| Willkommen zur Juli-Edumail – und zugleich zur 100. Ausgabe dieses Newsletters aus dem eBildungslabor. Die erste Edumail habe ich am 22. April 2018 geschrieben. Zu diesem Jubiläum passt aus meiner Sicht der Begriff der ‚Utopiefähigkeit‘ sehr gut. Ich habe dazu bei einer Veranstaltung des DGB-Bildungswerks Ende Juni gelernt und halte den Ansatz nicht nur für gewerkschaftliche Bildungsarbeit, sondern für das Bildungssystem insgesamt gerade in Zeiten von vielfältigen Krisen für sehr relevant. Geprägt hat den Begriff Oskar Negt, Philosoph und Soziologe in der zweiten Generation der kritischen Theorie der Frankfurter Schule. Was ist damit gemeint? Oskar Negt sieht Utopiefähigkeit weniger als abstraktes Zukunftsdenken, sondern verankert sie in der Gegenwart. Die Fähigkeit bedeutet für ihn, erstens wahrzunehmen, dass und wo mir die Entfaltung meiner Selbst und ein gutes Leben in meinem aktuellen Kontext verwehrt ist. Zweitens zu erkennen, dass das nicht nur mich individuell betrifft, sondern dass dahinter gesellschaftliche Muster stehen. Und drittens, vor diesem Hintergrund zu verstehen, dass diese gesellschaftlichen Muster kein Naturzustand sind, sondern menschengemacht und damit gestalt- und veränderbar. Wer in diesem Sinne über Utopiefähigkeit verfügt, weiß, dass Alternativen zum Bestehenden möglich sind und kann innerhalb dieses Bestehenden erkennen, was noch nicht da ist, aber sein könnte. Aus Perspektive der Pädagogik lässt sich Utopiefähigkeit vor allem mit den folgenden drei Aspekten konkretisieren: 1. Bei der Entwicklung von Utopiefähigkeit kann Erfahrungslernen helfen. Das bedeutet, das individuelle Erleben zum Ausgangspunkt zu nehmen, um daran Zusammenhänge deutlich zu machen und Muster zu erkennen. Solch eine Bildung kann nicht als Vermittlung gedacht und gestaltet werden, sondern erfordert ein dialogisches und immer auch soziales Lernen. „(Der Erfolg von Bildung) ist nicht zuletzt davon abhängig, inwieweit es ihr gelingt, die grundlegenden, oft verdrängten oder verzerrt wahrgenommenen Konflikte des Individuums als strukturelle Widersprüche der Gesellschaft zu erklären und von bloßen Symptomen derartiger Konflikte zu unterscheiden.“ (Oskar Negt) 2. Wenn wir in der Bildung Utopiefähigkeit entwickeln wollen, dann sollten wir Kompetenzen weniger als direkt anwendbare Fertigkeiten verstehen, sondern sie im Sinne einer Befähigung zu gesellschaftlicher Handlungsfähigkeit weiterdenken. Lernen bedeutet dann nicht nur, sich in Bestehendes anzupassen, sondern Bestehendes verändern zu können. Damit das gelingt, braucht es im Bildungssystem Freiraum für überschüssiges Denken, das nicht direkt verwertet wird, sondern emanzipatorisches Potential öffnet. Dafür gilt es immer wieder und gerade in Zeiten von Mangel und Knappheit gemeinsam einzutreten. „Alle großen Emanzipationsbewegungen der Menschheit zehren vom Widerstandsgeist der Utopien, dem überschüssigen Denken.“ (Oskar Negt) 3. Utopiefähigkeit ist Grundlage für Demokratie und somit Teil von Demokratielernen. Wenn Menschen sich keine Alternativen zum Bestehenden vorstellen können und nicht erkennen, dass gesellschaftliche Bedingungen gestaltbar sind, kann Demokratie nicht funktionieren. Genau daran wird dann auch die große Relevanz des Ansatzes für unsere gegenwärtige Zeit deutlich. „Ich glaube, dass Bildung unter unseren Verhältnissen deshalb eine existenzielle Notwendigkeit hat, weil Demokratie die einzige Staatsform ist, die gelernt werden muss“ (Oskar Negt) Utopiefähigkeit zu entwickeln ist nicht nur für Lernende eine Herausforderung, sondern ganz genauso für Lehrende. Die oben beschriebenen Schritte können wir als Lehrende in Bezug auf das Bildungssystem ganz genauso durchlaufen: Wir können wahrnehmen, dass wir unserem pädagogischen Anspruch an so vielen Stellen innerhalb des bestehenden Bildungssystems nicht gerecht werden können. Wir können reflektieren, dass das nicht individuelles Versagen ist, sondern zu großen Teilen in einem dysfunktionalen System begründet liegt. Und wir können gemeinsam mit anderen auf Veränderung orientieren und in diesem Sinne kollektiv Handlungsperspektiven erweitern. Mir fällt immer wieder auf, wie