| Hallo und herzlich willkommen zur Edumail im April! Seit gut vier Monaten habe ich es mir zur Routine gemacht, täglich mindestens eine halbe Stunde in Stille zu meditieren. Warum ich solch eine Achtsamkeitspraxis gerade im Kontext von Bildung wichtig und hilfreich finde, möchte ich in dieser Edumail gerne mit dir teilen. Und ich bin neugierig, was dein Blick darauf ist. 🙂 Zur Einordnung stelle ich voran, dass ich sehr lange Zeit skeptisch war, wenn es um Meditation oder andere Achtsamkeitspraxis ging. Gerade im System der Bildung, in dem so viele Menschen mit viel Idealismus arbeiten und dann so oft ausbrennen und nicht mehr können, erschien mir das als eine Ablenkung davon, dass wir dringend strukturelle Veränderungen brauchen. Ich hatte den Eindruck, dass mit all dem Gerede von Resilienz und Achtsamkeit stattdessen die Verantwortung für diese Misere auf die einzelnen Menschen geschoben werden sollte. Ein bisschen nach dem Motto: „Hättest du mal mehr meditiert und Yoga gemacht, dann würdest du jetzt nicht mit Burnout ausfallen, sondern könntest weiter in diesem System funktionieren!“ Auf der anderen Seite nahm ich Achtsamkeit auf individueller Ebene oft als etwas wahr, mit dem den Herausforderungen und Krisen in der Bildung und in der Welt eher der Rücken gekehrt werden sollte. Hierfür ließe sich das Motto formulieren: „Ich kann die Bildung und die Welt ohnehin nicht retten. Dann ziehe ich mich lieber zurück und kümmere mich gut um mich selbst!“. Auch das ist für mich keine sinnvolle Perspektive. Für mich ist Achtsamkeit inzwischen etwas anderes. Sie hat für mich sehr viel mit der Frage zu tun, wie wir eine bessere Bildung und eine bessere Welt gestalten. Für solch eine widerständige und in der Perspektive auch kollektive Praxis von Achtsamkeit finde ich drei Gedanken hilfreich: 1. Das Gummiband der dynamischen Spannung Im Buch „Dramafreie Arbeitswelt“ von Holger Heinze habe ich in der letzten Woche das sehr treffende Bild eines Gummibandes gefunden, mit dem er die dynamische Spannung beschreibt, die es braucht und die gehalten werden muss, um zu Veränderungen zu gelangen. Er bezieht dieses Bild allgemein auf Transformationsprozesse. Wir entwickeln hierzu auf der einen Seite eine Vision guter Zukünfte und betrachten auf der anderen Seite, wo wir stehen. Das führt zu dynamischer Spannung im Sinne eines gespannten Gummibandes, das die notwendige Energie für diesen Prozess liefert. Dazu ist es nötig, dass wir die Vision der Zukünfte mutig und groß entwerfen und die Gegenwart realistisch betrachten. Solch eine dynamische Spannung zu halten, ist aber sehr anstrengend. Wie bei einem Gummiband gibt es deshalb immer die Tendenz, dass wir die Vision der Zukünfte kleiner machen und uns zugleich die Gegenwart schöner reden. Das Gummiband zieht sich zusammen und die Energie für Veränderung ist weg. In der Bildung finde ich diese Gummiband-Metapher besonders passend, denn hier lässt sie sich noch in einen größeren Rahmen einordnen: Wir brauchen dynamische Spannung nicht nur, um mit dieser Energie Veränderungen von Bildung bewirken zu können, sondern zugleich auch, um gutes Lernen gestalten zu können. Denn gutes Lernen verstanden als Entwicklung funktioniert nicht ohne solch eine dynamische Spannung. Wenn Lernen und Entwicklung möglich sein sollen, dann braucht es dazu unbedingt auch Unsicherheit und Offenheit. Das gilt es, bewusst auszuhalten, Räume zum Wachsen zu ermöglichen und Offenheit für neu Entstehendes zuzulassen. So etwas ist anstrengend und kostet Kraft. Genau solch eine Kraft kann ich aus Achtsamkeit schöpfen. Das ist dann aber für mich nicht mehr instrumentalisierte Achtsamkeit für ein möglichst effizientes Funktionieren, sondern Achtsamkeit für das, was sich pädagogisch zu gestalten lohnt. 