Edumail #99: Sieben Impulse für transformative und digital-mündige Bildung

Hallo zur Edumail im Juni – schön, dass du hier bist!

Anstelle des üblichen Intro-Textes zu einem bestimmten Thema teile ich dieses Mal sieben Impulse, die mich seit der letzten Edumail beschäftigt haben. Neben den inhaltlichen Aspekten ist das zugleich auch eine methodische Anregung: Wenn du in einer impulsgebenden Rolle bist, könntest du dir zu deinem Thema – so wie ich das im Folgenden als übergreifende Wundertüte mache – sieben Sätze/Ideen/Thesen überlegen und diese mit Lernenden zu Beginn teilen. Anschließend ist dann Raum z.B. für ein Walk & Talk oder Murmelrunden mit vielleicht auch einigen Leitfragen, wie: Welche These fand ich besonders wichtig und warum? Was könnte ich wie in meinen Kontext übertragen? Was würde ich gerne ergänzen? … Ich finde das eine hilfreiche und niederschwellige Herangehensweise, um Impuls und Aneignung zu verbinden.

Hier sind meine sieben Juni-Impulse:

1. Emergenz
Gute Bildung braucht vor allem Raum für Emergenz. Emergenz meint, dass etwas entsteht, was vorher noch nicht da war – und zwar aus dem Zusammenbringen von unterschiedlichen Menschen und Akteuren in lebendigen Systemen. Es ist der Zwischenraum oder die Erweiterung, die zwischen der Divergenz (= das Denken öffnen) und der Konvergenz (= fokussieren und das Denken wieder schließen) gehalten werden kann und nie nur individuell erreicht werden kann. Ich finde es sehr lohnend, meine Lernangebote daraufhin anzuschauen, ob sie solch eine Emergenz ermöglichen.

2. Fürchte dich nicht!
Das Bibelzitat ‚Fürchte dich nicht!‘ habe ich bei einem Pädagogischen Tag an der evangelischen Grundschule in Potsdam mitgenommen. Es war dort Teil der Reflexion darüber, wie das evangelische Profil noch stärker als ‚Segel‘ zur Schulentwicklung genutzt werden kann. Ich finde: ‚Fürchte dich nicht!‘ kann auch völlig unabhängig vom evangelischen Profil einer Schule eine wunderbare Haltung der pädagogischen Ermutigung sein. Es ermöglicht Akzeptanz von Veränderungen und Zuversicht zur Gestaltung. Es lädt ein und fordert dazu heraus, dass sich alle als Teil eines Ganzen erleben können, dabei getragen werden und sich mit ihren vielfältigen Potentialen einbringen können.

3. Materialien in Entwicklung
Ein Lerninhalt ist mit KI-Technologie immer schneller erstellt – es lohnt sich aber, pädagogisch auf solche Materialien zu blicken und nicht nur Fakten und Wissen darin zu verpacken, sondern auch drei weiterführende Fragen zu stellen, die die Aneignungsmöglichkeiten in den Blick nehmen: Erlaubt der Inhalt, dass Lernende ihre eigene Perspektive einbringen und daran anknüpfen können? Erlaubt der Inhalt die Berücksichtigung weiterer Perspektiven und einen Austausch? Und erlaubt der Inhalt eine schöpferisch-kollaborative Komponente, mit der er weitergedacht und neu- und umgestaltet werden kann? Dieses ‚Vier-Felder-Raster‘ (Objektiv, Subjektiv, Interaktiv, Kollaborativ-schöpferisch) war einer meiner Mini-Inputs bei der OERcamp Werkstatt in Detmold am vergangenen Wochenende.

4. Kontrollillusion
Wenn ich gutes Lernen ermöglichen will, dann gilt es, Verantwortung für die Gestaltung eines sicheren, verbindenden Lernraums wahrzunehmen – und zugleich Kontrolle loszulassen. Gerade dieses Loslassen von Kontrolle fällt oft schwer. Mir hilft hier das Zitat von Ulrike Linz: ‚Es ist kein Verlust der Kontrolle – es ist der Verlust der Kontrollillusion.‘ Stimmig finde ich es deshalb, weil ich Lernen tatsächlich nie kontrollieren konnte, sondern immer nur ermöglichen und inspirieren. Seitdem habe ich es in vielen Lernangeboten weiter geteilt. Ihren vollständigen Artikel dazu findest du auf ihrer Website.

