Krieg, Klimakrise und Pandemie: Wir brauchen gute und resiliente Schulen für alle!

Seit Beginn des Krieges in der Ukraine habe ich in vielen unterschiedlichen Varianten ein Venn-Diagramm in sozialen Netzwerken gesehen. Das Diagramm zeigt drei Kreise mit der Beschriftung Klimawandel, Krieg und Pandemie, die sich in der Mitte überschneiden. Dort ist ein rotes Kreuz mit der Beschriftung ‘Mein Alltag’ markiert. Es verdeutlicht damit die aktuelle Fassungslosigkeit angesichts des Krieges – und auch die gefühlte Hilflosigkeit angesichts immer mehr und schneller aufeinander folgenden Krisen.

Venn-Diagramm

Besonders herausfordernd ist diese Situation aus meiner Sicht in den Schulen. Wenn es schlecht läuft, treffen hier verstörte und fassungslose Schüler:innen mit ebenfalls verstörten und fassungslosen Lehrer:innen in einem Umfeld zusammen, das so gut wie keinen Raum zur Auseinandersetzung, Solidarität und Hilfe lässt. Zudem werden zusätzlich zu den bestehenden Anforderungen noch weitere herangetragen. In diesem Fall also: Thematisierung des Ukraine-Kriegs im Unterricht, mehr Friedensbildung, psychologische Unterstützung für Schüler:innen, verstärkte Elternarbeit, Integration ankommender Flüchtlinge – und das alles ohne zusätzliche Unterstützung, wenn nicht sogar mit Kürzungen.

Meine These in diesem Blogbeitrag lautet: Mit veränderten gesellschaftlichen Vorstellungen von Schule und damit verbundenen veränderten Rahmenbedingungen, Schwerpunktsetzungen und Strukturen wären andere und bessere Schulen für alle möglich. Es wären Schulen, die angesichts dieser und vieler weiterer Krisen nicht nur eine adäquate Reaktion ermöglichen könnten, sondern die Schulen wären sogar selbst ein wesentlicher Baustein hin zu einer besseren und eben auch friedlicheren Welt. Deshalb lohnt es sich gerade jetzt für solche Schulen einzutreten. Anders formuliert: Ich bin Pädagogin, weil die Frage, wie Bildung gestaltet ist für mich sehr viel mit der Frage zu tun hat, in welcher Gesellschaft wir leben wollen.

Ziel: Resiliente Schulen

Schulen, die adäquat auf Krisen reagieren können und die zugleich selbst einen Beitrag leisten für eine bessere Welt, bezeichne ich als resiliente Schulen. Ich habe mich für den Begriff der Resilienz entschieden, weil ich darunter vor allem auch verstehe, angesichts von Krisen nicht in ohnmächtiger Passivität zu verharren, sondern gestaltend wirken zu können.

Eine resiliente Schule …

  • … verfügt über Freiraum
  • … ist inklusiv
  • … ist vernetzt
  • … ermöglicht Lernenden Selbstwirksamkeit
  • … ist Lebensraum

Lass uns anschauen, was damit jeweils genau gemeint ist.

1. Freiraum

Ich kenne keine Person, die angesichts des russischen Angriffskrieges nicht betroffen war. Lernende und Lehrende sind hier keine Ausnahme. Viele Lehrkräfte haben sich vor diesem Hintergrund Zeit genommen, um mit Schülerinnen und Schülern zu sprechen, aufzuklären und Ängste ernst zu nehmen. Allerdings ist ein Krieg nichts, was sich in 45 Minuten abhaken lässt. Man kann nicht ernsthaft Fassungslosigkeit angesichts des Krieges zulassen – und in der nächsten Stunde eine Matheklausur schreiben. Genau das ist aber in vielen Schulen strukturell-verankerte Realität.

Krieg ist ein sehr extremes Ereignis – aber es gibt sehr viele andere, oft viel kleinere, häufig nur individuelle Ereignisse: ein Krankheitsfall in der Familie eines Schülers, ein schlimmer Fahrradunfall, den viele direkt vor der Schule beobachtet haben, psychische Belastungen in der Pandemie …Schulen, die über nötigen Freiraum verfügen, müssen in solchen Fällen nicht möglichst schnell alles deckeln, um dann wieder zur Tagesordnung überzugehen. Sie können stattdessen Bedürfnisse und Emotionen ernst nehmen. Sie verfügen über den nötigen Freiraum, dass Lehrerinnen und Lehrer Beziehungen zu Schülerinnen und Schülern aufbauen und pflegen können. Solch eine Beziehungsarbeit ist unerlässliche Grundlage, um Schülerinnen und Schüler beim Lernen zu begleiten. Denn Lernen ist Teil der persönlichen Entwicklung und lässt sich nicht davon trennen.