2. Die Abkehr von Kontrolle und die Hinwendung zu Verbindung Eines der vorherrschenden Muster in Bildung und auch in Gesellschaft ist für mich das Muster der Kontrolle. In der Bildung zeigt sich dieses Muster unter anderem daran, dass wir den Fokus darauf legen, normierte Lernziele vorzugeben und vergleichend zu bewerten, aber viel zu selten Räume zum wirklichen Lernen schaffen, in denen sich Potenziale entfalten können. In meinem Bereich der digitalen Bildung fällt mir besonders ins Auge, dass auch vorherrschende Technologie – insbesondere beispielsweise KI-Sprachmodelle – oft mit solch einer kontrollierenden Perspektive auf die Welt gestaltet und genutzt wird: Auf individueller Ebene wird uns versprochen, durch die Kontrolle zunehmend leistungsfähigerer Maschinen individuell noch effizienter im bestehenden System wirken zu können. Das führt zu einer Flut von AI-Slop und jeder Menge Lärm. Auf Ebene der Anbieter geht es um Monopolisierung und Machtkonzentration – und damit ebenfalls um Kontrolle. In der Gesellschaft zeigt sich das Muster von Kontrolle für mich besonders in der Beziehung von uns Menschen zu der uns umgebenden Natur. Kontrolle beinhaltet hier einen ausbeuterischen Charakter. Die schädlichen Auswirkungen davon werden gesamtgesellschaftlich mehr und mehr reflektiert. Der Bruch dieses Musters der Kontrolle öffnet dagegen auf allen Ebenen eine andere Perspektive: auf eine bessere Bildung, eine bessere Welt und dann eben auch auf eine bessere Technologie. Was aber ist die Alternative zu Kontrolle? Für mich ist der Gegensatz zu Kontrolle vor allem Verbindung. Mit Verbindung geht es nicht darum, etwas im Sinne von Kontrolle zu dominieren. Ich gestalte stattdessen, indem ich mich damit verbinde. In der Bildung erlebe ich das, wenn ich als pädagogisch tätige Person Lernräume gestalten kann, in denen Austausch und gemeinsames Lernen mit viel Offenheit möglich ist, oder wenn ich mich als Lernende in offenen Lernformaten beteiligen kann. Lernen wird hier ermöglicht, indem verbindende Räume gestaltet werden, aber es wird eben gerade nicht kontrolliert. In der Technologie freue ich mich über die Versuche in der Open-Source-Community, gemeinsam an Technologie zu arbeiten, die weniger das individuelle Vorankommen und mehr das Gemeinwohl in den Blick nimmt. In Hinblick auf die Gesellschaft insgesamt stimmen mich immer mehr Kollektivstrukturen etwa in der solidarischen Landwirtschaft, in Lebensmittel-Kooperativen oder Kollektivbetrieben zuversichtlich, die sich ebenfalls an Verbindung anstelle von Kontrolle orientieren. Was aber hat dieser Wechsel von Kontrolle hin zu Verbindung mit Achtsamkeit zu tun? Für mich ist genau dieser Wechsel von Kontrolle zu Verbindung der Unterschied zwischen einer instrumentalisierten versus einer widerständigen Achtsamkeitspraxis. Ich kann auf der einen Seite mit dem Muster der Kontrolle meditieren. Dann mache ich genau das, was ich einleitend geschildert habe, wie Achtsamkeit aus meiner Sicht nicht sein sollte: Ich takte sie mir in einen sowieso schon übervollen Kalender hinein, um anschließend wieder mit mehr Kontrolle mein Leben zu gestalten