Vertrackte Fragen als erster Schritt zu Verständnis und Lösungssuche

Gute Fragen zu stellen ist in der Bildung wichtiger, als fertige Antworten zu liefern. Denn durch Fragen werden überhaupt erst Lernprozesse initiiert. Bereits vor einiger Zeit habe ich darüber gebloggt, wie man mit der Question Formulation Techniqe (QFT) Lernende dabei unterstützen kann, für sie relevante Fragen zu formulieren und zu entwickeln. In diesem Blogbeitrag geht es nicht nur um ’normale‘ Fragen, sondern um ‚vertrackte‘ Fragen.

Was sind vertrackte Fragen?

Vertrackte Fragen versuchen zwei paradoxe/ gegensätzliche Aspekte in einer Frage aufzugreifen. Sie haben die Form:

Wie kann ich … während ich gleichzeitig …?

In die Lücken werden gegensätzliche Aspekte eingefügt. Hier sind Beispiele:

Wie kann ich vertrackte Fragen in Lernprozessen nutzen?

Ich finde es hilfreich, in Lernprozessen vertrackte Fragen zu formulieren, um überhaupt erst einmal zu verstehen, was genau die Herausforderung ist. Demzufolge nutze ich vertrackte Fragen in Form einer Aufgabe für Lernende (oder für mich selbst als lernende Lehrende): Formuliere eine vertrackte Frage, die Deine aktuelle Herausforderung zum Ausdruck bringt!

Diese Aufgabe funktioniert sehr gut zum Einstieg in Lernangebote. Mit einer vertrackten Frage können Lernende hier sehr viel besser für sich selbst herausarbeiten, was sie eigentlich genau lernen wollen bzw. wo sie sich aktuell blockiert fühlen, als wenn sie nur einfach ihr Erkenntnisinteresse formulieren würden.

Ebenso kann die Formulierung von vertrackten Fragen im Rahmen von Entwicklungsprozessen in Organisationen helfen. Denn Widersprüchlichkeiten werden nicht zugedeckt, sondern ganz bewusst aufgegriffen und zusammengeführt.

Schließlich können vertrackte Fragen auch beim Verständnis von komplexen Situationen helfen. Das ist zum Beispiel sinnvoll, wenn in einer Lerngruppe aktuelle Ereignisse besprochen werden und man sich selbst fragt: Was genau ist daran eigentlich so schwierig/ komplex?

Worauf muss ich beim Einsatz achten?

Vertrackte Fragen werden zunächst am besten individuell formuliert. Anschließend können sie in einer Gruppe geteilt werden bzw. im Rahmen von kollaborativen Entwicklungsprozessen kann eine Gruppe die für sie wichtigsten vertrackten Fragen auswählen.

Wichtig ist, dass die Gegensätze in der Frage nicht abwertend formuliert werden (also z.B. nicht: ‚Wie kann ich moderne Bildung gestalten, während gleichzeitig der bescheuerte Datenschutzbeauftragte mir den Einsatz jedes nur denkbaren Tools verbietet?‘). In diesem Fall geht es dann nämlich eher um Polemik – und nicht darum, zu einer guten Lösung zu kommen, die auch gegensätzliche Anforderungen vereinen kann.

Woher stammt die Idee für vertrackte Fragen?

Vertrackte Fragen sind eine Methode der Liberating Structures, die insgesamt zum Ziel haben, Kollaboration und Entscheidungsfindung in Gruppen voranzubringen. Im Englischen wird diese Methode als ‚Wicked Questions‘ bezeichnet.

(Im Bildungskontext erinnern mich vertrackte Fragen zugleich auch ein bisschen an die didaktischen Schieberegler, die als Orientierung und Planung zum Online-Lernen zu Beginn der Corona-Pandemie veröffentlicht wurden. Sie folgen allerdings weniger dem ‚Sowohl als auch‘-Grundsatz, als vielmehr dem ‚Soviel … wie möglich, soviel … wie nötig‘-Grundsatz.)

Fazit: einfache Methode mit großer Wirkung!

Vertrackte Fragen sind lohnend beim Lernen in einer immer komplexeren Welt. Als Methode sind sie sehr niederschwellig, weil nur kurz das Konzept dieser Fragen (am besten anhand von einem Beispiel) erklärt werden muss. Dann kann direkt die Denkarbeit starten.

Am besten kannst Du mit der Methode starten, indem Du Dir für Dich eine vertrackte Frage überlegst, die Deine aktuelle Herausforderung auf den Punkt bringt.


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