Geld verdienen mit OER?

Open Educational Resources als Grundlage für ein Geschäftsmodell des Teilens – ein Erfahrungsbericht

Den folgenden Artikel habe ich für die Ausgabe 1/22 der Zeitschrift weiter bilden des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung (DIE) geschrieben. Er steht unter der Lizenz CC BY SA 4.0

Open Educational Resources (OER) spielen in der Erwachsenenbildung eine immer größere Rolle. Während vor einigen Jahren noch kaum jemand etwas mit dem Begriff anzufangen wusste, trifft man ihn Ende 2021 immer häufiger an. Dazu haben insbesondere Initiativen wie wb-web und die auf einen Community-Aufbau zielenden OERcamp einen wichtigen Beitrag geleistet. OER sind ihrer Definition nach offen lizenzierte Bildungsmaterialien. Sie sind also in der Regel frei zugänglich und frei nutzbar. Können OER dennoch als Grundlage für ein Geschäftsmodell genutzt werden? Welche Auswirkungen hat dies auf die eigene Arbeit, welche Hindernisse bestehen? Zu Antworten auf diese Fragen möchte ich beitragen, indem ich meine Perspektive einer freiberuflichen Pädagogin einbringe, die seit mehreren Jahren basierend auf einem Geschäftsmodell des Teilens vorrangig in der Erwachsenenbildung arbeitet. Ich habe dazu das Label ‘eBildungslabor’ initiiert und aufgebaut. 

Meine ersten Berührungspunkte mit OER ergaben sich bereits während meines Zweitstudiums im Master Bildung und Medien – eEducation an der Fernuniversität in Hagen. Zu einer Grundlage meiner im Anschluss beginnenden freiberuflichen Tätigkeit wurden OER aber vor allem, da ich mich – initiiert durch die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema – den OERcamp anschloss und hier in Austausch mit Menschen kam, die an OER interessiert sind bzw. mit OER arbeiten. In diesem Kontext konnte ich ‘mein’ Geschäftsmodell des Teilens entwickeln, über das ich hier ausführlicher gebloggt habe. Kurz gefasst bedeutet es, dass ich alle in meiner Arbeit im eBildungslabor erstellten Materialien unter einer offenen Lizenz teile. Durch die dadurch angestoßene Verbreitung, werden weitere Menschen und Organisationen auf mich aufmerksam, was wiederum zu neuen Anfragen und Aufträgen führt. Dabei kann es sich zum einem um Aufträge zur Materialerstellung handeln. Häufiger sind aber konzeptionelle Anfragen oder Anfragen zu Beratschlagungen. Auch hier teile ich dann die gewonnenen Erfahrungen und die erstellten Konzepte. Das offene Teilen ist somit zum einen eine Möglichkeit, kontinuierlich Geld als Freiberuflerin zu verdienen. Zum anderen und vor allem motiviert es mich jeden Tag aufs Neue, da ich den Eindruck habe, durch meine Tätigkeit Bildung für alle ein bisschen besser zu machen. 

Voraussetzung für dieses Geschäftsmodell des Teilens ist erstens, dass ich Auftraggeber*innen von der Veröffentlichung der beauftragten Materialien als OER überzeuge. Diese Herausforderung war für mich bis jetzt immer unkompliziert zu bewältigen. Entweder hatten Auftraggeber*innen bereits von OER gehört und unterstützten das Konzept grundsätzlich. Oder ich konnte es ihnen vorstellen und sie zu einem für sie erstmaligen Experiment mit offenen Teilen überzeugen. Das wichtigste Argument war hierbei stets, dass die auftraggebende Organisation durch das offene Teilen ja keinerlei Nachteile hat, denn die beauftragte Leistung erhält sie selbst auch dann, wenn diese zugleich auch für andere offen zur Verfügung steht bzw. wenn auch andere etwas davon lernen können. 