und effizienter zu funktionieren. Wenn ich aber mit dem Muster der Verbindung meditiere, dann ist mein Ziel nicht, Kontrolle zu gewinnen. Ich kann stattdessen zulassen, dass etwas Neues entstehen darf und dass ich mich als verbunden und auf andere angewiesen erkenne. Das ist erst einmal deutlich schwieriger und ich hadere damit noch sehr. Ich finde Meditation vor allem deshalb wichtig, weil ich diesen Musterbruch auf diese Weise immer besser für mich lernen kann. 3. Mehr Gutes nähren und weniger Schlechtes bekämpfen Der Wechsel von Kontrolle hin zu mehr Verbundenheit hat für mich viel mit einem Leitbild der Lebendigkeit zu tun. Denn ein lebendiges System ist immer ein System, das sich nicht vollständig kontrollieren lässt. Die Frage, wie wir dann trotzdem ins Gestalten kommen können, bringt mich zu einem schönen Satz, den ich bei Ruth Seliger gelesen habe und den ich hier sinngemäß zitiere: „In jedem lebendigen System gibt es Gutes. Wenn es in einem System nichts Gutes mehr gibt, dann ist es tot.“ Ihr Vorschlag zur Gestaltung ist dann, weniger Schlechtes zu bekämpfen und mehr Gutes zu nähren. Achtsamkeit finde ich in diesem Zusammenhang wichtig, weil das mir Raum zum Innehalten gibt, um genau dieses Gute in mir, in anderen und in der Welt zu erkennen, um es dann bewusst nähren zu können. Wenn ich Achtsamkeit auf Basis dieser drei Gedanken praktiziere – um Stärke für das Aushalten von lern- und entwicklungsförderlicher Spannung zu entwickeln, um Verbindung statt Kontrolle zu erlernen und um zu erkennen, wo das Gute ist, das sich im Interesse positiver Veränderung zu nähren lohnt – dann wird die Bildung und die Welt natürlich nicht automatisch besser. Gerade in der Bildung werde ich stattdessen mit jeder Menge Gegenwind konfrontiert sein. Wenn ich beispielsweise eine potenzialorientierte Bildung versuche, dann werde ich fast unweigerlich in Konflikt geraten mit der vorherrschenden Prüfungskultur. Achtsamkeit ist in dieser Situation dann deshalb eine widerständige und kollektive Praxis, weil ich erreichen kann, Gegenwind weniger auf mich zu beziehen. Ich denke also nicht: „Oh je, so viel Gegenwind. Lass mich mal mehr meditieren, dass ich das besser aushalte und mich wieder besser einordne.“ Vielmehr wäre die Reaktion, die mir eine widerständige und kollektive Achtsamkeitspraxis zu entwickeln hilft: „Wie gut, dass es mir offensichtlich gelingt, Spannung für Veränderung aufzubauen. Nun sollte ich Verbündete suchen, damit wir gemeinsam Schritt für Schritt diese Energie für Veränderungen hin zu einer l(i)ebenswerten Welt nutzen können.“ Ich mag diese Perspektive sehr gerne – und jetzt im Frühling und vor den anstehenden Osterfeiertagen passt sie aus meiner Sicht ganz besonders gut. 🌱 Gutes zu nähren, ist auch mein Versuch mit dieser Edumail. Ich sende dir Reflexionen, methodische Impulse und praktische Tools, die aus meiner Sicht gute Ansätze hin zu besserem Lernen sind und die für dich beim Erkunden und Ausprobieren hoffentlich hilfreich sind. Und ein bisschen Flausch und Quatsch zu Ostern darf natürlich auch nicht fehlen. 🙃 Herzliche Grüße und alles Gute für dich Nele Hirsch | eBildungslabor P.S. Wenn du bis jetzt noch gar nicht meditierst, aber es vielleicht mal ausprobieren willst: Mir hat zum Einstieg geholfen, mir einen Timer zu stellen, mich hinzusetzen, in den Körper hineinzuspüren und Spannungen wahrzunehmen. Ich starte oft damit, meine Schultern ein paar Mal zu heben und wieder fallen zu lassen. Dann konzentriere ich mich auf den Atem. Ich versuche, loszulassen und eben gerade nicht zu kontrollieren. Hilfreiche Bilder dazu sind für mich, den Atem wie Wellen am Meer zu beobachten und einfach kommen und gehen zu lassen. Und Gedanken im Kopf nicht festzuhalten, sondern sie ziehen zu lassen wie Wolken am Himmel. 🌊☁️ |
