Reflektierendes Selbstlernen mit der Methode #vor3Jahren

Veröffentlicht am 16.7.2021

Bild: Pinnwand mit Themenwünschen der Teilgebenden beim OERcamp 2018 in Hattingen.

Wahrscheinlich wirst auch du über die eine oder andere App bzw. ein soziales Netzwerk immer mal wieder daran erinnert, was Du heute vor x Jahren gemacht hast. Persönlich ist das für mich oft ein schöner Anstubser, um mir etwas in Gedanken zurückzurufen, was ich schon fast vergessen hatte. Daran anschließend habe ich mir überlegt, ob sich solche Rückblicke nicht auch wunderbar für das eigene Lernen nutzen lassen. Entstanden ist auf diese Weise die Idee zu #Vor3Jahren. Es handelt sich dabei um eine Methode für reflektierendes Selbstlernen. In diesem Blogbeitrag stelle ich sie vor.

Hintergrund

Schon vor einiger Zeit habe ich mein Erstaunen darüber getwittert, wie ‘schlecht’ ich oft Sachen von mir finde, die ich vor über einem Jahr geschrieben habe:

Wenn ich lese, was ich vor einem Jahr oder früher geschrieben habe, dann denke ich oft: "Was habe ich damals nur für einen Blödsinn verfasst?" Einerseits toll, weil ich offensichtlich lerne. Andererseits aber auch erschreckend.

Wie geht das Euch mit Euren Sachen?

— Nele Hirsch (@eBildungslabor) March 20, 2021

In den Antworten haben andere berichtet, dass es ihnen ähnlich geht - und auch, dass sie das im Sinne eines kontinuierlichen Lernens durchaus begrüßenswert finden. Ich habe mich daraufhin gefragt, ob man ‘Rückblicke’ in die eigene Vergangenheit nicht bewusst und gezielt zum eigenen Lernen nutzen könnte. Dabei muss es sich nicht nur um das ‘Lernen aus Fehlern’ handeln. Ebenso könnten Rückblicke zur ‘Wiedervorlage’ spannender Ideen oder zur Reaktivierung eines Kontakts genutzt werden.

Methode

Als Idee habe ich die Methode #Vor3Jahren entwickelt. Ich habe sie zunächst für mich selbst als ‘Selbstverpflichtung zur Unterstützung meines eigenen Lernens’ formuliert. Diese lautet:

Ungefähr einmal im Monat nehme ich mir Zeit, um mir anzusehen, was ich vor drei Jahren gemacht habe. Daraus wähle ich drei Sachen aus, aus denen ich heute lernen kann. Meine Learnings kann ich mit anderen teilen.

Ich nutze diese drei Kategorien:

  1. ‘Oh je, was habe ich denn damals gemacht? Was lerne ich daraus heute?’
  2. ‘Das war ja eigentlich eine spannende Idee. Ließe sich das nicht auch jetzt nochmals aufgreifen?’
  3. ‘Wer war denn diese Person mit der ich damals in Kontakt war und was macht sie jetzt gerade?’

Ebenso lässt sich die Methode sicherlich als Team umsetzen und gemeinsam reflektieren.

Umsetzung

Da ich - wie auch heute - schon vor drei Jahren sehr viel online gearbeitet habe, ist es nicht schwer, herauszufinden, was ich damals gemacht habe. Am einfachsten ist es für mich, mir über die erweiterte Suche bei Twitter. Dort kann ich mir alle Tweets anzeigen lassen, die ich in diesem Monat vor drei Jahren getwittert habe. Eine andere Anlaufstelle wäre mein Blog oder mein Kalender.

Warum 3 Jahre zurück?

Für mich sind drei Jahre ein guter Abstand, weil er erstens noch dicht genug an heute ist, so dass meine damaligen Aktivitäten auch für meinen jetzigen Kontext grundsätzlich noch relevant sind. Andererseits ist es aber auch schon weit genug weg, das ich seitdem (hoffentlich) dazu gelernt habe und Sachen anders einschätze. Auch ist es weit genug weg, dass ich viel davon, was ich damals gemacht habe, ohne bewussten Rückblick nicht mehr präsent habe.

Beispiel

Den ersten Einsatz der Methode bei mir fand ich ziemlich interessant. In den drei Kategorien habe ich die folgenden Sachen gefunden:

‘Oh je, was habe ich denn da gemacht? Was lerne ich daraus?’

Vor drei Jahren habe ich unter anderem die YOURLS Software zur Gestaltung eines eigenen URL-Kürzers in meinem Blog vorgestellt. Dazu hatte ich auch eine Beispiel-Installation unter der URL krzl.de eingerichtet, die aber nicht mehr läuft. Darum wirkt der Tweet auf mich eher peinlich, weil die Verlinkung nicht mehr funktioniert. Ich lerne daraus, dass ich mir zukünftig mehr Gedanken darüber machen möchte, wie ich Sachen auffindbar behalte. Bei all dem vielen Ausprobieren, was ich betreibe, könnte die Einrichtung eines ‘Labs’ als Unterseite auf meiner Website (statt immer wieder einer kurzzeitigen Domain) eine gute Lösung dazu sein.

‘Das war ja eigentlich eine spannende Idee. Ließe sich das nicht auch jetzt nochmals aufgreifen?’

Bei den Tweets zum OERcamp18 fand ich vor allem das CARE-Framework spannend, was wir damals diskutiert haben, aber was ich schon wieder ganz vergessen hatte. Es ist eine Methode, um besser von OER zu überzeugen. Mir ist sie seitdem nicht wieder begegnet, aber ich nehme mir vor, sie bald mal aufzubereiten, um sie z.B. in Fortbildungen dann weitergeben zu können. Die Dokumentation der Session ist noch online.

‘Wer war denn diese Person mit der ich damals in Kontakt war und was macht sie jetzt gerade?’

In dieser Rubrik habe ich mir gleich eine Handvoll Menschen notiert, die ich bald mal wieder anschreiben möchte.

Potential

Ich mag an der Methode insbesondere die ‘lernende Haltung’ dahinter. Es scheint mir eine gute Möglichkeit zu sein, eine positive Fehlerkultur gezielt vorzuleben. Außerdem merke ich, wie gut bewusste Zeit für Reflexion tut - gerade, weil ansonsten immer sehr schnell sehr vieles auf einen einstürzt. Auch für die Pflege des persönlichen Lernnetzwerks scheint mir die Methode gut geeignet.

Deine Idee?

Findest Du diese Methode auch für Dich spannend? Was lernst Du von Deinem Ich von vor drei Jahren? Welche anderen Ideen hast Du, um Dir bewusst Zeit zu nehmen für ein reflektierendes Selbstlernen? Diskutiere gerne mit unter diesem Tweet.

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