Bei der Utopie-Konferenz in Lüneburg

Das Utopie-Quartett auf der Bühne

Ich war die letzten beiden Tage bei der Utopie-Konferenz an der Leuphana Universität in Lüneburg. Für mich war es der erste Besuch bei dieser Konferenz, die alle zwei Jahre unter einem anderen Schwerpunkt stattfindet. In diesem Jahr ging es um Großzügigkeit. Der Anspruch war, sich in unterschiedlichen Formaten und aus unterschiedlichen Perspektiven diesem Begriff anzunähern und dabei sein utopisches Potential auszuloten. Ich war auf die Konferenz über Reinhard Kahl gestoßen, der über die gesamte Zeitspanne ein Atelier zur Bildung der Bildung anbot. Dort habe ich dann aber gar nicht teilgenommen, weil ich lieber in unterschiedliche Angebote reinschauen wollte.

Was ich übergreifend mitnehme:

  1. Sehr viel Begeisterung darüber, mit welch großer Ernsthaftigkeit das Veranstaltungsteam, die eingeladenen Gäste und die Teilnehmenden sich mit Utopie unter der Perspektive von Großzügigkeit auseinander gesetzt haben: Sehr intensiv und hartnäckig nachfragend, Differenzen erkennend und benennend und zugleich immer wieder nach Gemeinsamkeiten suchend.
  2. Ganz viel Zuversicht, dass gesellschaftliche Veränderung in Richtung einer sozialen und demokratischen Entwicklung trotz oft auch sehr vieler frustrierender Beobachtungen und so viel Beharrungskraft von dysfunktionalen Systemen schon an so vielen Stellen stattfindet. Das war nicht nur auf so vielen Podien und in weiteren Angeboten sichtbar, sondern wurde allem auch daran deutlich, dass die Konferenz mit rund 1.000 Teilnehmenden richtig groß war und der Austausch zwischendurch sehr inspirierend.
  3. Den festen Vorsatz, in zwei Jahren unbedingt wieder hinzufahren. Es lohnt sich!

Beim Format hat mir sehr gut gefallen, dass mit Maja Göpel, Barbara Bleisch, Wolfgang M. Schmitt und Aladin El-Mafaalani ein Utopie-Quartett gastgebend war und diese vier Menschen zugleich auch während der Konferenz als Podium auftraten, bestimmte Fragestellungen aufgriffen und sehr offen denkend im Gespräch bearbeiteten. Vor allem das Utopie-Quartett am Donnerstagvormittag hat mir sehr viel Freude beim Zuhören gemacht.

Neu im Programm waren dieses Mal die so genannten ‚Funken‘. Das waren vorab eingereichte Beiträge von Teilnehmenden. Ich habe hier unter anderem einen ‚Funken‘ zum Thema Social Presencing Theatre in systemischer Anwendung besucht, was ein absolutes Highlight der Konferenz für mich war und wo sich ganz konkret Perspektiven zur weiteren gemeinsamen Zusammenarbeit ergeben haben.

Richtig schön war auch die ‚lange Nacht der Utopien‘ am Donnerstag Abend, an der Menschen auch unabhängig von der übrigen Konferenz teilnehmen konnten. Hier gab es sehr vielfältige Angebote für immer je 45 Minuten mit anschließender Wechselpause, die über den ganzen , superschönen Campus der Hochschule verteilt waren. Viele davon an Lagerfeuern, in einem Sternenzelt oder einfach auf der Wiese, so dass der Abend sehr zum Schlendern und ‚Schmetterling spielen‘ einlud. Insgesamt hätte ich mir noch mehr strukturiert gestalteten Austausch zwischen Teilnehmenden gewünscht; vielleicht ganz niederschwellig mit Murmelrunden, aber z.B. auch visualisiert im Sinne von: Welche drei Begriffe nimmst du aus dieser Diskussion mit oder ähnliches. Und ich nehme die Frage mit, wie intellektuell wunderbar spannende, aber damit immer auch sehr herausfordernde Gespräche zugleich auch zugänglicher gemacht werden können. Eine erste, spontane Idee war hier eine ‚Einblendung‘ und Einordnung von Namen/ Theorien, die im Gespräch genannt werden via Beamer. (Idee für mich: Vielleicht eine Mini-Website bauen, auf der man – als Veranstaltungsteam im Hintergrund – schnell einen Namen oder Begriff eingeben kann – und auf der Website erscheint dieser dann groß zusammen mit dem Kurzbeschreibung der Wikipedia über API-Schnittstelle – und QR-Code zum Scannen des langen Artikels für mehr Infos)