| 💡 Methodische Anregungen |
| Ich möchte aus den letzten Wochen vier methodische Anregungen teilen, die ich als hilfreich erlebt habe und für die ich Anleitungen und Vorlagen zum Weiternutzen anbieten kann. 1. Pro Action Café: Kollegiales Beratungsformat, um ins Handeln zu kommen. Ein Pro Action Café übernimmt das Open Space oder Barcamp-Prinzip von unterschiedlichen Sessions. Allerdings gibt es nur ein mögliches Sessionformat. Dieses ist die Frage der einreichenden Person, wie sie ihren nächsten Schritt, den sie sich zu einer bestimmten Herausforderung überlegt hat, gestalten kann. Darauf aufbauend finden dann Beratungen in drei Runden statt, für die es jeweils konkrete Leitfragen gibt. Eine Beschreibung und ein ‚Spickzettel‘ zum Weiternutzen findest du in meinem Blog. |
| 2. Kollaborative Seestern-Methode Die Seestern-Methode nutzt die 5 Arme eines Seesterns, um als Retrospektive gemeinsam aus einem Prozess zu lernen. Dazu gibt es diese Leitfragen: Was wollen wir beibehalten? Was wollen wir mehr machen? Was wollen wir weniger machen? Was wollen wir starten? Was wollen wir beenden? Ich habe diese Leitfragen schon vielfach in Kleingruppen verwendet. Für die Nutzung in größeren Gruppen habe ich nun eine Vorlage gestaltet, die diese Seestern-Retrospektive mit einem Gruppenpuzzle und Priorisierung verwendet. Ich mache gute Erfahrungen damit zum Abschluss von Lernangeboten, wenn gemeinsam zusammengetragen werden soll, was man aus dem Tag mitnehmen will. |
| 3. Wertschätzende Erforschung Bei der wertschätzenden Erforschung (Appreciative Inquiry, AI) geht es darum, nicht zu suchen, was falsch läuft, sondern wo Stärken sind und was einen zuversichtlich stimmt. Das setzt positive Energie frei, macht viel Freude und ist damit oft deutlich wirkungsvoller. Es passt zur einleitend skizzierten Orientierung: „Weniger Schlechtes bekämpfen, mehr Gutes nähren.“ Bei den Liberating Structures gibt es dazu die ausgearbeitete Methode eines ‚wertschätzenden Interviews‘. Ich nutze den Ansatz oft auch einfach in Form einer bewussten Umformulierung. Indem ich z.B. nicht frage, was beim letzten Mal schlecht lief, sondern eher, was beim letzten Mal richtig gut lief. Vielleicht magst du das in deinem Kontext auch einmal ausprobieren. |
| 4. Silent Writing in 2 Phasen Ich mag den Ansatz des Silent Writing in Beratschlagungen und beim gemeinsamen Lernen sehr gerne. Die Idee davon ist simpel: 👉 Bevor gemeinsam gesprochen wird, haben alle Beteiligten kurz Zeit, um ihre Gedanken und Ideen zur jeweiligen Frage zu sammeln und zu sortieren. Am besten geht das, wenn sie diese kurz für sich notieren oder skizzieren. Daher die Bezeichnung: Silent Writing. Das anschließende Gespräch erlebe ich dann oft sowohl gleichberechtigter (= gerade auch ansonsten erstmal abwartende/ stillere Menschen melden sich zu Wort) als auch konstruktiver (= die Beiträge sind reflektierter). Um dieses Ziel noch besser zu unterstützen, mache ich solche Silent Writings immer häufiger in zwei Phasen: 1. Notiere dir alles, was dir zu dem Thema in den Sinn kommt. 