Vom Online-Lernen inspirierte Methoden zum Lernen an einem gemeinsamen Ort

Veröffentlicht am 8.9.2021

Schon vor der Sommerpause habe ich 10 Wünsche für Veranstaltungen an physischen Orten aufgeschrieben. Jetzt wird es konkreter, denn die für mich seit vielen Monaten ersten Veranstaltungen an einem gemeinsamen physischen Ort fanden und finden statt.

Zunächst war ich angesichts dieser Entwicklung ein bisschen wehmütig. Denn ich habe die Corona-Zeit mit all der Offenheit zum Ausprobieren und Erkunden des Online-Raums in meiner Rolle als Pädagogin sehr genossen. Als ich mich dann jedoch an die Konzeption der ersten Veranstaltungen vor Ort setzte, merkte ich, dass für Wehmut gar kein Grund bestand. Vielmehr ist mir durch die lange Nur-Online-Zeit ein anderer/ neuer Blick auf Veranstaltungen an physischen Orten möglich - und auch diese kann ich nun mit mindestens ebenso viel Experimentierfreude gestalten wie meine Online-Veranstaltungen.

In diesem Blogbeitrag möchte ich von drei Ansätzen berichten.

1. Wir gestalten unseren Raum

Wenn wir an einem gemeinsamen physischen Ort zusammenkommen, dann können und sollten wir diesen Raum auch gestalten. Schon vor der Corona-Zeit habe ich die Methode ‘leerer Seminarraum’ erlebt, die - kurz erklärt - so aussah, dass Teilnehmende in ihren Seminarraum kommen und weder Tische noch Stühle noch andere Einrichtung vorfinden (oder ein großes durcheinander gestelltes Chaos). Sie müssen dann selbst aktiv werden, damit das gemeinsame Lernen starten kann. Die Idee dahinter war, dass von Anfang an eine ‘Anti-Konsum-Haltung’ bzw. ein beteiligungsorientierter Charakter der Veranstaltung angestoßen werden sollte.

Nach der Corona-Zeit hat diese Methode aus meiner Sicht noch viel mehr ihre Berechtigung. Allerdings muss der Raum nun gar nicht mehr vorab geleert oder chaotisiert werden, sondern es lässt sich einfach gemeinsam mit den Erfahrungen der Corona-Zeit draufblicken. Für mich ist es in dem Sinne eine schöne Auftakt-Methode, dass Teilnehmende dazu eingeladen werden, den Raum, an dem sie sich nun gemeinsam aufhalten werden, für sich zu gestalten. Je nachdem, ob es sich um eine einmalige Veranstaltung handelt oder einen dauerhafter genutzten Gruppenraum, wird die Gestaltung unterschiedlich umfassend ausfallen. Wesentlich ist aber der Grundgedanke: Nicht die lehrende/ moderierende Person bereitet vor und präsentiert, sondern die Lerngruppe stellt sich gemeinsam die Frage, was sie sich von einem gemeinsamen physischen Ort wünscht und wie er gestaltet sein soll.

Für einen längerfristig genutzten Raum finde übrigens eine ‘Ideenwand’ eine sehr schöne Sache. Entweder allgemein für alles, was inspirieren kann oder auch zu einer konkreten Frage (Wie können wir besser lernen?). Angepinnt werden sollen nicht lange Texte. Stattdessen ist Raum für Zitate, Sketchnotes oder Bilder. Dabei liegen Post-Its und Stifte, mit denen die Inhalte ‘kommentiert’ werden können.

2. Präsentieren ohne Display

Über das Format des ‘Vortrags’ und seine Gestaltung in der Online-Variante habe ich bereits in diesem Blogbeitrag einige Überlegungen formuliert. Ich halte die dort skizzierte Form einer interaktiven Präsentation z.B. durch Nutzung des Tools Mentimeter oder eines Whiteboards weiterhin für eine gute Sache und nutze es gerne. Als ich jedoch meinen ersten Vortrag seit fast 2 Jahren an einem gemeinsamen physischen Ort vorbereitete, war ich irritiert. Mir war nicht ersichtlich, warum sich viele Menschen in einem gemeinsamen Raum treffen sollen - nur um gemeinsam auf einen Bildschirm zu blicken. Wenn schon vor Ort, dann bitte anders, überlegte ich. Und entwickelte Ideen zum ‘Präsentieren ohne Display’.

