lernen.

Hier kommen ein paar Vorschläge:

4. Gestalten

Eine digitale Resilienz-Pädagogik wäre für mich unvollständig, wenn sie nicht auch darauf zielen würde, den digitalen Raum als gestaltbar zu erleben. Denn langfristig geht es bei Resilienz nicht primär darum, sich mit widrigen Umständen abzufinden – sondern vor allem diese auch verändern zu können. Wie aber lässt sich die Gestaltung des digitalen Raums lernen und lehren?

Zum einen finde ich es wichtig, dass Lernende ihren digitalen Lernraum als gestaltbar erleben. Das kann bedeuten, dass nicht einfach ein Tool eingesetzt wird, sondern zunächst gemeinsam in einer Art ‚Digital Sandbox Time‚ darüber reflektiert wird, ob und wenn ja wie das Tool zukünftig gemeinsam eingesetzt werden soll. Wichtig sind dann nicht nur technische Fragen, sondern auch die soziale Nutzung.

In diesem Zusammenhang ist es immer eine gute Idee, Lernende auf offene Alternativen zu proprietären Tools hinzuweisen und diese zu nutzen. Denn wer Open Source Software nutzt, kann Lernenden auf vielfältige Weise Gestaltungserfahrungen ermöglichen: Fehler melden, Anregungen für neue Funktionen geben, bei einer eventuell nötigen Übersetzung mithelfen … All das zeigt, dass der digitale Raum nicht ‚fertig‘ ist, sondern wir alle gemeinsam dafür Verantwortung übernehmen und ihn gestalten können. Mit dem Fediverse gibt es auch ein soziales Netzwerk, was dank Dezentralität mit der Plattform-Logik anderer sozialer Netzwerke bricht. Hier lohnt es sich, gemeinsam zu erkunden – gerade auch im direkten Vergleich zu den ansonsten genutzten Netzwerken.

Zum anderen finde ich aktives Medienhandeln wichtig. Lernende machen dabei die Erfahrung, dass sie etwas im Internet veröffentlichen und teilen können, das dann anderen zur Verfügung steht – und im besten Fall auch eine Wirkung entfaltet. So etwas funktioniert mit einem gemeinsamen Blog oder Podcast. Ebenso kann man aber auch mit Tools wie telegra.ph oder txt.fyi etwas ganz niederschwellig und schnell ins Internet bringen und teilen.

Fazit und Ausblick

Das war meine Darstellung und Einschätzung zu digitaler Resilienz-Pädagogik. Ich hoffe, du kannst einiges davon für Dich und für Deine Lehre mitnehmen. An Deinen Erfahrungen und Deiner Meinung bin ich sehr interessiert. Du kannst mir gerne mailen oder unter diesem Trööt und diesem Tweet mitdiskutieren.

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