Question Formulation Technique (QFT): Lernende unterstützen, eigene Fragen zu stellen

Die Question Formulation Technique (QFT) ist eine wissenschaftliche Frageformulierungs-Methode. Sie kann in allen Bildungsbereichen genutzt werden, um Lernende dabei zu unterstützen, für sie relevante Fragen zu entwickeln, zu formulieren und zu bearbeiten. Ich habe bereits im letzten Jahr im Kontext der Edunautika über die QFT gelernt und sie ganz kurz verbloggt. Im Rahmen eines Online-Kurses der Harvard Graduate School und des Right Question Institute habe ich mich nun intensiver mit der Methode auseinander gesetzt. In diesem Blogbeitrag möchte ich Gelerntes weitergeben und zum Weiternutzen einladen.

Wie funktioniert die Question Formulation Technique?

Die QFT besteht aus sechs Schritten.

  1. Lernende schreiben zu einem gegebenen Fragefokus alle Fragen auf, die ihnen einfallen. Dabei sind vier Regeln zu beachten:
  • Soviele Fragen aufschreiben, wie möglich. Die Fragen werden nummeriert.
  • Keine Fragen beantworten, bewerten oder darüber diskutieren.
  • Jede Frage so aufschreiben, wie sie gesagt wurde.
  • Jede Aussage in eine Frage umwandeln.
  1. Lernende markieren, ob es sich um offene oder um geschlossene Fragen handelt. Sie reflektieren in diesem Zusammenhang über die Vor- und Nachteile der jeweiligen Frageform.
  2. Lernende wandeln eine offene Frage in eine geschlossene und eine geschlossene Frage in eine offene Frage um (Wenn es nur eine Frageform in der Liste gibt, werden zwei Fragen in die gleiche Richtung umgewandelt). Zusätzlich können in diesem Schritt auch alle Fragen gestrichen werden, zu der man die Antwort bereits selbst geben kann.
  3. Lernende wählen drei Fragen aus, die für sie insbesondere relevant sind und stellen sie anderen vor.
  4. Lernende diskutieren die nächsten Schritte und den weiteren Umgang mit den Fragen.
  5. Lernende reflektieren über den Prozess und das Gelernte.

Auf den ersten Blick mag die Methode sehr simpel erscheinen. Erfahrungen damit belegen jedoch, dass sie keineswegs zu simpel ist. Stattdessen ermöglicht es die Methode auf einfache Art und Weise Erfahrung und Sicherheit bei der Formulierung von Fragen zu gewinnen.

Warum ist es wichtig, Fragen stellen zu lernen?

Das klassische Bild eines Lernprozesses ist, dass eine lehrende Person Fragen/ Aufgaben formuliert, die dann von den lernenden Personen beantwortet werden müssen. Mit der QFT wird diese Herangehensweise grundlegend geändert: Nicht mehr die Beantwortung von Fragen steht im Fokus, sondern die Herausforderung, zu einem gegebenen Problem/ einer Herausforderung die Fragen zu stellen, die einem dann anschließend bei der Bewältigung helden.

Für eine zeitgemäße Bildung ist diese Umkehr aus mehreren Gründen entscheidend:

  • Als die entscheidenden Kompetenzen einer zeitgemäßen Bildung wird häufig auf die so genannten 4K verwiesen: Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und Kritisches Denken. In der ‘Übersetzung’ von Jöran Muuß-Merholz stehen die beiden letztgenannten Begriffe für selber denken und neu denken. Wer Fragen stellen kann, der tut genau dies: Er sucht nach einer eigenen Herangehensweise für eine gegebene Herausforderung.
  • Um die Herausforderungen unserer heutigen Gesellschaft zu lösen und etwas weiter zu entwickeln, müssen häufig gewohnte Muster durchbrochen werden. Genau das zeichnet schon immer Erfindungen aus. Über die Formulierung von Fragen wird diese Fähigkeit deutlich besser geschult, als über das Beantworten von gegebenen Fragen.
  • Wenn Lernenden die Möglichkeit gegeben wird, eigene und für sie relevante Fragen zu formulieren (und anschließend zu bearbeiten), dient das sehr häufig der Steigerung der Motivation. Lernenden wird nicht etwas ‘vorgesetzt’, an dem sie sich abarbeiten müssen, sondern sie entwickeln ihre Fragestellung selbst. Vor diesem Hintergrund berichten zahlreiche Lehrende davon, dass Lernende sich mit viel Begeisterung und Engagement am Lernprozess beteiligen.

Welche Rolle hat die lehrende Person bei der QFT?

Die lehrende Person hat bei der QFT eine entscheidende Rolle. Diese unterscheidet sich allerdings deutlich von der klassischen Lehrenden-Rolle, weshalb die Nutzung der QFT nicht nur für Lernende, sondern auch für Lehrende zunächst ungewohnt sein kann. Im einzelnen müssen im Rahmen der QFT die folgenden Schritte durchgeführt werden.

