Zeitgemäße Bildungsmaterialien – veranschaulicht am Beispiel von vier Online-Simulationen

Die Initiative Edulabs hat Mitte April ihre Reflexionen zu freien und zeitgemäßen Bildungsmaterialien verbloggt. Wichtige Kriterien sind hierfür aus ihrer Sicht nicht nur rechtliche und technische Offenheit, sondern vor allem auch didaktische Offenheit. Letztere ist unter anderem dadurch gegeben, dass das Material zum eigenständigen Erkunden einlädt und sich an Lehrende und Lernende gleichermaßen richtet. Im Internet bin ich auf vier Online-Simulationen gestoßen, die ein wunderbares Anschauungsbeispiel für zeitgemäße Bildungsmaterialien in diesem definierten Sinn von rechtlicher, technischer und didaktischer Offenheit sind – und die sich damit für den Einsatz in unterschiedlichen Bildungskontexten eignen.

Interaktives Spiel zur Weisheit/Dummheit von kollektiven Entscheidungen

Von Nicky Case stammt die interaktive Simulation ‚the wisdom and/or madness of crowds‘. In rund dreißig Minuten kann man mit dieser Simulation erkunden und ausprobieren, warum sich Gerüchte und Fake-News oft rasend schnell verbreiten, während komplexere Ideen und Konzepte kaum bekannt werden. Oder wie es kommt, dass Gruppen sich kollektiv falsch oder eben manchmal auch richtig entscheiden. Die eigene Aufgabe in der Simulation ist es, Verbindungen zwischen Menschen zu gestalten und zu erkunden, was jeweils mit einer bestimmten Information geschieht.

Die Original-Version der Online-Simulation ist englischsprachig. An einer deutschen Übersetzung wird via Github bereits gearbeitet – weitere Unterstützung ist gerne gesehen. Das ist übrigens eine wunderbare Möglichkeit, um zu zeigen, dass man zur Gestaltung von Online-Bildungsmaterialien nicht programmieren können muss, sondern sich z.B. auch durch Übersetzung an der Weiterentwicklung beteiligen kann.

Textanalyse durch Wortverknüpfungen

Textanalyse via Wortwolken ist bereits vielen bekannt. Durch die Häufigkeit bestimmter Worte lassen sich so zentrale Konzepte und Ideen eines Textes veranschaulichen. Noch einen Schritt weiter geht das Tool Wordwanderer. Auch hier kann ein bestimmter Text hochgeladen werden. Neben der Anzeige der Worthäufigkeiten kann dann aber auch die Verbindung von unterschiedlichen Begriffen analysiert werden. Dazu verbindet man einfach die gewünschten Begriffe zur Analyse mittels Drag and Drop. Entwickelt ist das Tool für englischsprachige Texte, aber bringt dennoch auch für deutsche Texte spannende Einsichten. Hilfreich ist es dazu unter Optionen häufige Wörter wie z.B. der, die, das auszublenden.Zum Erkunden eignen sich literarische Texte ebenso wie z.B. aktuelle politische Reden. Vor diesem Hintergrund kann das Tool in unterschiedlichen Bildungskontexten und sehr vielfältig zum Einsatz gebracht werden.

Subjektivierte Statistiken zur Lebenserwartung

Eine spannende Art zur Visualisierung von Statistiken stellt die Initiative FlowingData zur Verfügung. Im hier ausgewählten Tool geht es um die Statistik zur durchschnittlichen Lebenserwartung – für die meisten Menschen ein wenig greifbare Zahl. Mit der interaktiven Simulation ‚Years you have left to live‘ wird die durchschnittliche Lebenserwartung subjektiviert, d.h. man gibt sein aktuelles Alter und sein Geschlecht an – und kann in der Simulation anhand von Wahrscheinlichkeiten mitverfolgen, wie lange die eigene Lebenserwartung ist. Eine Folge-Simulation gibt es zum Thema der eigfenen, wahrscheinlichen Todesursache. Ich finde diese Simulationen sowohl für thematisch passende Unterrichtseinheiten z.B. im Ethik- und Religionsunterricht spannend, als auch als allgemeines Beispiel dafür, wie Statistiken durch Subjektivierung greifbar gemacht werden können.

Rekursives Zeichnen

Das Tool Rekursive Drawing ermöglicht die Darstellung von komplexen Zeichnungen – ausgehend on nur zwei Grundelementen: einem Quadrat und einem Kreis. Diese beiden Grundelemente können gedreht, vergrößert und verkleinert sowie zu neuen Formen zusammengesetzt werden (aus einem Quadrat und zwei Kreisen kann z.B. ein Herz entstehen). Richtig spannend ist das Tool aber durch die Möglichkeit, Verkettungen zu generieren. Beispiel: wenn in ein Quadrat ein weiteres Quadrat gezogen wird, wird diese Reihe fortgesetzt – es ergibt sich eine unendliche Reihe von Quadraten. Wenn das zweite Quadrat etwas verkleinert wird, wird das dritte noch ein bißchen mehr verkleinert etc. Was auf den ersten Blick nur wie eine nette Online-Kritzelei erscheint, offenbart bei näherem Erkunden schnell ein noch deutlich größeres Potential: Erkundet werden können logische Verkettungen und Folgen – und das alles mit direkter grafischer Widerspiegelung. Für den Entwickler ist das Tool ein Experiment zum Erkunden von räumlich orientierten Programmierumgebungen.

Besonders schön finde ich, dass alle vier Bildungsmaterialien zugleich Beispiele sind für die große Kreativität im Internet und Lust darauf machen, auch selbst aktiv zu werden und eigene Ideen und Tools zu entwickeln und frei zu veröffentlichen.