2. Schaue deine Notizen durch und markiere dir die Sachen, die uns gemeinsam weiterbringen können. Diese Herangehensweise passt sehr gut zu dem, was Friedemann Schulz von Thun als Stimmigkeit bezeichnet und was wichtig ist, um gut miteinander reden zu können. Stimmigkeit ist für ihn dabei die Balance zwischen Authentizität (= echtem, wahren Selbstausdruck) und der situativen Angemessenheit. Ein 2-Phasen Silent Writing kann aus meiner Sicht gut dabei unterstützen, diese Stimmigkeit im Sinne einer selektiven Authentizität in der konkreten Situation auszubalancieren und als Vorgehen für sich zu lernen und und zu entwickeln. Diese Beschreibung gibt es auch in meinem Blog. |
| 🔓 Offene Inhalte & Micro-Content zum Weiternutzen |
| Es gibt wieder einige – größere und kleinere – offene Bildungsmaterialien und Anwendungen zum Teilen: 1. Kartenset zu Grundrechten im Digitalen Mit Kolleg*innen der Wikimedia habe ich im letzten Jahr an einem Kartenset zu Grundrechten im digitalen gearbeitet, das nun erschienen ist. Du kannst es dir downloaden oder kostenfrei bestellen. |
| 2. Online Timer für Sprechen & Zuhören Ich war bei einer Moderator*innen-Schulung von Mehr Demokratie e.V. für ihr Format ‚Sprechen & Zuhören‘. Dieses ist gleichermaßen einfach, wie wirkungsvoll: Menschen finden sich in Kleingruppen zusammen, haben eine gemeinsame Frage und sprechen dazu nacheinander, während die anderen nur zuhören. Besonders intensiv und lernend wird das, wenn es mehrere Runden gibt. Ausführlich habe ich das Format in meinem Blog beschrieben. Ich werde das Format zukünftiger sicherlich häufiger nutzen. Für das Zeitnehmen in den Kleingruppen habe ich einen Mini-Timer online gestellt, der offen genutzt werden kann. |
| 3. Ressourcenverbrauch und KI Zum Thema KI und Ressourcenverbrauch, was erfreulicherweise sehr oft Nachfragen in meinen KI-Workshops betrifft, habe ich von Sarah-Indra Jungblut (von reset.org) erstens die These gelernt, dass die KI, die das Klima schützt, eine sehr andere KI sei als die, die viele Ressourcen verbraucht. Das finde ich eine hilfreiche Darstellung. Außerdem hat sie auch drei konkrete Handlungsvorschläge vorgestellt. Ich habe beides für mich auf diese Folie gepackt, die für dich vielleicht auch hilfreich zur Weiternutzung ist. |
| 🌟 Erweiterter Nordstern in der Bildung |
| Für eine gelingende Bildungstransformation ist es sehr hilfreich, wenn alle Beteiligten an einem gemeinsamen Nordstern arbeiten. Diese Einsicht setzt sich in immer mehr Schulentwicklungsprozessen und auch in anderen Bildungsbereichen durch. Der Nordstern wird in solchen Fällen dann sehr oft als Antwort auf die Frage entwickelt: Wie sieht für uns gutes Lernen aus? Solche pädagogisch formulierten Nordsterne finde ich hilfreich, um überhaupt in eine gemeinsame Reflexion über eine veränderte Lerngestaltung zu kommen. Zugleich finde ich sie allerdings vielfach auch zu begrenzt. In meinem Blog plädiere ich deshalb dafür, solche Nordsterne zu erweitern und zu vertiefen. Mein Vorschlag ist, nicht mehr nur zu fragen, wie für uns gutes Lernen aussieht, sondern vor allem auch: Wofür und woher lernen wir? |
| Diese Perspektive eines erweiterten Nordsterns habe ich bei der Veranstaltung ‚KI und nachhaltige Bildung‘ als Aufhänger für meinen dortigen Impuls genommen. Zusätzlich kam hier noch der Nordstern einer gemeinwohlorientierten Technologie dazu. Der Impuls wurde aufgezeichnet. |
| Die vollständige Aufzeichnung mit den auch weiteren Impulsen von Nico Häger, Sarah-Indra Jungblut und Kirstin Grosse Frie gibt es bei Youtube. |