  1. Bildungsziele identifizieren: Die QFT findet nicht im luftleeren Raum statt. Sie kann und sollte angewandt werden, um ein bestimmtes Thema zu behandeln. Hier unterscheidet sich die QFT also nicht von der traditionellen Planung einer Unterrichtseinheit.
  2. Nutzung der Fragen reflektieren: Im Rahmen der Methode werden Lernende eine Vielzahl von Fragen formulieren und die Fragen priorisieren, die für sie am relevantesten sind. Zu Beginn sollte die lehrende Person sich deshalb überlegen, wie sie diese Fragen im weiteren Verlauf des Bildungsprozesses nutzen will: Wird die folgende Lerneinheit anhand dieser Fragen gestaltet? Nutzen Lernende ihre Fragen zum Projektlernen? Sind die Fragen Grundlage für Gruppenarbeiten? Dienen die Fragen zum Einstieg in eine Lerneinheit z.B. um Neugier zu wecken? etc.
  3. Materialien gestalten

a) Entwicklung eines Frage-Fokus: Die Entwicklung eines Frage-Fokus gehört zu den wichtigsten Aktivitäten der lehrenden Person im Rahmen der QFT. Grundsätzlich kann der Frage-Fokus alles sein – nur nicht eine Frage. Möglich sind Audios, Videos, Zitate, ein Bild, Daten, ein Text, ein Zeitungsausschnitt etc. Wenn man einen erste Idee für einen Frage-Fokus hat, kann man ihn mit den folgenden Reflexionsanstößen überprüfen:

  • Der Frage-Fokus ist keine Frage.
  • Der Fragefokus beinhaltet nicht zu viele Informationen.
  • Der Frage-Fokus erlaubt es Lernenden, in unterschiedliche Richtungen zu denken.
  • In dem Frage-Fokus gibt es kein Wort/ kein Element, das ablenkt/ stört.
  • Der Frage-Fokus wird von Lernenden nicht als subtile Möglichkeit des Lehrenden wahrgenommen, seine eigene Botschaft zu platzieren. Wenn diese Kriterien alle gegeben sind, ist es die beste Möglichkeit, einen Fragefokus zu testen, wenn man selbst einige mögliche Fragen dazu aufzuschreibt oder (noch besser) eine dritte Person darum bittet.

b) Anleitungen zum Priorisieren entwickeln: Im Vorfeld der Durchführung sollte überlegt werden, unter welchem Gesichtspunkt die Lernenden ihre gesammelten Fragen priorisieren, d.h. drei davon auswählen. Möglich ist eine Auswahl unter anderem unter dem Gesichtspunkt, welche Fragen den Lernenden selbst am relevantesten erscheinen, bei einer Problemlösung helfen können, den weiteren Lernprozess strukturieren sollen etc.

c) Reflexionsfragen formulieren: Ebenso wie die Anleitungen zum Priorisieren sollten auch Reflexionsfragen im Vorfeld entwickelt werden. Diese können sich sowohl auf die Frageformulierung an sich als auch auf das jeweilige Thema beziehen. Auch das Format kann unterschiedlich sein. Unter anderem können Lernende eine kurze individuelle Reflexion schreiben oder ihre Reflexionen in der Gruppe diskutieren.

  1. Praktische Durchführung planen: Die QFT kann in Einzel- oder Gruppenarbeit durchgeführt werden. Die häufigste Nutzung der QFT ist eine Formulierung und Priorisierung in Kleingruppen und eine Reflexion darüber in der gesamten Lerngruppe. Auch die zur Verfügung stehende Zeit kann unterschiedlich gewählt werden. Häufig wird die QFT in 30-50 Minuten durchgeführt. Rund ein Viertel der Zeit wird dabei für das Sammeln der Fragen aufgewandt.

Bei einer Umsetzung mit digitalen Unterstützung bietet sich zur Sammlung der Fragen ein gemeinsames Etherpad an. Alternativ kann ein analoges Arbeitsblatt verteilt werden, auf dem oben der Frage-Fokus eingetragen ist sowie direkt auch die Regeln beim Sammeln der Fragen zu finden sind. Eine Vorlage zum Kopieren findest Du hier als GoogleDoc.

  1. QFT durchführen Bei der Durchführung der QFT steht die lehrende Person vor vier entscheidenden Herausforderungen:
  • Sie stellt sicher, dass die Lernenden die Regeln und die einzelnen Schritte einhalten.
  • Sie gibt keine Beispiele (z.B. keine mögliche Beispielsfrage, weil das Lernende sofort in eine bestimmte Richtung lenken würde)
  • Sie beteiligt sich nicht an den Diskussionen der Lernenden.
  • Sie nimmt alle Beiträge gleichermaßen und wertschätzend zur Kenntnis. Es kann hilfreich sein, sich bereits im Vorfeld der Durchführung der QFT diese Herausforderungen zu vergegenwärtigen und z.B. darüber zu reflektieren, was einem selbst dabei evtl. schwer fallen kann und wie sich mit den Schwierigkeiten umgehen lässt.

Um bei der Durchführung zu unterstützen habe ich mit H5P ein Online-Planungs-Tool erstellt. Du kannst es direkt nutzen oder für Deine Zwecke remixen/ anpassen.

Wo kann ich mehr über die QFT erfahren?

Auf der diesjährigen #Edunautika werde ich die QFT im Rahmen einer Station am Freitagabend vorstellen. Herzliche Einladung an alle Interessierten! Zahlreiche weitere Informationen (auf Englisch) zur QFT findest Du auf der Website des Right Question Institute. Mit zahlreichen Praxisbeispielen ist die QFT im Buch ‘Make Just One Change. Teach students to ask their own questions’ vorgestellt.

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