In der Pädagogik lese ich viel über Selbstwirksamkeit als Lernziel: Lernende sollen erfahren, dass sie mit ihrem Handeln einen Unterschied machen können. Dann sind sie motiviert, neue Herausforderungen anzugehen, trauen sich selbst etwas zu und können gestaltend in einer sich schnell wandelnden Welt agieren.
Wie du wahrscheinlich auch, finde ich das richtig und wichtig. Zugleich finde ich es zunehmend entscheidend, nicht nur diese Selbstwirksamkeit, sondern auch „Gruppenwirksamkeit“ als wichtiges Lernziel einzuordnen. Dabei geht es dann nicht einfach darum, individuelle Selbstwirksamkeit zu addieren. Vielmehr sollte in der Gruppe die Überzeugung entwickelt werden, gemeinsam wirkungsvoll zu sein. Der psychologische Fachbegriff dazu lautet ‚kollektive Wirksamkeit‘.
In der Pädagogik begegnet mir ‚kollektive Wirksamkeit‘ als ‚Collective Teacher Efficacy“ bislang vor allem in John Hatties Forschung. Gemeint ist damit die gemeinsame Überzeugung, mit dem professionellen, pädagogischen Handeln im Team einen Unterschied machen, also gemeinsam positive Lernprozesse befördern zu können. Mit dieser Lesart von kollektiver Wirksamkeit lässt sich darauf hinarbeiten, dass Wirkung durch Gemeinsamkeit im pädagogischen Handeln möglich ist, während es als Einzelkämpfer*in vielfach deutlich schwieriger ist, etwas zu verändern. Allerdings fokussiert kollektive Wirksamkeit dann allein auf die lehrende Perspektive.
Ich finde: Konsequenterweise braucht es zugleich auch ‚collective student efficacy‘ – ein Begriff, über den man bei Hattie und Kolleg*innen auch einiges findet. In dieser Lesart wird kollektive Wirksamkeit auch als Lernziel für Lernende gefasst. Denn – ähnlich wie beim pädagogischen Handeln – ist auch das Lernen und die damit anvisierte gesellschaftliche Handlungsfähigkeit in ihrer Wirksamkeit begrenzt, wenn man isoliert statt gemeinsam mit anderen agiert. Denn soziale Herausforderungen sind immer kollektive und erfordern zu ihrer Bewältigung kollektive Wirksamkeit. Diese gilt es in Lernprozessen zu entwickeln.
In meiner pädagogischen Praxis versuche ich kollektive Wirksamkeit vor allem dadurch zu stärken, dass ich Vertrauen in die jeweilige Lerngruppe habe und dabei begleite, gemeinsam zu guten Lösungen und ins Handeln zu kommen. Das klappt besonders gut in offenen Veranstaltungsformaten. Eine Möglichkeit, den kollaborativen Remix des Barcamp-Prinzips, stelle ich dir in dieser Edumail vor.
Daneben habe ich für diese Edumail-Ausgabe die Suchmaschine und Lernassistenz kagi ausprobiert, die sehr hilfreich im Rahmen eines persönlichen Lernnetzwerks zu nutzen ist. Außerdem stelle ich die Idee von Lernkontext-Dateien bei der Interaktion mit KI-Sprachmodellen vor, was sich sehr gut eignet, um über das Lernen in Reflexion zu kommen. Und ich erläutere zwei Denkwerkzeuge für zuhörendes Denken bei komplexen Themen.
Ich mag Barcamps als offenes Veranstaltungsformat sehr gerne. Der Kern dieses offenen Veranstaltungsformat liegt für mich darin, dass es nicht vorab ein gestaltetes Programm gibt, sondern alle Beteiligten in der so genannten Sessionplanung ihre Themen einbringen können. Daraus wird dann der Sessionplan gestaltet, aus dem sich alle dann die Programmpunkte auswählen können, die sie am meisten interessieren.
Im Rahmen der Zukunftstage der Rentenversicherung Oldenburg-Bremen haben wir dieses Barcamp-Prinzip kollaborativ umgewandelt und konnten es so zu einer strategischen Beratschlagung der ganzen Gruppe nutze. Anstatt dass alle individuell Sessionvorschläge machten, haben wir kollaborativ die Themen herausgearbeitet, die für die Gruppe insgesamt am wichtigsten waren. Daran konnte dann in einzelnen Sessions weiter gearbeitet werden.
