| Hallo und willkommen zu einer Sommer-Edumail! Der Sommer ist bei mir meistens eine Zeit, in der deutlich weniger Termine im Kalender stehen als sonst. Somit war in den letzten Wochen endlich einmal mehr Zeit. um mit etwas Abstand auf meine pädagogische Tätigkeit zu schauen und zu reflektieren, ob die Art und Weise meiner Arbeit sinnvoll ist. Sinnvoll definiere ich hier mit ‚wirkungsmächtig‘. Ich habe also den Anspruch, mit meiner Tätigkeit etwas in dieser Welt zum Besseren zu verändern. 🙂 Nun ist es ja so, dass sich die Herausforderung, die Gesellschaft zum Besseren zu verändern, aus meiner Sicht bei pädagogischen Tätigkeiten förmlich aufdrängt. Denn die Frage, wie wir Bildung gestalten, berührt immer zugleich auch die Frage, in welcher Gesellschaft wir leben wollen. Vor diesem Hintergrund bin ich grundsätzlich sehr zufrieden damit, pädagogisch tätig zu sein, was in meinem Fall bedeutet: Lernangebote zu konzipieren, zu erproben und vor allem über meine Erfahrungen, gesammelten Erkenntnisse und entwickelten Inhalte zu schreiben und diese offen zu teilen. Zunehmend schleichen sich hier aber auch Zweifel ein – vor allem, wenn ich die Welt um mich herum betrachte. Vorsichtig formuliert, scheint hier sehr vieles – sei es in Hinblick auf soziale Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit, Demokratie oder ein friedliches Zusammenleben – nicht in eine positive Richtung zu gehen. Und auch schon wenn ich nur enger auf die Bildung blicke, dann ergibt sich eine riesige Diskrepanz zwischen dem, was eigentlich nötig wäre und dem, was in der Realität oft nur erreicht wird. Meine eigene Arbeit scheint mir dann viel zu wenig zu sein: ein weiterer Workshop zum Einstieg in KI, noch ein Blogbeitrag, ein weiteres Konzept für ein Lernformat … Das ist alles schön und gut, aber in solch einer zweifelnden Stimmung scheinen mir solche Aktivitäten doch viel zu wenig Wirkung zu entfalten, als eigentlich doch nötig wäre. Unbedingt vermeiden möchte ich zugleich, mich in einen Fatalismus zu begeben im Sinne von ‚Das hat ja ohnehin alles keinen Sinn‘. Im Ergebnis meine Zweifelns bin ich stattdessen zu zwei anderen Erkenntnissen gekommen. 1. Nordstern-Orientierung Mir wurde klarer, dass es in der Tat so ist, dass pädagogische Arbeit in einer komplexen und zunehmend digital geprägten Gesellschaft deutlich herausfordernder ist, aber zugleich dann eben auch deutlich wichtiger. Das bestärkte mich in einer Haltung des ‚trotz alledem‘, die der Philosoph Antonio Gramsci aus meiner Sicht sehr passend mit „Pessimismus des Verstandes und Optimismus des Willens“ beschreibt. Diese Haltung lässt sich aus meiner Sicht am besten dadurch umsetzen, dass ich mich in meiner pädagogischen Tätigkeit an einem klaren Nordstern orientiere. Dieser Nordstern ist für mich die Ermächtigung zu gesellschaftlicher Handlungsfähigkeit, um so allen soziale Teilhabe und demokratische Partizipation in einer zunehmend komplexen Welt zu ermöglichen. Wichtig ist hier im Sinne Gramscis, dass diese Nordstern-Orientierung gerade deshalb so bedeutsam ist, weil der Nordstern so unendlich weit entfernt zu sein scheint. Aber wenn wir ihn deshalb aus den Blick verlieren, dann bleiben wir ganz und definitiv im Dunkeln. Meine Hoffnung mit diesem Nordstern im Blick ist, dass ich zukünftig vielleicht einiges im Klein-Klein des pädagogischen Alltags nicht so wichtig nehme und anderes dafür sehr viel grundsätzlicher und mit sehr viel mehr Ernsthaftigkeit angehen kann. Vielleicht kann der Nordstern auch helfen, ein bisschen Mut für zivilen Ungehorsam an der einen oder anderen Stelle finden, wenn Strukturen, so gar nicht zum pädagogischen Anspruch passen. Das war also meine erste Erkenntnis, die vielleicht auch für deine Situation und deinen Kontext passend ist. 2. Vernetzung Zweitens kam ich zum Schluss, dass es sehr lohnend wäre, über die Perspektive einer strategischen Orientierung für mehr