Verzahnung zwischen klassischen (Online)-Fortbildungen und Peer to Peer-Lernen

Veröffentlicht am 1.11.2020

Diesen Blogbeitrag schreibe ich dank des Feedbacks einer Teilnehmerin in einem meiner Online-Workshops in der letzten Woche. Ich hatte den Workshop im Flipped Format angelegt - und sie meinte zum Abschluss sinngemäß, dass dieses Format für sie sehr cool sei. Denn so könne sie die Materialien jetzt direkt an ihre Kolleg*innen weitergeben. Auf diese Weise könnten sie alle gemeinsam am Thema weiterarbeiten.

Für mich war dieses Feedback ein ‘Aha-Moment’. Denn bislang hatte ich bei Online-Fortbildungen das Potential eines daran anschließenden Peer-to-Peer (P2P) Lernens noch nicht gezielt in den Blick genommen. In diesem Blogbeitrag möchte ich das nachholen - und erste Überlegungen zu einer besseren Verzahnung zwischen (Online)-Fortbildungen und P2P-Lernen teilen.

P2P-Lernen definiere ich dabei als Lernform, bei der Lehrende sich zugleich als Lernende verstehen und überwiegend selbstorganisiert, gleichberechtigt sowie ausgehend von der eigenen Praxis, voneinander und miteinander lernen. Als (Online)-Fortbildungen ordne ich klassische Lernangebote ein. Das bedeutet: Auf Anfrage gestalten dafür bezahlte Referent*innen ein meist punktuelles Lernangebot zu einem bestimmten Thema für eine festgelegte Gruppe an Teilnehmenden.

Warum ist eine Verzahnung zwischen klassischen Fortbildungen und P2P-Lernen sinnvoll?

Wer in der aktuellen Corona-Situation im Bereich Online-Bildung Fortbildungen organisiert, wird sicherlich bestätigen, dass das Interesse und der Bedarf daran riesig ist. Eine Verzahnung von klassischen Fortbildungen und P2P-Lernen hat deshalb gerade aktuell sehr viel Potential. Teilnehmende an Online-Fortbildungen können damit gezielt zu Multiplikator*innen werden, die ihr erworbenes Wissen und ihre Kompetenzen weitergeben. Auf diese Weise erreicht eine Online-Fortbildung mit ca.. 15 Teilnehmenden potentiell viel mehr Menschen. Einfaches Rechenbeispiel: Wenn nur 2/3 der Teilnehmenden danach mit durchschnittlich 3 Kolleg*innen zu dem Thema arbeiten, wissen nachher nicht 15, sondern 45 Personen darüber Bescheid.

Noch viel wichtiger ist aus meiner Sicht die Praxis- und Kollaborationsperspektive, die mit P2P-Lernen eröffnet wird. Denn wer bei Online-Fortbildungen neue Kompetenzen erwirbt und dann damit in der eigenen Organisation aber allein ist und bleibt, wird diese Kompetenzen wahrscheinlich weniger anwenden und nutzen, als wenn die Person sich mit Kolleg*innen dazu austauschen und gemeinsam daran weiterlernen und ausprobieren kann. P2P-Lernen, d.h. in einem ersten Schritt die Weitergabe der Inhalte der Online-Fortbildung und daran anschließend die gemeinsame Praxis und das Weiterlernen dazu, kann genau diese Perspektive eröffnen.

Wie kann eine bessere Verzahnung erreicht werden?

P2P-Lernen ist keine neue Erfindung, aber es ist in den letzten Jahren in vielen Bildungsbereichen bewusster in den Blick genommen und gestaltet worden. In Kollegien werden Mikrofortbildungen (= Mini-Lernangebote in der Mittagspause von und für Kolleg*innen) organisiert, in ‘Montagsrunden’ übernimmt reihum eine andere Person einen Input oder schulinterne Lehrer*innen-Fortbildungen werden im Format eines Barcamps angelegt. (Einen Überblick über P2P-Lernformate bietet das offen verfügbare Barcamp-Buch).

Daneben gibt es weiterhin ‘offizielle’ Fortbildungen: Kolleg*innen werden von externen Referent*innen zu einem bestimmten Thema geschult. Vor Corona war diese Fortbildung häufig an einem anderen Ort als die Arbeitsstelle. Inzwischen sind solche Fortbildungen häufig online.

Diese Verzahnung hat bislang - auch ohne dass sie explizit mitgedacht wurde - häufig sicherlich ‘einfach so’ funktioniert. Die eingangs erwähnte Teilnehmerin ist hierfür das beste Beispiel: Ohne dass ich bei der Konzeption der Fortbildung daran gedacht oder bei der Durchführung besonders auf die Möglichkeit hingewiesen habe, hat sie sich das anschließende P2P-Lernen selbst vorgenommen. Meine These ist jedoch, dass sich solch eine Verzahnung mit nur minimale, Aufwand noch deutlich häufiger ergeben und für alle Beteiligten einfacher gestalten ließe. Hierfür lässt sich sowohl die Perspektive der Lernenden als auch die Perspektive der Lehrenden betrachten.