5. Das Internet ist nicht kaputt!
Wenn ich mich aktuell durchs Internet bewege, sind die immer mehr schnell mit KI-Modellen hingepfuschten Inhalte ziemlich ermüdend. Schnell bekomme ich dann den Eindruck, dass das Internet immer weniger zu gebrauchen, also leider einfach kaputt sei. Umso mehr habe ich mich über den sehr motivierenden und hilfreich erklärenden Text ‚The boring internet‘ gefreut. Die Kernthese ist: Die Grundlagen des Internets mit seinen offenen Protokollen und Schnittstellen sind vielleicht überschwemmt von Monopol-Plattformen und Lärm, aber wir stehen trotzdem mittendrin und können es nutzen. Und es wird nicht kaputtgehen, weil es niemanden bzw. uns allen gehört, weil es so vernetzt ist, dass es nicht zentralisiert werden kann und zugleich so chaotisch-unbeholfen, was in diesem Zusammenhang alles andere als ein Makel ist. Es liegt an uns, diese fruchtbare Erde zu nutzen und Gutes daraus wachsen zu lassen.

6. Regelbrüche
Meine Einladung an vielen Pädagogischen Tagen angesichts der zahlreichen Widersprüche, in denen wir uns häufig bewegen, war bisher oft, bewusst in Graubereichen zu arbeiten und – sofern etwas nicht explizit verboten ist – es vielleicht einfach mal auszuprobieren. In einem Impuls beim Netzwerkstreffen von Schule im Aufbruch in Leipzig letzte Woche formulierte eine Kollegin das noch viel deutlicher: „Wenn man an einer staatlichen Schule ist und Dinge anders machen will, geht es nicht ohne Regelbrüche.“

7. Mehr Raum für Staunen
Bildung braucht mehr Raum für Staunen und Ehrfurcht. Das öffnet Denken, statt es zu verschließen und lässt Verbundenheit mit der Welt und damit Demut entwickeln. Auf diese Weise gestalten wir gute und soziale Zukünfte. (Diese These habe ich von Dr. Antje Brock bei der Veranstaltung ‚Mit Zuversicht in die Zukunft – Bildung für nachhaltige Entwicklung in der Kita‘ mitgeschrieben)

Vielleicht magst du jetzt – im Sinne der oben vorgestellten methodischen Anregung zu solchen Impulsen – für dich überlegen: Was davon spricht mich besonders an? Was möchte ich wie nutzen oder es z.B. mit einer Kollegin teilen? Wozu könnte ich gemeinsam mit anderen weiter gestalten?

Zu einigen der Impulse findest du im Folgenden vertiefende Anregungen. Es wird dabei auch ganz praktisch, z.B. mit der Anregung einer digital-mündigeren KI-Agenten-Nutzung mit der Open Source Software OpenCode oder mit Methoden wie dem ‚Verflixte Fragen Spiel‘. Ich wünsche dir viel Freude beim Erkunden!

Wie immer gilt: Ich freue mich sehr über Vernetzung, Austausch, Zusammenarbeit und gemeinsames Weiterlernen. Du kannst mir dazu einfach auf diese Mail antworten.

Herzliche Grüße – und genieße den so wunderbar hellen und grünen Juni. ☀️❇️🙂

Nele Hirsch | eBildungslabor
Art of Hosting: Lernräume für Resonanz und Entwicklung gestalten!
Ich habe vor einigen Wochen an einem ‚Art of Hosting‘ Training teilgenommen. Art of Hosting (auf deutsch etwa: die Kunst des Gastgebens) ist ein wachsendes Ökosystem von Menschen und Organisationen, die Methoden entwickeln und erkunden, mit denen sich ganzheitliche, sinnhafte und partizipative Lernräume gestalten lassen, in denen Menschen gemeinsam an den Herausforderungen unserer Gegenwart arbeiten können. Vielfalt wird dabei durchgängig als Potenzial wertgeschätzt und die Verantwortung für das Hosting wird schon ab dem ersten Tag von Einladenden und Teilnehmenden gemeinsam getragen. Mich hat der Ansatz sehr begeistert und ich teile in meinem Blog meine Eindrücke dazu. Vieles ist aus meiner Sicht sehr relevant und übertragbar gerade auch für das formale Bildungssystem.
Zum Blogbeitrag
KI-Agenten mit mehr digitaler Mündigkeit nutzen
Meine KI-Nutzung hat sich in den letzten Monaten sehr verändert: Während ich zuvor noch überwiegend mit KI-Sprachmodellen in einer einfachen Ping-Pong-Interaktion war, nutze ich inzwischen immer mehr so genannte KI-Agenten, also KI-Tools, denen ich Zugriff auf bestimmte Anwendungen oder Ordner auf meinem Rechner geben kann. Es geht dann weniger um Frageklärung und mehr um neue Entwicklungs- und Ausdrucksmöglichkeiten bei digitalen Inhalten sowie um deutlich vertieftere Möglichkeiten zur Clusterung, Sortierung und Mustererkennung bei entwickelten Inhalten. Ich fand das von den technischen Möglichkeiten her super, haderte aber sehr damit, dass ich mich dadurch bisher – völlig entgegen meines eigentlichen Anspruchs – in ein Plattform-Angebot eingekauft hatte. Umso mehr freut es mich jetzt, dass ich mit OpenCode eine digital mündigere Variante gefunden habe, die zudem nicht mal schwierig in der Umsetzung ist. Anstatt ein Modell zu nutzen, setzt diese Open Source ‚Hülle‘ auf Schnittstellen. Zugleich lassen sich auch offene und lokale Modelle damit verbinden. Ich finde: Ziemlich cool! Auch wenn du technisch nicht super affin bist, kannst du das hinbekommen. Ich habe versucht, es in meinem Blog möglichst verständlich aufzuschreiben und zu erklären. Wenn du es ausprobierst und dennoch nicht weiterkommst, dann melde dich gerne und wir können es gemeinsam versuchen.
Zum Blogbeitrag
Der beste Text, den ich zu KI ansonsten seit Langem gelesen habe, ist die Enzyklika ‚Magnifica humanitas‘ des Papstes, was ich tatsächlich nicht erwartet hatte. Ich empfehle dir sehr, sie zu lesen, wenn du Zeit findest. Wir haben sie auch als Lektüre im Buchklub in diesem Monat ausgewählt. Falls du zum Abschluss darüber gerne mit anderen gemeinsam diskutieren willst, dann komm gerne dazu!

