Das Samentütchen-Prinzip im Kontext pädagogischer Materialerstellung

Ein Samentütchen mit Kapuziner Kresse

Ich habe in den letzten Wochen viel mit so genannten KI-Agenten experimentiert. Solche KI-Modelle, denen man direkt Zugriff auf Dateien auf seinem Rechner bzw. auf Anwendungen im Internet geben kann, empfinde ich als eine Art ‚Next Level‘-KI.

Schon zuvor war es deutlich einfacher geworden, Materialien für Lernangebote zu gestalten: Definitionen zu einem Thema, kurze Zusammenstellungen, Selbstüberprüfungen … Mit ein bisschen klugem Prompting und vor allem viel Kontext und bereitgestellten Primärquellen konnte sehr schnell etwas entstehen. Mit agentischer KI geht das nun noch direkter. Soll heißen: Ich muss nicht einmal mehr Copy & Paste machen, sondern ein KI-Modell kann z.B. eine statische Website, die ich für einen Workshop anbieten will, direkt online stellen. Oder ich kann zu meinen Inhalten für Moodle-Kurse oder andere Angebote direkt fertige H5P-Inhalte generieren lassen.

Zusätzlich habe ich dann noch mit so genannten Designprompts experimentiert, mit denen sich das Layout einer Anwendung sehr einfach anpassen und gezielt gestalten lässt: Passt grün oder lila besser? Soll es eine moderne oder eher eine verspielte Schriftart sein? Will ich einen minimalistisch-wissenschaftlichen oder lieber einen warm-einladenden Look? Mit wenigen Eingaben lässt sich ein Material direkt sehr grundlegend umgestalten.

Ich gebe zu: Ich finde und fand all diese Möglichkeiten ziemlich faszinierend und es macht viel Freude, damit zu experimentieren. Besonders cool empfinde ich das an den Stellen, wo ich früher sehr klar an meine Grenzen gestoßen wäre. Beispielsweise konnte ich schon vor der KI-Agenten-Zeit Websites mit einfachen Funktionen gestalten, aber so etwas wie meine neue Website Peerfeedback, die eine niederschwellige Anmeldung und dann direktes Feedback in Gruppen ermöglicht, hätte ich sehr wahrscheinlich nicht hinbekommen. Das ist nur eines von vielen Beispielen, bei denen ich sehr viel Freude bei der Gestaltung und dem anschließenden Teilen hatte.

Wenn ich mich in der Bildungs-Bubble so umschaue, dann scheine ich längst nicht die einzige zu sein, die solch eine Faszination verspürt. Überall ploppen immer mehr Materialien, Tools und ganz viele sehr professionell anmutende Inhalte auf.

Genau diese Beobachtung ist es dann auch, die mich dazu bringt, diesen Blogbeitrag zu schreiben. Mein Plädoyer ist in aller Kürze vorangestellt: Lasst uns mehr Sorgfalt und gleichzeitig mehr Zurückhaltung bei der Materialerstellung im Bildungskontext üben. Als Bild möchte ich hierzu – passend zum schönen Frühling vor der Tür – ein Samentütchen anbieten.

Was hat ein Samentütchen mit pädagogischer Materialerstellung zu tun?

Ein Samentütchen beinhaltet zum einen ein paar Samen zum Einpflanzen. Zum anderen ein paar übersichtliche und prägnante Hinweise zum Pflanzen. Genau diese Elemente sind es, die aus meiner Sicht auch im Bildungskontext an Materialien hilfreich sind:

  • Die Samen können wir als inhaltliche Impulse verstehen.
  • Die Anleitung als methodische Vorschläge, wie damit gelehrt und gelernt werden kann.

Damit etwas wachsen kann, ist solch ein Samentütchen mit diesen beiden Elementen zweifelsohne sehr wichtig. Zugleich ist damit die wichtigste Arbeit nicht getan. Vielmehr kann aus diesen Samen nur dann etwas entstehen, wenn es gute Samen sind und wir ihnen den benötigten Raum zum Wachsen bereitstellen und pflegen.

Übertragen auf die Bildung: Natürlich ist es auch im Kontext von KI nicht obsolet, gut aufbereitete inhaltliche Impulse zu geben. Ebenso lassen sich ganz viele ‚Samen‘ auch in den Erfahrungen, Interessen und Möglichkeiten von Lernenden finden. Mit diesen Samen stehen wir als Pädagog*innen dann vor der Herausforderung, Lernen zu gestalten und dazu gute Räume zu ermöglichen. Beides ist also wichtig: Sorgfalt bzw. Wertschätzung bei den Samen und viel Raum für ihr Wachstum!

