Offene Bildungsmaterialien im pädagogischen Alltag

Für das aktuell stattfindende OERcamp (22.-24. Oktober 2022 in Hamburg und online) habe ich 7 Tipps für eine gelingende OER-Praxis aufgeschrieben. Der Blogbeitrag ist für Menschen gedacht, die grundsätzlich wissen, was OER sind, vielleicht auch schon erste Erfahrungen mit der Erstellung von OER gemacht haben, aber in jedem Fall gerne einfacher und mehr teilen möchten.

Disclaimer vorab: Es gibt ganz sicher nicht die eine, richtige Lösung, wie OER-Aktivitäten möglichst gut gelingen. Ich berichte hier davon, was meiner Erfahrung nach gut funktioniert.

Los geht es:

1. Gefunden werden – statt nur selbst zu suchen.

Zur Arbeit mit OER gehört es grundlegend dazu, dass man auch bei eigener OER-Erstellung das Rad nicht neu erfinden sollte. Das bedeutet: Ich sollte zuerst suchen, ob jemand schon etwas zu meinem Thema gemacht hat – bevor ich selbst ganz von Neuem mit etwas beginne. Um diesen Rat zu beherzigen, mache ich gute Erfahrungen mit Vorab-Ankündigungen von Themen, Projekten und Veranstaltungen. Beispielsweise kann ich über ein soziales Netzwerk teilen, dass ich in Kürze an einem Online-Kurs zu Nachhaltigkeit arbeiten werde. Das ermöglicht es auch anderen Menschen, auf mich zuzukommen – und ich muss sie nicht alle selbst finden. (Sehr viel kommt auf solch eine Ankündigung bei mir zwar nie zurück, aber wenn etwas kommt, dann war es immer sehr hilfreich. Es hat Zusammenarbeit ermöglicht oder Doppelarbeit vermieden.)

2. Gute Routinen angewöhnen: Bildersuche, Gegencheck, Nachweis!

Zu einer oft gehörten Sorge bei der Arbeit mit OER gehört das leidige Thema der Abmahnungen. Das liegt vor allem daran, weil der Grundsatz gilt: Den letzten beißen die Hunde. Das bedeutet: Wenn jemand irgendwo ein Bild unter einer offenen Lizenz hochlädt, ich es weiternutze, aber das Bild eigentlich gar nicht offen war – dann kann ich für meine Weiternutzung abgemahnt werden, obwohl der Fehler ja bei jemandem anderes lag. Das passiert zwar nicht häufig, aber ist sehr blöd und nervig.

Ich habe mir deshalb als einfache Gegencheck-Routine bei Bildern (wo meiner Einschätzung nach die meisten Abmahnungen passieren) angewöhnt: Sobald ich ein OER-Bild irgendwo weiternutze, lade ich es schnell in einer Bilder-Rückwärtssuche (das gibt es über Google oder durch Anbieter wie z.B. Tineye) hoch. Wenn das Bild kaum verbreitet ist – und vor allem nicht in Nicht-CC-Kontexten, kann ich es relativ unbesorgt weiternutzen. Wenn ich mir auch nur ein bisschen unsicher bin, lasse ich es lieber und nehme ein anderes Bild. Denn die Mühe zur genauen Nachverfolgung und Prüfung wäre viel aufwändiger – selbst wenn sich am Ende herauszustellen sollte, dass doch alles mit dem Bild in Ordnung ist.

Wenn ich mich für Weiternutzung entschieden habe, dann notiere ich direkt den Lizenzhinweis dazu. Das alles erst ganz am Ende zu machen, macht sehr viel mehr Arbeit – und führt dann eher dazu, dass man das Teilen genau wegen dieses Aufwandes dann doch lässt.

3. Möglichst wenig Pseudo-Offenheit fürs Teilen – aber gerne für alles, was nicht geteilt wird.

Es gibt immer mehr Online-Tools (z.B. Canva) oder Datenbanken (z.B. Unsplash, Pexels oder Pixabay), die vermeintlich sehr einfach offenes Teilen erlauben und dazu noch sehr einfach in der Nutzung sind. Das Problem dabei: Sie sind nur Pseudo-offen und mit OER nur bedingt kompatibel. Von iRights gibt es dazu hier umfangreiche, rechtliche Erklärungen. Ich habe dazu noch den Eindruck, dass gerade auf solchen Plattformen die Abmahn-Industrie besonders aktiv ist – wenn also etwas passiert, dann oft bei der Nutzu ng von solchen Tools.