Eine zweite Voraussetzung für das Geschäftsmodell des Teilens ist die Bereitschaft zu einem Umdenken bei der eigenen Arbeitsorganisation und Tätigkeiten. Das liegt daran, dass die Bereitstellung und Verbreitung von OER sehr aufwendig ist. Bei mir nimmt dieser Teil meiner Arbeit mindestens die Hälfte meiner Gesamt-Arbeitszeit ein. Ich nutze diese zum einen, um eigene Websites zu gestalten, auf denen ich erstellte OER teile. Zum anderen blogge und twittere ich über diese Bereitstellungen und informiere darüber in einem regelmäßigen Newsletter – der Edumail. Die hierfür aufgewandte Zeit, die erst einmal unbezahlt ist, zahlt sich später aus meiner Sicht deutlich aus, da darüber zahlreiche neue Anfragen generiert werden. Dabei handelt es sich insbesondere auch – wie oben dargestellt – um konzeptionelle Anfragen bzw. Anfragen zu Beratschlagungen, die höher vergütet werden, als einfache Seminare oder Workshops.  

Als dritte Voraussetzung möchte ich noch die benötigte Vernetzung und Kollaboration nennen. Es wäre kaum leistbar, alles immer selbst zu entwickeln. Dank OER ist das aber zum Glück auch gar nicht nötig. So habe ich mir in den letzten Jahren über den Besuch von Peer-to-Peer Fortbildungen z.B. im Barcamp-Format, das soziale Netzwerk Twitter und direkte Kommunikation ein persönliches Lernnetzwerk aufgebaut, über das ich immer neue Anregungen, Impulse und oft auch erstellte Materialien als OER finde, die ich dann in meiner Arbeit nutzen und remixen kann.

Wenn ich dieses Geschäftsmodell des Teilens und die damit verbundenen Potentiale in anderen Organisationen und Initiativen der Erwachsenenbildung vorstelle, dann erhalte ich darauf unterschiedliche Reaktionen. Diese reichen von großer Begeisterung und Interesse am Nachmachen bis hin zu Ungläubigkeit und Zweifel, dass so etwas tatsächlich funktionieren kann. Aus beiden Richtungen wird mir dann oft die Frage gestellt, ob und wenn ja wie so etwas für einen selbst realisierbar sein kann. Die Antwort hierauf wird individuell unterschiedlich ausfallen. Wichtig finde ich aber grundsätzlich, dass eine Arbeit basierend auf dem Geschäftsmodell des Teilens sich oft sehr grundsätzlich von der für viele bislang bekannten Arbeit in der Erwachsenenbildung unterscheidet. Wie dargestellt findet man sich selbst nicht mehr nur in der Rolle einer lehrenden Person, sondern auch in der Rolle einer lernenden Person wieder. Zusätzlich nimmt die Materialerstellung und die Kuratierung von Materialien einen großen Stellenwert ein. Hinzu kommen die dargestellten Herausforderungen der Kommunikation und Verbreitung.  

Wer sich auf die Arbeit mit OER basierend auf einem Geschäftsmodell des Teilens einlassen will, braucht außerdem Zeit. Insbesondere der oben skizzierte Aufbau eines persönlichen Lernnetzwerks nimmt einige Monate in Anspruch und bleibt auch im Anschluss daran eine kontinuierliche Aufgabe. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich zu Beginn meiner freiberuflichen Tätigkeit erste Materialien als OER teilte – und darauf zunächst einmal keinerlei Rückmeldungen bekam. Geduld und Durchhaltevermögen ist in dieser Situation sehr wichtig. 

Festhalten möchte ich zum Abschluss: Wenn Menschen in der Erwachsenenbildung erfolgreich mit OER arbeiten möchten, dann benötigen sie dazu aus meiner Sicht zum einen natürlich grundsätzliche Kompetenzen zum Thema. Dazu gehören vor allem rechtliche Fragestellungen wie die Funktionsweise des Urheberrechts, die unterschiedlichen Creative Commons Lizenzmodelle und die Gestaltung von Lizenzhinweisen bei Weiternutzung von offenen Inhalten. Viel entscheidender ist aus meiner Sicht aber die grundsätzliche Haltung: Wer abwehrend zu Neuem ist, am liebsten für sich allein arbeitet und Angst vor Trittbrettfahrer*innen hat, wird OER für sich wahrscheinlich nicht als hilfreichen Weg erkennen. Wer sich dagegen selbst als lernende Person versteht, offen ist für Kollaboration und Vernetzung und grundsätzlich an das Gute im Menschen glaubt, wird gut mit OER zurecht kommen und die Potentiale für sich nutzen können. Um solch eine aufgeschlossene Haltung für OER zu entwickeln braucht es Vorbilder, an denen man sich orientieren kann, gute Beispiele, die Mut machen und zeigen, wie OER-Praxis konkret aussehen kann und Räume des Austausches um von- und miteinander zu lernen.

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