Schöne Geschichten vom Teilen

Veröffentlicht am 12.5.2021

Ich arbeite im eBildungslabor nach einem Geschäftsmodell des Teilens. Das bedeutet: Meine Ideen und meine erstellten Inhalte stelle ich offen für alle zur Weiternutzung zur Verfügung. Wenn ich davon erzähle, dann reagieren manche Menschen mit Unverständnis: “Warum tust Du das? Es gibt doch bestimmt viele, die das schamlos ausnutzen und einfach immer nur nehmen ohne selbst zu geben.” Das mag sein - und man kann sicherlich lange und trefflich darüber streiten, ob auch solch ein Verhalten einen nicht ebenfalls stolz machen kann, weil die eigenen Inhalte ja auch hier weitergenutzt und Bildung dank des eigenen Teilens besser wird (Ich verweise hierzu auf die spannende Diskussion unter diesem Tweet). Am liebsten erzähle ich angesichts solchem Zweifelns aber schöne Geschichten vom Teilen. Das bedeutet: Geschichten, die zeigen, dass und wie Lehren und Lernen durch Teilen besser wird - und wie viel einem das auch selbst zurückgeben kann.

1. Eine Grafik zum Datenschutz

Die erste Geschichte ist ein Beispiel dafür, dass Teilen sehr niederschwellig und einfach sein kann - und dabei trotzdem sehr wirkungsvoll. Teilen erfolgte hier in der Form, dass mehrere Menschen ihre Ideen und Expertise zu einem Thema beisteuerten - und sich eine Person, den Hut aufsetzte und das ganze in eine schicke und gut weiternutzbare Form brachte. Aber der Reihe nach:

Los geht es mit diesem Tweet, in dem Marc S. nach einem verständlichen Share-Pic Überblick zu Datenschutz an Schulen sucht.

Gibt's für Lehrkäfte ein schönes share-pic mit verständlichen (!) Regeln für den Datenschutz? Also "10 Goldene Regeln ..." oder so? #twlz

— Marc Seegers (@seegersmc) April 29, 2021

Als Reaktion darauf wird noch am gleichen Abend ein Etherpad eingerichtet - und darin munter gesammelt, kommentiert und diskutiert.

Wiederum ein paar Tage später ergreift Marc A. die Initiative und gestaltet die gesammelten Inhalte als Grafik. Unter den Menschen, die sich namentlich beteiligt hatten, wird der erste Entwurf in einer Twitter-Gruppe kurz gegengelesen. Danach kann Marc das Ergebnis teilen:

Einige Kolleg*innen aus dem #twlz haben das hier inhaltlich erstellt und ich hab’s mal hübsch gemacht, was meint ihr so? @Leschi3000 @damianduchamps @tho_pud @seegersmc @eBildungslabor (ich hoffe ich habe alle…) pic.twitter.com/J8FjP7vyxe

— 🛑𝗠𝗮𝗿𝗰 𝗔𝗹𝗯𝗿𝗲𝗰𝗵𝘁🛑 (@lbrechthermanns) May 11, 2021

Mein Fazit dazu habe ich unter dem Tweet kommentiert: “Ich finde, das ist ein großartiges Beispiel, wie wunderbar Kultur des Teilens funktionieren kann. Denn von mir alleine hätte ich jetzt nicht so einen coolen Flyer für die nächste Fortbildung."

Natürlich lässt sich einwenden, dass ich die Grafik jetzt auch dann hätte, wenn ich selbst nichts geteilt hätte. Aber erstens hat es Spaß gemacht, gemeinsam mit anderen zu sammeln, zweitens war es nur ein sehr, sehr kleiner zeitlicher Aufwand für mich und drittens weiß ich nicht, ob ich ohne Beteiligung überhaupt von der fertigen Grafik erfahren hätte. Außerdem - und das finde ich eigentlich das Wichtigste - ist es ein gutes Gefühl, zu etwas beigetragen zu haben, was offensichtlich an den Schulen gebraucht wird.

2. Ein eigener Weg zum Online Lernen

Die zweite Geschichte zeigt, dass sich nicht nur Inhalte und Materialien teilen lassen, sondern ebenso auch Ideen bzw. das Vorleben einer Haltung. Um was geht es also in dieser Geschichte?