2. Inklusion

An Schulen treffen Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Fähigkeiten zusammen. Daran ändert auch die immer noch vorherrschende Sortierung von Schüler:innen in unterschiedliche Schulformen wenig. Vor diesem Hintergrund ist es eigentlich schon immer unverständlich, warum Unterricht in der Schule in viel zu vielen Fällen immer noch bedeutet (bzw. bedeuten muss), dass alle Schülerinnen und Schüler in einer nach Alter zusammengesetzten Klasse zur gleichen Zeit das gleiche, im gleichem Tempo und mit gleicher Unterstützung/ Begleitung lernen sollen.

In einer Situation wie einem sehr nahe erlebten Krieg kommt hinzu: Schülerinnen und Schüler sind unterschiedlich informiert und unterschiedlich betroffen. Werden Flüchtlinge aufgenommen, wird die Gruppe der Schülerinnen und Schüler noch vielfältiger. Wenn Lernen angesichts dieser Vielfalt nicht entweder Überforderung oder Unterforderung bedeuten soll und wenn Lernende in ihren Bedürfnissen ernst genommen werden sollen, braucht es Inklusion. Für mich bedeutet Inklusion, dass jedes Kind und jede jugendliche Person nach eigenen Bedürfnissen, Fähigkeiten und Interessen in ihrem Lernen unterstützt und begleitet wird.

3. Vernetzung

Unsere Welt ist komplex. Niemand kann alles wissen. Jede Person hat unterschiedliche Fähigkeiten. Dennoch sind Lehrerinnen und Lehrer bzw. Schulen als gesamte Institution viel zu oft auf sich allein gestellt und versuchen für sich allein nach Lösungen zu suchen. Im Fall des Ukraine-Kriegs berichten Lehrkräfte zum Teil von Überforderung, da sie selbst Hintergründe des Krieges zu wenig verstehen, um darüber mit Schülerinnen und Schülern sprechen zu können. Eine resiliente Schule müsste hier die Verantwortung nicht allein auf Lehrkräfte übertragen. Sie hätte kollaborative Strukturen, die es Lehrkräften ermöglichen im Team nach geeigneten Reaktionen und Informationen zu suchen. Sie hätte auch sozialpädagogische Expertise. Und sie wären eingebunden in außerschulische Initiativen wie z.B. Friedensbündnisse, die sie als Expertinnen und Experten hinzu ziehen könnten. Nicht zuletzt bedeutet Vernetzung auch, dass nicht alle das Rad immer neu erfinden müssen, sondern dass Schulen unterstützt werden z.B. mit guten Materialien. Immerhin letzteres funktioniert z.B. mit den Angeboten der öffentlich-rechtlichen Medien (beispielsweise der logo! Kindernachrichten) zum Ukraine-Krieg aus meiner Sicht aktuell relativ gut.

4. Selbstwirksamkeit

Ralph Ruthe hat vor einiger Zeit auf Twitter Greta Thunberg eine kleine Karikatur gewidmet. Auf dieser ist ein Goldfischglas mit einem tiefen Sprung zu sehen, aus dem schon das Wasser hinausströmt. Ein kleiner Fisch, der im Goldfischglas schwimmt, zeigt mit großem Erschrecken auf den Riss. Ein größerer Fisch, der ebenfalls im Glas schwimmt, fordert ihn daraufhin auf, doch erst einmal seine Mathe-Hausaufgaben zu erledigen. Diese Grafik macht aus meiner Sicht die Absurdität deutlich, in der Schülerinnen und Schüler oft gefangen sind: Sie erleben die Welt in einem Krisenzustand – aber werden in Schulen in Passivität gehalten. Weder wird ihre Meinung ernst genommen, noch wird ihnen Widerstand ermöglicht und dieser gefördert.

Resiliente Schulen ermöglichen Schülerinnen und Schülern dagegen die Erfahrung, dass ihr Handeln einen Unterschied macht. Das beginnt bei der Gestaltung der eigenen Schule, die demokratisch organisiert ist und in der alle an Entscheidungen beteiligt werden. Weiter geht es mit Lernmöglichkeiten, die Selbstwirksamkeit erlebbar machen. Aktuell kann das zum Beispiel bedeuten, eine Friedensaktion zu organisieren – oder aber auch ein ganz anderes Thema aufzugreifen, was für die Schülerinnen und Schülern relevant und wichtig ist.

