Ich arbeite im eBildungslabor zur Frage, wie wir gutes Lernen im digitalen Wandel gestalten können. Wenn ich an Schulen oder in anderen Bildungseinrichtungen dabei begleite, gemeinsam Lösungen für diese komplexe Herausforderung zu entwickeln, dann helfen dabei zwei Denkwerkzeuge aus meiner Sicht immer besonders gut. Erstens Perspektivenvielfalt und zweitens die bewusste Reflexion emotionaler Betroffenheit.
Perspektivenvielfalt
Perspektivenvielfalt bedeutet: Lösungen werden für alle besser, wenn sie aus möglichst vielfältigen Perspektiven erarbeitet wurden. Die Lösung, die mir selbst vielleicht als erstes sehr naheliegend erscheint, muss deshalb nicht unbedingt auch immer die beste Lösung sein.
Zur Verdeutlichung dieses Denkwerkzeugs kann eine (ausgedachte, aber wahrscheinlich durchaus realistische) Pausenbox-Diskussion an einem Elternabend dienen:
Es kommt das Thema auf, dass viele Kinder zu viele Süßigkeiten in der Pausenbox haben. Und Kinder ohne Süßigkeiten sagen dann Zuhause, dass sie auch Schokoriegel, Gummibärchen und Co wie diese anderen Kinder haben wollen. Vor diesem Hintergrund wird vorgeschlagen, Süßigkeiten für alle zu verbieten. Daraufhin meldet sich eine Mutter zu Wort, die erzählt, dass es bei ihrem Kind ein wichtiger Teil ihrer Beziehung sei, etwas ‚Schönes‘ in die Pausenbox zu legen. Denn ihrem Kind würde es noch sehr schwer fallen, sich in der Schule zurecht zu finden.
Aus dieser Wortmeldung entwickelte sich der Vorschlag, dass man dann ja einfach verpackte Süßigkeiten verbieten könne. Aber es sei natürlich völlig in Ordnung, wenn einzelne Eltern z.B. einen selbst gebackenen Schokokeks in die Pausenbox packen. Auf den ersten Blick erscheint das allen sehr logisch und schlüssig. Dann meldet sich allerdings noch eine alleinerziehende Mutter zu Wort und meint, dass sie solch eine Regelung als ziemlich großen Druck empfinden würde, weil sie abends nicht Zeit hätte, mit oder für ihr Kind Schokokekse oder andere Besonderheiten zu backen. Darum hätte ihr Kind dann gar nichts Süßes dabei, wenn der Schokoriegel verboten wäre …
Dieses Elternabend-Beispiel zeigt, dass eine Lösung, die auf den ersten Blick vielleicht stimmig erscheint (= nur unverpackte Süßigkeiten sind erlaubt), vielleicht noch andere Konsequenzen haben kann, die man damit nicht intendiert hatte (= Druck für eine alleinerziehende Mutter). Diese weitere Perspektive macht die gemeinsame Lösungsfindung sicherlich nicht einfacher, aber – wenn sie berücksichtigt wird – besser für alle.
Im Kontext der Digitalisierung finde ich bei Perspektivenvielfalt vor allem wichtig zu berücksichtigen, dass es nicht nur innerhalb der Bildung vielfältige Perspektiven gibt. Vielmehr gibt es auch netzpolitische Perspektiven, sozialpolitische Perspektiven und viele andere mehr, die nicht ausgeklammert werden können, weil Digitalisierung nicht nur die Bildung betrifft.
Emotionale Betroffenheit reflektieren
Das zweite Denkwerkzeug ist die bewusste Reflexion emotionaler Betroffenheit. Das ist gerade im Kontext der Digitalisierung wichtig, weil hier sehr viel mindestens auch aus emotionaler Betroffenheit diskutiert wird. Das zeigt sich beispielsweise am Umgang mit Online-Spielen oder Social Media. Viele erleben an sich selbst, dass ihnen zum Beispiel die auf Aufmerksamkeit zielenden intransparenten Algorithmen der großen Social Media Plattformen nicht gut tun. Oder – im pädagogischen Kontext und in der familiären Erziehung – viele den Eindruck haben, dass Kinder krank werden. Wenn zum Beispiel der 14-jährige Sohn sich fast nur noch ins Zimmer einschließt und zockt. Oder sich in der Schule Mobbingfälle häufen, die insbesondere auch über Messengergruppen immer weiter eskalieren. Meine Einschätzung ist hier, dass wir dann gemeinsam weiterkommen, wenn wir diese emotionale Betroffenheit für uns selbst reflektieren und auch versuchen, sie bei anderen zu verstehen. Dabei können uns Gedankenexperimente helfen.