In den letzten Monaten habe ich über meinen Blog zahlreiche Beispiele fürs Online-Lernen geteilt und auch zahlreiche Methoden vorgestellt, die bei mir gut funktioniert haben. Wer das dann wie weiternutzt oder wie viele meine Texte überhaupt lesen - dazu habe ich keinen Überblick. Hin und wieder bekomme ich aber Rückmeldungen per Mail. Und von einer dieser Rückmeldungen möchte ich mehr erzählen:

In dieser Mail sendet mir ein bis dato unbekannter Florian ein von ihm erstelltes mehrseitiges Handout zu. Er beschreibt darin die Erfahrungen mit Online-Lernen, die er als freiberuflicher Trainer im Programm “Betzavta/Mehr als eine Demokratie” des ADAM Instituts gesammelt hat. Er hat diese Erfahrungen aufbereitet, weil er davon ausgeht, dass sie sich zu großen Teilen auch von anderen Organisationen nutzen lassen. Mir sendet er das Handout zu, weil er bei seinen Recherchen immer wieder auf meine Blogartikel gestoßen ist und sich für die Anregungen bedanken will.

Ich schaue mir das PDF an und freue mich sehr über inspirierende und ermutigende Absätze übers Online-Lernen wie z.B. diesen:

Standen anfänglich Technik, Zurückhaltung bei den Teilnehmenden und Dankbarkeit dafür, dass überhaupt etwas möglich ist, im Vordergrund, so haben die Seminare im Verlauf der Zeit an Schwung, Gruppendynamik und Emotionalität gewonnen. Gerade bei mehrtägigen und mehrteiligen Seminaren ist eine neue Vertrautheit und Nähe entstanden: zwar sehen und erspüren wir uns nicht in Präsenz, doch treffen wir uns eben auch nicht in einem neutralen öffentlichen ‚dritten Ort‘, sondern verbinden uns in einer oft privaten Umgebung, die aktiver Bestandteil des gemeinsamen Erlebens und Arbeitens werden kann

Gerade auch technische Schwierigkeiten, Barrieren im Umgang mit den Tools, Abwesenheiten durch Ausschalten der Kamera, etc. sind zunehmend jenseits der Übungen gute Anlässe geworden, um über Verantwortung, Gemeinsamkeit, Privilegien und Diskriminierung im Sinne von Betzavta zu sprechen und damit den auch hier sehr realen digitalen Gruppenprozess in den Mittelpunkt zu stellen.

Außerdem sind mehrere Spiele und Methoden enthalten, die ich bis dahin noch nicht kannte, aber die sich - so meine erste Einschätzung - ganz bestimmt bald mal zum Ausprobieren lohnen.

Mein Fazit deshalb zu dieser Geschichte: Das offene Teilen meiner Erfahrungen und Ideen hat sich mehr als gelohnt - nicht nur für mich, sondern auch für andere:

3. Inhalte für Online-Kurse

Die dritte Geschichte ist ein Beispiel für ganz klassisches Teilen: erstellte Inhalte werden als OER veröffentlicht - und dann in weiteren Kontexten weitergenutzt oder remixt.

Bei den erstellten Inhalten in dieser Geschichte handelt es sich um einen Online-Selbstlernkurs zum Fakten prüfen im Netz, den ich im letzten Jahr zusammen mit der Zentral- und Landesbibliothek Berlin und Wikimedia Deutschland e.V. erstellt habe. Wir haben den Kurs unter der Lizenz CC BY 4.0 als OER veröffentlicht. Inhaltlich ging es um die Frage, wie man sich mithilfe einfacher Handlungsroutinen angesichts der Informationsfülle im Netz orientieren kann.

Unsere Inhalte waren offensichtlich auch für andere hilfreich: Insbesondere wurde unser Kurs inzwischen komplett als eine Lerneinheit in den ebenfalls offenen oncampus MOOC Social Media & Tools übernommen.

Als Anja, die den Kurs bei oncampus mitgestaltet hat, mir von dem Remix berichtete, schrieb sie dazu: “OER-Magic happens!” Dem kann ich mich nur anschließen. Vom offenen Teilen haben auch in diesem Fall ich und ebenso viele andere profitiert:

Beispiele wie dieses könnte ich noch viele weitere aufführen. Besonders toll und für mich auch in Hinblick auf die Verbreitung meiner Angebote tatsächlich sehr hilfreich, waren z.B. die folgenden Weiternutzungen:

4. Multiplikator*innen, die weitere OER erstellen

Teilen kann auch bedeuten, dass nicht direkt Inhalte geteilt werden, sondern dass Kompetenzen und Erfahrungen zum Teilen weitergegeben werden. Davon handelt die vierte Geschichte.

