Wozu lernen und lehren wir? Gemeinsam Nordsternfragen entwickeln!

Auf einer Metaplankarte steht 'Nordsterne'

Wir sind als Menschheit mit zahlreichen gesellschaftlichen und ökologischen Krisen konfrontiert. In der pädagogischen Tätigkeit stehen wir somit vor der Frage, wie wir Bildung in dieser Situation zu einem Teil der Lösung machen und Lernen so gestalten, dass es zu einer l(i)ebenswerten Welt beiträgt. Relativ klar ist hier: Nötig ist dazu Transformation. Wir können uns dazu „in die Zukunft lehnen“, bestehende Strukturen und Mechanismen hinterfragen und Gestaltungsspielräume öffnen und nutzen. Genau deshalb habe ich in einem früheren Blogbeitrag für einen erweiterten Nordstern in der Bildung plädiert.

Im Folgenden möchte ich daran anschließen und „Nordsternfragen“ als ein sehr wirkmächtiges Instrument zur Denköffnung und Gestaltung vorstellen. Ich arbeite damit selbst sehr viel und nutze sie zunehmend auch als methodische Rahmung in Workshops und Lernangeboten.

Was sind Nordsternfragen?

Nordsternfragen sind Fragen, die nicht direkt den nächsten Handlungsschritt innerhalb eines bestehenden Systems suchen, sondern zunächst bewusst das Denken öffnen, indem ein größerer und grundlegender Orientierungspunkt (= der Nordstern) zur Ausrichtung des Handelns in den Blick genommen wird. Auf diese Weise helfen Nordsternfragen überhaupt erst einmal einen Möglichkeitsraum zu öffnen. Sie fragen nicht in erster Linie: Wie lösen wir das Problem xyz? Sondern: Was wollen wir ermöglichen? Auf diese Weise sind sie grundsätzlich konstruktiv-gestaltend, statt passiv-abwehrend formuliert. Ihre transformative Wirkung liegt nicht darin, dass sie direkt bessere Antworten liefern, sondern dass sie erst einmal einfach Fragen sind, die mehr Bewegung auslösen können.

Wie lassen sich Nordsternfragen entwickeln?

Für die Entwicklung von Nordsternfragen braucht es als erstes Raum zum Innehalten. Nötig ist eine doppelte Bewusstmachung: nach außen und nach innen.

  • Nach außen gilt es, Bildung gesamtgesellschaftlich zu verankern. Schule und andere Bildungseinrichtungen sind nicht isoliert von der sie umgebenden Welt. Wir leben in einer Welt mit sehr viel Schönheit und Wundern, die zugleich an immer mehr Stellen brüchig und zerstört wird. Diese radikale Gegenwart sollten wir uns als Ausgangspunkt klar machen.
  • Nach innen gilt es, im Sinne einer potentialorientierten Bildung, sich bewusst zu werden, dass wir Menschen über vielfältige Potentiale und Fähigkeiten verfügen, die entfaltet und entwickelt werden können. Die Achtung der Würde jeder einzelnen Person ist damit Ausgangspunkt für pädagogisches Handeln.

Wichtig finde ich an dieser Stelle, dass diese Ausrichtung nach innen und nach außen keine beliebige Setzung ist, die leicht auch als „politische Instrumentalisierung“ angekreidet werden könnte. Stattdessen basiert diese Bewusstmachung auf der Übereinkunft einer demokratischen und sozialen Gesellschaft, was aus meiner Sicht nicht nur eine ‚erlaubte‘, sondern eine notwendige Setzung ist.

Mit dieser Bewusstmachung lässt sich dann in eine „Wozu?“-Kette gehen. Unten zeige ich dieses Vorgehen an konkreten Beispielen. Wichtig ist hier eine Wozu-Orientierung und gerade nicht eine Warum-Orientierung. Während mir das „Warum?“ erlauben würde, die Herausforderung in der Tiefe besser zu verstehen und sie konkret zu fassen (was in vielen Fällen auch sehr hilfreich sein kann), geht es beim „Wozu?“ um die Frage nach der Ausrichtung und damit um eine Öffnung. Es entwickelt sich also die Frage:

Was ist im Kontext von gesellschaftlichen Krisen und vor dem Hintergrund menschlicher Potenziale das Ziel, das ich sehr grundlegend erreichen will?

Eine solche Wozu-Kette funktioniert dann gut, wenn man wirklich so lange weiter fragt, bis sich neue Spielräume und Gestaltungsperspektiven öffnen. Ich erlebe das meist so, dass es nach drei bis vier Wozu-Fragen der Fall ist. Wenn auch dann noch der Eindruck besteht, dass kein neuer Spielraum sichtbar ist, dann kann man einfach weiter fragen.

Wenn der Gestaltungsraum dann sichtbar geworden ist, lässt sich die gefundene Nordsternfrage zur Ausgangsfrage zurückspiegeln, um zu sehen, was mit dieser passiert.

Wie funktioniert das ganz praktisch?

