Für kreative Online-Inhalte statt billiger Abklatsch

Ende November war ich bei einer Veranstaltung, lief danach zum Bahnhof und kam dabei zufällig an einem gerade aufgebauten Weihnachtsmarkt vorbei: Adventslieder dudelten, es gab überteuerten Glühwein und jede Menge Weihnachtskitsch. Ich war irritiert, weil ich die Adventszeit noch gar nicht auf dem Schirm hatte. Mit diesem Abstand wirkte auf mich alles nochmals liebloser, als ich es wahrscheinlich auch in einer anderen Situation empfunden hätte. Ich lief also schnell weiter und dachte: ‚Warum ist das nur so schlecht gemacht, obwohl Advent doch auch so schön sein könnte?‘ …

Ich setze dieses Erlebnis an den Anfang eines Blogbeitrags für mehr kreative Inhalte im Internet, weil ich mich im Internet zunehmend wie auf diesem Weihnachtsmarkt fühle: So vieles wirkt automatisiert gestaltet, schablonenhaft und nur wie eine lieblose Kopie von so viel Kreativität und Freude, wie ich sie mir eigentlich im Internet wünsche und dort ja auch schon so oft finden durfte. Meine Frage ist deshalb, wie wir wieder stärker dort hinkommen können. Ich möchte dazu zunächst Beispiele darstellen, bei denen mir solch eine Lieblosigkeit bzw. Schablonenhaftigkeit besonders auffällt. Anschließend überlege ich, woran das liegen und wie es anders gehen könnte. Ich schreibe aus der Perspektive einer pädagogisch tätigen Person.

Beispiele für ‚billigen Abklatsch‘

Kennst Du dieses Bild?

Es stammt von Pixabay. Man erhält es dort, wenn man Suchbegriffe wie Kinder, Gaming, Computer … eingibt. Ich habe es gefühlt schon hunderte Male in medienpädagogischen Blogbeiträgen oder Veranstaltungseinladungen gesehen. Wie kommt es dazu? Das ist schnell erklärt: Wer es nutzt, war wahrscheinlich auf der Suche nach einem Bild, das möglichst ohne Lizenzangabe weitergenutzt werden kann. Pixabay ist als Bilder-Plattform dazu gut geeignet. Alternativ könnte ich zu Unsplash oder Pexels gehen. Mit den eingegebenen Suchbegriffen ist das obige Bild mit Abstand am besten passend zum Thema. Also wird es schnell heruntergeladen und zum erstellten Inhalt dazu verwendet … Aus individueller Perspektive ist das sicher sehr cool. Doof ist eben nur, dass es jeden Tag sehr, sehr viele Menschen genau so machen – und wir deshalb alle im Internet, wenn es um Computerspiele und Kinder geht, dieses Bild so oft sehen. Die Vielfalt der Medienpädagogik bleibt damit dann auf der Strecke. Dir fallen bestimmt noch weitere Beispiele für Bilder ein, denen Du im Internet zu anderen Themen immer wieder begegnest.

Fast noch anstrengender finde ich die gestellten Bilder, die man ebenfalls zuhauf auf zentralen Bilder-Plattformen findet. Besonders viele stellen z.B. digitales Arbeiten oder Gruppenprozesse dar. Jedes Mal wieder sieht man ein paar gut gekleidete Menschen, oft mit geschäumten Kaffee-Spezialitäten um einen Tisch sitzen, digitale Geräte vor sich oder in der Hand und in irgendeiner Interaktionspose. Natürlich sind alle diese vielen Bilder irgendwie unterschiedlich, aber im Endeffekt dann doch fast nicht voneinander unterscheidbar. Und da diese Bilder gefühlt überall im Internet sind, sind sie in den meisten Fällen einfach nur nervig. Schlimmer noch: Es wird ein Mainstream-Bild von Gruppen- und Arbeitsprozessen transportiert (Menschen sind meistens jung und gut aussehend, es gibt Post-Its, man hat schickes Mobiliar …), was zumindest meinen Erfahrungen nach nur in den seltensten Fällen der Realität entspricht und ganz sicher Vielfalt ausblendet.