Geteilt habe ich hier mit der NGO Gemeinsam für Afrika. Ich habe - unter anderem bei der OERcamp Werkstatt als Coach - gezeigt, wie die Tools H5P und CodiMD funktionieren. Anschließend haben mich die Kolleg*innen als Referentin für eine OER-Multiplikatoren-Schulung eingeladen.

In dieser Woche habe ich mir ihre Website nun nach einiger Zeit noch einmal angesehen - und mich sehr gefreut: Nicht nur, dass weitere OER-Materialien entstanden sind und noch entstehen sollen. Zudem gestalten die Kolleg*innen inzwischen auch eigene OER-Einstiegs-Webinare und zeigen, wie Bildungsmaterialien mit Nachhaltigkeit, weil weiternutzbar erstellt werden können.

Vom Teilen habe ich selbst hier in erster Linie als Pädagogin profitiert: Es ist wunderbar zu sehen, wenn Weitergabe von Wissen und Erfahrungen auf so fruchtbaren Boden fällt. Zum anderen denke ich, dass nun auch ganz viele andere davon profitieren können. Beispielsweise Lehrkräfte, die die entstehenden Materialien in ihrem Unterricht einsetzen und auch einfach anpassen können. Zum anderen auch weitere Kolleg*innen von NGOs, die von gemeinsam für Afrika über OER lernen und diese auch in ihre eigene Arbeit integrieren können.

5. Ganz viele Internetquatsch-Einstiege in Videokonferenzen

Mit der fünften und letzten Geschichte möchte ich zeigen, dass durch Teilen oft ganz viel entstehen kann, was man selbst gar nicht erwartet hätte.

Die Geschichte beginnt Anfang März. Ich gestalte eine Online-Veranstaltung - dieses Mal die Bildungskonferenz des DGB Bildungswerks. Eher nebenbei twittere ich meine Einstiegsfolie:

Internetquatsch mag ich für die Ankommenszeit in Videokonferenzen am allerliebsten.

Heute mit:https://t.co/nKNFFOvYdrhttps://t.co/RPi4JtJfZfhttps://t.co/HFVZBxfrox pic.twitter.com/RBaP8Aywi2

— Nele Hirsch (@eBildungslabor) March 10, 2021

Der Tweet wird viel geliked und geteilt, was mich natürlich freut. Vor allem wird mir dadurch aber überhaupt erst deutlich, wie sehr in der aktuellen Pandemie-Zeit offensichtlich sehr viele Pädagog*innen auf der Suche nach mehr Spielerei und Lachen in ihren Online-Veranstaltungen sind.

Viele berichten auf Twitter in den nächsten Tagen davon, was sie in ihren Veranstaltungen ausprobiert haben. Und so entsteht auf Twitter der Hashtag #internetquatsch - und bei mir die Idee, doch mal nachzuschauen, ob die Domain internetquatsch.de noch zu haben ist. Ich stelle fest: Sie ist es! Und ein paar Tage später habe ich mit Internetquatsch.de ein neues Lieblingsprojekt: eine kuratierte Sammlung von offen nutzbaren Internetquatsch-Angeboten.

Was wäre gewesen, wenn ich meine Folie nicht getwittert und auf diese Weise geteilt hätte? Sehr wahrscheinlich hätte ich den Zuspruch dafür nicht mitbekommen und deshalb nicht nachgeschaut, ob es die Domain internetquatsch.de noch gibt - und hätte dort dann auch nicht mit der Kuratierung und dem Teilen von Internetquatsch begonnen. Ob die Seite ein sinnvoller Beitrag zu guter Bildung ist, will ich nicht bewerten. Mit Sicherheit aber kann ich sagen, dass mir selbst die Website unglaublich viel Freude bereitet, dass darüber viele neue Kontakte entstanden sind, dass ich über die Funktion ‘Quatsch ergänzen’ neuen Internetquatsch kennen gelernt habe, den ich vorher noch nicht kannte. Auch hier gilt also: Teilen lohnt sich. Mindestens für die teilende Person selbst, aber ich denke auch für andere.

Fazit

Dies waren fünf - wie ich finde sehr schöne (und natürlich wahre) - Geschichten von meinem Teilen aus den letzten Wochen. Ich bin mir sicher: Jede Person, die Inhalte und Ideen teilt, wird nach einiger Zeit von mindestens ebenso schönen Erfahrungen berichten können. Ich habe die Geschichten aufgeschrieben und geteilt, weil ich hoffe, dass sie viele weitere Menschen zum Teilen ermutigen. Und das wäre dann schon eine weitere Geschichte :-)

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