Automatisieren und Vereinfachen ist nicht das Ziel von Bildung!

Ich bin auf dem Weg nach Berlin zur Wikimedia, wo wir heute Abend ab 20 Uhr die in den letzten Monaten kollaborativ entwickelten Handlungsempfehlungen für Offene KI in der Bildung vorstellen und politisch diskutieren werden.

Update: Inzwischen sind die Handlungsempfehlungen veröffentlicht!

Im Vorfeld dieser Abschlussveranstaltung haben Anne-Sophie Waag, die neben Sarah Behrens das Projekt mit mir gestaltet hat, mit dem Bildungsjournalisten Christian Füller gesprochen. Hier geht es zu seinem Artikel im Tagesspiegel Background (Registrierung zum Lesen erforderlich). Solche Gespräche sind oft auch gute Lerngelegenheiten für einen selbst, weil man möglichst prägnant und pointiert auf den Punkt bringen muss, worum es einem geht.

In Hinblick auf die entwickelten Handlungsempfehlungen ist das für mich dieser Satz, mit dem ich auch im Artikel zitiert werde:

„Die gesamtgesellschaftlichen KI-Debatte suggeriert, das Ziel bestehe in Automatisieren und Vereinfachen. Aber genau das ist halt nicht das Ziel von Bildung.“

Anhand der entwickelten Handlungsempfehlungen lässt sich dieser Satz gut begründen. Das möchte ich in diesem Blogbeitrag versuchen – und dabei zugleich ein bisschen die Handlungsempfehlungen vorstellen. Mein übergreifender Vorschlag dabei ist, dass wir unseren Kompass in der pädagogischen KI-Debatte nicht an Automatisieren und Vereinfachen ausrichten, sondern am Leitbild der Offenheit.

Überblick über die inhaltlichen Bereiche der Handlungsempfehlungen

KI-Nutzungsmöglichkeiten für alle!

Im ersten Teil der Handlungsempfehlungen geht es um Infrastruktur und Zugang. Unsere Empfehlungen lauten unter anderem, dass allen Lehrenden und Lernenden Zugang zu generativen KI-Systemen ermöglicht werden soll und dass dafür offene und gemeinwohlorientierte KI-Alternativen gefördert werden müssen. Das ist natürlich erst einmal ein großer Kraftakt, also alles andere als eine Vereinfachung. Der noch viel größere Kraftakt liegt dann aber in der daran anschließenden pädagogischen Gestaltung von Lernprozessen angesichts dieser technologischen Möglichkeiten. Denn mit klügeren Maschinen allein ist in der Bildung niemandem geholfen. Stattdessen geht es um klügere Menschen. Und die spannende, pädagogische Frage ist vor diesem Hintergrund, ob und wie Lernende auch durch Interaktion mit klügeren Maschinen selbst klüger werden können.

Verändertes Lernen in einer KI-geprägten Welt!

Im zweiten Teil der Handlungsempfehlungen sprechen wir uns für eine Förderung von offenen Bildungspraktiken aus. Dazu gehören Empfehlungen wie die offene Lizenzierung von Inhalten zum Lernen über KI. Vor allem aber geht es uns um eine Veränderung der Lern- und Prüfungskultur. Das Ziel muss hier sein, dass Lernende zu gesellschaftlicher Handlungsfähigkeit in einer KI-geprägten Welt befähigt werden. An dieser Stelle wird es für mich besonders deutlich, dass wir das nicht mit Automatisierung und Vereinfachung erreichen werden. Denn die Entwicklung von den dafür benötigten veränderten Kompetenzen gelingt nicht, indem wir Maschinen mit Inhalten füttern, die diese dann möglichst geduldig und passgenau in die Köpfe der Lernenden übertragen. Stattdessen müssen wir uns auf offene Lernprozesse einlassen, in denen wir Lernende mit den Widersprüchen und Herausforderungen der Welt konfrontieren, zum selber Denken einladen, für die Entwicklung eigener Anliegen begeistern und dabei begleiten, Verantwortung für ihre eigenen Lernprozesse zu übernehmen und diese zu gestalten. Die Ermöglichung solcher Lernprozesse funktioniert nicht mit Automatisieren und Vereinfachen.

Digitale Mündigkeit entwickeln!

Im dritten Teil der Handlungsempfehlungen geht es uns um Grundrechte im digitalen Raum. Wir schlagen die Einrichtung einer KI-Prüfstelle vor und fordern, dass Lernende und Lehrende bei KI-Nutzung die Hoheit über ihre Daten behalten. Insbesondere regen wir auch an, dass mehr Transparenz darüber hergestellt wird, wie KI-Systeme funktionieren und so Nachvollziehbarkeit ermöglicht wird.

Auch hier gilt, dass diese Schritte nur die Grundlage sein können, auf der dann überhaupt erst pädagogische Aktivitäten möglich sind. Für mich ist hier vor allem entscheidend, dass Technologie im Kontext von Lernprozessen als von Menschen gemacht und damit auch weiterhin durch Menschen gestaltbar erkannt wird. Und dass Lernende durch ganz viel praktisches Erkunden, Ausprobieren und Gestalten eine Haltung der digitalen Mündigkeit entwickeln können. Das bedeutet, dass sie selbst Verantwortung für ihre Entscheidungen im digitalen Raum übernehmen und bewusst entscheiden können, welche Technologie sie wie nutzen wollen.

In diesem Bereich gibt es aktuell wahrscheinlich den größten Nachholbedarf in der Bildung. Und auch hier werden wir mit Vereinfachen und Automatisieren nicht weiterkommen. Ganz im Gegenteil sind die blank-polierten Angebote vieler Edtech-Anbieter, die möglichst viel Zeitersparnis und Erleichterung und dabei möglichst wenig ‚unter die Haube gucken‘ ermöglichen, eher hinderlich auf diesem Weg.

Fazit

Natürlich können KI-Tools auch Arbeitserleichterungen bieten und in diesem Sinne Automatisierung und Vereinfachung bedeuten. Gerade beim Erlernen von Basiskompetenzen gibt es hier aus meiner Sicht ein sehr großes Potential. Gleiches gilt aus der Perspektive von Lehrenden bei der Gestaltung digitaler Inhalte oder auch bei administrativen Aufgaben. Zugleich ist mir wichtig, dass wir an dieser Stelle nicht stehen bleiben, sondern uns klar machen, dass das nur ein erster, kleiner Schritt sein kann und wir damit das eigentliche Lernen nur an der Oberfläche kratzen. Gerade in einer KI-geprägten Welt brauchen wir Mut für mehr und andere Bildung. Offenheit kann hierfür ein gutes Leitbild sein, an dem wir unseren Kompass ausrichten.


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