Meine OER erstelle ich deshalb wann immer möglich lieber ‚richtig‘. Tools wie die oben genannten sparen mir aber dennoch viel Arbeit – z.B. weil ich eine schnelle Präsentation damit erstelle, die nur Illustration in einer Veranstaltung ist und die ohnehin kaum sinnvoll weitergenutzt werden kann.

4. Konzepte sind oft mindestens so spannend, wie das Material!

Das R in OER steht für Resources – und das übersetzen wir ins Deutsche oft mit Materialien. Damit gemeint sind dann oft die Dinge, die direkt zum Lernen verwendet werden: eine Übung, ein Arbeitsblatt, ein Erklärvideo … Mindestens ebenso spannend finde ich aber die Konzepte dahinter, d.h. alles, was einen das Lehren lernen lässt. Ich habe mir vor diesem Hintergrund angewöhnt, viel dazu zu bloggen, wie ich z.B. einen Pädagogischen Tag oder einen interaktiven Vortrag gestaltet habe. Der Text darüber steht dann unter einer offenen Lizenz, falls ihn jmd weiter verbreiten oder teilen will. Die Ideen und Konzepte könnten aber auch ohne CC-Lizenz weitergenutzt werden. So etwas ist ja nicht urheberrechtlich geschützt. Aber auch so etwas kann Teilen sein!

5. Klein teilt sich wunderbar.

Wer umfangreiche OER erstellen und teilen will, hat damit einiges an Arbeit. Vor diesem Hintergrund ist es eine gute Nachricht, dass es oft mindestens genauso hilfreich sein kann (wenn nicht sogar aus Weiternutzungs-Perspektive noch hilfreicher), bewusst auch ganz kleine Dinge zu teilen. Eine einzelne Methoden-Beschreibung auf einer Folie, ein kurzes Audio mit einer Erklärung zu einem bestimmten Begriff, ein remixbares Raster für ein Spiel … All das kann zugleich auch Teil z.B. von einem umfangreichen OER-Kurs oder ähnlichem sein. Es lohnt sich aber, solche Sachen auch bewusst herauszunehmen und auch (bzw. manches Mal vielleicht auch nur) als OER zu teilen. Der Aufwand dazu ist recht überschaubar – zur Weiternutzung finde ich solche Dinge perfekt – und weiß aus Rückmeldungen auch, dass gerade solche Sachen von mir besonders gerne weiter genutzt werden.

6. Eine Veranstaltung ist mehr als die synchrone Zeit.

Eine gute Veranstaltung ist für mich immer mehr als die gemeinsame synchrone Zeit. Insbesondere ist es hilfreich, wenn Lernende vorab oder auch nachträglich Informationen zur Vorbereitung oder Vertiefung erhalten. Diese Materialien lassen sich wunderbar als OER aufbereiten und weiternutzen – besonders dann, wenn man schon bei der Veranstaltungskonzeption das Teilen im Blick hat.

7. Netzwerkaufbau hilft bei Motivation zum Teilen.

Teilen von Ideen und Materialien geschieht – zumindest bei mir und ich denke auch bei vielen anderen – maßgeblich intrinsisch motiviert. Vielleicht gibt es das eine oder andere Mal auch den klaren Auftrag, dass etwas als OER veröffentlicht werden soll. Das sind dann aber meist größere Projekte. Ob ich aber mein Veranstaltungskonzept oder meine entwickelte Methode als OER aufbereite, mache ich in der Regel deshalb, weil ich es selbst wichtig finde. Motivation dafür bekomme ich vor allem dann, wenn ich merke, dass solche Aktivitäten für andere hilfreich sind. Dazu muss das, was ich teile aber überhaupt erst einmal bei anderen Menschen ankommen. Auch deshalb lohnt es sich, z.B. über soziale Netzwerke, ein persönliches Lernnetzwerk aufzubauen, über das man die eigenen offenen Materialien verbreiten kann.


Beitrag merken & teilen

Hier kannst Du dir den Link zum Beitrag kopieren - beispielsweise um ihn für Dich zu speichern oder mit anderen zu teilen.

1 Kommentar

Kommentare sind geschlossen.