Ähnlich wie bei Bildern ist es auch bei Präsentationen. Mir ist es inzwischen schon mehrmals passiert, dass ich in einer Veranstaltung sitze und denke: ‚Diese Präsentation kenne ich doch!‘. Dabei ist es bei näherem Hinschauen gar nicht die Präsentation, die ich kenne, sondern die Design-Vorlage. Auch diese Entwicklung ist einfach erklärbar: Tools wie z.B. Canva machen es uns allen sehr einfach, professionell wirkende Präsentationen (oder auch Social Media Postings oder Illustrationen) sehr schnell und niederschwellig zu erstellen. Bei Präsentationen ist oft sogar schon die Gliederung, die Methoden oder sogar erste Inhalte erhalten – und wir können Bilder aus den gleichen zentralen Bilderplattformen auswählen, die ich schon oben beschrieben habe.

Der Preis für diese Einfachheit ist, dass vieles oft zu beliebig, zu geschliffen und damit abgenutzt wirkt. Natürlich gibt es auch viele Menschen, die Tools wie Canva sehr kreativ und individuell nutzen: eher wie ein Design-Programm, als ein Template-Ersteller. Das übergreifende Bild bleibt trotzdem oft ein anderes. Hinzu kommt: Außerhalb der Plattform kann ich meinen erstellten Inhalt nicht zur Weiternutzung an andere weitergeben. Damit verhindere ich Zusammenarbeit und damit eine entscheidende Notwendigkeit für Kreativität. Und ich trage weiter zur Monopolisierung und damit Standardisierung bei.

Bis jetzt haben wir uns typische Materialien im Internet angesehen. Aber ähnliches lässt sich auch für Methoden beobachten. Ich kann gar nicht zählen, wie oft ich schon eine Stimmungsabfrage über Mentimeter am Ende von einer Veranstaltung gemacht habe. Natürlich ist das inhaltlich jedes Mal anders und auch spannend anzusehen. Zugleich merke ich aber auch, wie ich innerlich stöhne und denke: ‚Es kann doch nicht sein, dass diese Menti-Schlagwortwolke die gefühlt einzige Methode ist, die der Bildungscommunity als Reflexionsabschluss einfällt‘.

Dieses letzte Beispiel zeigt auch nochmals deutlich, dass es mir nicht primär um Stilkritik geht im Sinne von: ‚Diese Präsentation gefällt mir nicht!‘. Als Problem sehe ich vielmehr, dass solch eine Vereinheitlichung und Standardisierung das Internet für uns alle weniger schön macht – eben so wie den von mir erlebten Weihnachtsmarkt – und dass für Vielfalt, echte Kooperation und Kreativität weniger Raum ist.

Woran liegt das?

Ich habe in meiner Beschreibung oben ziemlich viel gemeckert. Dabei habe ich allerdings verschwiegen, dass ich ziemlich oft ganz genau so agiere:

  • Da fehlt noch ein Bild? Okay, dann nehme ich schnell eines von Pixabay oder Unsplash. Ich habe jetzt nicht die Zeit, etwas anderes zu suchen.
  • Für Morgen muss noch eine Präsentation fertig werden? Dann mache ich das am besten schnell mit Canva; wird schon nicht auffallen und wenn doch, ist es auch nicht schlimm, machen ja alle so.
  • Und die Menti-Schlagwortwolke kam auch bei mir schon des öfteren zum Einsatz.

Diese Selbstbeobachtung hilft, um zu verstehen, warum Online-Tools, die überwiegend billigen Abklatsch produzieren, dennoch so beliebt sind:

  1. Es handelt sich um große und zentrale Plattformen, d.h. sie sind somit bekannt. Ich habe wahrscheinlich sehr oft beobachtet, dass andere Menschen sie genutzt haben. Vielleicht habe ich auch Werbeanzeigen dazu angezeigt bekommen. Ich weiß deshalb, dass es sie gibt, d.h. ich muss nicht erst nach etwas Passendem suchen.
  2. Die Nutzung ist sehr einfach. Oft gibt es fast fertige Vorlagen und mir ist erlaubt, aus vielen zusätzlichen Designelementen und Bildern ganz ohne Lizenzhinweise auszuwählen. Das hilft sehr, vor allem, wenn es wieder einmal schnell gehen muss.
  3. Das Ergebnis ist erstaunlich professionell – oder anders ausgedrückt: Es sieht für sich allein betrachtet erst einmal cool und fancy aus. Und vor allem passt es zu dem, was ich selbst und auch andere erwarten.

