Warum eine ‚Ackergaul versus Rennpferd‘- Metapher pädagogisch nicht weiterhilft

Ein S/W Bild eines Pferdes, das über ein Gatter blickt.

Im Bildungskontext begegnen mir immer wieder Argumente, die Leistungsunterschiede zwischen Lernenden mit vermeintlich natürlichen Grenzen erklären. Häufig werden dabei bildhafte Metaphern verwendet. Ein typischer Ausspruch dieser Art ist zum Beispiel:

„Wir können uns da natürlich immer viel wünschen, aber aus einem Ackergaul werden wir nun mal kein Rennpferd machen!“

Auf den ersten Blick mögen solche Vergleiche plausibel und realistisch erscheinen. Aus meiner Sicht sind sie allerdings pädagogisch nicht hilfreich und gesellschaftlich tendenziell gefährlich. Als Erwiderung bzw. alternative Perspektive finde ich hier drei Aspekte wichtig:

  • Erstens nicht biologistisch zu argumentieren, sondern anzuerkennen, dass der Mensch ein kulturelles und damit immer auch lernendes Wesen ist.
  • Zweitens sich pädagogisch an einem Growth Mindset zu orientieren.
  • Und drittens das Recht auf Bildung als Grundlage pädagogischer Tätigkeit zu nehmen.

Diese drei Aspekte möchte ich im Folgenden näher ausführen:

1. Der Mensch als lernendes Wesen

Der Hinweis auf die nun einmal bestehende natürliche Differenz zwischen einem Ackergaul und einem Rennpferd klingt erst einmal sehr plausibel. Wer sich einen Ackergaul und ein Rennpferd bildlich vorstellt, wird zweifellos feststellen, dass es zwischen beiden Unterschiede gibt, die sich nicht einfach mal schnell durch ein bisschen Training nivellieren lassen.

Genau deshalb ist die Übertragung dieses Bildes auf Lernende aber aus meiner Sicht verkürzt. Denn es ist nicht stimmig, Menschen allein auf ihre Biologie zu reduzieren. Natürlich gibt es wie bei Pferden auch bei Menschen biologische Unterschiede. Menschen sind immer und vor allem aber auch kulturelle Wesen, die also (deutlich mehr als Pferde) lernen und sich weiter entwickeln können. Biologische Unterschiede determinieren nicht vollständig das Entwicklungspotenzial!

Entscheidend finde ich in diesem Zusammenhang auch, dass Bildung aus gutem Grund eine lebenslange Herausforderung ist. Auch wer also bereits jugendlich oder erwachsen ist, muss weiterhin die Möglichkeit zum Lernen und zu Entwicklung haben.

2. Lernen mit Growth Mindset

Der Verweis auf Ackergaul und Rennpferd kann in der Pädagogik vor allem als Entlastung für die eigene Tätigkeit verwendet werden. Wenn ich es als pädagogisch tätige Person in diesem Sinne eben mit einem Ackergaul zu tun habe, dann hilft da keine pädagogische Anstrengung. Ich werde kein Rennpferd daraus machen können!

Genau diese Entlastung ist aber eine Verkehrung der Realität. Denn unser Bildungssystem ist gerade dadurch gekennzeichnet, dass Lernende viel zu oft und auch viel zu früh in eine bestimmte Kategorie einsortiert und somit als ‚Ackergaul‘ abgestempelt werden, dem weitere Entwicklungsmöglichkeiten verwehrt bleiben. Am deutlichsten zeigt sich das am gegliederten Schulsystem. Regelmäßig wird hier z.B. in den Pisa-Studien empirisch belegt, dass eine Einsortierung von Kindern auf unterschiedliche Schulformen nur wenig aufgrund einer vermeintlichen Leistung, sondern vor allem aufgrund der sozialen Herkunft erfolgt.

An dieser strukturellen Ungerechtigkeit werde ich individuell als Lehrkraft zwar meistens nicht direkt etwas ändern können. Mindestens sollte ich die Einsortierung und Reduzierung von Entwicklungsmöglichkeiten aber nicht auch noch rechtfertigen, sondern Lernen für alle einfordern und im Rahmen bestehender Möglichkeiten auch umsetzen. Dazu braucht es die Haltung eines ‚Growth Mindset‘, also eines grundsätzlich wachstumsorientierten Blicks auf Lernende. Das bedeutet: Vielleicht können nicht alle alles lernen, aber mindestens können sehr viele sehr viel mehr lernen, als ihnen oft zugetraut wird!

3. Recht auf Bildung

Neben der oben beschriebenen Entlastungsfunktion schwingt bei Metaphern wie denen von Ackergaul und Rennpferd oft auch eine Effizienzlogik mit. Es lässt sich in diesem Sinne argumentieren, dass sich der Einsatz von Bildungsressourcen für Ackergäule ja auch gar nicht lohne. Da würde dann ja ohnehin keine Spitzenleistung dabei rauskommen und man könne es deshalb auch gleich lassen.

Im Gegensatz steht hierzu allerdings das Recht auf Bildung, über das jeder Mensch verfügt und das gesamtgesellschaftlich und pädagogisch immer wieder von Neuem durchgesetzt werden muss. Anders als bei einer Effizienzlogik wird hier sehr bewusst Vielfalt wertgeschätzt und es werden Entwicklungsmöglichkeiten für alle geöffnet. Das Leitbild ist dann eine Gesellschaft, in der alle sich kontinuierlich weiter entwickeln können und für ihre Beiträge wertgeschätzt werden. Denn auch das gilt es ja beim Ackergaul/Rennpferd-Bild zu hinterfragen: Wer legt eigentlich fest, dass ein Ackergaul weniger wert sein soll als ein Rennpferd?

Fazit

Wenn ich das nächste Mal mit einem Ackergaul-versus-Rennpferd-Bild konfrontiert bin, werde ich folgendermaßen erwidern:

Ich finde nicht, dass dieses Bild uns pädagogisch weiterhilft. Denn als Menschen sind wir lernende Wesen und eine biologistische Perspektive auf Lernende wäre deshalb verkürzt. Biologische Unterschiede determinieren nicht vollständig die Lernmöglichkeiten! Das Bild lenkt uns auch ab von unserer eigentlichen pädagogischen Aufgabe: nicht abstempeln und einsortieren, sondern immer wieder Entwicklungsmöglichkeiten im Sinne eines Growth Mindset schaffen. Damit orientieren wir uns dann am Recht auf Bildung und können auf eine Gesellschaft hin arbeiten, in der Vielfalt wertgeschätzt wird und alle sich ausgehend von ihren Bedürfnissen, Fähigkeiten und Interessen einbringen und weiter entwickeln können und dafür wertgeschätzt werden.

Vielleicht kann dir diese Argumentation ebenfalls helfen! 🙂


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2 Antworten
  1. @nele Interessant finde ich die Akzeptanz, welche wohl auch in pädagogischen Kreisen das Ideal des Rennpferdes, das lediglich dem Vergnügen einer Wette auf den Sieger dient über das des Ackergauls, auf dessen Schultern das Wohl der Gesellschaft ruht (mal geruht hat), stellt.

    1. Ja, das ist ein guter Punkt. In meinem Text kommt das nur ganz am Ende vor (= Wer sagt eigentlich, dass ein Rennpferd wertvoller ist, als ein Ackergaul?), aber genau darauf ließe sich sicherlich ein Schwerpunkt legen.

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