| Hallo und willkommen, kennst du jemanden, der im Bildungssystem tätig ist und mit den gegenwärtigen Strukturen zufrieden ist? Ich nicht! Vor diesem Hintergrund ist es nur allzu verständlich, dass die vorherrschenden Bildungsdebatten von sehr viel Kritik am Bestehenden geprägt sind. Daran ist erst einmal nichts verkehrt. Es braucht Sensibilität für bestehende Probleme, um Veränderungen anstoßen zu können. Zugleich kann eine solche Problemsensibilität aber auch in einen resignativen oder sogar fatalistischen Bildungsalarmismus kippen. Ich stelle mir das gerne – in Anlehnung an das Wertequadrat von Schulz von Thun – als Wippe vor: Auf der einen Seite ist die Problemsensibilität und auf der anderen Seite Gestaltungszuversicht. Zu viel Gestaltungszuversicht bei zu wenig Problemsensibilität führt zu naivem Optimismus. Zu viel Problemsensibilität bei zu wenig Gestaltungszuversicht führt zu Bildungsalarmismus. |
| Die Wippe immer wieder dynamisch auszubalancieren, ist gerade für pädagogisch tätige Menschen wichtig. Denn in unserer Lerngestaltung sollten wir Lernende vor allem dazu ermächtigen, dass sie für sich und andere gute Zukünfte entwickeln können. Wenn wir dabei die Haltung verkörpern, dass alles ganz schlecht ist oder aber, dass alles schon ohne weiteres Zutun gut werden wird, gelingt das nicht. Denn beides – sowohl resignativer Alarmismus als auch naiver Optimismus – steht im Widerspruch zu Hoffnung und damit zu Ermutigung zur Gestaltung. Aktuell nehme ich es zunehmend so wahr, dass die oben beschriebene Wippe in zahlreichen Bildungsdebatten in Richtung Bildungsalarmismus kippt. Das scheint mir besonders in Digitalisierungsdebatten der Fall zu sein. Hier wird mehr und mehr kommuniziert, dass man diese Entwicklungen nicht mehr gestalten kann und deshalb Verbote oder Ausschluss erst einmal die einzige Lösung sind. |
| Um dem Kippen der Wippe in diesem, aber auch in anderen pädagogischen Bereichen entgegen zu wirken, habe ich für mich drei Orientierungen entwickelt, die mir helfen, immer wieder zurück ins Gleichgewicht und damit in hoffnungsvolles Handeln zu kommen sowie auch im Austausch mit anderen darauf hinzuwirken: 1. Von Opfermodus zu Gestaltung: Wenn Lernende oder Lehrende passiv dargestellt werden, drehe ich den Satz aktiv um. Statt „KI lässt uns verdummen“ frage ich: „Was machen wir eigentlich mit KI?“ 2. Von Schwarzmalerei zu Differenzierung: Statt alles als schlecht oder unzureichend zu sehen, stelle ich die Frage: Welche anderen, positiven Beispiele gibt es? Wo bewegt sich etwas auch in eine positive Richtung? Bislang gab es in jedem noch so düsteren Problem immer auch Lichtblicke. 3. Von Oberfläche zu System: Nicht an der Oberfläche der Kritik stehen bleiben, sondern nach dem darunter liegenden ‚Warum?‘ fragen. Zum Beispiel: Warum nutzen Lernende KI als Abkürzung? Welche Interessen stehen hinter der Vermarktung dieser Technologie? Durch solch einen systemischen Blick zeigen sich wirkungsvolle Hebel zur Gestaltung. Ganz im Sinne dieser Orientierungen findest du in dieser Edumail jede Menge hoffentlich für dich hoffnungsvolle Anstöße zu Handlungsmöglichkeiten. Dazu gehört ein Schieberegler-Blick auf KI, Ansatzpunkte für KI-adäquate Prüfungen, methodische Impulse, die Zuhören und Dialog entwickeln lassen, die Forderung nach mehr gemeinwohlorientierter Digitalpädagogik und vieles mehr. Ich wünsche dir viel Freude beim Erkunden und sende herzliche Grüße Nele Hirsch | eBildungslabor |
| 🎚️ 10 Schieberegler zur Reflexion von Künstlicher Intelligenz in der Bildung |