Unser Vorgehen Schritt-für Schritt:
1. Jede Person notierte für sich eine Herausforderung, die aus ihrer Sicht in der Gruppe angegangen werden sollte.
2. Die Vorschläge wurden in einem Crowd-Voting bewertet. (Wir nutzten dazu die so genannte 35er-Methode: In Paargesprächen stellte man sich gegenseitig eine notierte Herausforderung vor, teilte 7 Punkte unter den Ideen auf, tauschte Karten und suchte das nächste Gespräch. Nach 5 Runden rechnete man die Summe zusammen)
3. Die am höchsten bewerteten Karten kamen dann in einen Sessionplan.
Da es mit dieser Abwandlung des Barcamp-Prinzips in den Sessions dann keine klassischen Sessiongeber*innen mehr gibt, kann es lohnend sein, hierfür eine kleine Hilfestellung vorzubereiten. Ich habe z.B. vorgeschlagen, dass in der Gruppe zunächst eine Moderation bestimmt werden könnte und dann zu Beginn ein Blitzlicht gemacht werden könnte, in dem alle in einem Satz teilen, was sie mit der jeweiligen Herausforderung verbinden. So gelangten meiner Beobachtung nach alle Gruppen in einen konstruktiven Dialog.
📂 Lernkontext-Dateien: Reflexion von Lernen bei der Interaktion mit KI-Sprachmodellen
Ich habe ausführlich über die Möglichkeit von Lernkontext-Dateien bei der Interaktion mit KI-Sprachmodellen gebloggt. Kurz zusammengefasst ist damit gemeint, dass man für sich notiert, was man bereits gelernt hat und wohin man als nächstes will sowie einiges zum eigenen Kontext. Diese Datei teilt man mit einem KI-Chatbot. Daraufhin lässt sich dann eine sehr ergebnisorientierte und passende Interaktion erreichen. Aus pädagogischer Perspektive ist diese Herangehensweise vor allem deshalb spannend, weil das Lernen in den Fokus kommt: Zunächst muss notiert werden, was ich bereits kann und was ich als nächstes lernen will. Danach gilt es zu reflektieren, wie das Lernen geklappt hat.
Zum Weiternutzen gibt es auf Github eine direkt ausfüllbare Vorlage zum Ausfüllen einer Lernkontext-Datei – inklusive einer Kurzerläuterung zum Prinzip dahinter. Du kannst diese Seite gerne für dich oder auch in Lernangeboten nutzen.
Lange Zeit habe ich als Standardsuchmaschine im Internet DuckDuckGo verwendet. Gut finde ich daran vor allem, dass ich hier so genannte Bangs nutzen kann (= Suchbegriff eingeben und dann ein Ausrufezeichen und ein Kürzel, wo gesucht werden soll, z.B. „Hattie !li“ = sucht zu Hattie auf LinkedIn).
In den letzten Wochen habe ich kagi entdeckt – eine Suchmaschine mit integrierter KI-Assistenz. Meine Erfahrungen damit sind sehr positiv. Gleich zu Beginn möchte ich allerdings anmerken, dass die Suchmaschine nur mit Registrierung und (nach einer kostenfreien Testmöglichkeit) nur kostenpflichtig funktioniert. Für mich finde ich es sinnvoller, 5 Dollar/ Monat zu bezahlen, anstatt mit meinen Daten. Vor allem aber überzeugen mich die Suchergebnisse und die zur Verfügung stehenden Funktionen.
Neben den Bangs, die ich auch bei DuckDuckGo hatte, finde ich vor allem die so genannten Linsen hilfreich. Eine Linse ist ein Set an Websites, das ich festlege um dann gezielt auf diesen Seiten suchen zu können. Besonders hilfreich ist aus meiner Sicht, dass ich diese Linsen auch für die integrierte KI-Interaktion nutzen kann. Zudem lassen sich Suchergebnisse bewusst und eigenständig personalisieren, indem ich bestimmte Websites höher gewichte, als andere. Ausführlich habe ich über kagi in meinem Blog geschrieben.
🌀 Langsames Denken in der Praxis: Perspektivenvielfalt ermöglichen und emotionale Betroffenheit reflektieren
Eine wichtige Voraussetzung für kollektive Wirksamkeit ist aus meiner Sicht das langsame Denken. Langsames Denken meint, Fragen vor Antworten, Perspektiven vor Standpunkt und Beobachten vor Bewerten zu setzen. In meinem Blog habe ich aufgeschrieben, wie sich in diesem Zusammenhang insbesondere die Herausforderung von Perspektivenvielfalt und die Notwendigkeit der Reflexion emotionaler Betroffenheit zu Beginn eines Austausches gut erklären lässt.
Ich hatte Gelegenheit, mir den KI-Chatbot telli anzuschauen, der im Auftrag der 16 Bundesländer für den Einsatz in Schulen entwickelt wird. Meine Kurzeinschätzung zu dem Tool habe ich auf meiner Website veröffentlicht.