Das Samentütchen-Bild ist für mich eine sehr gute Erinnerung daran, was wieviel benötigt wird und wovon es vielleicht zu viel bzw. zu wenig gibt, um dann meine pädagogischen Aktivitäten entsprechend darauf auszurichten.

Aktuell ist mein Eindruck: Samen im Sinne von pädagogisch aufbereiteten Inhalten gibt es eher zu viel, wobei durch die schnelle Erstellungsmöglichkeit oft auch die Sorgfalt leidet und auch der Blick auf die von Lernenden selbst mitgebrachten Samen mehr noch als früher fehlt. Gut formulierte Beschreibungen auf den Samentütchen gibt es eher noch zu wenig. Häufig wird schnell erstellt, aber nur wenig überlegt, wie daraus auch etwas wachsen kann. Und die dazu dann vor allem benötigten Lernräume sind noch viel weniger im Fokus.

Damit ist die Prioritätensetzung klar: Zurückhaltung und gleichzeitig größere Sorgfalt bei der Materialerstellung, größerer Fokus auf die pädagogische Gestaltung des Lernens!

Solch eine Prioritätensetzung schreibt sich leicht, aber ich empfinde sie in der Umsetzung als herausfordernd. Das gilt umso mehr, da es oft mit Aufmerksamkeit belohnt wird, schnell etwas zu erstellen und zu teilen.

Was bedeutet das für Open Educational Resources (OER) und Open Educational Practices (OEP)?

Die Abkürzung OER steht für Open Educational Resources. Es handelt sich dabei um offen lizenzierte Bildungsmaterialien. Dank der offenen Lizenz können OER beliebig weiter genutzt und angepasst werden. Vor diesem Hintergrund eignen sich OER ausgezeichnet als ‚Samen‘ in unserem Bild von Samentütchen und Garten. Ich muss das Rad – gerade auch im Kontext von KI – nicht immer wieder neu erfinden und neu prompten, sondern kann bestehende Materialien weiter nutzen. Vor allem kann ich KI-Modelle ganz ausgezeichnet dafür nutzen, Materialien, die als OER zur Verfügung stehen, rechtlich sicher als Input zu verwenden und so ein gut passendes und hilfreiches Material zu erstellen. Mehr Sorgfalt bei der Materialerstellung heißt für mich im Kontext von KI deshalb auch, OER in gut weiternutzbaren Formaten anzubieten.

Die Abkürzung OEP steht für Open Educational Practices. Darunter verstehen wir Bildungspraktiken, mit denen unter Nutzung von OER kollaborativ, partizipativ und selbstbestimmt gelernt wird. Viele, insbesondere reformpädagogische Ansätze praktizieren in diesem Sinne schon sehr lange OEP, ohne dass dafür dieser Begriff verwendet wurde.

OEP sind somit der Garten in unserem Bild des Samentütchens. Insbesondere im Kontext von KI wird es wichtiger, gerade auf die Gestaltung dieser Räume und damit auf OEP einen pädagogischen Fokus zu legen.

Fazit: Mehr Raum zur Entfaltung geben!

Das Samentütchen-Bild ist kein Plädoyer gegen Materialerstellung in Interaktion mit KI-Sprachmodellen. Vielmehr ist es eine Einladung, die eigenen Schwerpunkte zu überdenken:

  • Wenn es auf einen Klick möglich ist, zu einem inhaltlichen Thema unterschiedlichste, sehr professionell anmutende Materialien zu erstellen, ist es dann eine sinnvolle Schwerpunktsetzung, genau darauf einen Großteil meiner Zeit zu verwenden?
  • Macht es die potentielle Schnelligkeit bei der Erstellung nicht umso wichtiger, mehr Sorgfalt walten zu lassen?
  • Sollte ich meine Zeit nicht verstärkt nutzen, um zu überlegen, wie ich mit diesen vielfältigen Samen Räume gestalte? Räume, in denen es vielleicht manchmal sogar weniger Samen braucht, weil wenn alles zugekippt wird, auch nichts mehr wachsen kann.
  • Und vor allem: Wie kann ich mich mit Kolleg*innen verbinden und austauschen und gemeinsam an diesen pädagogischen Herausforderungen zu arbeiten?

Ich freue mich, wenn wir diese Fragen im Bildungsbereich wichtiger nehmen und darüber in Austausch kommen.


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