Ein Jahr des Lernens

Veröffentlicht am 17.6.2021

Eine der tollen Sachen an offen lizenzierten Inhalten ist, dass man z.B. Artikel, die man für andere Medien schreibt, zugleich auch selbst veröffentlichen und beliebig weiternutzen kann. Hier dokumentiere ich meine unter CC BY 4.0 veröffentlichte Rezension zu Klaus Zierers Buch ‘Ein Jahr zum Vergessen’ (Herder 2021), die am 14. Juni im Newsletter Bildung.Table erschienen ist.


Würde ich ein Buch zu Bildung in und nach der Corona-Pandemie schreiben, dann fände ich „Ein Jahr des Lernens" einen ganz guten Titel. Denn noch niemals zuvor habe ich erlebt, dass es an Schulen – und zwar von Schülerinnen und Schülern ebenso wie von Lehrkräften – so viel Entdecken, Erkunden und Ausprobieren gab, wie während der Schulschließungen und den diversen Wechselunterrichts-Modellen im letzten Jahr.

Klaus Zierer, Professor für Schulpädagogik an der Universität Augsburg, hat sein heute erscheinendes Buch dagegen „Ein Jahr zum Vergessen" genannt. Der Titel ist eine Übernahme aus einem früheren Artikel von ihm, der ihm aufgrund seiner Doppeldeutigkeit passend erscheint: Erstens, weil Eltern, Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler das Corona-Jahr aufgrund all seiner Widrigkeiten am liebsten vergessen würden. Und zweitens, weil im Corona-Jahr sehr vieles vergessen wurde, was nun zu Lernlücken und einer drohenden Bildungskatastrophe führe.

Ich finde diesen fast ausschließlich defizitorientierten Blick auf die Schulen im Corona-Jahr verfehlt. Verfehlt nicht deshalb, weil ich die von Zierer völlig zu Recht kritisierten Missstände und insbesondere die massive Verschärfung sozialer Disparitäten nicht sehen und teilen würde. Vielmehr bin ich der Auffassung, dass es zur Lösung dieser Missstände ein Weiterdenken in schulischen Bildungsdebatten braucht. Um solch ein ‚Weiterdenken' zu erreichen, sollten die Corona-Erfahrungen nicht vergessen, sondern bewusst aufgegriffen und ausgewertet werden. Die Corona-Pandemie kann in diesem Sinne als ein schulisches ‚Lernlabor' eingeordnet werden, in dem eben nicht nur – wie Zierer richtig feststellt – die Mängel im Bildungssystem überdeutlich sichtbar wurden, sondern auch die Stärken. Zudem galten frühere Grenzen und vermeintliche Selbstverständlichkeiten während der Schulschließungen oft nicht mehr und es war Raum zum Experimentieren. Dieses ‚Lernlabor' fand sicherlich nicht flächendeckend statt – aber doch an so vielen einzelnen Orten, dass die gemachten Erfahrungen nun im Interesse von guter Bildung für alle genutzt werden können. Zierer stellt sich dieser Herausforderung nicht. Deshalb finde ich das Buch wenig hilfreich. Ich möchte dies an drei Themen erläutern.

Zierer zementiert das Denken in Fächern

Das erste Thema ist die Frage, was Lernen heutzutage umfasst und wo es hinführen soll. Eine gute Orientierung stellen hier die sogenannten ‚4K' dar. 4K steht für Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken – und damit für die Schlüsselkompetenzen, die grundlegend sind, damit sich Menschen selbstbestimmt und gestaltend in unsere heutige vernetzte Gesellschaft einbringen können. Zierer nennt die 4K zwar in seinem Buch und orientiert auch darüber hinaus auf eine Reduzierung der Lehrpläne. Widersprüchlich wird das allerdings, wenn er zugleich für einen Ausbau des Bildungsfernsehens plädiert. So sollte für jede Klasse ein ‚Krisenstundenplan' mit den ‚wichtigsten Inputs' entwickelt werden. Daneben schlägt er die Einrichtung von Sommerschulen zur Schließung von Lernlücken vor, die lediglich um erlebnispädagogische Maßnahmen ergänzt werden, diese aber nicht als Fokus haben.