Genau diese Kombination zwischen marktbeherrschender Position einzelner großer Plattformen, Einfachheit in der Nutzung und professionell anmutendem Ergebnis ist die Erklärung dafür, warum das Internet sich mehr und mehr zu etwas entwickelt, was an einen verkitschten Weihnachtsmarkt erinnert – und ich bin mir darüber bewusst, dass ich vielfach mit dazu beitrage.

Geht es auch anders?

Wer dieser Entwicklung als einzelne Person etwas entgegen setzen will, hat es zunächst schwer. Denn auf solche ‚Einfach-Tools‘ zu verzichten, macht es für einen selbst erst einmal aufwändiger. Zudem hat man die ‚fertigen‘ Templates implizit immer als Vergleichsmaßstab vor Augen. Ich finde trotzdem, dass es sich lohnt und habe fünf konkrete Vorschläge, die man individuell angehen kann:

  1. im Rahmen der eigenen Möglichkeiten gestalten: Die erste und vielleicht auch wichtigste Möglichkeit ist, es trotz alledem zu versuchen, ohne Rückgriff auf zentralisierte Fertig-Tools zu konzipieren, zu gestalten und zu entwickeln. Das braucht mehr Zeit und ist mindestens die ersten Male auch aufwändiger, aber ich denke, dass es für einen selbst und auch für Nutzende deutlich zufriedenstellender, weil interessanter ist. Und um Missverständnissen vorzubeugen: Mit ’selbst Gestalten‘ meine ich nicht, dass dabei nicht auf Inhalte von anderen zurückgegriffen werden kann und sollte. Aber ein gut gemachter Remix ist eben etwas ganz anderes als ein billiger Abklatsch. Ganz konkret nehme ich mir z.B. vor, häufiger bei Veranstaltungen oder auch einfach so zu fotografieren und Bilder dann zur offenen Weiternutzung zu teilen bzw. auch selbst in meinen Inhalten zu nutzen. Oder bei der Bildersuche nach Creative Commons-Bildern zu recherchieren. Bei Präsentationen sind Tools wie HedgeDoc eine wunderbare Möglichkeit, um ohne Designvorlage zu guten und ansprechenden Ergebnissen zu kommen – und zudem macht man die Weiternutzung für andere sehr einfach. Außerdem habe ich mir endlich wieder die offene Software Gimp auf meinen Rechner installiert, um Bilder bearbeiten und Illustrationen gestalten zu können. Das braucht Einarbeitungszeit, aber ich hoffe, es ist für mich machbar.
  2. das proprietäre und zentralisierte Netz für sich selbst zurückdrängen: Es ist sicher kein Zufall, dass sich mein Unbehagen über das von mir so empfundene ‚billige Abklatsch-Internet‘ besonders stark regt, seit ich versuche, dezentrale und offenere Räume im Internet zu nutzen. Dazu gehört insbesondere eine Vernetzung überwiegend über das Fediverse, Metager als neue Standard-Suchmaschine und aktivierte Ad-Blocker in allen Browsern. ‚Mein‘ Internet sieht damit plötzlich anders aus und ich merke, wie viel Raum hier eigentlich auch für mehr kreative Inhalte wäre. Zugleich bietet solch ein veränderter Blick auf Online-Inhalte auch deutlich mehr Möglichkeiten, um Alternativen zu zentralisierten Anbietern und kleinere Websites mit sehr eigenen Inhalten zu finden. Ich kann deshalb sehr empfehlen, ähnliche Schritte auszuprobieren. Eine gute Anleitung für allererste Schritte findest Du z.B. hier. (Ich habe lange gedacht, dass ich doch reflektiert genug bin und bei der Recherche ganz bestimmt nicht nur auf die ersten Suchergebnisse klicke – mittlerweile denke ich, dass man sich mit solchen Annahmen zum Teil doch selbst überschätzt. Außerdem werden Monopole natürlich auch immer umso stärker, je mehr Menschen sie nutzen.)
  3. Gestalter*innen unterstützen: Wer sich stärker auf den Weg ins dezentralisierte und offene Internet macht, wird Menschen und Initiativen finden, die nicht ‚billigen Abklatsch‘ produzieren, sondern selbst und neu denken. Wer die Möglichkeit dazu hat, kann solche Gestalter*innen gezielt unterstützen. Mit einem öffentlichen Danke, mit der Einladung zur Zusammenarbeit bzw. einem Auftrag oder auch mit Spenden. Im pädagogischen Kontext finde ich es besonders wichtig, Lernende dazu zu ermutigen, etwas selbst zu entwickeln. Dazu gehört dann auch, als Lehrkraft bei Lernprodukten nicht auf ein professionell anmutendes Design hereinzufallen, wozu die Lernenden aber vielleicht gar nichts beigetragen haben, weil sie einfach nur auf die erstbeste Design-Vorlage geklickt haben. ‚Was hast Du gelernt?‘ steht aus meiner Sicht als Frage über ‚Welches Lernprodukt hast Du erstellt?‘ …
  4. experimentierfreudig sein: Es lohnt sich, Bildungsangebote immer wieder neu und anders zu konzipieren. Nicht nur deshalb, weil auch jeder Kontext des Lernens unterschiedlich ist, sondern weil man nur so auch selbst lernende Person bleibt. Und für experimentelle Ideen gibt es meist ohnehin keine standardisierten Vorlagen. Damit kommt man gar nicht in Verlegenheit, doch welche zu nutzen.
  5. niemals Inhalte ohne Anliegen gestalten: Die Beliebigkeit bei vielen Fotos und Templates von proprietären Plattformen liegt aus meiner Sicht vor allem daran, dass sie als Vorlagen naturgemäß ohne ein echtes, inhaltliches Anliegen gestaltet sind. Es fehlt ihnen an Purpose, Herzblut, Leidenschaft … oder was auch immer für einen Begriff Du für Dich einsetzen willst. Deshalb ist der wahrscheinlich wichtigste Punkt für mich, immer selbst mit Begeisterung bei der Sache zu sein. Das merkt man den so entstehenden Inhalten dann auch an.