In dieser Kurzeinschätzung habe ich – nicht direkt zu telli – auch zwei Aspekte festgehalten, bei denen ich mir im Kontext von KI zurzeit zunehmend unsicher bin, ob wir da gerade nicht ziemlich in eine falsche Richtung laufen, mit der Art, wie wir diese Technologie für die Bildung entwickeln und einsetzen. Sehr fragend teile ich diese Aspekte hier auch direkt:
1. Inwieweit können generative Sprachmodelle durch ihre Technologie der Wahrscheinlichkeitsberechung auf Basis bereitgestellter Datenmengen überhaupt sinnvoll als Antwortmaschinen in der Bildung Verwendung finden? 2. Inwieweit ist das dominierende Chat-Format der KI-Interaktion und damit eine potentielle Vermenschlichung von Maschinen einer mündigen Nutzung zuträglich? Ich fände es lohnend, darüber auch grundsätzlicher zu reflektieren.
🔁 Workshopkonzept zum Weiternutzen: Didaktische KI-Nutzung
Für die katholische Erwachsenen- und Familienbildung in NRW habe ich einen Workshop zu didaktischer KI-Nutzung konzipiert und durchgeführt. Meine Grundlage war dabei ein Vierklang von Verstehen, Nutzen, Reflektieren und Transformieren. Ich habe versucht, das Konzept erstens sehr umfassend zu beschreiben und zweitens gut weiternutzbare Online-Materialien bereit zu stellen.
Wenn du deshalb vor der Herausforderung stehst, ein Lernangebot zu KI zu gestalten, welches einen umfassenden Zugang und nicht nur Bedienkompetenz ermöglicht, kannst du diese Inhalte gerne verwenden. Sie sind offen lizenziert und können somit frei genutzt werden. Darin sind auch einige Spielereien, wie z.B. der analoge Nachbau eines Large Language Model.
(Das Teilen von mir geschieht in diesem Fall vor allem auch aus dem Interesse heraus, mal wieder Lernangebote zu anderen Themen als zu KI zu gestalten. Mit den geteilten Materialien könntet ihr ein KI-Angebot auch selbst hinbekommen. Wenn du in deiner Organisation dann einen Bedarf zu einem anderen Thema siehst, was ich dann neu konzipieren, mit euch durchführen und dann wiederum teilen könnte, dann schreibe mich gerne an!)
👋 Bis zur nächsten Edumail – und eine kurzfristige Einladung zu Buchvorstellungen in Halle!
Hoffentlich konntest du von diesen Impulsen ein bisschen etwas für dich mitnehmen. Die nächste Edumail versende ich Ende Oktober! Wenn du in Halle (Saale) oder Umgebung wohnst, dann bist du am Donnerstag, 2. Oktober ins Bildungshaus Riesenklein eingeladen. Jöran Muuß-Merholz macht mit seiner Zukunftstour (= einer Buchvorstellungsreise zu seinem Buch Schule 2035) unter anderem in Halle Station. Wir haben überlegt, dass wir das für eine Doppelbuchvorstellung nutzen können, da unsere Bücher fast zeitgleich erschienen sind. Du bekommst somit an diesem Abend Einblicke in das Buch ‚Schule 2035‘ von Jöran und ‚Lerngestaltung weiterdenken‚ von mir. Vor allem wird aber auch viel Raum für Austausch sein. Eine Anmeldung ist für die Planung wünschenswert. Du kannst aber auch spontan dazu kommen! Und wenn du nicht aus Halle und Umgebung bist, dann kannst du die Zukunftstour vielleicht an anderen Orten besuchen.
(In diesem Zusammenhang noch eine Anmerkung zur letzten Sonder-Edumail zu meiner Buchveröffentlichung: Wenn du darin deine Adresse für eines der 30 Gratis-Exemplare meines Buches angegeben hast: Diese versende ich am Wochenende und sie sollten dich dann in der nächsten Woche erreichen!)
🙃 Zum Abschluss: Kollaborative Jukebox
Wenn eine Gruppe kollektiv wirksam sein will, dann geht das umso besser mit gemeinsamer Musik. Ein Open Source Tool, um gemeinsam eine Playlist zu erstellen und abspielen zu lassen, ist die JukeBox. Nutzbar direkt im Browser ohne Notwendigkeit zur Registrierung.
PS. Ganz zum Schluss: Mit den Fragen auf diesem Bild lässt sich eine übersichtliche Projekt-Übersicht erstellen. Diese ermöglicht es, dass andere Menschen jederzeit gut zu einer Mitarbeit dazu kommen können und unterstützt so kollektive Wirksamkeit:
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