Ich habe das Buch ‚Dramafreie Arbeitswelt‘ von Holger Heinze gelesen und kann es sehr weiter empfehlen. Es gehört für mich zu den Büchern, in denen richtig viel drin steckt und die ich nicht nur einfach einmal lese und daraus lerne. Stattdessen habe ich ganz viel angestrichen, direkt zahlreiche Ideen zur Weiternutzung entwickelt und werde das Buch ganz bestimmt zukünftig immer wieder mal zur Hand nehmen und etwas nachschlagen und vertiefen.
Im Kern behandelt das Buch die Frage, wie wir selbst wirkungsmächtiger werden können, wie uns dazu eine bessere Zusammenarbeit in unseren jeweiligen Teams gelingt und wie auch die Organisationen, in denen wir uns bewegen, mehr zu lernenden Organisationen werden können.
Mit ‚dramafrei‘ ist im Buch kurz gefasst der Vorschlag gemeint, dass wir uns bewusster machen sollten, dass wir in unserer Zusammenarbeit sehr oft ‚Drama-Rollen‘ spielen. Es lassen sich hier drei solcher Drama-Rollen unterscheiden:
- das Opfer: ist ohnmächtig angesichts widriger Umstände, für die es nichts kann.
- der Schurke: weiß genau, wer schuld an einem Problem ist und äußert das auch lautstark
- der Retter: springt ein, hilft und glättet die Wogen.
Das Spielen dieser Drama-Rollen führt zu einer Problem- statt Ergebnisorientierung und verhindert Selbstwirksamkeit. Die gute Nachricht ist, dass wir diesen Rollen nicht hilflos ausgeliefert sind, sondern sie switchen können. Insbesondere können wir von Opfer zu Gestalter*innen werden, von Schurken zu Herausforderer*innen und von Rettern zu Coaches.
Du kannst vielleicht schon mit dieser Kurzbeschreibung damit beginnen, dir zu überlegen, welche Rollen du häufig spielst und wie du dich vielleicht davon befreien kannst. Ich hatte schon vor der Lektüre des Buches für mich analysiert, dass ich mich recht oft in eine ‚Retter‘-Rolle begeben hatte und fühlte mich von den Vorschlägen im Buch sehr bestätigt: Erstens kann ich hier selbst entscheiden, dass ich etwas voranbringen will. Dann verfolge ich eine Intention und opfere mich nicht mehr nur für andere auf, was ja schnell übergriffig und blockierend sein kann. Zweitens kann ich darauf orientieren, Menschen zu ermächtigen, etwas selbst zu tun.
Im Buch wird Drama-Ausstieg zunächst anhand von 20 typischen Dramen beschrieben (aus dem Bereich des Lernens z.B. das Drama, das lernförderliches Feedback verhindert). Anschließend folgt sehr praktisches und konkretes und zugleich immer wissenschaftlich begründetes Handwerkszeug zum Weiternutzen.
Ganz entscheidend sind vor allem die drei so genannten ‚vitalen Fragen‘, die einen durch den Ausstieg aus dem Drama führen können:
- Wo liegt mein Fokus? = Begebe ich mich in den Kreislauf der Problemorientierung oder orientiere ich auf Lösungen?
- Wie trete ich in Beziehung? = Welche Rolle spiele ich oder spiele ich eben gerade auch nicht?
- Welche Maßnahmen ergreife ich? = Hier werden vor allem so genannte ‚Baby Steps‘ vorgeschlagen, also konkrete, erste Schritte, die in die gewünschte Richtung führen.
Ganz sicher nicht vollständig möchte ich abschließend aus dieser reichhaltigen Darstellung ein paar Aspekte teilen, die mir beim ersten Lesen direkt im Kopf geblieben sind:
- Ich mag den Begriff der ‚wilden Welt‘, der im Buch genutzt wird. Deutlich wird daran, dass wir diese Welt nicht bändigen werden und dass in ihr vor allem auch Dinge passieren, die wir noch nicht kennen oder für die wir keine Beschreibungen oder gar ein Handlungsrepertoire haben.
- Hilfreich finde ich die Zusammenstellung zu den wichtigsten Kompetenzfeldern persönlicher Resilienz: Akzeptanz und Realismus, Analysefähigkeit, Optimismus und Zuversicht, Selbstbewusstsein und Selbstwirksamkeit, Eigenverantwortung und Handlungskontrolle, Netzwerkpflege und Hilfe annehmen können, Zukunftsorientierung, Handlungs- und Ergebnisorientierung.
- Um ins Gestalten zu kommen müssen wir lernen, die so genannte ‚dynamische Spannung‘ zwischen dem Ist-Zustand und dem, was wir erreichen wollen, bewusst aufrecht zu erhalten. Das ist herausfordernd, weil wir intuitiv dazu tendieren, Spannung aufzulösen und in diesem Sinne die aktuelle Realität größer darzustellen und das erwünschte Ergebnis kleiner zu machen.
- Ich unterstütze das Plädoyer für ‚Sowohl als auch‘-Denken: Man braucht nicht entweder strukturelle Änderungen oder mehr Handlungskompetenz der Beteiligten, sondern eine Kombination von beidem.
Ich freue mich darauf, mit der Zeit noch vieles Weitere im Buch zu entdecken.
PS. Ich war auch deshalb direkt sehr offen für das Buch, weil der Autor seine Entscheidung für eine geschlechtergerechte Sprache gleich im ersten Kapitel sehr sympathisch begründet (mit der Erzählung eines Gesprächs mit seiner Tochter, die sich mit dem ‚generischen Maskulinum‘ in ihrem Alltag eben gerade nicht mitgedacht fühlte.)
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