Ich habe Essentials der Theorie U von Otto Scharmer gelesen. Zuvor dachte ich, dass ich die Inhalte bereits kennen würde und es nur ein bisschen Vertiefung sein würde. Denn ich hatte schon sehr oft und sehr viel über diesen Ansatz gelesen. Umso begeisterter war ich dann, als ich beim Lesen richtig viele Aha-Effekte hatte und ganz viele Verbindungen zu meiner pädagogischen Tätigkeit herstellen konnte.
Die grundsätzliche Aussage der Theorie U ist: Form folgt Bewusstsein. In meinen Worten: Welche Wirkung Handlungen erzeugen, hängt vor allem davon ab, wie sich die Handelnden sich selbst und ihrer Beziehung zum System, in dem sie handeln, bewusst sind. Als Ziel formuliert: Wenn ich mir meiner selbst bewusst bin und mich als Teil des mich umgebenden Systems verstehe und mich mit diesem schöpferisch verbinde, dann kann ich wirkungsvoll handeln! Otto Scharmer nennt das auch, vom Egosystem-Bewusstsein zum Ökosystem-Bewusstsein gelangen.
Die Bezeichnung ‚Theorie U‘ kommt von dem Prozess, der dabei durchlaufen wird: Ich starte beobachtend an der linken oberen Seite des U, begebe mich dann in den Scheitel des U, um mich mit Zukünftigen zu verbinden, um dann wieder hoch zur oberen rechten Seite des U zu gehen, um dieses Zukünftige tatsächlich entstehen zu lassen.
Der Kernpunkt der Theorie ist dabei vor allem der Scheitel des U. Hier kann das so genannte Presencing stattfinden: Ausgehend von der Gegenwart erfühlen man, was zukünftig entstehen kann!
Die Theorie U verbindet damit ein bisschen die zwei Quellen, aus denen wir lernen können: Erstens durch das Nachdenken über die Vergangenheit (das ist der Startpunkt des U). Zweitens, indem man entstehende Zukunftsmöglichkeiten erspürt und verwirklicht (das ist das Presencing im Scheitel des U und die Verwirklichung auf der rechten Seite des U)
Die Schritte hin zu Presencing sind je nach Handlung unterschiedlich. Beim Zuhören kann ich zum Beispiel einfach nur Informationen aufnehmen, oder mich in die Position des Gegenübers hinein versetzen (= empathisches Zuhören) oder eben auch schöpferisch Zuhören, was bedeutet, dass ich zuhörend herausfinde, was entstehen kann. Solch ein schöpferisches Zuhören lässt sich durch ganz viel Übung immer besser erlernen.
Ähnlich lässt sich das auch auf ein Gespräch übertragen: Hier geht der Weg von Sprechblasen, über die Konfrontation von Äußerungen, über eine gemeinsame Reflexion bis hin zu einem ko-kreativen Prozess.
Diese verschiedenen Stufen lassen sich folgendermaßen visualisieren:

Für die Bildung war mein Aha-Effekt, dass wir pädagogisch oft nicht weit und tief genug denken:
- Wir haben sehr viel die erste Ebene des ‚Was‘, also des Outputs des Lernens, im Blick, das wir z.B. in Prüfungen abfragen.
- Wir legen erfreulicherweise einen immer größeren Schwerpunkt auf das ‚Wie‘, also auf den Prozess des Lernens.
- Was aus meiner Sicht weitgehend noch fehlt ist das ‚Woher?‘, also die Frage nach dem Bewusstsein der lernenden Person.
(Perspektive 3 entzieht sich natürlich komplett jeglicher Bewertungs- und Prüflogik, was diesen ‚blinden Fleck‘ aber wahrscheinlich nur umso wichtiger macht.)
Otto Scharmer vergleicht das mit einem Künstler, der ein Bild malt: Schauen wir uns das entstandene Bild an und beobachten wir, wie das Bild entsteht oder nehmen wir auch, bevor es entsteht, den Künstler vor der noch leeren Leinwand in den Blick?
Um die Schritte der Theorie U zu praktizieren brauchen wir Erkundung, Mitgefühl und Mut. Dem gegenüber steht oft das vorschnelle Urteilen, Zynismus oder Angst.
Aus den Praxisempfehlungen zur Anleitung eines Prozesses im Sinne der Theorie U nehme ich schließlich noch ein weiteres, schönes Bild mit:
Die Herausforderung besteht darin, mit ein paar Pinselstrichen eine erste Skizze zu zeichnen, die bereits so aussagekräftig ist, aber zugleich so viele Leerstellen lässt, dass ein gemeinsam gemaltes Bild daraus entstehen kann.
Das Buch endet mit einer Einladung in die u-school, wo man zahlreiche, aus meiner Sicht sehr hilfreiche Lernangebote zur Theorie U findet. Außerdem findet man zahlreiche Informationen auf der Website presencing.org.
Mein Fazit: Ein lohnendes Buch, das zahlreiche Perspektiven und Weiterdenken ermöglicht (gerade auch, wenn man, wie ich, denkt, dass man diese Theorie doch eigentlich längst schon kennt!)
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