Wenn Lernende diese Erfahrungen der Selbstwirksamkeit machen können, wird das wahrscheinlich wichtigste Lernziel einer demokratischen Gesellschaft erreicht: Lernende können gesellschaftliche Entwicklungen aktiv gestalten und gesellschaftliche Rahmenbedingungen wo nötig verändern.

5. Lebensraum

Nichts charakterisiert resiliente Schulen schlechter als der Ausspruch, dass diese doch bitte ‘auf den Ernst des Lebens vorbereiten sollen’. Ich finde, dass Schule vor allem ein Raum für alle Beteiligten sein sollte, an dem sie gut und gerne leben und in diesem Rahmen dann auch gut lernen können. Das eine funktioniert nicht ohne das andere – und wenn ‘gut und gerne leben’ durch eine Krise nachhaltig gestört ist, dann kann ich nicht trotzdem versuchen, irgendwie gutes Lernen zu verordnen. Eine resiliente Schule, die für Kinder und Jugendliche Lebensraum ist, setzt deshalb eine klare Schwerpunktsetzung: Zuerst muss es allen Beteiligten gut gehen. Dann – und nur dann – ist auch Raum für alles weitere. Mit dieser Konzeption kann Schule auch ein Raum sein, in dem überlegt wird, wie Leben außerhalb der Schule und in Zukunft aussehen kann und sollte.

Wie erreichen wir resiliente Schulen?

Einleitend habe ich bereits deutlich gemacht, dass fehlende Resilienz an Schulen ein strukturelles Problem und Folge falscher Schwerpunktsetzungen und gesellschaftlicher Erwartungen ist – und nicht den Lehrkräften in die Schuhe geschoben werden kann. Genau das macht Veränderung aber so schwer. Denn was kann ich als einzelne Person in einer Situation tun, in dem die Rahmenbedingungen konträr oder mindestens wenig förderlich zu meinen Zielen gestaltet sind? Und wenn es doch mindestens für mich offensichtlich ist, dass an so vielen Stellen hauptsächlich Geld (und damit auch mehr Lehrkräfte) und Freiraum fehlt?

Ich sehe drei Möglichkeiten:

  • Zivilen Ungehorsam leisten: Ich bin nicht direkt an einer Schule beschäftigt, sondern erlebe Schule aus Elternperspektive und indirekt über meine Tätigkeiten in der Lehrkräftefortbildung. Aus dieser Perspektive hätte ich volles Verständnis, wenn Lehrerinnen und Lehrer viel häufiger sagen würden ‘So geht das nicht!’.
  • Bündnisse suchen: Menschen, die sich für bessere Bildung einsetzen, sind nicht allein. Unter anderem gibt es viele großartige Schulen, die im beschriebenen Sinne resiliente Schulen sind und die zeigen, dass Schule auch anders funktionieren kann. Daneben organisieren sich viele Menschen in Bündnissen wie etwa ‘Schule im Aufbruch’ oder finden sich zusammen hinter zentralen ‘Knackpunkt-Forderungen’ wie der nach einer zeitgemäßen Prüfungskultur.
  • Gesellschaftlichen Diskurs beeinflussen: Daneben bleibt immer, mit anderen zu sprechen und für Veränderungen zu werben: auf Elternabenden, in sozialen Netzwerken, mit Kolleginnen und Kollegen, in Parteien oder anderen politischen Initiativen.

Diese drei Vorschläge mögen angesichts der aktuellen Situation und den Herausforderungen, vor denen Schulen stehen, nur wie Tropfen auf einen heißen Stein wirken. Dennoch sind sie eine Möglichkeit, um zumindest im Kleinen zu beginnen. Auf den Friedenskundgebungen der letzten Tage habe ich immer mal wieder das folgende afrikanische Sprichwort gehört oder gelesen: „Viele kleine Leute, an vielen kleinen Orten, die viele kleine Dinge tun, können das Gesicht dieser Welt verändern.“ Das gilt auch für die dringend nötige Veränderung so vieler Schulen.

Was ist Deine Einschätzung zu den Krisen und der aktuellen Situation an Schulen? Was kann aus Deiner Sicht getan werden? Ich freue mich über weitere Beiträge, die das Thema aufgreifen. Mitdiskutieren kannst Du auch unter diesem Tweet.

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