Ich habe das Buch ‚Finde dein Warum‘ von Simon Sinek durchgearbeitet. Es ist als Arbeitsbuch zu seinem Ted-Talk und Buch ‚Start with Why‘ konzipiert, in dem er die (recht einfache, aber aus meiner Sicht durchaus hilfreiche) These aufstellt, dass wir uns sehr häufig primär auf das ‚Wie‘ und ‚Was‘ unserer Handlungen konzentrieren, aber es eigentlich viel wichtiger wäre, beim ‚Warum‘ zu beginnen. Diese Herangehensweise ist methodisch als ‚Golden Circle‘ verbreitet. Ich nutze diesen gerne in Workshops oder auch beim Aufbau von Vorträgen (und habe auch in meinem Buch ‚Lerngestaltung weiterdenken‘ daran orientiert die Einleitung geschrieben).
Der Golden Circle ist ein dreifacher Kreis: In der Mitte steht das ‚Warum‘, danach kommt das ‚Wie‘ und schließlich das ‚Was‘. Praktisch angewendet ist die Herangehensweise dann, sich nicht von außen in die Mitte des Kreises vorzuarbeiten, sondern in der Mitte, beim Warum, zu starten, und erst darauf aufbauend dann das Wie und das Was zu entwickeln.

Im Buch ‚Finde dein Warum‘ wird diese These nur einleitend kurz in Erinnerung gerufen. Der Fokus liegt dann vor allem auf einer praktischen Anleitung, wie man als Einzelperson oder auch für Teams solch ein ‚Warum‘ entwickeln kann.
Ich hatte mir das Buch zu Beginn meiner Auszeit Anfang Dezember besorgt, weil ich für mich mehr Klarheit und Orientierung in meiner pädagogischen Tätigkeit finden wollte. Solch ein Arbeitsbuch schien mir dazu gut geeignet. Die äußere Aufmachung wirkte dann zwar erst etwas abschreckend, weil sehr reißerisch auf mich (= Der Titel ist in blauglitzernder Schrift in Großbuchstaben geschrieben und der Untertitel lautet: Der praktische Wegweiser zu deiner wahren Bestimmung.) Manches Mal ist es aber ja ganz gut, sich nicht von äußerer Marketinglogik abschrecken zu lassen. Ich fand das Buch dann nämlich trotz dieser Aufmachung tatsächlich sehr aufschlussreich und hilfreich für mich.

Die Entwicklung eines eigenen ‚Warum‘ wird so angeleitet, dass man sich zunächst an mehrere Geschichten aus seinem Leben erinnern und diese einer anderen Person erzählen soll. Deren Aufgabe ist es dann, rote Fäden oder übergreifende Muster herauszuarbeiten. Daraus lässt sich dann Schritt für Schritt das ‚Warum‘ herausarbeiten. Dieses Wird dann zunächst in eine einfache Formel gebracht:
[Beitrag], damit [Wirkung]
Anschließend lässt es sich dann schrittweise immer besser formulieren und das jeweils eigene ‚Was‘ und ‚Wie‘ dazu ergänzen.
Die Anleitung für die Person, die den Prozess zuhörend und strukturierend begleitet, wird auch online geteilt. Das fand ich sehr hilfreich, weil mir das ermöglichte, ein KI-Sprachmodell diese Aufgabe übernehmen zu lassen. Ich fand das erst etwas merkwürdig, aber im Ergebnis ziemlich gewinnbringend, denn tatsächlich sind KI-Sprachmodelle ziemlich gut darin, solche klaren Rollenvorgaben einzuhalten und entsprechend übergreifende Muster in geteilten Geschichten zu erkennen. Damit funktionierte das tatsächlich sehr gut!
Ich gehe im folgenden nicht mehr auf den detaillierten Prozess zur Entwicklung ein, der bei mir ca. 2-3 Stunden dauerte. Stattdessen möchte ich gerne meine Ergebnisse und Erkenntnisse teilen:
Als (vorläufiges) ‚Warum?‘ habe ich herausgearbeitet:
Menschen stärken, ermutigen und verbinden, damit sie zur Gestaltung guter Zukünfte ermächtigt sind.
Daraus konnte ich dann mehrere Aspekte eines ‚Wie‘ und ‚Was‘ entwickeln:
- Menschen so zusammenbringen, dass Austausch und gemeinsames Lernen möglich ist.
→ Ich gestalte offene und partizipative Lernformate mit vielfältigen Perspektiven. - Orientierung in komplexen Themen ermöglichen und Gestaltbarkeit vorleben.
