Hallo und willkommen zur Edumail im Mai,
der Begriff Demut hat im Deutschen oft eine negative Konnotation. Er wird in Bezug auf einen selbst mit Unterwürfigkeit oder mit Selbstaufgabe in Verbindung gebracht. Und in Hinblick auf andere in der Form ‚jemanden demütigen‘ mit Missachtung von Würde.
Ich blicke anders auf den Begriff: Für mich gehören Würde und Demut zusammen. Die Würde von sich selbst und von anderen zu achten, ist dann komplementär dazu, sich seiner eigenen Begrenztheit bewusst zu sein, sich als Teil eines größeren Ganzen zu verstehen und mit einem immer lernenden Blick auf die Welt zu blicken. In diesem Sinne hat Demut dann sehr viel mit guter Bildung zu tun. Deshalb möchte ich dich in dieser Edumail in drei Bereichen zu mehr pädagogischer Demut einladen: beim kritischen Denken, bei einer potentialorientierten Bildung und beim transformativen Lernen.
1. Demut und kritisches Denken
Mehr Demut in der Bildung bedeutet für mich erstens, dass ich mich als lehrende Person immer zugleich auch als lernende Person verstehe und mir bewusst mache: Meine Wahrnehmung der Welt und mein Wissen sind eine von zahlreichen möglichen Konstruktionen und damit notwendigerweise immer begrenzt. Sich das bewusst zu machen, ist nichts, worüber ich mich dann ärgern müsste, sondern ganz im Gegenteil eine großartige Sache, weil es die Welt sehr, sehr spannend macht. Ich kann jeden Tag und immer wieder neugierig darauf sein, was ich entdecken, lernen und anders verstehen kann.
Bei meiner Beschäftigung mit den Inner Development Goals (IDGs) habe ich vier ‚epistemische Tugenden‘ kennengelernt, die bei solch einem Blick auf die Welt helfen können: Offenheit: Bin ich bereit, mich mit einer anderen Position ernsthaft auseinanderzusetzen? Neugier: Bin ich neugierig darauf, woher sie kommt und was dahinter steckt? Bescheidenheit: Ziehe ich ernsthaft in Erwägung, dass ich mich irren könnte? Wohlwollen: Gehe ich davon aus, dass die andere Position mit guter Absicht formuliert wurde? Ich finde, dass es mich in meinem eigenen Lernen sehr voranbringt, wenn ich diese vier Tugenden als Gegencheck in meiner Auseinandersetzung mit anderen und in meinem Lernen immer wieder in Erinnerung rufe. Ein sehr einfacher erster Schritt ist der Switch im Kopf bei einem Gespräch oder einer sonstigen Interaktion mit anderen von „Was davon finde ich richtig und was davon finde ich falsch?“ hin zu „Was davon ist spannend/neu/anders und könnte mich in meinem Lernen wie weiterbringen?“
Solch eine demütige Perspektive auf die Begrenztheit der eigenen Weltsicht ist die beste Grundlage für die Kompetenz des kritischen Denkens. Denn es geht dabei für mich eben gerade nicht in erster Linie darum, zu etwas möglichst überzeugt Position zu beziehen und abschließend zu urteilen, wie die Kompetenz häufig missverstanden wird. Sondern darum, eine im besten Sinne immer wieder offene, neugierige und lernende Haltung zu praktizieren. Über solch ein kritisches, weil demütiges Denken habe ich – inklusive einer konkreten Methode zur Weiternutzung – ausführlicher in meinem Blog geschrieben.
2. Demut und potentialorientierte Bildung
Ich habe einleitend über den Zusammenhang zwischen Demut und Würde geschrieben. Eine demütige, pädagogische Haltung ist in diesem Sinne eine Haltung, die die Würde aller am Lernprozess Beteiligten zur Grundlage hat. Als Pädagogin bedeutet das für mich vor allem, dass ich im ersten Schritt immer anerkenne: Alle Lernenden verfügen über Erfahrungen und Ideen und vor allem über vielfältige Potentiale, die ich anerkennen, wertschätzen und zur Entfaltung bringen kann. Meine Verantwortung als Pädagogin ist dann nicht in erster Linie, eine lernende Person in die eine oder andere Richtung zu ziehen oder zu einem bestimmten Verhalten zu agitieren (was ohnehin in den allermeisten Fällen nicht funktionieren wird). Stattdessen ist meine pädagogische Verantwortung im Sinne einer demütigen Praxis vor allem, Räume zu gestalten und zu halten, in denen sich Potentiale entfalten können. Und es ist wunderbar, immer wieder neugierig sein zu dürfen, was im gemeinsamen Lernen entstehen wird.
