Den heutigen Tag habe ich am Deutschen Institut für Erwachsenenbildung (DIE) in Bonn verbracht und dort einen Workshop mit Multiplikator*innen aus der Erwachsenenbildung durchgeführt, die vor der Herausforderung stehen, in ihren jeweiligen Einrichtungen Fortbildungen zum Thema Künstliche Intelligenz (KI) zu gestalten. Alle Beteiligten brachten schon Vorerfahrungen zu KI mit. Es ging also weniger um die Frage, was KI überhaupt ist und wie die Technologie sinnvoll genutzt werden kann, sondern mehr um die Frage, wie Mitarbeitende sich zu diesem Thema fortbilden können.
Mein Ziel mit dem Workshop war es vor allem, die Beteiligten des Workshops in einen gemeinsamen Austausch zu bringen, gegenseitig von Erfahrungen zu lernen und KI-Fortbildungen weniger unter der Perspektive von Schulungen und Wissensvermittlung und mehr unter der Perspektive von Organisations- und Lernkulturentwicklung anzugehen.
Wir hatten für den Workshop einen ganzen Tag Zeit. Zusätzlich hatten wir uns in der Vorwoche bereits zu einem kurzen Online-Auftakt getroffen. Eine erste Vorstellungsrunde und organisatorische Klärungen waren somit bereits erledigt. Außerdem hatten wir bei diesem Vorab-Termin in BreakOut-Räumen Argumente gesammelt, warum es uns wichtig erscheint, ein KI-Fortbildungskonzept sowohl individuell als auch aus Perspektive der Organisation zu entwickeln. Die dortige Sammlung konnte ich dann am heutigen Tag aufgreifen, um gemeinsam daran weiterzudenken.
Grundsätzliche Idee meines Konzepts: Basics und Nordsterne
Bei der Gestaltung von Fortbildungen zu KI finde ich es immer wieder herausfordernd, die Perspektive des Lernens mit und über die Technologie auf der einen Seite und die Herausforderung der Gestaltung von Transformation aufgrund der durch KI stattfindenden gesamtgesellschaftlichen Veränderungen gleichermaßen in den Blick zu nehmen. Sehr oft geschieht das meinem Empfinden nach so, dass zuerst über Lernen mit KI reflektiert wird und dann über Lernen in und für eine zunehmend KI-geprägte Welt. Die Herausforderung ist aber ja gerade, dass das eine mit dem anderen zusammenhängt und somit auch zusammen gedacht werden muss.

Mein roter Faden bei der heutigen Fortbildung war deshalb ein Zwei-Schritt:
- Wir starteten mit der Perspektive Lernen mit KI mit den drei wesentlichen Bereichen von Verstehen, Nutzen und Reflektieren.
- Anschließend richteten wir unseren Blick auf transformative Nordsterne und wiederholten mit dieser Perspektive den ersten Schritt nochmals. Wir stellten uns also die Frage: Passt das Lernen zum Verstehen, Nutzen und Reflektieren von KI, das wir uns in Schritt 1 überlegt haben, wenn wir die transformativen Nordsterne in den Blick nehmen oder was sollten wir mit dieser Perspektive anders angehen?
Diese Herangehensweise war für mich experimentell. Ich beschreibe im Folgenden genauer, wie wir vorgegangen sind.
Schritt 1: Verstehen, Nutzen und Reflektieren zu KI
Nach einem schnellen Kartenaustausch starteten wir den heutigen Workshop mit einem Impuls von mir zu den drei Bereichen von KI-Kompetenzentwicklung: Verstehen, Nutzen und Reflektieren. Zu allen drei Bereichen hatte ich anschließend – in einer Weiterentwicklung meines Workshops zu didaktischer KI-Nutzung in Siegburg im vergangenen Monat – einige Erkundungsmaterialien zum gemeinsamen Ausprobieren geteilt.
Die Teilnehmenden fanden sich dazu in drei Gruppen zusammen und überlegten gemeinsam für ihren jeweiligen Bereich, was ihnen bei einem KI-Fortbildungskonzept für ihren entsprechenden Bereich wichtig erscheint.
Als methodische Anregung für die Gruppenarbeit hatte ich drei Schritte vorgeschlagen:
- Anhand der bereitgestellten und gegebenenfalls auch weiteren Materialien in ein gemeinsames Ausprobieren und Erkunden gehen.
- Ein Brainstorming in der Gruppe gestalten und zu dem Bereich alles notieren, was der Gruppe in den Sinn kommt. Als Unterstützung hatte ich für jede Gruppe einen Briefumschlag mit mehreren Begriffen vorbereitet, die mir in dem jeweiligen Kontext relevant erschienen und die als Ausgangspunkt genommen werden konnten.
- Die Sammlung gemeinsam clustern und priorisieren, um sie dann anderen vorstellen zu können.