Gedankenexperimente werden in der Ethik und der Philosophie viel genutzt, um Diskussionen anzustoßen und zum Nachdenken herauszufordern. Sie sind in diesem Sinne natürlich keine Vergleiche. Bekannte Gedankenexperimente sind zum Beispiel der Schleier des Nichtwissens von John Rawls (= welche Regeln würdest du für eine Gesellschaft vorschlagen, wenn du nicht wissen würdest, welche Position du in dieser Gesellschaft einnehmen würdest?) oder die Moral Machine (Wenn du nur die Wahl hättest, eine Weiche für einen Zug so zu stellen, dass er entweder zwei alte Menschen oder ein kleines Kind überfährt – was würdest du tun?)
Ich bin vor vielen Jahren mit einem Gedankenexperiment konfrontiert worden, was mir bis heute dabei hilft, mir die Herausforderung der Reflexion emotionaler Betroffenheit bei komplexen Herausforderungen deutlich zu machen:
Das Gedankenexperiment war hier, dass man in zwei unterschiedlichen Situationen die Frage beantwortet, ob die Folter von inhaftierten Menschen erlaubt sein solle, um so Geständnisse zu erreichen, die potentiell das Leben anderer retten könnten. Die erste Situation war eine allgemeine Konfrontation mit der Frage z.B. bei der Beantwortung des Wahl-o-mat. In der zweiten Situation würde die Frage nicht allgemein gestellt, sondern wenn das eigene Kind entführt wäre und ein inhaftierter Mensch könnte Auskunft über den Aufenthaltsort geben, aber dieser schweigt beharrlich. Wie würdest du in beiden Situationen zur Frage ‚Folter: ja oder nein?‘ entscheiden?
Aus einer rechtsstaatlichen Perspektive würde ich die Frage in der ersten Situation sehr klar verneinen, während ich sie in der zweiten Situation sehr wahrscheinlich befürworten würde, um mein Kind zu retten.
Für mich wird an diesem Gedankenexperiment deutlich, dass es uns bei emotionaler Betroffenheit in komplexen Situationen nicht hilft, emotionale Betroffenheit auszuklammern, zu ignorieren oder sie Menschen sogar zum Vorwurf zu machen. Wenn es um gemeinsame Lösungsfindung geht, sind aus meiner Sicht drei andere Wege wichtig:
- Wir können bei uns selbst beginnen und reflektieren, mit welcher emotionalen Betroffenheit wir argumentieren. Die Reflexion kann uns unter anderem dabei helfen, unsere emotionale Betroffenheit zu artikulieren und es auf diese Weise anderen ermöglichen, unsere Perspektive besser zu verstehen.
- Wir können anderen Menschen in der Diskussion sehr zuhörend begegnen. Dazu sind wir herausgefordert, zu verstehen, mit welcher emotionalen Betroffenheit eine bestimmte Person jeweils spricht.
- Wenn wir Diskussionen moderieren oder gestalten, dann können wir Menschen bewusst und gezielt bei Schritt 1 und 2 unterstützen. Auf dieser Grundlage kann es dann oft gelingen, zu den strukturellen und grundlegenderen Fragen vorzudringen und nicht auf der Oberfläche zu verharren.
Beispiel: eine Diskussion beim Forum BD
In einer Online-Diskussion beim Forum BD zum Thema Smartphoneverbote habe ich diese beiden Herausforderungen kurz zum Einstieg dargestellt. Hier gelangst du direkt zu diesem Einstieg in der bei Youtube eingestellten Aufzeichnung und kannst dir auch die dann folgende vollständige Diskussion ansehen. Ich habe die Diskussion als sehr konstruktiv erlebt. Ich denke, dass das vielleicht auch ein bisschen an der Art meines Einstiegs lag.
Natürlich sind wir in einer guten Stunde nicht zu einer Lösung gelangt. Vielleicht kann die Aufzeichnung aber helfen, um solche konstruktiven Diskussionen fortzusetzen. Außerdem können auch unabhängig von dieser konkreten Diskussion die beiden Denkwerkzeuge von Perspektivenvielfalt und Reflexion emotionaler Betroffenheit weitergenutzt werden, weshalb ich sie hier in meinem Blog vorstellen wollte.
Fazit
Weder Perspektivenvielfalt noch die Reflexion emotionaler Betroffenheit macht die Lösungsfindung bei komplexen Herausforderungen einfacher. Ganz im Gegenteil. Beides kann uns aber dabei helfen, zu verstehen, dass es für komplexe Herausforderungen wahrscheinlich keine einfachen Lösungen gibt und dass wir gemeinsam herausgefordert sind, uns Schritt für Schritt und gestaltend auf den Weg zu machen.
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