Fazit

Ich war heute wieder auf einem Weihnachtsmarkt. Es war ein anderes Erlebnis als Ende November – und das sicher nicht nur deshalb, weil wir inzwischen schon den dritten Advent haben. Mir gefiel, dass der Raum dieses Mal bewusst so gestaltet war, dass Menschen sich begegnen konnten. Darüber hinaus gab es Produkte zu kaufen, die vor Ort hergestellt wurden und die ich sonst noch nirgends gesehen hatte. Und es gab ein Kulturprogramm, in dem aktuelle Ereignisse (insbesondere der Krieg in der Ukraine) aufgegriffen wurden und ich viele Denkanstöße bekam.

Genau solch eine nicht-standardisierte Gestaltung wünsche ich mir auch für das Internet. Meine guten Vorsätze dazu sind: Darauf achten, Dezentralität zu unterstützen und große Plattformen zu meiden. Außerdem selbst keinen billigen Abklatsch zu produzieren. Ein erster Schritt dahin: Ich habe mein Canva-Abonnement gekündigt 🙂 Ich denke, dass es das für mich einfacher macht, nicht doch immer wieder weitgehende fertige Sachen schnell zu nehmen und dann zu verbreiten. Ob das auch für Dich ein richtiger Weg sein kann oder was für Dich passend ist, musst Du für Dich entscheiden. Ich hoffe, dass Dir dieser Blogbeitrag dazu einen Denkanstoß liefert und Dir vor allem auch Mut macht, anderes auszuprobieren.

Queen Victoria Market at Christmas“ by CazzJj is marked with Public Domain Mark 1.0.


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