Zur Identifikation von Wissenslücken auffordern, statt Bedarfe abfragen

Bild zur Future Backwards Methode: bunte Kreise mit Jetzt, Past, Vision und Utopie.

Bei der Vorbereitung von Lernangeboten schlagen mir viele Auftraggeber*innen vor, dass wir doch für eine gut passende Konzeption die Bedarfe des Kollegiums vorab abfragen könnten. Ich halte diesen Vorschlag in den meisten Fällen nicht für sinnvoll und möchte kurz erklären, warum:

Bedarfe abfragen heißt in den meisten Fällen, dass Lehrende gefragt werden, was sie sich ganz konkret als ein Workshop-Thema wünschen. Im Kontext der aktuellen KI-Debatte kommt somit bei solchen Abfragen meistens so etwas raus, wie:

  • Verschiedene KI-Tools für den Unterricht kennenlernen.
  • KI-resistente Aufgaben gestalten können.
  • Einstieg in Tool xyz erhalten.
  • KI-Tools für die Unterrichtsvorbereitung nutzen können.

Diesen oder ähnlichen Rückmeldungen ist gemein, dass es Zementmischer-Antworten sind. Sie führen nicht dazu, dass im Kontext der KI-Debatte das Lernen und Lehren neu gedacht wird, sondern dass erfragt wird, wie bestehender Unterricht weiterhin irgendwie aufrecht erhalten werden kann.

Dieses Ergebnis ist nicht die Schuld der befragten Personen. Ganz im Gegenteil: Wenn man auf diese Weise ‚Bedarfe‘ abfragt, wird man in den allermeisten Fällen solche Zementmischer-Antworten bekommen. Zusätzlich werden die befragten Personen im Sinne eines ‚Wünsch Dir was!‘ in einen passiven, konsumierenden Modus statt in einen Lern- und Gestaltungsmodus versetzt.

Deshalb gilt es, die Frage anders zu stellen. Hier sind ein paar Möglichkeiten:

  • Was hindert dich aktuell vor allem daran, gutes Lernen zu gestalten, zu begleiten und zu unterstützen?
  • Was wären aktuelle Herausforderungen, für die du gerne gemeinsam mit Kolleg*innen nach Lösungen suchen würdest, statt allein?
  • Wo siehst du grundlegenden, pädagogischen Handlungsbedarf an deiner Bildungseinrichtung? (Hilfsfrage: Überlege dir, wie deine Schule in 5 Jahren aussehen sollte, was wären dann jetzt erste Schritte, die du angehen würdest)

Noch viel besser als solche einzelnen Fragen finde ich die Nutzung der Future Backwards Methode, die ich bei der Loscon25 kennen gelernt habe. Anstatt zu fragen: „Was soll dir vermittelt werden?“ (= das ist übersetzt die Frage nach den Bedarfen.), lädt man mit dieser Methode die Lernenden bereits vorab dazu ein, eine Wissenslücke zu identifizieren, die sie bei der Veranstaltung gerne schließen möchten. Das eröffnet einen aktiven Lernmodus. Die Art und Weise der Identifikation einer Wissenslücke sorgt dann zusätzlich dafür, dass man nicht nur im Alltags Klein-Klein verbleibt. Dazu ist die Methode so gestaltet, dass man von der Analyse der Ist-Situation zunächst gedanklich in die Vergangenheit und dann erst in eine wünschenswerte und danach in eine dystopische Zukunft springt. Aus all diesen Überlegungen wird dann eine möglichst konkrete Wissenslücke oder der nächste Lernschritt abgeleitet.

Für die Zukunftstage der Deutschen Rentenversicherung Oldenburg-Bremen, die Ende September stattfinden, gehen wir genau diesen Weg. Wenn du dir dazu einen Einblick verschaffen willst, dann kannst du dir die heute von mir dazu gestaltete Vorbereitungsaufgabe anschauen.


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Erschienen in der Kategorie:
Reaktionen im Fediverse
Eine Antwort
  1. @nele
    Tolle Idee, ja diese Fragestile verliert man allzu oft aus dem Blick

    Mag auch die Schachtel "Wunderfrage"
    (So oder so ähnlich)

    Wenn heute Nacht eine Zauberin, alle deine (beruflichen) Probleme löst, woran würden es deine Kollegin/Kollegen erkennen?

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