→ Ich zeige öffentlich, wie ich mich freudvoll und neugierig in neue Entwicklungen einarbeite, mit einem besonderen Interesse am digitalen Wandel. - Wissen und Konzepte weitergeben, sodass andere dieses nutzen und weiterentwickeln können.
→ Ich bereite alles, was ich erarbeite, offen auf, sodass andere unmittelbar darauf aufbauen können.
Als ich diesen Golden Circle für mich aufgeschrieben hatte, erschien mir das erst einmal wenig spektakulär. In der Tat deckte sich das ‚Warum‘ sogar sehr stark mit dem, was ich auf meiner Website schon länger als meinen Orientierungspunkt in der Lerngestaltung formuliert hatte. Trotzdem war der Prozess für mich aufschlussreich, weil mir dabei ein Teil meiner Unzufriedenheit im letzten Jahr in meiner Arbeit verständlicher geworden ist.
Interessant finde ich vor allem, dass es in meinem ‚Warum‘ ja überhaupt gar nicht um digitale Technologien oder Wissensvermittlung geht. Stattdessen treibt mich wie beschrieben an, dass ich Menschen ermächtigen will, gute Zukünfte zu gestalten. Der Bereich Bildung im digitalen Wandel ist dazu natürlich ein sehr passender und guter Bereich, in dem sich viel bewegen lässt. Zugleich ist es aber wahrscheinlich auch ein bisschen zufällig, dass ich genau darauf aktuell meinen Schwerpunkt lege. Aus meinem ‚Warum‘ könnten sich auch ganz andere konkrete Themen und Aktivitäten ergeben.
Problematisch wird die Themensetzung dann, wenn meine Aktivitäten mein ‚Warum‘ aber eben gerade nicht unterstützen, sondern dazu sogar im Widerspruch stehen. Im Buch erzählt Simon Sinek in diesem Sinne die Geschichte von einem Nebensitzer bei einem Flug, den er nach seiner Arbeit fragte. Der Mann sagte ihm, dass er in der Stahlindustrie tätig sei. Als er weiter nach dem Warum fragte, erzählte der Mann ihm, dass er in einer Firma arbeite, die eine besondere Form von Stahl herstelle, bei der das Material besonders rein sei, weshalb weniger Energie bei der Herstellung benötigt werde. Dem Mann war das sehr wichtig, weil er die Ressourcen der Erde für zukünftige Generationen bewahren wollte. Das Warum dieses Mannes war somit nicht, in der Stahlindustrie zu arbeiten, sondern ein nachhaltiger Umgang mit Ressourcen für kommende Generationen. In vielen anderen Stahlfirmen wäre er somit sehr unglücklich geworden, weil er möglicherweise komplett konträr zu seinem eigentlichen Warum gearbeitet hätte.
Diese Geschichte hat mir geholfen, für mich zu verstehen, dass ich tatsächlich manches Mal in ähnlichen Situation bin, wie dieser Mann gewesen wäre, wenn er bei irgendeiner anderen Stahlfirma gearbeitet hätte, die keinen Fokus auf Nachhaltigkeit legt. Bei mir kann das dann passieren, wenn ich nicht vom ‚Warum‘ ausgehe, sondern – oft über das Thema digitale Technologie im Bildungskontext – für Lernangebote angefragt werden, die gerade das Gegenteil davon sind, Menschen für gute Zukünfte zu ermächtigen, sondern in denen ihnen einfach ein bestimmter Input vermittelt werden soll, weil das eben gerade nachgefragt wird. Die ganze Aufmachung mit z.B. rigider Teilnahmekontrolle oder wenig Raum für gemeinsames Lernen oder die Erwartung fertiger Antworten führt dann eben nicht zu Stärkung für Veränderung, sondern zementiert Bestehendes und hält die beteiligten Menschen klein. In dieser Rolle zu sein, macht mich unglücklich, weil es gegen mein eigentliches ‚Warum‘ steht. Das zu erkennen und daraus dann auch gut und sinnvoll planen zu können, wie ich Angebote von mir kommuniziere und/ oder auf Anfragen reagieren kann, war für mich die wichtigste Erkenntnis aus dem Buch.
Wenn du auf ähnliche Weise Orientierung in deiner Tätigkeit suchst, kann ich das Buch sehr weiter empfehlen. Auch der Teil der ‚Warum‘-Entwicklung in Teams kann aus meiner Sicht eine hilfreiche Sache sein. Diesen habe ich bis jetzt aber noch nicht praktisch ausprobiert.
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