Konkret möchte ich dir in diesem Kontext in Hinblick auf eine zeitgemäße Prüfungskultur einen Perspektivwechsel vorschlagen. Wie wäre es, wenn wir Prüfungen weniger als nur eine Bewertung individueller Ergebnisse von Lernenden – im schlechtesten Fall anhand eines normierten Rasters – betrachten würden, sondern viel stärker auch als die Aufgabe verstehen, die von uns gestalteten Lernräume zu prüfen?
Mögliche Prüffragen dazu könnten sein: Ermöglichen unsere gestalteten Lernräume allen Beteiligten ein Gefühl von Sicherheit als Voraussetzung für Lernen? Können sich alle darin einbringen und verbinden? Sind sie sinnhaft verankert und ausgerichtet auf das Ziel gesellschaftlicher Handlungsfähigkeit mit der Perspektive, gute Zukünfte zu gestalten? Solch eine Prüfungskultur wäre ein klarer Gegensatz zu einer Pädagogik des Misstrauens und der Kontrolle – und würde stattdessen wertschätzendes, freudvolles und damit wirksames, weil potentialorientiertes Lernen ermöglichen. Ich sehe hier ganz viel Verbindung zur Herausforderung von Offenheit in der Bildung, was wir in dieser Grundsätzlichkeit gerade im Bereich von Open Educational Practices und Open Educational Resources viel mehr in den Fokus nehmen können.
3. Demut und transformative Bildung hin zu einer l(i)ebenswerten Welt
Demut ist drittens auch dadurch charakterisiert, dass ich – gerade weil ich selbst in meiner Weltwahrnehmung begrenzt bin – mich als Teil eines größeren Ganzen sehen kann und darf. Dieses größere Ganze können wir als Prinzip des Lebendigen fassen. Und spätestens hier wird dann deutlich, dass Demut das Gegenteil von Kleinmachen, sondern eben eigentlich vielmehr Größe ist. Pathetisch formuliert: Wir sind ein Staubkorn und zugleich der ganze Kosmos. ✨
In der Bildung ist genau diese Perspektive aus meiner Sicht eine entscheidende Grundlage für sinnhaftes Lehren und Lernen in gesamtgesellschaftlicher Verantwortung. Bildung dient dann eben gerade nicht vorrangig dazu, Lernende zu einem möglichst effizienten, individuellen Vorankommen innerhalb eines dysfunktionalen Systems zu befähigen. Vielmehr geht es um Ermächtigung zu Verbundenheit mit sich, mit anderen und mit der Welt und in diesem Sinne zur Gestaltung l(i)ebenswerter Zukünfte für alle. Ich finde es gleichermaßen herausfordernd wie ermutigend, dass wir mit unserem pädagogischen Handeln genau dazu jeden Tag einen Unterschied machen und dabei bei uns selbst beginnen können.
Hilfreich kann es dazu sein, angesichts von so vielen Herausforderungen und auch strukturellen Begrenzungen des pädagogischen Alltags, immer wieder Raum zum Innehalten zu nehmen und nach dem ‚Wozu?‘ zu fragen. Es lassen sich dazu ‚Nordsternfragen‘ entwickeln, an denen wir unser pädagogisches Handeln ausrichten können. Eine für mich gut funktionierende Anleitung – inklusive eines weiternutzbaren Prompts zur Entwicklung solcher Nordsternfragen in Interaktion mit KI-Sprachmodellen – teile ich in meinem Blog. Damit wünsche ich dir jetzt freudvolles Erkunden der Edumail-Impulse und ich sende dir herzliche Grüße Nele Hirsch | eBildungslabor
PS. Ich habe vor über zwanzig Jahren zwei Semester lang in Japan studiert. Was ich davon immer noch in mein Leben integriert habe und was gut zum Thema Demut passt, ist es, vor dem Essen in Gedanken das Wort ‚itadakimasu‘ zu sagen. Zum Verständnis dieses Ausspruchs muss man wissen, dass im Japanischen – je nachdem in welcher Beziehung man sich zu einem Gegenüber sieht – oft ein unterschiedliches Verb für eine ansonsten eigentlich identische Handlung verwendet wird. Itadakimasu trägt in diesem Sinne die Bedeutung ‚ich empfange‘. Auf der Beziehungsebene ist es zugleich ein Verb, bei dem ich mich selbst ganz zurücknehme und eben demütig und damit dankbar und respektvoll vor anderen und vor der ganzen Welt zeige, dass ich empfangen darf. Ich mag das sehr gerne! |