Hybride Bildungssettings

Veröffentlicht am 29.1.2021

In diesem Blogbeitrag möchte ich die Herausforderung des hybriden Lernen aufgreifen. Zum Nachdenken gebracht hat mich ein Tweet von Jöran, in dem er twittert, dass jedes Lernen hybrides Lernen sei. Denn in jedem Onlinesetting seien alle Beteiligten auch immer an einem physischen Ort. Und in jedem Präsenzsetting hätten die Menschen (fast) immer auch einen Online-Zugang dabei. Was aber bedeutet das für die pädagogische Gestaltung von Bildungssettings? Um diese Frage zu reflektieren, finde ich es in einem ersten Schritt hilfreich, sich die Unterschiede zwischen physischen Räumen und Online Räumen zu vergegenwärtigen.

Wie unterscheiden sich physische Räume und Online Räume zum Lernen?

Der reale Raum als Lernraum (= der physische Ort, an dem sich eine Person zum Lernen aufhält) unterscheidet sich vom virtuellen Raum (= der Online-Zugang, den eine Person zum Lernen nutzt). Mir scheinen vor allem die folgenden 5 Unterschiede relevant zu sein. Wichtig ist dabei, dass die Unterschiede meist nicht als starres ‘entweder-oder’ zu betrachten, sondern vielmehr mit einem ‘eher’ davor - und natürlich sind auch nicht alle Online-Räume gleich - ebenso wenig wie alle physischen Räume.

  1. dauerhaft und geplant versus flüchtig und spontan: An einem physischen Veranstaltungsort halte ich mich relativ dauerhaft auf. Natürlich kann ich Räume wechseln, spazieren gehen, wegfahren … In einem Online-Raum bin ich aber mit nur einem Klick potentiell woanders. Wenn ich deshalb zu einer Präsenz-Veranstaltung fahre, dann muss ich das meist planen und vorbereiten; an einer Online-Veranstaltung kann ich meist recht spontan teilnehmen.
  2. singulär versus multipel: An einem physischen Veranstaltungsort kann ich zwischen Räumen wechseln und zum Beispiel bei einem Barcamp erst ein bisschen etwas von Session A und dann noch von Session B mitnehmen. Ich kann aber nicht zeitgleich in mehreren Räumen sein. Im Online Kontext kann ich aber (fast gleichzeitig) Mails schreiben, bei einem Webinar zuhören und meine Twitter-Timeline checken.
  3. geschlossen versus offen: Ein physischer Veranstaltungsort hat meist eine gewisse Begrenzung: die Wände eines Raums, die Türen eines Gebäudes oder auch ein Park/ ein Wald/ ein Sportplatz. Der Online-Raum ist erst einmal unbegrenzter und offen, auch wenn natürlich auch hier mit Zugangsdaten/ Videokonferenzräumen / Registrierungen etc. Begrenzungen vorgenommen werden.
  4. eingespielte soziale Verhaltensweisen versus neue Lernprozesse: An einem physischen Veranstaltungsort habe ich viele Routinen kennen gelernt: ich gehe zunächst zur Registrierung, vielleicht kann ich mir einen Kaffee holen, ich setze mich irgendwo hin, wenn ich etwas sagen will, dann melde ich mich, ich bin ziemlich sicher, dass andere Menschen mich hören/ sehen können etc. In einem Online-Raum ist vieles erst einmal neu und ungeklärt: Soll ich meine Kamera ein- oder ausschalten? Melde ich mich im Chat, per Handzeichen oder via Audio? Wird mein Audiosignal/ mein Bild richtig übertragen? Muss ich mich abmelden, wenn ich gehe? etc. (Dieser Unterschied hebt sich mit den Erfahrungen der Corona-Zeit zwar immer mehr auf, aber er ist für mich immer noch erkennbar)
  5. vielfältige Sinneseindrücke versus fokussierte Sinneseindrücke: An einem physischen Veranstaltungsort bin ich mit vielfältigen Sinneseindrücken konfrontiert: Ich kann ich im gesamten Veranstaltungsraum umblicken, ich sehe alle anderen Teilnehmenden und ihre jeweiligen Reaktionen, ich nehme vieles auch unbewusst war, ich kann Stimmengewirr wahrnehmen und zuordnen … Im Online-Raum sind die Sinneseindrücke dagegen fokussiert: die Videokachel, der Chat, die jeweils eine Stimme der redenden Person.

