OERcamp 2025 in Hannover

Blick auf eine Bühne mit einer OERcamp-Folie

Ich bin sehr motiviert und gestärkt auf der Rückfahrt vom OERcamp in Hannover. Es war toll – und das obwohl ich den ersten Tag des dreitägigen Programms – und damit einige Highlights wie die Community-Beratschlagung zu Open Educational Practices (OEP) und das Gespräch mit der (F)Astronautin Dr. Insa Thiele-Eich – wegen anderer Termine verpasst habe. Aber zum Glück gab es ja auch an den anderen beiden Tagen viel Spannendes.

Der zweite Tag war ein Barcamp-Tag. Ich habe hier drei Sessions besucht (und in den weiteren beiden Slots eine gehackte Website repariert, wozu bei solch einem offenen Veranstaltungsformat ja zum Glück auch Raum ist).

In der ersten Session haben Frank Homp und Matthias Kostrzewa die Frage aufgeworfen, welche Geschichten wir von Offenheit erzählen wollen. Hintergrund war die (auch selbstkritische Analyse), dass lizenzrechtliche Reflexionen und ähnliche Themen im Kontext von offenen Bildungsmaterialien zwar sicher notwendig sind, aber nicht unbedingt motivierend für andere, sich mit OER zu beschäftigen. Die beiden Sessiongeber teilten zum Einstieg außerdem das Zitat von Florence Gaub:

Die Art und Weise, wie wir eine Geschichte erzählen, ist genau so wichtig, wie ihr Inhalt – vielleicht sogar noch wichtiger.

Menschen in einer Session vor Laptops
Blick in die Session

Im Kontext der Lerngestaltung ist meine Perspektive hier sehr ähnlich. Auch hier stelle ich fest, dass es oft viel wichtiger ist, welche konkreten Lernerfahrungen Menschen in Lernangeboten machen – und weniger der direkte Inhalt. Einen bisschen anderen Fokus würde ich bei der Orientierung auf ‚Geschichten erzählen‘ legen. Aus meiner Sicht ist man dann schnell bei einem Marketing für OER (= Wie verkaufen wir das am besten?). Besser fände ich es hier, Lernende zu ermächtigen, ihre eigenen Geschichten zu Offenheit zu erzählen und diese dann auch zu gestalten. Sehr gut gefiel mir auch die Aussage einer Teilgeberin, die ich hier sinngemäß wiedergebe: „OER sind mir ehrlich gesagt völlig egal. Ich möchte bessere Bildung für alle – und um das zu erreichen können OER als Mittel vielleicht helfen. Darum erzähle ich nicht Geschichten von OER, sondern von guter Bildung.“

In der zweiten Session war ich bei Katrin Bock, die – angelehnt an den Schleier des Nichtwissens von John Rawls – ein sehr interessantes Gedankenexperiment mitgebracht hat:

Du weißt nichts über dich – weder über deine Persönlichkeit, noch deine soziale Stellung oder Zukunft. Du sollst eine KI entwickeln, die du in der Bildung einsetzen kannst. Was sollte diese können? Wie sollte diese gestaltet sein?

Wir haben hierzu zunächst Stichpunkte festgehalten und uns dann dazu ausgetauscht. Ich fand diese Session vor allem vor dem Hintergrund der Methodik spannend, weil es mit diesem Gedankenexperiment ganz großartig klappte, unterschiedliche Perspektiven auf die gegenwärtige KI-Debatte zu sammeln und das Denken auch für grundsätzlichere Fragestellungen zu öffnen. Ich werde diese Idee sicherlich auch in eigenen Lernangeboten weiternutzen.

Inhaltlich nehme ich unter anderem den Begriff des Techno-Ableismus mit. Ich habe den Begriff so verstanden habe, dass mit Technologie vielfach versucht wird, Menschen mit Behinderung an eine angenommene Norm anzupassen, ohne zu berücksichtigen, dass das vielleicht gar nicht der Wunsch der Menschen ist, sondern diese sich vielleicht eine ganz andere Technologie bauen würden.

Die dritte Sessions war von mehreren Menschen aus verschiedenen Förderprojekten angeboten. Mich hatte Noreen Krause in die Session mitgenommen. Das Thema war hier eine Diskussion von Pain Points im OER-Kontext und damit die Frage: Was sollte aus einer übergreifenden und strukturellen Perspektive im Kontext OER angegangen werden?