Wirkungsmacht in meiner pädagogischen Tätigkeit auch gemeinsam mit anderen nachzudenken. Denn ich bin wahrscheinlich nicht die einzige, die im pädagogischen Kontext immer mal wieder vor solchen Zweifeln steht. Und wenn es konkret um die Ausgestaltung der ‚Trotz alledem‘-Haltung geht, dann lassen sich gemeinsam sicher sehr viel mehr Ideen entwickeln, wie das praktisch aussehen kann. Also zum Beispiel welche Schwerpunkte, Projekte und Themen wichtig wären, um den Nordstern der gesellschaftlichen Handlungsfähigkeit nicht aus dem Blick zu verlieren und um im jeweiligen Kontext strategisch klug in wirkungsmächtigeres Handeln zu kommen. Deshalb habe ich entschieden, dass ich genau zu dieser Frage: „Wie können wir unsere pädagogische Tätigkeit wirkungsmächtiger gestalten?“ gerne zu einem Design Thinking Workshop einladen möchte. Wenn du Lust hast, dann findest du hier eine Einladung – mitsamt einer kurzen Sprachnachricht zur (hoffentlich) besseren Erläuterung meiner Gedanken. Und/ oder du greifst diese Idee auf und lädst Kolleg*innen in deinem Kontext ein, gemeinsam über die Frage zu reflektieren. Das waren also meine beiden Erkenntnisse, die ich gerne mit dir teilen wollte und die dir vielleicht auch weiterhelfen können. Sehr sicher bin ich mir in jedem Fall, dass offenes Teilen von Ideen und Erfahrungen Wirkungsmächtigkeit erhöht. Und zum Teilen ist in den letzten Wochen zum Glück einiges zusammengekommen: zum Beispiel eine Anleitung für einen eigenen KI-Server, eine methodische Idee für Orientierung bei komplexen Themen oder eine Übertragung des Konzepts des langsamen Denkens auf Technologie-Interaktion. Diese und weitere Inhalte – die hoffentlich viel Wirkungsmacht entfalten 🙂 – findest du, wenn du weiter liest. 👇 |
| 💡 Methodische Idee: Perspektiven-Karten |
| Wenn man sich Inhalte gut erschließen oder sich zu einem komplexen Thema orientieren will, gelingt das besonders gut, wenn man unterschiedliche Perspektiven berücksichtigt und sich mit anderen in einen möglichst vielfältigen Austausch begibt. Genau dazu kann die Methode ‚Perspektiven-Kartentausch‘ eingesetzt werden. Ich nutze sie gerne zum Einstieg in Workshops und kann sie sehr weiterempfehlen. Hier ist eine Anleitung: 1. Es gibt leere Karten in drei Farben. Zum Beispiel in rot, in grün und in blau. Jede Farbe gibt es ungefähr gleich häufig. Jede Person erhält eine Karte. 2. Je nach erhaltener Kartenfarbe notiert jede Person für sich eine Sache, die sie zum behandelten Thema negativ sieht (bei einer erhaltenen roten Karte) oder potentialreich einschätzt (bei einer erhaltenen grünen Karten) oder was für sie noch offen ist. (bei einer erhaltenen blauen Karte) 3. Alle bewegen sich durch den Raum und begeben sich in möglichst viele Zweier -Gespräche nacheinander. Dabei werden jeweils die Karten gegenseitig vorgestellt, die eigene Perspektive darauf erläutert und dann getauscht. Der Clou an dieser Herangehensweise ist, dass man zunächst eine Perspektive einnimmt und diese erläutert. Anschließend dann aber in immer weitere Perspektiven wechselt und sich mit diesen auseinandersetzt. |
| 🐌 Reflexion: Langsames Denken bei der Technologie-Interaktion |
| Vielleicht kennst du das Manifest des langsamen Denkens. Ich finde es sehr hilfreich, um bei komplexen Herausforderungen zu guten Entscheidungen zu gelangen. Es besteht aus vier Handlungsanweisungen: Fragen vor Antworten Beobachten vor Bewerten Perspektivwechsel vor Standpunkt Selbstreflexion vor Fremdkritik Die Idee bei dieser Gegenüberstellung ist, dass wir Menschen zu den Handlungen auf der rechten Seite neigen. Wir gelangen aber zu besseren Entscheidungen, wenn wir immer ein bisschen mehr von dem auf der linken Seite machen, als wir es intuitiv für nötig erachten würden. Dann kommen wir zu besseren Ergebnissen. Ich habe dieses Manifest des langsamen Denkens überarbeitet und auf Technologie-Interaktion angepasst. Dann liest sich die