Warum es keine gute Idee ist, nur zu geben und nicht zu nehmen

Im eBildungslabor arbeite ich nach einem Geschäftsmodell des Teilens, Open Educational Resources (OER) sind ein wichtiger Schwerpunkt meiner Arbeit und ich gestalte häufig Lernangebote zum Thema Kultur des Teilens. Meine wichtigste These war dabei bisher immer:

Teilen, d.h. Geben ist eine gute Sache, die sich auch für die Geber*innen auszahlt. Deshalb ist es die wichtigste Herausforderung in Lernangeboten zu diesem Thema, die Lernenden zum Teilen zu ermutigen.

Aber stimmt das in dieser Form wirklich? Ich habe dazu das Buch ‚All You Have to Do Is Ask‘ von Wayne Baker gelesen, auf das ich bei der Edunautika aufmerksam wurde. In diesem Blogbeitrag stelle ich die wichtigsten Thesen daraus und meine Schlussfolgerungen vor.

These 1: Geben und Nehmen müssen im Gleichgewicht sein

Die wichtigste These des Buches lautet: Es ist keine gute Idee nicht zu geben und überwiegend nur zu nehmen. Es ist aber auch keine gute Idee, überwiegend nur zu geben und nicht zu nehmen. Am wenigsten produktiv sind Menschen, die weder geben noch nehmen.

Diese These lässt sich mit dem folgenden Schaubild illustrieren, wobei ich in Anlehnung an eine Ampel die ausgeglichenen Geber- und Nehmer*innen grün umrandet habe, weil sie gut angesehen und zugleich produkiv sind. Die isolierten Alleinversucher*innen sind dagegen am wenigsten produktiv und somit rot markiert.

Daneben gibt es die ‚Zwischenfälle‘ von Menschen, die entweder nur überwiegend geben oder nur überwiegend nehmen. Die These im Buch ist, dass beides gleichermaßen nicht förderlich für produktives Arbeiten ist. Der Unterschied zwischen den beiden Rollen ist, dass die Geber*innen meist geachtet und gut angesehen sind. Die Nehmer*innen dagegen eher nicht.

These 2: Ziel ist ein Kreislauf von Geben und Nehmen, der mit dem Nehmen startet

Erstrebenswert ist somit eine Haltung und Praxis bei der Geben und Nehmen im Gleichgewicht ist. Interessant fand ich die zweite These des Buches, dass dieser Kreislauf meist mit dem Fragen, d.h. mit dem Nehmen in Gang gebracht wird.

Schwierig ist daran vor allem, dass gesellschaftlich das Geben einen sehr großen Stellenwert hat. Wer teilt und gibt, ist ein guter Mensch! Das Nehmen bzw. Fragen wird dagegen aber oft kaum beachtet oder die Fragenden werden sogar tendenziell beschämt („Was? Solche Basics weißt Du nicht?!“).

These 3: Geben und Nehmen ist langfristig gedacht

Die dritte These des Buches lautet: Es ist wichtig, das Gesetz des Gebens und Nehmens langfristig zu betrachten. Für das Ziel einer Ausgeglichenheit von Geben und Nehmen sind vier Punkte entscheidend:

  • Beim Geben sollte man nicht direkt die Erwartungshaltung verbinden (oder das sogar an das Geben koppeln), im Gegenzug dafür etwas nehmen zu können.
  • Geben ist eine gute Sache, aber zuviel geben kann zu Unzufriedenheit und Burnout führen.
  • Nehmen sollte immer mit der Perspektive der Selbstermächtigung erfolgen.
  • Es kann Zeiten geben, in denen man mehr gibt oder mehr nimmt. Das ist aber kein Problem.

Meine Schlussfolgerungen

Ich hatte bei dem Buch einige ‚Aha-Momente‘. Hier sind meine wichtigsten Schlussfolgerungen:

  • Es ist für die Konzeption und Gestaltung von Lernangeboten hilfreich, nicht nur vom Teilen zu sprechen und das Teilen zu propagieren, sondern gleichermaßen auch die Notwendigkeit des Nehmens zu addressieren.
  • Gerade bei sehr aktiven und gestaltenden Menschen, aber auch bei anderen, kann es hilfreich sein, explizit Lernangebote zur Frage anzubieten: Wie kann ich nicht nur teilen, sondern auch nehmen?
  • Ich kann mir gut vorstellen, dass die Bereitschaft, sich auf eine Kultur des Teilens einzulassen, größer wird, wenn man Geben und Nehmen als sich ergänzende und gleichermaßen erforderliche Pole darstellt. Somit können die Thesen des Buches eine Unterstützung z.B. für die OER-Community sein.

Insgesamt fühlte ich mich bei den Thesen des Buches an Überlegungen erinnert, die ich mir im Kontext einer ‚Kultur des Teilens‘ gemacht habe. Denn die Bezeichnung ‚Kultur des Teilens‘ steht dafür, dass es eben nicht einfach nur darum geht, etwas ohne Kontext zu teilen, sondern etwas mit Bedeutung für andere zu teilen und dazu z.B. auch auf die Vorüberlegungen von anderen aufzubauen. Dieser Gedanke lässt sich mit den Thesen des Buches weiter entwickeln.

Konkrete Workshop-Idee

Das obige Schaubild eignet sich aus meiner Sicht gut für einen Workshop-Einstieg zur Kultur des Teilens. Lernende können sich hier z.B. in Form einer Raumaufstellung oder Punkteabfrage selbst positionieren. Anschließend lassen sich passende Angebote oder Austauschräume je nach eigener Ausgangsrolle gestalten.

Und Du?

Hilfreich für die eigene Auseinandersetzung mit dem Thema ist im ersten Schritt eine Selbstreflexion: Bin ich eher Geber*in und könnte produktriver sein, wenn ich auch mehr nehme? Wenn ja: Wie kann ich das angehen? Oder bin ich eher Nehmer*in und könnte besser lernen und arbeiten, wenn ich mehr geben würde?

Mitdiskutieren ksnnst Du unter diesem Tweet oder hier im Fediverse.

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