Über mehrere Kanäle habe ich heute morgen von der rührenden Geschichte gelesen, dass ein Hund schwer erkrankt war und der Besitzer ChatGPT zu Rate zog, wonach der Hund dann durch eine sehr spezifisch entwickelte Impfung gerettet werden konnte. Die ganze Geschichte kannst du dir zum Beispiel auf Youtube anschauen.
Mir geht es im Folgenden gar nicht so sehr um diese konkrete Geschichte. Vielmehr werden ja sehr viele Geschichten in dieser Art und Weise erzählt: Jemand steht vor einer großen Herausforderung, er zieht ein KI-Tool zurate – und fast schon magisch ist die Herausforderung gelöst!
Wenn man solche Geschichten als Pädagog*in liest, kann die naheliegende Schlussfolgerung sein: Ich sollte Lernenden unbedingt beibringen, dieses Wundertool gut zu benutzen. Damit ihnen solche Möglichkeiten auch offenstehen!
Für mich ist das eine zu reduzierte Schlussfolgerung. Vielmehr sollten wir uns bei solchen Geschichten immer zunächst bewusst machen, dass hier der ‚Schweinwerfer‘ des Narrativs sehr bewusst auf KI oder ChatGPT als ein vermeintliches Wundertool gerichtet wird. Dieser Fokus führt zugleich dazu, dass vieles andere im Dunkeln bleibt.
Im Fall der Rettung des Hundes gerät in den Hintergrund, dass es von Menschen über Jahrzehnte entwickeltes und geteiltes Wissen war, das zu der Idee und Möglichkeit einer Impfung für den Hund geführt hat. Und auch der Impfstoff selbst wurde natürlich nicht von ChatGPT entwickelt, sondern gemeinsam mit Wissenschaftler*innen.
Um in der KI-Debatte pädagogisch klug zu agieren, braucht es also einen veränderten Scheinwerfer bei solchen Narrativen.
Emily Bender schlägt für diesen veränderten Scheinwerfer eine einfache Merkregel vor:
Wenn behauptet wird, dass jemand etwas mit KI gelöst hat, dann sieht die ganze Geschichte wahrscheinlich sehr anders aus.
In ihren Worten:
As a general media literacy tip: If the claim is that someone used „AI“ or „ChatGPT“ to do something, the real story is probably something else.
Ich finde es gerade in der Bildung wichtig, auf diese andere Geschichte – die Intentionen und gemeinsamen Entwicklungen von Menschen – zu blicken. Dann ist das Ziel von Bildung nämlich nicht mehr primär, Technologie bestmöglich individuell für sich nutzen zu können. Vielmehr geht es darum, sich mit anderen zu verbinden, die Herausforderungen dieser Welt in den Blick zu nehmen und gemeinsam lebenswerte Zukünfte für alle zu entwickeln.
Natürlich kann dazu auch Technologie einen wichtigen Beitrag leisten. Allerdings viel weniger als Werkzeug, das das Prinzip „Hol das Beste individuell für dich heraus!“ in sich eingeschrieben hat, sondern orientiert an Prinzipien wie Menschlichkeit, Gemeinwohlorientierung und Verbundenheit.
Mein konkreter Vorschlag ist deshalb, im Kontext von KI eine Frage mit einem anderen Fokus zu stellen.
- Nicht primär: Wie machen wir Lernende technologisch fit für das bestehende System?
- Sondern vielmehr: Welche Technologie brauchen wir für die Welt, die wir eigentlich wollen?
Um die zweite Frage zu beantworten, gilt es Lernräume zu gestalten, die an den Nordsternen von Menschlichkeit, Verbundenheit und Gemeinwohlorientierung ausgerichtet sind.
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