Die Überlegung dahinter ist simpel: Ein Display kann ich im Online-Kontext voll ausschöpfen und kreativ gestalten. Es ist der gemeinsame Ort von mir als Rednerin und von den zuhörenden/ mitmachenden Personen. Wenn ich dagegen mit meinem Vortrag mit den zuhörenden/ mitmachenden Personen an einem gemeinsamen physischen Ort bin, kann ich auch den gemeinsamen, physischen Raum gestalten. Hier liegt somit der ‘Anderswert’ der Vor-Ort Veranstaltung. Und eben diesen wollte ich nutzen. So kam ich zum ‘Präsentieren ohne Display’.

Konkret bedeutet ‘Präsentieren ohne Display’ (korrekter wäre: ‘ohne frontales, digitales Display’), dass ich keine ‘klassische’ Präsentation gestalte, die dann vorne an einem Bildschirm gezeigt wird, sondern den gesamten Raum zum Präsentieren nutze. Zum Beispiel durch mehrere ‘Stationen’ mit Thesen auf Flipcharts, durch das schrittweise Auslegen einer ‘Präsentation’ auf dem Boden, durch die Nutzung von Gegenständen, um wichtige Aussagen des Vortrags begreifbar zu machen …

Meine Lieblings-Umsetzung aktuell hierzu ist die Gestaltung eines ‘Museums’ oder einer Ausstellung. Dabei lade ich Teilnehmende in ein selbst gestaltetes ‘Museum’ ein - und erläutere ihnen dort unterschiedliche Exponate. Diese können zum Teil auch zum Mitmachen gestaltet sein. Durch das gemeinsame Gehen durch den Raum, die visuelle Darstellung und die einfach gestaltbare ‘Unterbrechung’ mit interaktiven Elementen gelangen Impulse aus meiner Sicht wunderbar in den Kopf. Schön ist auch, dass das ‘Museum’ während einer Veranstaltung aufgebaut bleiben und so von Teilnehmenden auch in der Pause und für Zwischenraum-Gespräche genutzt werden kann.

Aktuell bereite ich für einen ‘Vortrag’ zum ‘Lernen in einer Kultur der Digitalität’ z.B. ein ‘Museum für zeitgenössische Kultur im digitalen Wandel’ vor, in dem die Teilnehmenden unter anderem auf einen Plüschtier-Pinguin stoßen werden, einen ‘Glücksbrunnen der Möglichkeiten’ oder einen ‘Zauber-Zylinder’, auf der vorab verteilten ‘Eintrittskarte’ gibt es einen QR-Code mit Links zu weiterführenden Infos und Inspirationen und schon während des Museums-Besuchs kann mit Post-Its an den Exponaten kommentiert sowie zum Ende ein eigenes Exponat gestaltet werden. Den Testlauf dazu plane ich in einer Session beim Barcamp Education Ost 21 - und werde danach ausführlicher dazu bloggen.

3. Aktivierung durch Gewusel und Geplapper

An einem gemeinsamen physischen Ort mag ich die Möglichkeit zur Aktivierung durch ‘Gewusel und Geplapper’. Das bedeutet: Menschen können sich sehr leicht gruppieren und austauschen. Die wahrscheinlich einfachste Art (noch ohne Gewusel) ist die Murmelrunde: Auf die Schnelle tauscht man sich mit Nebensitzer*innen zu einem Thema aus.

In diese Richtung gibt es noch viel mehr Möglichkeiten. Hier kommen ein paar gesammelte Ideen:

Beim oben dargestellten kreativen Präsentieren ohne Display als ‘Museum’ mag ich es sehr, dass ‘Vortrag’ und ‘Selbermachen’ fast nahtlos ineinander fließen: Zunächst schaut man sich gemeinsam einige Exponate an und probiert sie aus. Dabei finden sich dann direkt auch schon Gruppen, die z.B. eigene Exponate gestalten und danach ebenfalls präsentieren.

Fazit: Ist Lernen vor Ort anti-digital?

Wer bis hierher gelesen hat, ist vielleicht etwas irritiert und fragt sich: Ist soviel analog nicht anti-digital? Ich finde: Natürlich nicht!

Was sind Deine aktuellen Erfahrungen zum Lernen und Lehren vor Ort? Diskutiere gerne mit unter diesem Tweet.

Bild des Beitrags: Bei einem von mir konzipierten Design-Thinking Workshop noch vor der Corona-Zeit

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