| Bei KI-Nutzung in der Bildung haben wir es mit einer komplexen und widersprüchlichen Situation zu tun. Als Reflexions- und Entwicklungsinstrument eignen sich hier (wie bei vielen anderen pädagogischen Themen auch) so genannte Schieberegler. Im Kontext der aktuell vorherrschenden Debatte stehen wir aus meiner Sicht bei allen den folgenden von mir für KI-Fortbildungen entwickelten Schiebereglern vor der Herausforderung, weiter von der linken zur rechten Seite zu kommen: 1️⃣ 🤖 Antwortmaschine ↔ Resonanzmaschine 💡 2️⃣ ⚡ Abkürzung ↔ Lernverstärker 📈 3️⃣ 🧩 Vereinfachung ↔ Komplexitätserschließung 🌐 4️⃣ ⏳ Lernen aus der Vergangenheit ↔ Gestaltung neuer Zukünfte 🔮 5️⃣ 📝 Bewertung / Selektion ↔ Lernreflexion / Entwicklung 🌱 6️⃣ 🔒 Kontrolle ↔ Vertrauen 🤝 7️⃣ 🛠️ KI als Tool ↔ KI als soziotechnisches System 🌍 8️⃣ 🏗️ Implementierung ↔ Experimente 🧪 9️⃣ 🕶️ Black Box ↔ Transparenz 🔍 🔟 👤 Individualisierung ↔ Gemeinschaft 👥 Eine ausführliche Darstellung und offen weiternutzbare Folien zu diesen Schiebereglern findest du in meinem Blog. |
| 🌱 Zukunftsdenken mit zukünftigem Ich und Gedankereise |
| Wer Gestaltungszuversicht unterstützen will, sollte im pädagogischen Kontext mit Lernenden die Kompetenz zu Zukunftsdenken entwickeln. Zukunftsdenken bedeutet, sich Zukünfte vorstellen und somit dann auch darauf hinarbeiten zu können. Wer keine Inspiration für die Zukunft hat, ist in der Gegenwart dagegen oft passiv und unzufrieden. In meinem Blog habe ich zwei sehr niederschwellige Ansätze zur Entwicklung von Zukunftsdenken vorgestellt. Der erste Ansatz ist, sich in Lernprozessen das eigene, zukünftige Ich vorzustellen und dann das Lernen und Handeln darauf auszurichten. Im Kontext von KI kann es ohne zukünftiges Ich im Blick z.B. sehr rational sein, KI als Abkürzung zu nutzen, um schnell ein gutes Ergebnis abgeben zu können. Mit Blick auf das zukünftige Ich ist diese Strategie aber alles andere als klug, denn solch eine Abkürzung fällt tendenziell dem zukünftigen Ich auf die Füße, weil es sich durch solche Abkürzungen weniger entwickelt. |
| Der zweite Ansatz ist eine sehr niederschwellige Gedankenreise, die sich wunderbar in Vorträge integrieren lässt oder zum Einstieg in Workshops genutzt werden kann: Lade Lernende dazu ein, sich die jüngste und die älteste Person vorzustellen, mit der sie eine intensive Beziehung verbindet. Dann lade dazu ein, in die Vergangenheit zu reisen: Wie war die Welt, als die älteste Person so alt war, wie die jüngste Person heute? Anschließend geht es in die Zukunft: Wie könnte die Welt sein, wenn die jüngste Person so alt ist, wie die älteste Person heute? Was wünschst du dir für sie? In meinem Blog habe ich diesen Ansatz ausführlicher beschrieben: |
| ❌ Nicht hilfreiche Frage: Wie können wir KI-resistente Aufgaben gestalten? |
| Die wahrscheinlich am häufigsten gestellte Frage an mich bei schulischen Fortbildungen zu KI lautet: Wie können wir KI-resistente Aufgaben gestalten? Das Institut für zeitgemäße Prüfungskultur hat aus meiner Sicht sehr stimmig argumentiert, dass diese Frage nicht sinnvoll gestellt ist. Denn bei einer Orientierung auf KI-resistente Prüfungen übersehen wir drei wichtige Aspekte: 1. Wir reduzieren unsere pädagogische Tätigkeit auf die Vergabe von Zertifikaten, anstatt die Unterstützung von echtem Lernen in den Blick zu nehmen. 