sehr ich selbst und auch die Menschen, mit denen ich im Bildungssystem zu tun habe von den gegenwärtigen Bedingungen geprägt sind und sich leider viel zu oft dann darin auch beschneiden. Es lohnt sich aus meiner Sicht sehr, sich das bewusst zu machen – und das eigene Denken im Sinne der Utopiefähigkeit von Oskar Negt dahingehend zu öffnen, dass Bildung auch ganz anders gestaltet sein könnte und dass wir, ausgehend von den erlebten Widersprüchen, gemeinsam mit anderen an Veränderungen arbeiten können. Vielleicht magst du diesen Sommer die folgende Frage für dich bewegen: Wo erlebst du in deinem (pädagogischen) Alltag einen Widerspruch zwischen deinem Anspruch und den bestehenden Bedingungen, welches gesellschaftliche Muster steckt dahinter, und was wäre hier das „Noch-nicht“, das eigentlich sein könnte? Die gute Nachricht ist, dass Utopiefähigkeit ein sehr freudvolles, zuversichtlich stimmendes und spannendes Lernen ist. Ich habe dazu im Bildungshaus Riesenklein beim Schuljahresabschluss diesen, wie ich finde, zu Utopiefähigkeit und vor allem natürlich zum Sommer sehr passenden Aufsteller fotografiert. |
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| Ich wünsche dir in diesem Sinne erholsame Sommertage – und immer wieder Raum für das „überschüssige Denken“. Du findest im folgenden unter anderen ein Konzept für einen Design Futuring Workshop und ein Mini-Ki-Experiment passend zur 100. Edumail-Ausgabe, wie sich KI-Technologie als Spiegel statt Sparringpartner nutzen lässt. Viel Freude beim Erkunden und alles Gute Nele Hirsch | eBildungslabor |
| 💡 Konzept: Design Futuring Workshop |
| Mein Part bei der einleitend erwähnten DGB-Veranstaltung war die Gestaltung eines Design Futuring Workshops. Zum Nachmachen empfehle ich daraus vor allem das so genannte Bingo Harvesting, mit dem sich in größeren Gruppen in kurzer Zeit ein kollaborativ getragener Sessionplan erstellen lässt. Nach einer Vorbereitung in Kleingruppen geht man so vor, dass eine erste Gruppe damit beginnt, eine Herausforderung zu nennen, an der sie gerne weiterdenken würden. Die Gruppen, die ähnliches notiert haben, rufen ‚Bingo‘ und clustern ihre Karten dazu. Dann kommt die nächste Karte mit der nächsten Herausforderung. In meinem Blog habe ich diese Methode genauer und auch das weitere Vorgehen im Workshop beschrieben. |
| 🎧 MutLauschen: motivierende Sprachnachrichten aus Wutöschingen |
| Mitte Juni war ich als Coach bei der OERcamp Werkstatt an der Alemannenschule in Wutöschingen. Ich fand, dass es großartige Tage waren, an denen so viel Verbindung entstanden ist und Ideen und Materialien entwickelt wurden. Ein kleines Projekt der Teilgebenden war die Website MutLauschen: Wir haben darauf ermutigende Sprachnachrichten aufgezeichnet, die man sich immer dann anhören kann, wenn man wieder einmal denkt, dass sich Schule doch so gar nicht bewegen lässt. In den Botschaften wird dagegen deutlich, dass es viel Grund zur Zuversicht gibt und wir alle mit unseren Handlungen einen Unterschied machen können. |
| 🤖 Perspektive demokratische KI: AIS.chat |
| Wenn wir über KI-Technologie in der Bildung sprechen, dann kommt früher oder später ganz sicher die Frage, welche Tools und Zugänge denn im Bildungssystem zur Verfügung stehen. Für die Schule haben immer mehr Lehrkräfte und Schüler*innen einen Zugang zu AIS.chat. Eine erste mögliche Frage, die man hier stellen könnte, wäre: ‚Was kann das Tool?‘. In der Bildungsbubble erlebe ich als Antwort zu dieser Frage zum Teil Enttäuschung und Kolleg*innen sagen: ‚Zu wenig – gerade, wenn ich es mit proprietären Plattformen vergleiche‘. Ich empfehle hier, die Frage anders zu stellen: ‚Welche Möglichkeiten eröffnet das Tool?‘ In diesem Sinne können wir mit AIS.chat eine demokratische KI-Infrastruktur auf den Weg bringen, die mündige Gestaltung ermöglicht. Das ist vielleicht mühsamer und langwieriger als ‚fertige Angebote‘. Er lohnt sich aber, weil er ganz viele Lernprozesse ermöglicht. Ausführlicher habe ich in meinem Blog aufgeschrieben, warum ich es gut finde, dass es AIS.chat gibt. |
| 🪞 KI als Spiegel: Analyse meiner Edumails |