| ❓ Öffnende Fragen: Was wäre, wenn …? |
| Wenn du in Veranstaltungen oder auch beim individuellen Arbeiten an den Punkt kommst, dass du den Eindruck hast, nur noch Klein-Klein zu machen, dann können die folgenden Fragen vielleicht helfen, eine Veränderungsperspektive aufzumachen. Bei mir hängen diese Fragen an meiner Schreibtisch-Pinnwand. Was wäre möglich, wenn wir in den Blick nehmen, dass innere Entwicklung zu äußerer Veränderung führt und die von uns gestaltete Bildung zum Teil der Lösung angesichts vielfältiger gesellschaftlicher Krisen wird? Wie sähe Bildung aus, wenn wir von den vielfältigen, ganzheitlichen und entfaltbaren Potenzialen aller Menschen her dächten statt von Defiziten und Anpassung an Normen? Was wäre möglich, wenn Lernende in Lernräumen, die ihnen Sicherheit geben, aus tiefer Verbundenheit mit sich selbst, mit anderen und mit der sie umgebenden Welt ihre eigene Intention für gute Zukünfte erspüren und entwickeln könnten? Wie sähe Lernen aus, wenn Lernende sich durchgängig als Gestalter*innen ihrer Zukünfte erleben würden? Was würde entstehen, wenn wir in unserer Lerngestaltung unterschiedliche Perspektiven, Wissensformen und Lernwege ernsthaft wertschätzen und als Bereicherung begreifen würden? Welche Entwicklung hin zu einer lebenswerten Welt würde möglich, wenn wir Offenheit, Nichtwissen und gemeinsames Erkunden als Quelle und Kraft für Transformation verstehen würden? Orientiert sind die Fragen an dem bereits in der letzten Edumail geteilten IMAGINE-Framework aus der Transformationsforschung. |
| 🫣 Paradox bei der KI-Nutzung: verunsichernde Sicherheit |
| Mir ist in den letzten Wochen bei meiner KI-Nutzung aufgefallen, dass ich KI-Sprachmodelle vermehrt als „Sicherheitsnetz“ in der öffentlichen Kommunikation verwende. Sicherheitsnetz bedeutet: Ich teile eine überlegte These, einen Beitrag oder auch eine Frage nicht direkt – etwa in einer Messenger-Gruppe, auf Social Media oder in meinem Blog – sondern zunächst mit einem KI-Sprachmodell. Ich frage zum Beispiel: Ist diese Darstellung auch für jemanden verständlich, der weniger Ahnung von dem Thema hat? Was könnte es an Widerspruch geben? Was würde eine Person dazu sagen, die mit einer bestimmten Perspektive auf das Thema blickt? Meine Inhalte können durch solch eine KI-Interaktion besser werden. Genau deshalb habe ich diese „Sparringspartner“-Variante einer KI-Nutzung vielfach empfohlen. KI-Sprachmodelle sind dabei weniger Antwortmaschinen als Resonanzmaschinen, mit denen ich weiterdenken kann. Allerdings führt uns genau die dargestellte Rückversicherung zugleich auch zu einer problematischen Dynamik. Denn sie verhindert, dass ich mich offen und auch potenziell verletzlich in eine Kommunikationssituation begebe. Erst durch diese Offenheit könnte ich aber erfahren, dass ich mich verständlich machen kann und dass ich selbstwirksam sein kann. Dieses Gefühl würde gerade auch durch eine mögliche und dann vielleicht auch tendenziell anstrengende Reibung im Austausch entstehen, die nun oft schon vorab durch die KI-Rückversicherung eingefangen wurde. Kurzfristig fühle ich mich damit sicherer und es fällt mir leichter, mich zu äußern. Längerfristig baue ich keine Sicherheit auf. Das Paradox der ‚verunsichernden Sicherheit‘ verstärkt sich immer weiter. In meinem Blog habe ich es ausführlicher beschrieben und lade zum pädagogischen Weiterdenken dazu ein. |
| 🙃 Flausch & Quatsch |