Wie lassen sich hybride Lernräume zeitgemäß gestalten?

Wenn ich der These folge, dass jedes Lernen immer hybrides Lernen sei, dann ist die größte Schwierigkeit aus pädagogischer Perspektive, dass es in diesen hybriden Bildungssettings immer eine primäre und eine nachgelagerte Ebene gibt.

Das Problem der nachgelagerten Ebenen ist nun, dass diese sehr häufig als Störung wahrgenommen und pädagogisch nicht mitgedacht werden:

Vor diesem Hintergrund lässt sich als ein Merkmal von guten Bildungsveranstaltungen festhalten, dass ihr hybrider Charakter mitgedacht und dass auch die jeweils nachgelagerte Ebene pädagogisch gestaltet wird.

Wie lässt sich der Online-Raum bei Präsenzveranstaltungen gestalten?

Auch wenn meine letzte Präsenzveranstaltung aufgrund der Corona-Pandemie nun schon ein Jahr zurückliegt, fallen mir noch viele Möglichkeiten zur Gestaltung der Online-Ebene in Präsenzveranstaltungen ein, die ich als sehr gewinnbringend und produktiv erlebt habe:

Wie lässt sich der physische Raum bei Online Veranstaltungen gestalten?

Während es bei Präsenz-Veranstaltungen aus meiner Sicht schon sehr normal ist, dass der Online-Zugang mitgedacht und aktiv genutzt wird, ist das bei Online-Veranstaltungen aus meiner Sicht mit der Präsenz-Ebene oft noch viel weniger der Fall. Das ist erst einmal nicht verwunderlich, denn während der Online-Zugang bei Präsenzveranstaltungen in der Regel von allen gleichermaßen genutzt werden kann, sind die physischen Räume bei Online-Veranstaltungen individuell sehr unterschiedlich und auch die Bereitschaft der TN, Einblicke in ihren privaten Raum zu gewähren, unterscheidet sich.

Dennoch gibt es erste gute Ideen und Ansätze. Die folgenden habe ich bereits selbst kennen gelernt oder ausprobiert:

Wie lassen sich weitere Online-Räume bei Online-Veranstaltungen erschließen?

Neben der jeweils dargestellten nachrangigen Ebenen gibt es bei Online-Veranstaltungen auch noch die nachrangige Ebene von potentiell vielen weiteren Online-Zugängen. Auch hier stellt sich die Frage der pädagogischen Gestaltung, die dann ähnlich wie die Gestaltung des Online-Zugangs bei Präsenzveranstaltungen aussieht. Gerade hier sehe ich noch viel Potential zur Gestaltung und zum gemeinsamen Ausprobieren. Unter anderem geht es mir dabei um die folgenden drei Aspekte:

Fazit: Weiterdenken und gemeinsam Lernen

Im letzten Jahr haben wir alle die dargestellte automatische Hybridität von Lernangeboten auf die eine oder andere Weise erlebt. Auch wenn schon vieles ausprobiert wurde, so gibt es aus meiner Sicht gerade in Hinblick auf den physischen Raum als nachgelagerte Ebene oder die Möglichkeit zu multiplen Online-Zugängen bei Online-Veranstaltungen noch viel zu überlegen und zu erkunden. Von diesen Erfahrungen und Lernprozessen wird es dann auch maßgeblich abhängen, wie Bildungsveranstaltungen nach Corona aussehen werden und ob es uns jetzt aktuell gelingt, zunehmende Video-Konferenz-Müdigkeit zu überwinden.

(Bild des Beitrags: Mein bester Care-Paket Inhalt so far, Danke!)

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