Techniken und Tools zur Retrospektive

Retrospektiven sind häufig Teil von Bildungsveranstaltungen. Sie können dabei unterstützen, Lernprozesse zu reflektieren, sich gegenseitig Feedback zu geben und aus gemachten Fehlern zu lernen. Auch um den Zusammenhalt in der Gruppe zu fördern, sind sie gut geeignet. Im folgenden stelle ich fünf Methoden vor, mit denen ich gerne arbeite und/ oder die ich auf Veranstaltungen in der letzten Zeit kennen gelernt habe (wobei der Begriff der ‘Methode’ nicht wirklich passend ist, es sind eher Techniken/ Ideen zur Strukturierung der Diskussion). In diesem Rahmen teile ich auch ein neu ausprobiertes Online-Tool, das sich für eine rein virtuelle Retrospektive eignet.

1. Zeitstrahl

Wer über längere Zeit in/ mit einer Gruppe lernt (ein Halbjahr in der Schule, ein Seminar über mehrere Wochen) und den Lernprozess reflektieren will, für den eignet sich die Methode „Zeitstrahl“. Benötigt wird eine vorbereitete Pinnwand, Post-Its und Stifte.

  • Im ersten Schritt werden zeitliche Eckpunkte des Lernprozesses gemeinsam gesammelt. Es soll sich dabei um Eckpunkte handeln, die reale Meilensteine darstellen. Also z.B. der erste Schultag nach den Ferien, die Prüfung am 23. Oktober oder die Freischaltung eines Moduls in einem Kurs. Aufbauend auf diesen Ereignissen wird (z.B. auf einer Pinnwand) ein Zeitstrahl gestaltet.
  • Im zweiten Schritt schreibt jede Person für sich auf Post-Its auf, was sie im Laufe des Lernprozesses gut fand und was nicht. Diese Post-Its klebt sie auf den gestalteten Zeitstrahl: positive Aspekte kommen darüber, negative darunter. Alle könen die Post-its der anderen lesen bzw. sie werden beim Aufkleben (ohne Kommentierung) von jeder Person kurz vorgelesen.
  • Im dritten Schritt zeichnet jede Person eine ‘Emotionenkurve’ ihres Lernprozesses in den Zeitstrahl ein. Sie orientiert sich dabei sowohl an den eigenen geklebten Post-Its, als auch an den vorgestellten Post-Its der anderen: In den Phasen, in denen der Lernprozess in der Selbsteinschätzung gut verlief, verläuft die Kurve oberhalb des Zeitstrahls, ansonsten darunter. Je höher die Linie gezeichnet wird, desto besser die Einschätzung. Je niedriger, desto schlechter. Das lässt sich entsprechend mit Emojis auf dem Zeitstrahl visualisieren.
  • Zum Abschluss können die entstandenen Kurven gemeinsam reflektiert werden: Erkennt man ein gemeinsames Muster, gab es z.B. kollektive Durchhänger? Gibt es zu manchen Lernformen sehr unterschiedliche Einschätzungen (z.B. manche finden Projektarbeit super, andere überhaupt nicht)? Wo gibt es individuelle Besonderheiten und warum?

Hier siehst Du zum besseren Verständnis eine Skizze der Pinnwand:

Pinnwand-Skizze

2. Vereinbarungen für die Zukunft treffen

Wer eine Retrospektive mit dem Fokus darauf durchführen will, was man für die Zukunft verändern möchte, kann die KALM-Methode nutzen. Ich habe gute Erfahrungen mit KALM gemacht, wenn es in Organisationen darum geht, die Bildungsarbeit vor dem Hintergrund der digitalen Transformation zu verändern. KALM steht für Keep, Add, Less, More. Das Kürzel ist zugleich die Methodenbeschreibung. Einfach erklärt handelt es sich dabei um ein strukturiertes Brainstorming, bei dem die folgenden Fragen beantwortet werden:

  • Keep: Was läuft gut und sollten wir so behalten?
  • Add: Was sollten wir neu mit hinzunehmen, das wir bisher noch nicht gemacht haben?
  • Less: Was sollten wir verringern? Was ist nicht unterstützenswert?
  • More: Was haben wir begonnen und sollten wir verstärken?