Wir haben hier – angefangen bei Interoperabilität und Metadatenstandards bis hin zu Anreizen und Motivation – ziemlich viele Themen angesprochen. Ich war in einer Kleingruppe zu Lernenden-Orientierung, was ich im Kontext von OER sehr zentral finde. Das Ziel wäre für mich, auf Basis von OER für die Zielgruppe der Schüler*innen öffentliche Online-Lernumgebungen (wie es z.B. Sofatutor und Co im kommerziellen Bereich gibt) zu gestalten. Dies könnte zugleich eine Antwort auf Lehrkräftemangel wie auch auf die erwünschte Orientierung hin zu mehr Selbstlernen bieten und dem Grundsatz ‚öffentliches Geld – öffentlices Gut‘ entsprechen.  

Das war es auch, was ich in der anschließenden Abschlussrunde als meinen wichtigsten Punkt mitgenommen habe:

Gekrakrel auf einer Postkarte
Mein Gekrakel auf einer OERcamp-Postkarte

OERcamp lebt ja auch davon nicht nur zu postulieren, sondern am besten auch direkt umzusetzen, weshalb wir uns direkt an die Arbeit gemacht haben.

Hier ist der entstandene Aufruf:

Infos zu allen weiteren Sessions und die Dokumentationen dazu finden sich im Programm.

Heute gab es dann ’nur‘ noch zwei Workshop-Slots. Ich habe im ersten Slot ein hybrides Treffen zur Initiative Lernassistenz gestaltet (und war wieder einmal überrascht, wie viel und wie gute Sachen in kürzester Zeit herauskommen können, wenn ein paar Menschen kollaborativ und konzentriert zusammen schreiben).

Nachmittags habe ich mit Jan Vedder und Jöran zu Barcamps im schulischen Kontext und guter Barcamp-Dokumentation gepodcastet. Das hat Freude gemacht! Ich nehme hier als Idee mit, dass haptische Dokumentation bei organisationsinternen Barcamps (z.B. an einer Schule) sehr hilfreich sein kann, weil man die Flipcharts dann z.B. im Teamraum aufhängen kann und auf diese Weise viele ‚Zwischenräume‘ zum Weiterlernen schafft.

Und sonst?

Am wichtigsten war für mich bei diesem OERcamp der Community-Aspekt. Es ist ja immer etwas schwierig von ‚der OER-Community‘ zu schreiben, weil unterschiedliche Menschen das wahrscheinlich ganz unterschiedlich beschreiben würden und viele wohl auch einfach OER machen, ohne sich als Teil einer Community zu fühlen. Deshalb kann ich nur aus meiner Perspektive schreiben. Hier stelle ich für mich fest, dass die OERcamps die Veranstaltungsreihe sind, die mich in meiner Freiberuflichkeit am längsten begleiten. Das führt dazu, dass in diesem Rahmen viele, sehr gute und vertrauensvolle Verbindungen entstanden sind, was zum Beispiel zu sehr offenen Gesprächen beim abendlichen Netzwerken und in anderen Zwischenräumen führt. Das empfinde ich für mich als sehr wichtig und wohltuend. Trotzdem ist OERcamp für mich nie nur dieses ‚Vertrautheitsgefühl‘, sondern zugleich kommen auch immer mindestens die Hälfte der Menschen ganz neu zu einem OERcamp. Somit entstehen immer auch ganz viele neue Verbindungen. Ich finde gerade diese Form von sehr „verändernder Kontinuität“ hilfreich, um immer wieder bestärkt und motiviert zu werden, gemeinsam gute Bildung mit Offenheit zu gestalten.

In diesem Sinne: Herzlichen Dank an das OERcamp-Team und alle Teilgebenden für die beiden sehr schönen Tage in Hannover!

Und Save-the-Date: Die Termine für die nächsten OERcamp Werkstätten stehen schon fest:

  • 29.-31. Mai 2026 in Detmold
  • 12.-14. Juni 2026 in Wutöschingen
Quatsch gehört natürlich auch zum OERcamp dazu. Hier das Ergebnis einer ‚bewegten Mittagspause‘ draußen in der Sonne. :-) (Lizenz: „Hüpf-Rating beim OERcamp Hannover“ von Constanze Reder-Knerr, Frank Homp, Jöran Muuß-Merholz und Nele Hirsch mit J&K – Jöran und Konsorten für das OERcamp 2025 | oercamp.de. Dieses Video steht unter der Lizenz CC BY 4.0 (creativecommons.org/licenses/by/4.0).)

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