TINA steht für ‚There is no Alternative‘. Margaret Thatcher benutzte diesen Slogan, um in den 90er Jahren in Großbritannien Sozialkürzungen als unvermeidlich darzustellen. Aktuell hat er im KI-Diskurs Hochkonjunktur.
Sehr verkürzt wiedergegeben, geht die Argumentation dazu häufig wie folgt:
Künstliche Intelligenz ist eine disruptive Entwicklung, die unser aller Leben immer stärker prägt. Es hat deshalb keinen Sinn, sich dagegen aufzulehnen. Sie wird trotzdem bleiben. Man sehe das auch an früheren Widerständen gegen technologische Erneuerungen – etwa an Platons Kritik an der Schrift, an den Aufständen der Weber gegen die Industrialisierung, an den Protesten der Kino-Musiker:innen gegen den Tonfilm. All diese Widerstände wurden letztlich von der technologischen Entwicklung überrollt.
Ich möchte dieser Darstellung gerne drei Impulse entgegenstellen:
- Solch eine Darstellung wird aus der heutigen Perspektive erzählt und bezieht sich auf technische Entwicklungen, die sich durchgesetzt haben. Es ist also eine Siegererzählung, die die Kritik zwangsläufig als rückwärtsgewandte Fortschrittsablehnung einordnet. Damit verkennt man aber, dass sich längst nicht alle technischen Entwicklungen durchgesetzt haben. Und auch, dass aus der Durchsetzung technischer Entwicklungen in der Vergangenheit nicht zwangsläufig folgt, dass sich auch die KI-Entwicklung durchsetzen muss.
- Die Darstellung suggeriert, dass der Widerstand sinnlos gewesen sei. Die technische Entwicklung habe ihn überrollt. Das verkennt, dass mit diesem Widerstand durchaus immer wieder viel erreicht wurde, zum Beispiel im Rahmen der Industrialisierung sehr viele soziale Errungenschaften. Unsere Welt wäre ohne diese Widerstände deshalb heute eine andere.
- Die Darstellung lenkt von der eigentlichen inhaltlichen Auseinandersetzung ab. Kritik an KI ist ja nicht einfach ein ‚gegen technischen Fortschritt‘ sein. Vielmehr geht es um inhaltlich begründete Aspekte, wo die gegenwärtige KI-Entwicklung in der Tat Lücken, Ungerechtigkeiten und ganz reale Zerstörung bedeutet. Sehr oft richtet sich die Kritik auf die materiellen Hintergründe von KI: Ausbeutung von Ressourcen, Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft, Zunahme von (globaler) Ungleichheit, Demokratieabbau durch zunehmende Machtkonzentration … Der Duktus – KI wird sich durchsetzen – folgt dagegen einem technischen Determinismus und ignoriert die Interessen hinter dieser Tecnologie.
Ich habe diese Argumentation – etwas weniger ausführlich – ursprünglich zu einem LinkedIn-Post von Florian Nuxoll aufgeschrieben. Er reagierte darauf mit der berechtigten und konstruktiven Erwiderung:
Falls du einen gangbaren Weg siehst, auf dem sich diese Entwicklung nicht nur gestalten, sondern tatsächlich anders entscheiden lässt, bin ich dafür ernsthaft offen.
Ich finde: Ein Verzicht auf TINA-Rhetorik entbindet uns gerade in der Bildung natürlich nicht von der Verantwortung, KI als Teil der Lebensrealität ernst zu nehmen und uns damit auseinanderzusetzen. Wir sollten uns aber nicht als Getriebene fühlen, die sich einer unvermeidlichen Entwicklung nur noch anpassen und auch Lernende nur noch entsprechend vorbereiten müssen. Denn das ist im Kern eine antidemokratische Perspektive. Stattdessen gilt es aus meiner Sicht zu verstehen, mit was wir es zu tun haben, darüber zu reflektieren, auch alternative technische Möglichkeiten auszuprobieren und KI-Entwicklung an inhaltlichen Kriterien zu messen, die wir uns für eine gute Zukunft für alle als notwendig erachten. Es ist dabei nie egal, was wir als einzelne tun, denn mit unseren Entscheidungen und Handlungen haben wir immer Einfluss auf andere. Genau daraus entsteht dann unsere Zukunft.
Wenn wir auf TINA-Rhetorik verzichten, dann stellen wir uns somit also allen voran der Herausforderung, dass die Zukunft nicht fertig vor uns liegt, sondern dass wir sie gemeinsam gestalten und dass wir genau dazu auch Lernende ermächtigen. Zu dieser Zukunftsgestaltung gehört dann auch die technische Entwicklung, die ja immer auch eingebunden ist in ebenfalls menschengemachte, gesellschaftliche Verhältnisse.
Und zur Frage, ob denn grundlegende Änderungen ausgehend von den Handlungen Einzelner überhaupt realistisch seien, stimmt mich immer wieder das folgende Zitat aus ‚Presencing‘ von Otto Scharmer zuversichtlich, das dem Nobelpreisträger Ilya Prigogine zugeschrieben wird:
„Wenn ein komplexes System weit vom Gleichgewicht entfernt ist, haben kleine Inseln der Kohärenz in einem Meer von Chaos die Fähigkeit, das gesamte System in eine höhere Ordnung zu heben.“

Beitrag weiternutzen und teilen
Dieser Beitrag steht unter der Lizenz CC BY 4.0 und kann somit gerne offen weitergenutzt und geteilt werden. Hier kannst du dir den Beitragslink und/oder den Lizenzhinweis kopieren. Wenn du den Beitragslink in das Suchfeld im Fediverse (z.B. bei Mastodon) eingibst, wird er dir dort angezeigt und du kannst ihn kommentieren.