Um Nordsternfragen zu entwickeln, ist nach der grundsätzlichen und oben skizzierten Bewusstmachung (= Schritt 0) ein Dreiklang nötig:

  1. Öffnen: Eine eventuell geschlossene Frage wird in eine offene Frage umformuliert. Aus „Welches KI-Tool soll ich am besten für die Unterrichtsvorbereitung einsetzen?“ wird so „Wie wähle ich KI-Tools für meine Unterrichtsvorbereitung aus?“
  2. Ausrichten: Diese offene Frage wird dann mit der Wozu-Treppe ausgerichtet. Also zum Beispiel: Wozu will ich KI-Tools für meine Unterrichtsvorbereitung auswählen? (Mögliche Antwort: Weil ich Unterricht schneller vorbereiten will.) Wozu will ich Unterricht schneller vorbereiten? (Um mehr Zeit für pädagogische Beziehungsarbeit zu haben.) Wozu will ich mehr Zeit für pädagogische Beziehungsarbeit haben? (Um gutes Lernen zu gestalten.) Die Nordsternfrage ist dann also: Wie kann ich gutes Lernen gestalten?
  3. Rückspiegeln: Die sehr große Nordsternfrage wird wieder zur ursprünglichen Frage in Beziehung gesetzt und es wird geschaut, was mit dieser Ausgangsfrage passiert.

Insbesondere das Rückspiegeln im dritten Schritt ermöglicht es, konkret und trotzdem ausgerichtet zu fragen. Durch das Rückspiegeln können mit der ersten Frage ganz unterschiedliche Dinge passieren:

  • Die ursprüngliche Frage bekommt ein Ziel: Sie bleibt bestehen, wird aber durch die Nordsternfrage qualifiziert: Wie wähle ich KI-Tools so aus, dass ich gute Bildung gestalten kann?
  • Die ursprüngliche Frage bekommt einen anderen Fokus: Sie verschiebt sich, weil im Licht der Nordsternfrage klar wird, dass eigentlich etwas anderes wichtiger ist: Wie wähle ich KI-Tools so aus, dass ich eine digital-mündige Haltung vorlebe und dazu inspiriere?
  • Die ursprüngliche Frage stellt sich gar nicht mehr: Sie löst sich auf, weil sie sich vor dem Hintergrund der Nordsternfrage als Symptom oder Nebenschauplatz erweist: Wie gestalte ich im Kontext der Möglichkeiten von KI freudvolles und potentialorientiertes Lernen?

Beim Rückspiegeln kann es hilfreich sein, die Nordsternfrage in jedem Fall als eigenständige Frage stehen zu lassen. Im besten Fall arbeitet man mit beiden Fragen weiter: Die Nordsternfrage gibt die Richtung und die rückgespiegelte Frage hilft beim nächsten, konkreten Schritt.

In welchem Kontext ist es hilfreich, Nordsternfragen zu entwickeln?

Nordsternfragen lassen sich zum einen als Denkanstoß für einen selbst oder auch als Impuls für andere individuell entwickeln und dann zum Beispiel in Gesprächen oder in Vorträgen nutzen. Ich finde es auch sehr hilfreich, wenn ich Konferenzen besuche, genau diese Perspektive als Rückfrage in Plenumsdiskussionen aufzumachen. Für diesen Einsatzzweck lässt es sich übrigens auch gut mit KI-Sprachmodellen als Resonanzmaschinen weiterdenken.

Hier ist dazu ein exemplarischer (und KI-generierter) Prompt, der das in diesem Blogbeitrag beschriebene Vorgehen enthält und mit dem du dich Schritt für Schritt durch den Prozess führen lassen kannst.

Zweitens nutze ich dieses Vorgehen gerne bei Anfragen zur Gestaltung von Lernangeboten, die mich erreichen. Gemeinsam z.B. mit dem Vorbereitungsteam eines Pädagogischen Tages können wir in diesem Sinne gesammelte Bedarfe aus dem Kollegium noch einmal genauer betrachten und ihnen eine Richtung geben.

Drittens lässt sich die Entwicklung von Nordsternfragen auch als kollaborativer Aneignungsprozess gestalten. Dann ist die Entwicklung von Nordsternfragen Teil eines Lernangebots. Ausgangspunkt kann sein, erst einmal Bedarfe zu sammeln: Vor welcher Herausforderung stehen wir gerade? Die für die Gruppe wichtigsten Fragen zu clustern und zu priorisieren und dann Schritt für Schritt durch den oben beschriebenen Prozess zu führen. Im Ergebnis entstehen dann Nordsternfragen, die zum Beispiel für einen dann folgenden Open Space genutzt und bearbeitet werden können.

Drei Beispiele: Von Problembewältigung zu intentionaler Gestaltung

Um das Prinzip von Nordsternfragen deutlicher zu machen, teile ich hier drei Beispiele, wie das Vorgehen – egal ob individuell oder kollaborativ – gestaltet sein könnte. Angesetzt wird hier jeweils nach der Bewusstmachung nach außen und nach innen.