Anschließend verteilte ich sehr einfache Blanko-Vorlagen zur Gestaltung von so genannten Personas. Die Teilnehmenden waren herausgefordert, sich eine Persona zu überlegen, die typisch für Mitarbeitende in ihrer Organisation ist. Im dann folgenden Gruppenpuzzle blickten sie dann jeweils mit der Brille ihrer ‚Persona‘ auf die zuvor erarbeiteten Vorschläge.
Im Einzelnen gestalteten wir für das Gruppenpuzzle drei Runden: Alle blieben dabei in einer Runde an ihrem bisherigen Tisch und stellten den anderen ihre Vorschläge vor. In den anderen beiden Runden schwärmten sie an die weiteren Tische aus.
Beim Vorstellen spielte die entwickelte Persona keine Rolle. Beim Ausschwärmen blickte man jedoch mit der Brille der jeweiligen Personas auf die Vorstellungen der anderen Gruppe und gab mit dieser Perspektive Feedback zu den entwickelten Ideen.
Nach dem Gruppenpuzzle fanden sich wieder die ursprünglichen Gruppen, fassten die Ergänzungen von den Persona-Perspektiven zusammen und notierten 3-5 Aspekte, die ihnen zusammenfassend bei der Entwicklung eines KI-Fortbildungskonzepts relevant erscheinen. Diese wurden dann im Plenum geteilt.

Schritt 2: Mit Nordsternen im Blick transformieren
Der Vormittag hatte gut funktioniert und ich war dann etwas aufgeregt, ob der Wechsel in die grundsätzliche Perspektive am Nachmittag wie geplant klappen würde. Ich hatte dazu als erstes die gesammelten Antworten zur Frage ‚Warum brauchen wir ein KI-Fortbildungskonzept‘ von einem KI-Sprachmodell in Vorbereitung des Workshops clustern lassen. Entstanden waren so diese 10 Aussagen:
- Es ist für Menschen und Organisationen in der Erwachsenenbildung wichtig, zu KI zu lernen, weil Mitarbeitende bereits KI nutzen und klare Orientierung brauchen.
- Es ist für Menschen und Organisationen in der Erwachsenenbildung wichtig, zu KI zu lernen, weil Ängste und Schwellenbarrieren abgebaut werden müssen.
- Es ist für Menschen und Organisationen in der Erwachsenenbildung wichtig, zu KI zu lernen, weil gesetzliche Vorgaben wie der AI Act eingehalten werden müssen.
- Es ist für Menschen und Organisationen in der Erwachsenenbildung wichtig, zu KI zu lernen, weil nur so die Risiken erkannt und die Chancen genutzt werden können.
- Es ist für Menschen und Organisationen in der Erwachsenenbildung wichtig, zu KI zu lernen, weil bewusste Grenzen gesetzt werden müssen, was KI überlassen werden darf und was nicht.
- Es ist für Menschen und Organisationen in der Erwachsenenbildung wichtig, zu KI zu lernen, weil verschiedene Zielgruppen mitgenommen werden müssen.
- Es ist für Menschen und Organisationen in der Erwachsenenbildung wichtig, zu KI zu lernen, weil nicht nur technische Bedienung, sondern vor allem kritische Reflexion gefördert werden muss.
- Es ist für Menschen und Organisationen in der Erwachsenenbildung wichtig, zu KI zu lernen, weil Bildungseinrichtungen einen gesellschaftlichen Aufklärungsauftrag haben.
- Es ist für Menschen und Organisationen in der Erwachsenenbildung wichtig, zu KI zu lernen, weil die Wettbewerbsfähigkeit der Organisation davon abhängt.
- Es ist für Menschen und Organisationen in der Erwachsenenbildung wichtig, zu KI zu lernen, weil damit neue pädagogische Möglichkeiten für Bildungsangebote erschlossen werden können.
Um solche Aspekte grundsätzlicher und in der Tiefe zu betrachten, eignet sich die 5 Why-Methode gut. Sie funktioniert so, dass eine Aussage einmal mit Warum hinterfragt wird. Dann wird darauf eine Antwort gegeben. Daraufhin wird wiederum die Warum-Frage gestellt. Auf diese kommt wieder eine Antwort. So geht es weiter bis man mindestens fünf mal Warum gefragt hat und auf diese Weise bei einer sehr grundsätzlichen Antwort ist.
Die Teilnehmenden bearbeiteten hier je eine Aussage zu zweit. Die Ergebnisse wurden nicht geteilt. Die Idee war damit lediglich, überhaupt die Perspektive für eine grundsätzlichere Betrachtung zu öffnen.
An diese kleine Übung schloss ich einen kurzen Impuls zu vier möglichen Nordsternen an, die sich im Kontext eines Fortbildungskonzepts in den Blick genommen werden können:
- Integrativ: Wie kann KI selbstverständlicher Bestandteil von Lernen und Arbeiten werden, anstatt ein isoliertes Add-On?
- Wachstumsorientiert: Wie kann das Lernen zu Veränderungen im Rahmen von KI-Fortbildungen in den Blick kommen und eine veränderte Lernkultur in der Organisation entstehen?
- Mündig: Wie kann im Rahmen von KI-Fortbildungen digitale Mündigkeit in den Fokus kommen, also ein gestaltender Blick auf Technologie?
- Transformativ: Wie können die gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen von KI in den Blick kommen und so z.B. Konsequenzen für die eigenen Bildungsangebote gezogen werden?
Um sich mit diesen Nordsternen auseinander zu setzen, erhielt jede Person einen zufälligen Nordstern, wobei ich darauf achtete, dass in jeder Gruppe des Vormittags jeder Nordstern mindestens einmal vertreten war. Anschließend fand man sich in Kleingruppen mit dem gleichen Nordstern zusammen und begab sich in einen Kopfstand. Man überlegte sich also, wie KI-Fortbildungen gestaltet sein müssen, damit diese Nordsterne garantiert nicht im Blick sind. Diese Kopfstand-Perspektive finde ich immer wieder sehr wertvoll, um das Denken zu öffnen.