| Das Schreiben der hundertsten Ausgabe meiner Edumail hat mich dazu angestupst, mir genauer anzuschauen, was ich in den letzten Jahren geschrieben und versandt habe und vor allem auch, wie mein eigenes Lernen dabei war. Daraus habe ich ein kleines KI-Experiment gemacht, meine bisher versandten Edumails von meiner Website exportiert und diese von einem KI-Agenten auf meinem Rechner analysieren lassen. Manche Beobachtungen und Annahmen von mir haben sich in dieser Analyse bestätigt; anderes hat mich überrascht oder konnte mir nochmals bewusster werden. Als Fazit zur inhaltlichen Draufsicht formulierte die KI: Über acht Jahre verschiebt sich die Edumail von der Frage „Was kann ich mit diesem Tool machen?“ hin zu „In welcher Gesellschaft wollen wir leben — und wie gestalten wir Bildung dafür?“ — bei durchgehend gleicher Grundüberzeugung: Bildung wird für alle besser, wenn man sie teilt. Das gefiel mir gut! 🙂 Spannend finde ich an dem Experiment auf einer Meta-Ebene vor allem, dass und wie sich KI-Technologie auf diese Weise weniger als Sparringpartner, sondern mehr als Spiegel nutzen lässt- Für das Lernen lohnt es sich sehr, diese Möglichkeit genauer zu erkunden. In meinem Blog habe ich mein Vorgehen und meine Reflexion dazu deshalb ausführlicher aufgeschrieben. |
| 🙃 SOMMERFERIEN-Internetquatsch |
| Bei meiner Edumail-Arciv-Auswertung habe ich auch eine Zusammenstellung generieren lassen mit Sommerferien-Internetquatsch: Zufällig ausgewählte Internetquatsch-Tools, die ich über die letzten Jahre in Edumails geteilt habe – die Anfangsbuchstaben ergeben das Wort SOMMERFERIEN. Viel Freude beim Erkunden und Wiederentdecken! S – Six Degrees of Wikipedia: Zeigt den kürzesten Klick-Pfad zwischen zwei beliebigen Wikipedia-Begriffen – alles ist mit allem vernetzt. O – Outside Simulator: Geh virtuell „nach draußen“: 70+ Orte weltweit bei Sonne, Regen und Nacht – Stadt und Natur. M – MusicBoxFun: Kleine Drehorgel-/Spieluhr-Stücke online komponieren und teilen. M – Mutsuacen: Animierte Bilder zeichnen (wellend, wachsend, blinkend) – Export als GIF. E – English Sandwich: Ein Essen wird gezeigt, du rätst, aus welchem Land es kommt. R – Remixer (Visual Thinkery): Vorlagen wie Spielkarten, Cartoons oder Field Notes remixen – alles CC-lizenziert zum Weiternutzen. F – Feuerwerk auf Klick: Button klicken – je schneller, desto bunter das Online-Feuerwerk. E – Emoji Fortunes: Drei Emoji aus dem Glückskeks sagen dir die Zukunft voraus. R – Retroflix: Stöbere in alten, gemeinfreien Clips, Cartoons und Filmen aus der Netz-Frühzeit. I – Iceberger: Zeichne einen Eisberg und schau, wie er sich im Wasser dreht und einpendelt. E – Emoji to Scale: Alle Emojis maßstabsgetreu nach realer Größe sortiert nebeneinander. N – Neal.fun – Tiefsee: Scroll dich auf einer virtuellen Tauchreise immer tiefer in den Ozean hinab. |
| 👋 Tschüß, bis zur nächsten Edumail! |
| Ich komme gerade zurück aus einer zweiwöchigen Buchklausur, für ein Buch, das im April 2027 bei Beltz erscheint und bei dem ich Co-Autorin bin. Ich finde das Thema super spannend und relevant für gute Bildung. Vielleicht magst du ja einen Tipp abgeben, mit wem ich gemeinsam schreibe und was das Thema ist, bevor wir im Herbst sicherlich mehr dazu erzählen und teilen werden. Und ich bin neugierig, was du tippen bzw. auch, was du zurzeit für relevant halten würdest. Wenn dein Tipp nicht stimmt, ist er ja vielleicht eine Idee für ein weiteres Buchprojekt 😉 Die nächsten beiden Wochen werde ich noch weiter mit Schreiben verbringen und ansonsten auch den Sommer genießen und nur sporadisch am Schreibtisch sein. Ab Mitte August freue ich mich dann wieder auf Anfragen für Veranstaltungen, die wir gemeinsam auch in deiner Organisation gestalten können. Zum Beispiel um KI kritisch-reflektiert, digital-mündig und transformativ aufzugreifen, um Lernen potentialorientiert zu gestalten, um mit den Inner Development Goals (IDGs) Schritte hin zu mehr Nachhaltigkeit zu gestalten, um methodisch voranzukommen in Richtung von sicheren, zuhörenden und kreativen Lernräumen, um Utopiefähigkeit zu entwickeln oder …. Schreibe mich gerne an! Ich wünsche dir freudvolle Sommertage! Nele |
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