Ich nutze KALM gerne in Form einer Art ‘Gruppenpuzzle’. Das Brainstorming erfolgt dabei in vier Gruppen zu jedem Buchstaben. Nach einer bestimmten Zeit wird zum nächsten Buchstaben gewechselt – nur eine Person je Gruppe verbleibt in der ursprünglichen Gruppe, um die bisher gesammelten Punkte kurz einzuführen.

3. Licht ins Dunkle bringen

Die Methode ‘Licht ins Dunkle bringen’ eignet sich gut dazu, um Konflikte/ Unstimmigkeiten in einer Gruppe zu erkennen. Sie kann regelmäßig eingesetzt werden und funktioniert auch schon mit jüngeren Lernenden. Falls Konflikte am Entstehen sind, wird man dann frühzeitig gewarnt. Der Reiz der Methode liegt darin, dass sie anonym ist, d.h. dass zunächst niemand etwas offen ansprechen muss, aber Unwohlsein dennoch ‘aus der Gruppe heraus’ artikulieren kann.

Für die Methode benötigt man für jede beteiligte Person ein Kartenset (oder einfach ausgedruckten Zetteln). Jedes Kartenset besteht aus vier Symbolkarten mit den folgenden Bedeutungen:

  • Elefant: Es gibt bei uns ein Problem, das noch nicht besprochen/ geklärt wurde.
  • Stiefel: Seit der letzten Retrospektive wurde ich in der Gruppe verletzt/ beleidigt, aber habe es noch nicht thematisiert.
  • Sonne: Ich fühle mich wohl. Alles in Ordnung.
  • Mond: Ich weiß nicht, was ich auswählen soll.

Die Durchführung gestaltet sich folgendermaßen:

  • Jede Person erhält ein Kartenset und wählt – für die anderen nicht sichtbar – eine der vier Karten aus.
  • In der Mitte des Kreises/ vorne am Pult werden alle Karten gesammelt: alle ausgewählten Karten kommen dabei auf einen Stapel, alle nicht ausgewählten Karten auf einen anderen (jeweils mit der Rückseite nach oben, so dass niemand sieht, wer was ausgewählt hat).
  • Jeder Stapel wird durchgemischt – der Stapel mit allen ausgewählten Karten wird nach dem Mischen aufgedeckt und sortiert. Es wird gezählt, wieviele Karten zu jedem Symbol vorhanden sind.

Wenn sich so gut wie nur Sonnen (und evtl. auch einige Monde) im Kartenstapel befinden, scheint in der Gruppe alles in Ordnung zu sein. Wenn Elefanten und/ oder Stiefel darunter sind, sollte ein gemeinsames Gespräch folgen. Wichtig ist hier, dass niemand sich offenbaren muss (also nicht: Ich habe den Stiefel gewählt, weil …), sondern gemeinsam versucht wird, zu ergründen, warum es in der Gruppe zu dieser Wahl gekommen ist (z.B. Wer hat etwas bemerkt, was hiermit gemeint sein könnte? Was können wir tun, dass beim nächsten Mal niemand mehr Stiefel oder Elefant wählen muss? …).

4. Peer-to-Peer Feedback

Wer möchte, dass Lernende sich gegenseitig für gestaltete Gruppenarbeiten und/ oder individuelle Ergebnisse schnell und vielfältig Feedback geben, der kann das ‘Herz, Dislike, Fragezeichen, Glühbirne’-Raster nutzen. Die Methode funktioniert wie folgt:

  • Jede Gruppe/ jede Einzelperson erhält eine Pinnwand/ einen Tisch. Darauf wird erstens der Name der erstellten Arbeit notiert (oder das gestaltete Produkt ausgestellt/ gezeigt/ mit einem QR-Code verlinkt). Zweitens wird ein Raster mit vier Feldern auf einen Flipchart-Bogen aufgezeichnet (siehe Skizze unten).
  • Alle bewegen sich nun für einen festgelegten Zeitraum durch den Raum und hinterlassen an den Tischen/ Pinnwänden, so viel Feedback wie möglich. Sie schreiben das Feedback dabei auf Post-Its und ordnen diese dem Raster entsprechend der Symbole zu: Herz = Das gefällt mir. Dislike = Das gefällt mir nicht. Fragezeichen = diese Fragen habe ich. Glühbirne = Diese weitere Ideen habe ich.
  • Nach der vereinbarten Zeit kommen die ursprünglichen Gruppen oder die Einzelpersonen zu ihrem Ausgangspunkt zurück und sichten das erhaltene Feedback.
Pinnwand-Skizze

5. Virtuelle Retrospektive

Die oben dargestellten Techniken sind überwiegend für einen Einsatz bei Präsenzveranstaltungen gedacht. Auch hier ist digitale Unterstützung gut möglich. Insbesondere können Pinnwände auch digital gestaltet werden. Das minimiert oft den Aufwand der Vorbereitung und die Ergebnisse können einfacher festgehalten werden. Gerade für ein strukturiertes Brainstorming kann dann das im vorherigen Blogbeitrag vorgestellte Tool Flinga genutzt werden.

Wer eine Retrospektive vollständig virtuell (z.B. im Rahmen einer Telefon/ Videokonferenz oder auch asynchron) durchführen will, dem empfehle ich MetroRetro. Das Tool ist nicht Open Source, aber es ist kostenfrei nutzbar und mit sehr akzeptablen Datenschutz- und Nutzungsbedingungen (keine Datenweitergabe, kein individualisiertes Tracking, kein Verlust erstellter Inhalte). Benötigt wird allerdings eine Registrierung von allen Nutzenden. Nach Registrierung kann dann ein Board durch eine Person erstellt und mit allen anderen geteilt werden. Dabei lässt sich sowohl aus bestimmten vorgefertigten Vorlagen auswählen (auch oben vorgestellte Methoden, aber auch viele weitere sind darunter). Genauso kann aber auch eine eigene Vorlage gestaltet werden.

Mir gefällt an dem Tool:

  • Die angebotenen Vorlagen sind sehr vielfältig.
  • Virtuelle Post-Its können zunächst anonym behalten werden – und erst zu einem bestimmten Zeitpunkt aufgedeckt werden. Das ist einem offenen Brainstorming sehr förderlich.
  • Zur zeitlichen Strukturierung gibt es einen integrierten Timer.
  • Post-Its von anderen können nicht nur bewertet, sondern auch kommentiert werden.
  • Es gibt Zusatz-Funktionen, wie Emojis zum Posten oder auch einen ‘Konfetti-Regen’ (nicht wirklich wichtig, aber macht Spaß).
  • Es gibt eine exzellente Exportfunktion in eine übersichtliche Tabelle zum Weiternutzen aller geposteten Inhalte.

Hier kannst Du Metro Retro ausprobieren

Weitere Inspirationen

Mit den oben vorgestellten Werkzeugen habe ich jeweils nur einzelne Aspekte herausgegriffen. Eine vollständige Retrospektive würde mehrere Phase umfassen: Gesprächsklima schaffen, Themen sammeln, Erkenntnisse gewinnen, Entscheidungen treffen, Diskussion abschließen. Diesem Aufbau folgt der Retromat. Es handelt sich dabei um eine Website, mit der sich eine Retrospektive mit einer zufällig ausgewählten Technik für jede der Phasen konzipieren lässt. Ich nutze die Website gerne zur Inspiration. Sicherlich findest auch Du dort noch weitere methodische Ideen.

Und: Auf dem OERcamp in Lübeck wurde als Methode der #Til-Storm ausprobiert. Er eignet sich gut, um in größeren Gruppen zum Abschluss individuelle Learnings zu sammeln und für alle sichtbar zu machen. Jöran hat die Methode in diesem Blogbeitrag beschrieben.


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