Und ein weiterer Impuls zu KI kommt von Rutger Bregman (du hast von ihm vielleicht „Im Grunde gut“ gelesen). Er plädiert in einem Video und Text dafür, dass KI-Technologie nicht länger unterschätzt werden sollte, plädiert für Akzeptanz und fordert radikal ein, dass diese Technologie gemeinwohlorientiert gestaltet und genutzt wird.
Plädoyer für ’nächste Schritte‘ in der Bildungsdebatte
Einleitend habe ich schon den Pädagogischen Tag in Potsdam erwähnt, den ich in der vorletzten Woche mitgestaltet habe. Zum Einstieg habe ich dort einen kleinen Impuls mitgebracht, wo und wie ich es in der Bildung wichtig finde, jeweils ‚einen Schritt weiterzudenken‘. Hier ist die Zusammenstellung dazu:

In der pädagogischen Debatte nehmen wir nicht mehr nur vorrangig Produkte, sondern auch Prozesse in den Blick. Ein nächster möglicher Schritt könnte sein, auch mehr die Räume und die Resonanz, die sie ermöglichen, in den Blick zu nehmen.

Verantwortung für das Lernen ist nicht Delegation, sondern Partizipation. Ein nächster möglicher Schritt könnte sein, auch mehr Ko-Kreation zu ermöglichen, d.h. Lernen zu einem wechselseitig getragenen Prozess zu machen.

Bildung zielt nicht mehr nur auf Wissen, sondern auch auf Kompetenz. Ein nächster möglicher Schritt könnte sein, auch mehr auf Selbstwerdung zu zielen.

Technologie ist nicht nur Werkzeug, sondern auch Sparringpartner. Ein nächster möglicher Schritt könnte sein, sie auch mehr als Spiegel zur bewussten Reflexion und Selbstentwicklung zu nutzen.

Rückmeldungen sind nicht Wertung, sondern auch lernunterstützendes Feedback. Ein nächster möglicher Schritt könnte sein, sie vor allem als Wertschätzung zu verstehen.

Lernen befähigt nicht nur zur Anpassung an bestehende Strukturen, sondern auch zu ihrer Gestaltung. Ein nächster möglicher Schritt könnte sein, auch mehr zu bewusster Intention zu befähigen: Wozu will ich einen Unterschied hin zu l(i)ebenswerten Zukünften machen?

Vielleicht hilft dir das auch zur Orientierung und Gestaltung in deinem Kontext. Wie wir den Pädagogischen Tag ansonsten gestaltet haben, habe ich in meinem Blog aufgeschrieben.
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Nächste Schritte als Bodenpräsentation
Vom Lehrmaterial zum Lernmaterial
Am Wochenende findet – nach der OERcamp-Werkstatt in Detmold – direkt die nächste OERcamp-Werkstatt statt, diesmal in der Alemannenschule in Wutöschingen. Spontane Anmeldungen sind noch möglich! Ich freue mich sehr. darauf. Bei der OERcamp-Werkstatt geht es darum, gemeinsam mit anderen und mit Unterstützung von Coaches an einem konkreten Material zu arbeiten und dieses zu veröffentlichen. Wie auch schon in Detmold möchte ich insbesondere die Perspektive dafür schärfen, dass wir für gutes Lernen nicht vorrangig Lehrmaterialien, sondern mehr Lernmaterialien brauchen.