Beispiel 1: KI-resiliente Prüfungskultur

Bedarfsfrage: Sollen wir KI-resiliente Prüfungen einführen?

  1. Öffnen: Wie gestalten wir eine KI-resiliente Prüfungskultur?
  2. Ausrichten:
    Wozu wollen wir eine KI-resiliente Prüfungskultur? → Damit Prüfungen weiterhin valide messen, was Lernende können.
    Wozu wollen wir valide messen, was Lernende können? → Damit wir Lernfortschritt erkennen und gerecht beurteilen können.
    Wozu wollen wir Lernfortschritt erkennen und beurteilen? → Damit Lernende ihr Können erleben und sich weiterentwickeln.
    Wozu sollen Lernende ihr Können erleben und sich weiterentwickeln? → Damit Bildung Wachstum und Selbstwirksamkeit ermöglicht.

Nordsternfrage: Wie ermöglichen wir durch Bildung Wachstum und Selbstwirksamkeit?

  1. Rückspiegeln: Die Ausgangsfrage bekommt eine Ausrichtung. Aus „Wie gestalten wir eine KI-resiliente Prüfungskultur?“ wird: Wie gestalten wir eine Prüfungskultur so, dass sie Wachstum und Selbstwirksamkeit ermöglicht?

Beispiel 2: Social Media in der Schule

Bedarfsfrage: Sollen wir Social Media an unserer Schule verbieten?

  1. Öffnen: Wie gehen wir an unserer Schule mit Social Media um?
  2. Ausrichten:
    Wozu wollen wir einen guten Umgang mit Social Media an unserer Schule? → Damit Schüler:innen keinen Schaden nehmen und nicht abhängig werden.
    Wozu wollen wir, dass sie nicht abhängig werden? → Damit sie ihre Aufmerksamkeit selbst lenken können.
    Wozu sollen sie ihre Aufmerksamkeit selbst lenken können? → Damit sie wirklich verbunden sein können – mit sich, mit anderen, mit der Welt.
    Wozu wollen wir, dass sie wirklich verbunden sein können? → Damit sie für sich und andere eine l(i)ebenswerte Welt gestalten können.
    Nordsternfrage: Wie ermächtigen wir zur Gestaltung einer l(i)ebenswerten Welt?
  3. Rückspiegeln: Die Ausgangsfrage bekommt einen anderen Fokus. Statt weiter primär über Social Media zu sprechen, rückt die Frage in den Mittelpunkt: Wie gestalten wir Schule als Ort, an dem junge Menschen Sicherheit, Verbundenheit und Zuversicht erfahren und entwickeln? Social Media ist dann nur ein Aspekt unter vielen.

Beispiel 3: Prüfungsangst

Bedarfsfrage: Wie reduzieren wir Prüfungsangst bei Schüler*innen?

  1. Öffnen: Wie gehen wir mit Prüfungsangst bei unseren Schüler:innen um?
  2. Ausrichten:
    Wozu wollen wir gut mit Prüfungsangst umgehen? → Damit Schüler:innen nicht leiden und besser lernen können.
    Wozu wollen wir, dass sie gut lernen können? → Damit Lernen nicht mit Angst, sondern mit Neugier verknüpft ist.
    Wozu soll Lernen mit Neugier verknüpft sein? → Damit Lernen Freude macht und Potenziale entfaltet.

Nordsternfrage: Wie gestalten wir Lernen so, dass es Freude macht und Potenziale entfaltet?

  1. Rückspiegeln: Die Ausgangsfrage stellt sich gar nicht mehr; jedenfalls nicht in der ursprünglichen Form. Wenn Lernen freudvoll und potentialorientiert gestaltet wird, dann ist Prüfungsangst nicht das eigentliche Problem, sondern Symptom einer Lernkultur, in der Fehler als Bedrohung erlebt werden. Die Frage wandelt sich: Wie gestalten wir eine Lernkultur, in der sich Schüler:innen neugierig und freudvoll lernen können?

Fazit

Der Vorschlag zur Entwicklung von Nordsternfragen wirkt auf den ersten Blick vielleicht relativ banal. Man könnte den Eindruck haben, dass das ja ohnehin klar sei, dass es ja immer um eine gute Bildung gehen würde. Das müsse man dann ja nicht eigens explizit zur Sprache bringen. Ich erlebe allerdings immer wieder, dass genau das einen Unterschied macht. Denn die eigentliche pädagogische Intention gerät im Klein-Klein und in all den Herausforderungen des pädagogischen Alltags leider immer wieder aus dem Blick. Und Systeme sind sehr gut darin, sich eben gerade nicht zu verändern. Mit der Entwicklung von Nordsternfragen ist deshalb eine Öffnung möglich. Es wird klarer, woran wir weiterdenken und gestalten können, um gemeinsam mit unserem Handeln einen Unterschied zu machen.

Wenn du deshalb die Entwicklung von Nordsternfragen für dich selbst und gemeinsam mit anderen auszuprobieren möchtest, dann wünsche ich dir dabei viel Freude und gutes Gelingen!


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