2. Wir erschaffen künstliche, statt authentische Situationen 3. Wir ignorieren, dass Lernen nicht an der „Schädelgrenze“ endet, sondern erweiterte Kognition beinhaltet. Mit einem Kollegium habe ich auf Basis dieser Aspekte die folgenden Orientierungen als Leitfragen entwickelt, die dabei helfen können, nicht KI-resistente, aber vielleicht für eine zunehmend KI-geprägte Welt adäquatere Prüfungen zu gestalten: Wie kommen wir von der Bewertung zur Diagnose? Wie kommen wir vom Produkt zum Prozess? Wie kommen wir von der Vorgabe zur Selbststeuerung? Wie kommen wir von der Einzelleistung zur Kollaboration? Wie kommen wir vom Wissen zu Kompetenzen? Wie kommen wir von der Simulation zur Wirksamkeit? Ich nutze diese Fragen seitdem gerne als Ausgangspunkt für die Ideenentwicklung in Fortbildungen. Vielleicht kann dir das auch helfen! |
| 📮 Abschlussmethode: Karten-Flaschenpost |
| Wenn du bei einer Veranstaltung mit einer größeren Gruppe auf der Suche nach einer schnellen und motivierenden Abschlussmethode bist und in deinem Veranstaltungsraum zu wenig Raum für Bewegung für alle ist, dann empfehle ich dir sehr die ‚Karten-Flaschenpost‘. 1. Alle notieren auf einer Karte gut lesbar eine ‚Erkenntnisperle des Tages‘ 2. Auf ein Start-Signal werden alle Karten möglichst schnell verdeckt durch den Raum getauscht. 3. Bei Stopp dürfen alle die Karte lesen, die sie in der Hand halten und sich davon inspirieren lassen. 4. Schritt 2 und 3 kann man ca. zweimal wiederholen. 5. Am Ende nehmen alle die Karte mit nach Hause, die sie zuletzt in der Hand halten. Und vielleicht können sie die Veranstaltung ja auch aus dieser – zufällig erhaltenen Perspektive – nachwirken lassen. Ich mag an dieser Methode vor allem das Zufalls-Element. Außerdem ist sie wirklich sehr niederschwellig umsetzbar. |
| 💬 Zuhörende und dialogische Methoden |
| Gerade angesichts von immer mehr Interaktion mit KI-Sprachmodellen finde ich es wichtig, dass wir in der Bildung gutes Zuhören und Sprechen als Fertigkeiten entwickeln und lernen. Eine schöne Methode dazu – das Spiel der Neugierde – stelle ich in einem Blog vor. |
| 🖼️ Gegenständliche Präsentationen |
| Im letzten Monat habe ich bei vielen meiner Impulse gegenständlich visualisiert. Zum Beispiel: … habe ich eine Pflanze gezeigt, um deutlich zu machen, dass wir eine Pflanze nie beschimpfen würden, wenn sie schlecht wächst, sondern uns um gute Erde, Licht und Wasser kümmern würden. Im Bildungskontext nehmen wir diese strukturelle und systemische Ebene aber oft viel zu wenig in den Blick. … habe ich ein Schiebepuzzle mitgebracht, um zu verdeutlichen, dass es nichts bringt, bei Herausforderungen auf die Stellen zu blicken, die blockiert sind. Sondern dass es viel hilfreicher ist, gezielt zu suchen, wo Handlungsspielraum besteht und dort mit Gestalten und Erkunden zu beginnen. … habe ich in eine Kristallkugel geblickt und so begründet, dass wir Zukunftskompetenzen wahrscheinlich weniger als Kompetenzen fassen sollten, die in Zukunft wichtiger werden, sondern besser als Kompetenzen, die Lernende ermächtigen, gute Zukünfte zu gestalten. In dieser Art und Weise gibt es noch viel mehr Beispiele. Ich mag an solch einem gegenständlichen Präsentieren vor allem, dass die Bilder gut in den Köpfen bleiben und dann im Austausch miteinander sehr gut daran weiter gedacht werden kann. Vielleicht ist solch ein gegenständliches Präsentieren auch etwas für einen deiner nächsten Impulse? Ich kann es dir sehr empfehlen! |
| Gegenständliches Präsentieren. Hier: Bei der KI-Ganztagskonferenz an der Winterhuder Reformschule in Hamburg |
| 🌐 Gemeinwohlorientierte Digitalpädagogik: Den unsichtbaren Teil des Eisbergs in den Blick nehmen |