Als Menschen sehr beeindruckt haben mich vor allem …

… Maja Göpel: die eine wirklich bewundernswerte Klarheit zusammen mit ganz viel ‚Aufgreif- und Verbindungsgabe‘ in so viele Gespräche einbrachte, dabei sehr in die Tiefe blickt und zugleich komplexe Themen sehr bodenständig auf den Punkt bringen kann.

… Şeyda Kurt, von der ich schon radikale Zärtlichkeit gelesen hatte, sie aber bisher noch nie irgendwo direkt erlebt habe. Ich mochte an ihr sehr ihre klare antikapitalitische Haltung, die immer wieder zur Perspektive führte, dass viele Beschränkungen und Probleme im Kontext von Kapitalismus und Patriarchat leider sehr folgerichtig sind, aber dass gesellschaftliche Bedingungen eben auch ganz anders gestaltet sein könnten. Sie verbindet diese Grundsatzkritik mit einem sehr ausgerichteten Aktivismus, der konkret an den Lebensrealitäten von Menschen ansetzt und gemeinsame Erfahrungsräume öffnet. Ich habe mit vor Ort ihr Buch über Hass gekauft und freue mich darauf, es zu lesen.

… Wolfgang M. Schmitt, der sehr unaufgeregt und klar immer wieder die ökonomische Dimension als Basis für gesellschaftliche Veränderungen einbrachte. Ich kannte ihn vorher noch gar nicht – und freue mich nun darauf, mir noch weitere seiner Veröffentlichungen, insbesondere auch in Hinblick auf mediale Darstellungen, digitale Mechanismen und Ideologiekritik anzuschauen.

Zu KI gab es am ersten Tag einen Impuls von Lea Steinacker, aus dem ich vor allem die Zahl mitnehme, dass wissenschaftlich erforscht gerade mal 4,6 Prozent aller Arbeitsaufgaben von KI übernommen werden können. Damit lässt sich sehr viel Hype um diese Technik doch ganz gut ein bisschen runterkochen. Speziell zu Großzügigkeit fand ich die Beschreibung interessant, dass der Abbau von Ungerechtgkeit dazu führen kann, dass die dann immer noch verbleibenden Ungerechtigkeiten mit einer deutlich größeren Sensibilität betrachtet werden, was bei der Einordnung von gesellschaftlichen Debatten helfen kann.

Insgesamt finde ich Großzügigkeit in einer zwischenmenschlichen Betrachtung sehr wichtig, wenn auch nicht trivial, weil immer mit der Gefahr einer Entmündigung anderer verbunden. Als Leitbild für politisches, gesamtgesellschaftliches Handeln wäre mein Fazit, dass der Begriff sich nicht als Leitbild eignet.

Falls du selbst noch nicht in Lüneburg dabei warst und jetzt neugierig geworden bist: Hier ist die Website mit allen Infos – und sicherlich bald auch der Dokumentation der diesjährigen und der Ankündigung der nächsten Konferenz in zwei Jahren.

Herzlichen Dank für diese wunderbare Konferenz!


Beitrag weiternutzen und teilen

Dieser Beitrag steht unter der Lizenz CC BY 4.0 und kann somit gerne offen weitergenutzt und geteilt werden. Hier kannst du dir den Beitragslink und/oder den Lizenzhinweis kopieren. Wenn du den Beitragslink in das Suchfeld im Fediverse (z.B. bei Mastodon) eingibst, wird er dir dort angezeigt und du kannst ihn kommentieren.


Erschienen in der Kategorie:
Reaktionen im Fediverse
Anregungen zum Weiterlesen