Auf diese Weise zementiert Zierer das überholte Denken in Fächern und Lernstoff, anstatt es zu überwinden. Insbesondere reformpädagogisch geprägte Schulen haben in der Corona-Pandemie dagegen gezeigt, dass es auch anders geht. Schülerinnen und Schüler haben sich mit für sie relevanten Fragestellungen selbstbestimmt, in fächerverbindenden Projekten und im Austausch mit Peers auseinandergesetzt, Informationen recherchiert, sich ihre eigenen Meinungen gebildet und diese präsentiert.

Hilfreich könnte Zierers Buch in Bezug auf die Frage des Lernens sein, wenn er sein einleitendes Plädoyer für die Perspektive der Kinder und Jugendlichen ernst nehmen würde. Doch diese Ankündigung entpuppt sich als Enttäuschung, weil nirgends von einer tatsächlich gestaltenden Rolle von Kindern und Jugendlichen in Lernprozessen die Rede ist. (Der Abschnitt zum Ausbruch von Lernenden aus der erlernten Passivität ist leider lediglich eine Abhandlung gegen eine falsch verstandene Lernfreiheit.)

Räume neu denken

Das zweite Thema ist der Blick auf die Schulen. Zierer plädiert hier für ‚Präsenz vor Distanz'. Er spricht damit sicherlich insbesondere vielen Eltern aus dem Herzen, die in den letzten Monaten mit Homeoffice und parallel zu betreuenden Kindern Zuhause oft am Ende ihrer Kräfte waren. Viel spannender wäre es aber doch, den schulischen Raum neu zu denken. Das bedeutet: Wie lässt sich Schule als sozialer Raum gestalten, der auch außerschulische Orte und das gesellschaftliche Umfeld erfasst? Wie können Schülerinnen und Schüler sowohl online lernen als auch an physischen Orten? Wie könnte auf diesem Weg personalisiertes Lernen deutlich besser realisiert werden, als wenn alle Schülerinnen und Schüler eines Jahrgangs die gesamte Lernzeit dichtgedrängt in einem Klassenzimmer sitzen? Auch hier gibt es – etwa mit dem Roten Salon an der Ernst Reuter Schule in Karlsruhe – bereits zahlreiche tolle Beispiele zur Orientierung. Mit der Corona-Pandemie kam bei vielen Schulen die Erfahrung (und oft auch die benötigte technische Ausstattung) dazu, dass und wie das Internet als Lernraum genutzt und gestaltet werden kann. Die dabei gemachten Learnings können nun in die Breite getragen werden.

Pappkamerad Mehrwert

Damit bin ich beim dritten Thema, bei dem Weiterdenken nötig ist: der Digitalisierung. Zierer plädiert hier erstens für ‚Pädagogik vor Technik'. Das ist eine sehr ärgerliche Pappkameraden-Debatte, denn niemand würde wohl ernsthaft behaupten, dass die Technik vor die Pädagogik gestellt und der Mensch somit der Technik dienen solle. Weiter geht es dann allerdings zweitens mit der Forderung, dass die Nutzung digitaler Medien nur mit erkennbarem Mehrwert für Schülerinnen und Schüler erfolgen soll. Das ist dann nicht mehr nur ärgerlich, sondern verfehlt.

Zierer reduziert Digitalisierung auf technische Werkzeuge, die eben dann zum Einsatz kommen sollen, wenn sie tatsächlich gebraucht werden. Er verkennt, dass Digitalisierung ein gesellschaftlicher Prozess ist, der schon längst das Leben, Arbeiten und eben auch das Lernen von uns allen prägt. Nötig ist deshalb eine Gestaltung von Lernprozessen in und für eine Kultur der Digitalität. Das bedeutet die Gestaltung von Lernprozessen, die vernetztes Denken, einen bewussten Umgang mit Komplexität, gezieltes Einüben von Kollaboration, die Erfahrung der Gestaltbarkeit von Technik sowie die Fähigkeit zu Teilen und Remix zur Grundlage haben. Mit solch einem umfassenden Blick auf die Digitalisierung können wir ein Bildungsziel erreichen, das Menschen im Blick hat, die die Gesellschaft gestalten und wo nötig auch verändern können. Wie richtig und relevant dieses Bildungsziel ist, hat uns nicht zuletzt die Corona-Pandemie vor Augen geführt.

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