| Besonders im Kontext der Digitalisierung nehme ich in der Bildung sehr stark die beiden oben beschriebenen Pole von Bildungsalarmismus und naivem Optimismus bzw. von Utopie und Dystopie wahr. Genau das versperrt dann oft den Blick auf die eigentlich wichtige Frage: Wie können wir Digitalisierung gestalten? Genau hier setzt gemeinwohlorientierte Digitalpädagogik an. Sie erweitert klassische Medienkompetenz um eine systemische Perspektive. Statt Digitalisierung primär als individuell zu nutzendes Werkzeug zu verstehen, rücken digitale Infrastrukturen, Macht- und Eigentumsstrukturen in den Blick. Dabei hat gemeinwohlorientierte Digitalpädagogik zwei zentrale Dimensionen: Sie ist erstens Lerngegenstand (Wie funktioniert das System Digitalisierung?) und zweitens Gestaltungsprinzip (Wie können wir es anders machen?). Der Kern ist eine kollektive Herangehensweise, denn systemische Änderungen erreichen wir nicht individuell. In meinem Blog habe ich aufgeschrieben, warum dieser Ansatz gerade heute so wichtig ist und wie Schulen und Bildungseinrichtungen zu Treibern einer gemeinwohlorientierten Digitalisierung werden können. An weiterem Austausch dazu bin ich sehr interessiert. |
| 🗓️ Veranstaltungsplanung |
| Mein Kalender für 2026 füllt sich zunehmend. Besonders freue ich mich darüber, dass ich schon mit mehreren Bildungseinrichtungen ein Lernlabor vereinbaren konnte. Lernlabore sind ein Fortbildungsangebot von mir, das zum Beispiel für Pädagogische Tage oder andere Fortbildungszeiten genutzt werden kann, bei dem pädagogisch tätige Menschen bewusst ein verändertes Lernen erfahren und reflektieren und auf diese Weise in wirkungsvolle und weiterdenkende Transformationsprozesse gelangen. Vielleicht ist solch ein Lernlabor auch eine gute Idee an deiner Bildungseinrichtung? Hier findest du weitere Informationen: |
| Außerdem möchte ich gerne auf die folgenden bundesweiten Veranstaltungen hinweisen, an denen ich beteiligt bin oder mindestens auch teilnehmen werde. 1. Es gibt in diesem Jahr gleich zwei Werkstätten des OERcamp. Diese Werkstätten mag ich als Veranstaltungsformat sehr gerne. Die grundsätzliche Idee ist, dass Menschen zusammenkommen und gemeinsam mit Austausch untereinander und mit Unterstützung von Coaches (unter anderem mir! 🙂) an offenen Bildungsmaterialien arbeiten. Es gibt zwei Termine: 28.-30. Mai in Detmold 12.-14. Juni in Wutöschingen 2. Ich bin zur nächsten edunautika (18. April in Hamburg an der Max Brauer Schule) angemeldet. Du kannst dich bei Interesse hier ebenfalls anmelden (und du findest dort auch weitere Informationen zu diesem, wie ich finde, sehr empfehlenswerten Barcamp). 3. Direkt im bald kommenden März freue ich mich unter anderem auf das Gautinger Internettreffen (mit hoffentlich viel Austausch zu mündiger und selbstbestimmter Digitalisierung) und die Veranstaltung ‚KI und nachhaltige Bildung‘ in Frankfurt/ Main. Zu beiden Veranstaltungen kann man sich offen anmelden. |
| 👋 Tschüss bis zur März-Edumail! |
| Zum Abschluss noch zwei Links: Wenn du richtig sauer bist und einen Rant loswerden willst, dann tippe ihn in dieses Pad ein. Die visuelle Untermalung und Gestaltung macht direkt wieder bessere Laune! Und ein sehr sympathisches ‚Small Web‘-Projekt ist dieses Foto-Wörterbuch – sicherlich nicht nur für Englischlernende zum Durchstöbern schön. Alles Gute für Dich! Nele PS. Bei Feedback gerne einfach auf diese Mail antworten. Weiterempfehlungen der Edumail freuen mich natürlich auch sehr. 🙂 |
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