Weniger reingeben – mehr Raum geben
Weniger kontrollieren – mehr vertrauen
Weniger fertig – mehr offen
Weniger neu beginnen – mehr nähren
Weniger getrieben – mehr gerichtet
Weniger Lärm – mehr Sorgfalt
Weniger glatt – mehr lebendig

In meinem Blog habe ich das genauer ausgeführt.
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Wow-Methode: Kreis der Wertschätzung
Bei meinem Art-of-Hosting-Training habe ich mit dem Kreis der Wertschätzung eine sehr berührende Methode erlebt. Sie passt ganz sicher nicht in alle Kontexte, sondern erfordert sichere und verbindende Lernräume. Das war bei uns gegeben – und auf dieser Basis war die Methode sehr wirkungsvoll und schön. Ich habe darüber in meinem Blog berichtet.
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Ausrichtungsmethode: Verflixte Fragen!
Als weitere Methode möchte ich dir in dieser Edumail das ‚Verflixte-Fragen-Spiel‘ empfehlen. Es geht dabei darum, sich ganz bewusst Zeit zu nehmen, um gute Fragen zu formulieren, denen in den dann folgenden Lernprozessen nachgegangen werden kann. Mit der Question Formulation Technik habe ich dazu schon vor einiger Zeit einen möglichen Ansatz geteilt. Das Verflixte-Fragen-Spiel finde ich fast noch ein bisschen wirkungsvoller.

Es funktioniert wie folgt:

Die Gruppe teilt sich dazu zu Beginn in Kleingruppen mit je drei Personen auf. Vorab erklärst du das dann folgende Vorgehen für alle im Plenum:

In eurer Kleingruppe seid ihr alle nacheinander in der Rolle, eine Frage vorzustellen und euch zu dieser von den anderen beraten zu lassen.
In der fragenden Rolle geht ihr so vor, dass ihr die Frage, die ihr euch überlegt habt, kurz mit den anderen teilt. Danach hört ihr nur noch zu.
Die beratenden Personen stellen dann nacheinander Fragen zu der gehörten Frage. Es soll dabei alles adressiert werden, was die Frage potenziell besser machen kann. Die Fragen zu den Fragen sollen nicht beantwortet werden. Sie sind als Feedback zur Frage zu sehen.
Nachdem alle ihre Frage eingebracht haben und dazu beraten wurden, versucht ihr, eure ursprünglichen Fragen dank der gehörten Rückfragen besser zu formulieren. Dabei kann sich die Gruppe untereinander austauschen und sich gegenseitig unterstützen.
Die entwickelten Fragen können dann im Plenum geteilt werden.

Zu Beginn des Spiels ist es ein sehr normaler Impuls, dass die Person, die die Frage eingebracht hat, direkt auf solche ‚Fragen zu den Fragen‘ antworten will. Hier hilft es, den Rahmen sehr klar zu moderieren und dazu einzuladen, jede neu gestellte Frage als Geschenk anzunehmen und z.B. mit ‚Danke‘ oder mit einem Nicken zu reagieren. Um ein bisschen die Geschwindigkeit herauszunehmen, kann es auch hilfreich sein, dass ‚Fragen zu den Fragen‘ aufgeschrieben, vorgelesen und dann an die fragende Person überreicht werden. Auf diese Weise kann sie dann anschließend bei der Überarbeitung der Frage besonders gut damit arbeiten.
👋 Tschüß bis zur nächsten Edumail!
Zum Abschluss dieser Edumail möchte ich noch einmal einen der Impulse vom Anfang aufgreifen: Das Internet ist nicht kaputt! Für mich zeigt sich das unter anderem daran, dass sich im Internet Seiten wie diese finden lassen, auf denen die Geschichte von der Internet-Neko (neko ist japanisch für Katze) erzählt wird. Es gibt dazu ein Skript, das schon über 30 Jahre alt ist – und eine kleine, gekritzelte Katze beinhaltet, die nach der Installation auf deinem Bildschirm sitzt und der Maus hinterherjagt. Es gibt dazu ganz viele Remix-Varianten, z.B. zur Integration auf der eigenen Website oder so, dass die Katze gestreichelt werden kann. Ich finde: So schön und zuversichtlich stimmend, dass kreative und wertschätzende Netzkultur, als eine Ausprägung menschlicher Potentiale und ihrer Vielfalt,  trotz alledem weiter wachsen und Freude machen wird! 🌱🙃

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