Gegenüberstellung wie folgt: Die jeweils genutzte Technologie immer erst einmal fragend betrachten, bevor ich mir von ihr Antworten geben lasse, so dass das dann bessere Antworten sind und/ oder ich die Antworten besser einordnen kann. Immer erst einmal viel Zeit zum Erkunden der Technologie nehmen, bevor ich die Technologie fest in meine Routinen oder in meine Organisation integriere. Speziell bei KI-Interaktion gilt, sich lieber mehr in Resonanz mit einem KI-Sprachmodell zu begeben, als fertige Lösungen zu erwarten. Immer mehr auf die Selbstentwicklung, also das eigene Lernen und das eigene Wachstum blicken, als einem Technologie-Hype zu verfallen. Ausführlich habe ich diese Gedanken in meinem Blog aufgeschrieben. Ich finde diese Orientierung bei Lerngestaltung im digitalen Wandel hilfreich. Vielleicht kannst du sie auch für dich nutzen. |
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| 🤓 Anleitung: ein eigener KI-Server |
| Ich habe lange daran überlegt, wie ich in einer guten Abwägung zwischen Pragmatismus und Offenheit eine eigene KI-Umgebung zum Lernen für mich aufbauen kann. Klar war mir, dass eine Registrierung auf einer einzelnen Plattform für mich keine gute Lösung ist. Eine lokale Installation von Open Source Modellen funktionierte auf meinem Laptop allerdings nur sehr suboptimal – und ich wollte mich auch nicht nur auf Open Source Modelle beschränken. Meine Lösung ist nun ein eigener Online-KI-Server. Es ist mir gelungen, diesen einzurichten, obwohl ich zuvor noch kaum etwas mit Server-Konfiguration zu tun hatte. Vielleicht ermutigt dich das ja dazu, Ähnliches für dich zu versuchen. Du musst dann in jedem Fall nicht ganz neu anfangen, weil ich mein Vorgehen Schritt für Schritt zum Nachmachen aufgeschrieben habe. |
| In der Perspektive halte ich solch einen dezentralen Ansatz mit der Priorität auf Offenheit auch für eine gute Lösung für den Bildungsbereich z.B. für eine digital-souveräne KI-Umgebung einer Schule. Wunderbar fände ich dazu ein Modell- und Experimentierprojekt z.B. mit einem Schulträger oder einem Landesinstitut und einer oder mehrerer Schulen, die solch einen Server in Kooperation mit einem lokalen IT-Anbieter und den beteiligten Lehrkräften und Lernenden mit pädagogischer Struktur umsetzen. Ich unterstütze dabei sehr gerne! |
| ❌ Meinung: Kritik am Study Mode von ChatGPT |
| Ende Juli hat OpenAI auf der Plattform ChatGPT einen so genannten Study Mode, also Lernmodus gestartet. Wer in solch einem Lernmodus chattet, bekommt keine fertigen Antworten präsentiert, sondern wird Schritt für Schritt bei der eigenen Lösungsfindung begleitet. Was auf den ersten Blick pädagogisch super spannend klingt, ist bei näherem Hinsehen aus meiner Sicht leider nicht hilfreich. Insbesondere wird gerade der wichtigste Aspekt des Lernens – das bewusste Instruieren einer Maschine – mit dem Study Mode nicht mehr gelernt. Stattdessen werden eher Lernende durch die Maschine programmiert. Ausführlich habe ich diese Kritik in einem Meinungsbeitrag auf dem Deutschen Schulportal dargestellt. |
| 🎉 Wundertüte: ein paar unsortierte Ideen und Links |
| Über den Sommer haben sich einige Links und Ideen angesammelt. Wähle aus, was für dich spannend klingt! #1: Eine sehr coole Idee für zwei- oder mehrtägige Veranstaltungen habe ich beim Landesportbund Niedersachsen kennengelernt: den zweiten Tag mit einem ausführlichen Frühstück starten lassen, zu dem man sich am Vortag thematische Tische reservieren kann – also eine Art ‚Brunch-Barcamp‘. #2: Eine super einfache Möglichkeit zum Selberhosten für den Transfer von Dateien ohne benötigte Datenbank ist die Open Source Software Jirafeau. Einfach das Verzeichnis herunterladen und auf deinem Server in einen dafür eingerichteten Ordner hochladen, z.B. in deine-website.de/transfer. Wenn du dann die URL des Ordners aufrufst, wirst du durch einen minimalen Setup-Prozess geleitet und kannst dann Dateien teilen, die beim Download dann automatisch gelöscht werden. Für mich ist das z.B. sehr praktisch, um bei Lernangeboten Materialien oder Slides an die Auftrageber zu übermitteln. Vielleicht hast du so etwas bis jetzt via WeTransfer oder einem anderen proprietären Anbieter erledigt. Das hier ist cooler. 