Mit dieser Vorarbeit kamen die Teilnehmenden dann wieder in ihre Gruppen vom Vormittag und übertrugen die Nordstern-Überlegungen auf ihre bisherigen Gedanken zum Lernen zu KI in den drei Bereichen Verstehen, Nutzen, Reflektieren. Ich hatte dazu drei Leitfragen vorgeschlagen, um die Diskussion zu unterstützen:
- Was kann weg?
- Was muss anders?
- Was braucht es neu?
Die Überlegungen der Einzelgruppen wurden dann schließlich in Form eines Gruppenpuzzles geteilt. Ich hatte dazu einen sehr einfachen Mitschrieb vorbereitet.

Zum Abschluss gestalteten wir dann noch ein Troika Consulting zu einem konkreten, nächsten Schritt, den man basierend auf den Erkenntnissen der Fortbildung, angehen will. Dieser wurde zunächst individuell für sich notiert und dann fragte man zwei andere Teilnehmende, was sie einem dazu empfehlen würden.
Der Workshop endete mit einer schnellen Blitzlichtrunde im Plenum.
Fazit
Die Rückmeldungen waren überwiegend positiv. Zum Teil äußerten Teilnehmende allerdings auch, dass die vielen Ebenen (Verstehen/ Nutzen / Reflektieren, vier Nordsterne, drei Leitfragen …) sie etwas verwirrt hatten. Das kann ich gut nachvollziehen. Es war ja in der Tat der Versuch, Komplexität nicht zu vereinfachen, sondern diskutierbar zu machen.
Sehr interessant fand ich auch die Rückmeldung einer Teilnehmerin, die sinngemäß meinte, dass man zum Teil den Eindruck hätte haben können, dass sich in den vielen Runden irgendwie immer alles wiederholt. Genauer betrachtet seien dabei aber immer wieder weitere Perspektiven aufgespürt worden. Auf diese Weise sei immer bessere Erkenntnis herausgesiebt worden.
Diese Rückmeldung lasse ich mal auch als mein Fazit von dem Workshop stehen. Ich freue mich, dass genau das gelungen ist!
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