| Die bevorstehenden Ostertage verschaffen erstens etwas Zeit und sind zugleich ein willkommener Anlass für Flausch und Quatsch. Möchtest du vielleicht versuchen, ein perfektes Osterei zu zeichnen? Das geht hier! Oder einen Osterhasen kritzeln und über deinen Bildschirm hoppeln lassen? Das geht hier! Und ich bin nicht schuld, wenn du auf diesen Link klickt und dann nicht mehr mit Prokrastinieren aufhörst. 😉 Auf jeden Fall darf kurz vor Ostern auch das Bunny-Sign Meme nicht fehlen. Hier gestalten. _______________ / Frohe Ostern! | | Schöne Tage | | für dich! \  ̄ ̄ ̄ ̄ ̄ ̄ ̄ ̄ ̄ ̄ ̄ ̄ ̄ ̄ ̄ (\__/) || (•ㅅ•) || / づ Und wer keine Lust auf Hasen hat, kann sich (Achtung, noch nutzlosere Website) hier in einen Frosch verwandeln. 🙃🐸 |
| 👋 Tschüss bis zur Edumail im Mai! |
| Ich freue mich im April auf Treffen unter anderem bei der Edunautika in Hamburg am 18. April und bei OER im Blick in Köln am 28. und 29. April. Zu beiden Veranstaltungen kann man sich noch anmelden, falls du Lust hast, dabei zu sein! Online startet im April die von Wibke Matthes und Arthur Seidel initiierte Fortbildungsreihe ‚Digital Heroes‘ zu KI als Gestaltungsherausforderung und Zukunftskompetenz. Ich unterstütze mit einem ‚KI-Community-Booster‘ für die in der Fortbildungsreihe vorgesehenen Communities of Practice. Bewerbungen laufen über Wibke. Sie kann auch weitere Informationen geben. Ansonsten gilt wie immer: Deine Perspektive auf die dargestellten Themen interessiert mich sehr. Antworte mir gerne direkt auf diese Mail. Und wenn du Lust auf Zusammenarbeit zu dem einen oder anderen Thema hast, dann frage mich gerne an. Ich wünsche dir schöne und erholsame Ostertage und sende herzliche Grüße Nele PS. Im April lesen wir im Edubuchklub das Buch ‚Upgrade Demokratie lernen‘ von Kati Ahl und Nikola Poitzmann. Ich habe hier etwas dazu aufgeschrieben. Zum Edubuchklub kann man flexibel und jederzeit dazu stoßen. Herzliche Einladung an dich, falls du Lust hast, mitzulesen. Hier geht es zum Edubuchklub. |
Bonus-Material: In der verschickten Mail wäre es sonst zu lang geworden, aber hier nehme ich es noch mit auf. Ich habe noch einen Absatz zu Meditieren und Esoterik geschrieben:
Vielleicht ist dir diese Edumail-Einleitung „zu esoterisch“. Das kann ich gut nachvollziehen, weil ich solche Darstellungen ebenfalls lange Zeit als gegensätzlich zu einer wissenschaftlichen Perspektive empfand. Inzwischen entdecke ich zunehmend, dass solch ein ganzheitlicher und verbindender Blick auf das Innere in uns gerade auch wissenschaftlich bestätigt wird. Dazu gehört für mich zum Beispiel die in den Nachhaltigkeitswissenschaften formulierte Trennungsthese, die die Trennung von uns selbst, von anderen und von der uns umgebenden Natur als wesentliche Ursache für die Polykrise einordnet, die wir erleben. Oder die psychologische und neurowissenschaftliche Forschung, die mehr und mehr zu der Erkenntnis kommt, dass der Mensch ein verbundenes, soziales und kooperatives Wesen ist. Ich fand hier vor allem spannend, wie unser autonomes Nervensystem funktioniert. Mein laienhafter Blick darauf war lange, dass der menschliche Reflex bei Gefahr vor allem ist, sich totzustellen, zu fliehen oder anzugreifen. Unter anderem in der Polyvagal-Theorie gibt es dagegen Hinweise darauf, dass ein erster Reflex auch sein kann, nach Verbindung zu anderen zu suchen, um Hilfe zu finden und geschützt zu sein.
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