😎 (Mein Learning bei der Installation: Das Tool wird standardmäßig so installiert, dass alle, die den Link kennen, Inhalte hochladen und teilen können. Wenn du das nicht willst, musst du die Datei lib/config.local.php öffnen und in diese Zeile ‚upload_password‘ => array (), dein gewünschtes Passwort eingeben, also ‚upload_password‘ => array (‚DeinPasswort‘),. Daraufhin sieht die Installation dann so aus.) #3: Wenn man auf einer Website nicht nur zu einem bestimmten Absatz mit Überschrift, sondern zu einer bestimmten Textstelle auf der Website verlinken und diese kennzeichnen will, lässt sich das mit dem Beisatz ‚#:~:text=‘ hinter der URL machen. Wenn ich zum Beispiel in meinem oben verlinkten Kommentar beim neuen Schulportal direkt zum Zitat von Gramsci (ganz am Ende im Fazit) verlinken wollen würde, wäre das der Link. Um solch einen Link zu generieren, gibt es den Textfragment Link Generator, was ein super simples Online-Tool ist, in das du die URL und den gewünschten zu verlinkenden Text eingibst – und schon wird dir der Link dazu generiert, den du dann teilen kannst. #4: Die gemeinnützige Proton-Foundation aus der Schweiz hat einen neuen Chatbot veröffentlicht, der datenschutzkonform zu nutzen ist, weil Chats nicht gespeichert oder zum weiteren Training genutzt werden. LUMO ist in der Basis-Version zudem auch offen nutzbar. Bisher habe ich in meinen Workshops oft auf das Angebot von duck.ai verwiesen. Mit LUMO gibt es jetzt noch eine weitere Möglichkeit zum ersten, unkomplizierten Ausprobieren von KI-Sprachmodellen. #5: Und eine richtige niedliche Website: DrawAFish – wie der Name vermuten lässt, kannst du damit einen Fisch kritzeln und diesen gemeinsam mit den gekritzelten Fischen von vielen anderen in einem Aquarium virtuell schwimmen lassen. 🐟 |
| 🗓️ Ausblick: OERcamp und mehr |
| Beim Blick in meinen Kalender war ich ziemlich erstaunt, dass es nur noch 4 Wochen bis zum OERcamp vom 4.-6. September in Hannover sind. Das hatte ich bei mir unter ‚irgendwann im Herbst‘ abgespeichert – und es schien noch ziemlich weit weg zu sein … Umso mehr freue ich mich jetzt, auf das doch schon ganz baldige Treffen mit bekannten und neuen Menschen, die in unterschiedlichen Kontexten (das macht für mich immer ganz besonders den Reiz der OERcamp aus!) an Offenheit in der Bildung arbeiten oder daran interessiert sind. Das Herzstück des OERcamp ist ein ganztägiges Barcamp am Freitag. Davor und danach gibt es Workshops und eine Community Beratschlagung zu offener Bildungspraxis. Alle Infos und kostenfreie Möglichkeit zur Anmeldung findest du auf der OERcamp-Website. Auch ansonsten freue ich mich im September auf sehr vielfältige Lernangebote unter anderem mit der katholischen Erwachsenen- und Familienbildung in NRW, der Volkshochschule in Erlangen, der Hessischen Hochschule für öffentliches Management und Sicherheit, dem Fachverband für Erziehungshilfeeinrichtungen in Deutschland und der Deutschen Rentenversicherung Oldenburg-Bremen. Online bin ich unter anderem an der ViTeach, der Konferenz für videobasierte Lehre beteiligt, zu der man hier weitere Infos findet und sich kostenfrei anmelden kann. Die nächste Edumail erhältst du dann wieder im normalen Monatsende-Rhythmus Ende September. Über Feedback, Kritik, Verbesserungsvorschläge und Anfragen zur Zusammenarbeit in spannenden Bildungsprojekten freue ich mich immer sehr. Du kannst mir dazu einfach auf diese Mail antworten. Ich wünsche dir eine gute Zeit und – so du noch in Ferien bist oder Urlaubstage vor dir hast – gute Erholung! |
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