Perspektive Lehrende: Was sollte ich bei der Konzeption und Durchführung einer Online-Fortbildung beachten?

Aus der Perspektive der Lehrenden ist bei der Konzeption einer Fortbildung die aus meiner Sicht wichtigste Frage, wie der Input zur Verfügung gestellt wird. Für eine optimale Verzahnung mit anschließendem P2P-Lernen ist es hilfreich, wenn Teilnehmende den Input auch nach der Fortbildung nicht nur in ihrem Kopf, sondern auch zum Weitergeben als Material zur Verfügung haben. Optimal sind hier Flipped-Formate. Denn wenn Lernende in der Online-Fortbildung den Input vorab zur Verfügung gestellt bekommen, dann können diesen potentiell anschließend auch Kolleg*innen nutzen.

Für die Gestaltung des Flipped-Inputs empfehlen sich mit Blick auf diese Weiterverwendung die folgenden Kriterien:

Bei der Durchführung der Fortbildung sollte gezielt auf die P2P-Perspektive eingegangen und dazu ermutigt werden, das in der Fortbildung erworbene Wissen mit Kolleg*innen anschließend zu vertiefen - und auf diese Weise auch für sich selbst zu festigen. Für meine Fortbildungen nehme ich mir vor, das unter anderem in die Reflexions- und Transferphase zum Abschluss der Fortbildung mit aufzunehmen. Bislang habe ich hier häufig Fragen vorgegeben, die sich auf das eigene Lernen bezogen. Beispiele hierfür sind:

Mit Blick auf eine Verzahnung mit anschließendem P2P-Lernen könnten diese Fragen/ Aufgaben alternativ oder ergänzend gestellt werden:

Ich denke, dass diese Fragen mindestens ebenso gut zur Reflexion des Gelernten und damit zur Festigung der Fortbildungsinhalte beitragen können, wie die obigen Fragen, die sich nur mit dem eigenen Lernprozess beschäftigen. Und zusätzlich eröffnen sie die P2P-Perspektive.

Perspektive Lernende: Was sollte ich bei der Teilnahme an einer Online-Fortbildung beachten?

Aus der Perspektive der Lernenden geht es zunächst einmal um die grundsätzliche Haltung, mit der ich an einer Fortbildung teilnehme: Lerne ich nur für mich oder verstehe ich mich zugleich mit als Kundschafter*in für meine Kolleg*innen, für die ich neue Tools, Konzepte und Ideen in Erfahrung bringen will? Ich selbst habe mit der Perspektive als Kundschafterin, die ich in der Regel als Teilnehmerin bei Fortbildungen für mich wähle, durchweg positive Erfahrungen gemacht. Sobald ich nämlich auch mit der Perspektive zuhöre, wie ich das Gesagte später an andere weitergeben kann, bin ich deutlich konzentrierter, habe direkt den Transfer im Blick - und profitiere so viel mehr von der Fortbildung.

Ganz praktisch empfehle ich Teilnehmenden die folgenden Fragen an die Anbieter*innen von Fortbildungen, um ein folgendes P2P-Lernen optimal vorzubereiten:

Welche Rahmenbedingungen sind nötig?

Bessere Verzahnung von Online-Fortbildungen mit P2P-Lernen kann natürlich zudem durch hierfür förderliche Rahmenbedingungen unterstützt werden. Wichtig finde ich hier vor allem, dass Teilnehmende an Fortbildungen auch im Anschluss an die Fortbildung ausreichend Zeit zur Nachbereitung haben und dass ausreichend Freiraum vorhanden ist, um informelle Fortbildungsaktivitäten wie das P2P-Lernen durchzuführen. Für Lehrende in Fortbildungen fände ich es hilfreich, wenn die Perspektive der ‘Nachbetreuung’ von Teilnehmende von den auftraggebenden Institutionen stärker bei der Vertragsgestaltung berücksichtigt wird. So wäre auch hier ausreichend Freiraum da, um Nachfragen von Teilnehmenden, die sich aus dem Praxistransfer im P2P-Lernen ergeben, umfassend beantworten zu können.

Deine Erfahrungen und Weiterdenken

Ich finde es spannend, an der Frage der Verzahnung zwischen Online-Fortbildungen und P2P-Lernen weiterzudenken. Über Austausch per Mail, in den Kommentaren oder auf Twitter freue ich mich. Über meine eigenen Versuche und Ausprobieren werde ich berichten.

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